Tomaten im Obstsalat?

Aus DER RABE RALF Dezember 2021/Januar 2022, Seite 14

In 80 Nutzpflanzen um die Welt – Teil 3: Gemüse

Frühsommerlicher Inhalt einer Gemüse-Abo-Kiste aus solidarischer Landwirtschaft. (Foto: Beatrice Stude/​Wikimedia Commons)

Im dritten Teil unserer Nutzpflanzen-Weltreise wird es ein wenig kompliziert. Diesmal geht es um Gemüse, das grüne Zeug, das Kinder nicht immer gerne essen und das botanisch ein buntes Sammelsurium ist.

Schon die Frage, was Gemüse eigentlich ist, lässt sich nicht ganz einfach beantworten. Umgangssprachlich bezeichnen viele Menschen als Gemüse alles Pflanzliche, sofern es nicht als süßer Nachtisch serviert wird – oder eben das Grünzeug, das da auch noch auf dem Teller liegt und eben mitgegessen wird. Eine klare wissenschaftliche Definition für Gemüse gibt es nicht.

Botanisch wird zwischen Früchten – also den Teilen der Pflanze, die die Samen enthalten – und anderen essbaren Pflanzenteilen wie Blättern, Blüten, Knollen und Wurzeln unterschieden. Letztere fallen in die Kategorie Gemüse, während die Früchte als Obst bezeichnet werden.

Die Tomate ist eine Beere

Einige Gemüsesorten sind eigentlich Früchte, wie zum Beispiel die Tomate oder der Kürbis. Umgeben vom saftigen Fruchtfleisch reifen in ihr die Samen der Tomatenpflanze heran, was sie botanisch gesehen zu einer Beere macht.

Eine andere Definition für Gemüse ist, dass es sich dabei in der Regel um einjährige und krautige Pflanzenteile oder Pflanzen handelt. Bei Obst hingegen sind es oft mehrjährige, verholzende Pflanzen, an denen die Früchte wachsen und nach der Reife abfallen, wie zum Beispiel beim Apfelbaum.

Trotzdem verzehren wir die Tomate und den Kürbis als Gemüse, konkret als Fruchtgemüse. Sie reihen sich in die Vielfalt unserer Gemüse ein – neben Wurzel-, Blatt-, Knollen-, Stiel-, Blüten-, Spross- und Zwiebelgemüse sowie den Hülsenfrüchten. Die Melone, die zu den Kürbisgewächsen gehört, ist so gesehen also auch ein Gemüse und landet trotzdem gerne im Obstsalat …

Da haben wir ihn also, den Salat! Solange es schmeckt, kann es uns aber eigentlich egal sein, ob wir Obst, Gemüse oder beides zusammen verspeisen, denn gesund und wichtig ist beides.

Das Wort Gemüse kommt übrigens von Mus und bezeichnete ursprünglich einen Brei aus (gekochten) Nutzpflanzen. In mittelalterlichen Niederschriften von Mönchen ist zunächst nur die Rede von Kräutern und Wurzeln mit Heilkräften als Gemüse. In französischen Katalogen des 18. Jahrhunderts taucht die Tomate schließlich unter den Gemüsen auf. Tomaten und auch Paprika und Kürbis stammen wie die Kartoffeln aus Südamerika und wurden zunächst nur wegen ihrer Schönheit importiert und hier angebaut. Tatsächlich hielt man die Früchte der Tomatenpflanze lange Zeit für giftig. Blattgemüse wie Salat, Spinat und Kohl dagegen sprossen hier schon vor Jahrtausenden und auch Spargel, Erbse und Lauch sind im Vergleich zu anderen Gemüsen „typisch deutsch“.

Spinate, Salate und Kohlköpfe

Die Vergangenheit auf unseren Tellern war „grün“ und auch die Zukunft sollte es sein. Viele grüne Blattgemüse haben sich in unserem geografischen Einzugsgebiet und unserer Klimazone entwickelt, wie eben Salat oder Spinat und Kohl – mit einer Vielfalt vom Radieschen über den Blumenkohl bis zum Grünkohl. All die verschiedenen Kohlsorten, so unterschiedlich sie aussehen, sind tatsächlich Zuchtformen einer einzigen Pflanzenart.

Wintergemüse und schnell wachsende Gemüse sorgten auch über die dunkle Jahreszeit für einen gedeckten Tisch. Sie bieten uns auch heute noch die Möglichkeit, uns regional und saisonal mit frischem Gemüse zu ernähren, auch wenn sie durch die Konkurrenz von ganzjährig erhältlichen frischen Produkten aus wärmeren Ländern an Bedeutung verloren haben.

Spinat ist eine solche schnell wachsende Sorte und kann auch auf dem Fensterbrett gut angebaut werden. Selbst im Supermarkt stammt der meiste frische Spinat aus der Region. Allerdings kommt ein Großteil des Spinats heute aus der Tiefkühltruhe oder wird anderweitig verarbeitet, zum Beispiel im Babybrei oder als Lebensmittelfarbe. 2019 hat China mehr als zehnmal so viel Spinat angebaut wie die wie anderen Top-Ten-Spinatproduzenten. Dieser weit gereiste Spinat ist zum Teil auch stark mit Pestiziden belastet.

Alle lieben die roten Kugeln

Das beliebteste Gemüse ist die Tomate. Frisch im Salat, verarbeitet zu Soße, als Ketchup oder auch Farbstoff – die Nachfrage ist riesig. Der europäische Markt mit Spanien und Italien an der Spitze, gefolgt von den Niederlanden, bekommt zunehmend Konkurrenz. Schon werden Tomaten von noch weiter her importiert, zum Beispiel aus Marokko. Hier werden sie wie in der spanischen Provinz Almería größtenteils in Gewächshauskomplexen unter Glas oder Plastik angebaut, mit viel Dünger, Pestiziden und einem hohen Wasserverbrauch. Dabei werden auch die Grundwasserreserven der relativ trockenen Anbaugebiete angezapft. Die Übernutzung des Grundwassers bedroht langfristig die landwirtschaftliche Produktivität und damit auch das Wohlergehen der Landbevölkerung. Dazu kommen die schädlichen Auswirkungen der Pestizide und Düngemittel, die ins Grundwasser gelangen können und denen die Menschen bei der Landarbeit auch direkt ausgesetzt sind.

Die Gewächshäuser von Almería sind sogar aus dem Weltall zu sehen, genauso wie die Folgen der Verseuchung. Und Marokkos Agrarsektor expandiert immer stärker. Inzwischen entstehen jährlich mehr neue Gewächshäuser in der südwestmarokkanischen Region Souss-Massa als in Spanien. Das schafft zwar immer mehr Arbeitsplätze, aber von den wachsenden Gewinnen bekommen die Arbeiterinnen eigentlich nichts mit. Bevorzugt werden Frauen eingestellt, weil die Arbeitgeber sie als willigere und günstigere Arbeitskräfte ansehen, die weniger Probleme machen. Bezahlung und Arbeitsbedingungen sind häufig sehr schlecht. Die Vorarbeiter nutzen dies oft noch zusätzlich aus. Wie in Spanien werden viele der Erntehelferinnen Opfer sexueller Gewalt.

Die Ausbeutung und Gewalt erfuhren 2018 etwas mediale Aufmerksamkeit, als das Ausmaß erstmals bekannt wurde. Geändert hat sich für die Frauen, die von ihren Jobs abhängig sind, seitdem aber wenig. Unser Konsumverhalten und die enorme Nachfrage nach möglichst billigen frischen Tomaten, Paprika und Zucchini zu jeder Jahreszeit begünstigen die unmenschlichen Zustände.

Gemüsekiste unterstützt die Bäuerin

Wer guten Gewissens Tomaten kaufen möchte, sollte darauf achten, wo sie herkommen und wie sie angebaut wurden. Im Sommer sind auch in Deutschland regional angebaute Tomaten erhältlich. Oft schmecken sie besser als die, die unter der südlichen Sonne gewachsen sind, weil der lange Transportweg wegfällt und die Tomaten reif geerntet werden – nicht grün, damit sie die Reise besser überstehen. Neben den großen lokalen und internationalen Unternehmen gibt es auch viele kleinere Gemüsehöfe in Marokko, Spanien und anderswo. Sie bieten bessere Arbeitsbedingungen und brauchen dort wie hier Unterstützung, weil sie mit den Preisen der Massenproduktion oft nicht mithalten können.

Ein guter Tipp, um regionale Bäuerinnen und Bauern zu unterstützen, sind Gemüsekisten. Enthalten diese neben regionalen Produkten auch Obst und Gemüse von weiter her, stammt es meist von Partnerbetrieben, die umweltfreundlich und fair produzieren. Will man auch im Winter nicht komplett auf Tomaten und Co. verzichten, ist das eine gute Alternative zum plastikverpackten Gemüse aus dem Supermarkt.

Claudia Kapfer, Anke Küttner

Beim nächsten Mal geht es in unserer siebenteiligen Reihe um Obst. Das Projekt „In 80 Nutzpflanzen um die Welt“ wird durch Engagement Global mit Mitteln des Bundesentwicklungsministeriums gefördert.

Weitere Informationen: 80nutzpflanzen.grueneliga-berlin.de

Bisher erschienen:
Teil 1: Getreide
Teil 2: Speicherknollen und -wurzeln

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