Klima-Folgen

Aus DER RABE RALF Dezember 2021/Januar 2022, Seite 10

Folge 6: Von deutschen Kiwis und flatulierenden Kühen

Ein altes Zukunftsmodell: Extensive Viehwirtschaft in Mittelholstein. (Foto: Johann Thun)

Nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) haben Ackerbau und Viehzucht im Jahr 2020 etwa 60 Millionen Tonnen Treibhausgase freigesetzt, womit sie für rund acht Prozent der Emissionen in Deutschland verantwortlich sind. Hinzu kommen weitere Klimagase durch landwirtschaftliche Aktivitäten, Landnutzungsänderungen (etwa bei Umwandlung von Grünland in Ackerland) und durch mobile und stationäre Verbrennung. Laut UBA muss man deshalb von insgesamt 13 Prozent landwirtschaftlichen Emissionen ausgehen. Nach Energiewirtschaft, Industrie und Verkehr belegt der Agrarsektor damit den vierten Platz in der Rangliste der anthropogenen Klimatreiber. Die Nahrungsmittelproduktion ist in der Klimakrise allerdings nicht nur „Täter“, sondern auch „Opfer“, denn ein wärmeres Klima wird katastrophale Folgen für die bisherige Form der Landwirtschaft haben.

Viele Kühe machen Mühe

Problematisch ist allerdings nicht nur Kohlendioxid, sondern auch Methan (CH₄), ein etwa um das 25-Fache klimaschädlicheres Gas. Der Methanausstoß geht zu über 70 Prozent auf die Haltung von Wiederkäuern zurück, die – um es geschmackvoll zu formulieren – das Gas während ihrer Verdauung freisetzen. In der öffentlichen Meinung ist die Kuh daher zum flatulierenden Klimasünder erklärt worden, was viele Verbraucher freilich nicht am hemmungslosen Massenfleischkonsum hindert. Die wachsende Gruppe der Milch-Gegner sieht sich hingegen durch diese Zahlen in ihrem Weltbild bestätigt, ruft nach Hafermilch und fordert eine drastische Reduzierung der Nutztierbestände. Andere setzen voll auf Laborfleisch (siehe Seite 27).

Allerdings ist die Zahl der in Deutschland gehaltenen Kühe seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ohnehin zurückgegangen. Offensichtlich ist nicht die Kuh an sich das Problem, sondern die Art ihrer Haltung. Als Lösung bietet sich vor allem eine Rückkehr zur extensiven Viehhaltung an: Man lässt wenige Tiere große Flächen beweiden und verzichtet auf zugekauftes Zusatzfutter. Das hat, wie etwa der Agrarwissenschaftler Onno Poppinga feststellt, auch einen zusätzlichen Vorteil: Da Weideland doppelt so viel CO₂ speichern kann wie umgebrochener Boden, würde die Umwandlung von Acker- in Grünland dem Klimawandel entgegenwirken.

Für die Verbraucher hätte eine weitere Reduzierung der Viehbestände allerdings den Nachteil, dass Fleisch deutlich teurer werden müsste. Da die jetzigen Fleischpreise nicht die realen Kosten widerspiegeln und nur durch fragwürdige Subventionen möglich sind, wäre dies nichts als ein Anerkennen der Realität. Alle Experten sind sich darüber einig, dass die Zukunft eher dem Sonntagsbraten als dem „unser täglich Fleisch“ gehört. Zu verhindern wäre allerdings, dass klimaschädliches Billigfleisch stattdessen aus dem Ausland eingeführt wird und dass der Verzehr dieses Luxusprodukts – denn das ist es nun einmal – nur noch einer privilegierten Oberschicht möglich ist. Erneut wird deutlich, dass sich Klimaschutz und soziale Frage nicht entkoppeln lassen. Sicher ist aber auch: Die Kuh kann nicht zum Sündenbock gemacht werden.

Trockene Böden …

Jeder weiß, dass sich viele der bekannten Bauernregeln auf das Wetter beziehen. Der erste besorgte Blick des Landwirts ist daher meist nach oben gerichtet. Wenn der voranschreitende Klimawandel nun aber extreme und unvorhersehbare Wetterereignisse mit sich bringt, ist auf alte Weisheiten kein Verlass mehr und eine am Jahreszeitenzyklus orientierte Wirtschaftsweise nicht mehr ohne weiteres möglich.

Während Starkregen und Hagel ganze Ernten vernichten können, wirken Trockenheit und steigende Temperaturen schon vorher und bedrohen den Humus, also jenen Teil des Bodens, der für den Pflanzenwuchs von essenzieller Bedeutung ist (siehe Seite 16/17).  Wie eine Studie der TU München feststellte, nehmen seit den 1990er Jahren die Ernteerträge von Weizen, Gerste und Mais in Europa nicht mehr zu. Klimawandel und Humusschwund werden diesen drei Getreidesorten in Zukunft weiter zu schaffen machen. Mit noch intensiverem Düngen kann dann auch nicht mehr viel erreicht werden.

Das Landschaftsbild in Deutschland, wo über die Hälfte der Fläche landwirtschaftlich genutzt wird, könnte sich in den nächsten Jahrzehnten vollständig ändern. Vielleicht wird es bald auf hiesigen Äckern tatsächlich so aussehen, wie Nick Reimer und Toralf Staud in ihrem Buch „Deutschland 2050“ prognostizieren: Kichererbsen, Hirse und Sojabohnen könnten die vorherrschenden Kulturen werden und einheimische Feigen und Kiwis wären keine Seltenheit. Ein konflikt- und krisenfreies Hinübergleiten in ein sonnendurchflutetes Agrarparadies ist aber eher nicht zu erwarten.

… und feuchte Moore

„O schaurig ist’s übers Moor zu gehen“, dichtete Annette von Droste-Hülshoff vor über hundertfünfzig Jahren. Obwohl bis heute ein romantisch-unheimlicher Reiz von ihnen  ausgeht, wissen wir inzwischen auch, dass Moore zu den Spitzenreitern unter den CO₂-Speichern gehören (Rabe Ralf August 2020, S. 4). Obwohl sie nur auf drei Prozent der Landfläche zu finden sind, binden sie gut ein Drittel des weltweit vorhandenen Kohlenstoffs, also doppelt so viel wie alle Wälder der Welt zusammen. Dennoch werden weiterhin Moore zerstört, um Torf abzubauen, der dann als Blumenerde verkauft wird.

Die Landwirtschaft ist hier nicht unschuldig. Große Feuchtgebiete wurden in den vergangenen Jahrhunderten zwecks Bodengewinnung trockengelegt. 95 Prozent der ursprünglichen Moorgebiete in Deutschland gelten als tot. Wer es mit dem Klimaschutz ernst meint, wird nicht an großflächigen Wiedervernässungsmaßnahmen vorbeikommen.

Stehen sich deshalb Moorschutz und Landwirtschaft unversöhnlich gegenüber? Nicht unbedingt: Unter dem Stichwort „Paludikultur“ (von lateinisch palus, „Sumpf“) werden Möglichkeiten einer produktiven land- und forstwirtschaftlichen Nutzung intakter Hoch- und Niedermoore wiederentdeckt und neu entwickelt. Der Anbau von Schilf für Reetdächer ist dafür ein langbewährtes Beispiel. Doch das Moor bietet noch weitere Möglichkeiten: Aus Röhrichten lassen sich alternative Baustoffe gewinnen, und Torfmoose können als Torfersatz für Pflanzenerde dienen. Extensive Tierhaltung ist ebenfalls auf Teilen von Moorflächen praktikabel. Obwohl die Paludikultur noch am Anfang steht, gibt es inzwischen eigene Forschungszentren wie das etablierte Greifswalder Moorzentrum. Hier laufen mittlerweile über 30 Modellprojekte.

In der Praxis stoßen engagierte Landwirte bisher allerdings auf zahlreiche Schwierigkeiten. Da eine wiedervernässte Fläche nach derzeitiger Rechtslage ihren Ackerstatus verliert und somit auch Subventionen ausbleiben würden, haben viele Bauern Angst, den (finanziellen) Boden unter den Füßen zu verlieren und im Morast der Bürokratie zu versinken. Wenn man bedenkt, dass Moorschutz Klimaschutz bedeutet, sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass den neuen Moorbauern öffentliche Gelder zur Verfügung gestellt werden. Im „Geröhre“ ist es weit weniger „fürchterlich“, als es am Ende von Droste-Hülshoffs Gedicht heißt.

Johann Thun

Weitere Informationen:
www.greifswaldmoor.de
www.thuenen.de/ak

Bisher erschienen:
Teil 1: Kippelemente
Teil 2: Extremwetter
Teil 3: Begriffe
Teil 4: Zoonosen
Teil 5: Atomkraft

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