Zum Glück unverfilmt

Aus DER RABE RALF Februar/März 2022, Seite 20

Ursula Le Guins ökoanarchistische Romane gehören zur besseren Science-Fiction

Ursula K. Le Guin (1929-2018) (Foto: Marian Wood Kolisch/​Wikimedia Commons)

In Person einer Botschafterin taucht eine Vertreterin der Erde erst ganz am Ende von „Freie Geister“ auf. Sie weiß nichts Angenehmes über die Zukunft unseres Planeten zu berichten: „Meine Welt, die Erde, ist ein Trümmerfeld. Ein durch die Spezies Mensch zerstörter Planet. Wir haben uns vermehrt und bekriegt, wir haben gefressen, bis nichts mehr übrig war, und dann sind wir gestorben. Wir haben weder Appetit noch Gewalt gebändigt; wir haben uns nicht angepasst. Wir haben uns selbst vernichtet. Aber vorher haben wir die Welt vernichtet. Auf meiner Erde gibt es keine Wälder mehr. Die Luft ist grau, der Himmel ist grau. Es ist immer heiß.“

Stellen von ähnlicher Düsterkeit lassen sich heute in zahlreichen Werken der Science-Fiction finden. Postapokalyptische Zukunftsvisionen, in denen der Mensch dem Menschen zum Wolf wird, erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit. Meist wird dabei nur der Rohzustand der sowieso vorherrschenden Ellenbogengesellschaft beschrieben. Bei Ursula Le Guin verhält es sich anders: Ihre Bücher sind, im besten Sinne, utopisch.

Das Eigene und das Fremde

Die Autorin wurde 1929 als Ursula Kroeber im kalifornischen Berkeley geboren. Ihr Vater war der Ethnologe Alfred Louis Kroeber, der aus einer deutschen Familie stammte. Auch die Mutter Theodora war Ethnologin. Diese Wissenschaft beschäftigt sich bekanntlich mit kulturell fremden Völkern und ist dadurch mit der Science-Fiction verwandt, denn was ist der Außerirdische anderes als der uns maximal Fremde?

Ursula wuchs zwischen Büchern auf und studierte Literatur in Cambridge und New York. 1953 lernte sie in Frankreich den Historiker Charles A. Le Guin kennen, mit dem sie drei Kinder haben sollte. Zurück in den USA ließ sich das Paar in Portland nieder, wo die junge Frau Französisch unterrichtete. Irgendwie fand sie auch Zeit zum Schreiben. 1962 erschien ihre erste Erzählung in einem Science-Fiction-Magazin. Darauf folgten zahlreiche Romane und Novellen, die schnell viele Leser fanden.

Auch die Kritiker wurden nun auf Le Guin aufmerksam. Schon bald erhielt sie die renommiertesten Preise des Genres, was vor allem deshalb ungewöhnlich ist, weil die Szene bis dahin männlich dominiert war. Nach einer langen Schreib- und Lehrtätigkeit starb Ursula Le Guin 2018 im Alter von 88 Jahren in Portland. Ein Jahr später wurde ein Asteroid nach ihr benannt.

Der Erdsee-Zyklus

Im Protestjahr 1968 erschien Le Guins Roman „Der Magier der Erdsee“. Die Autorin beschreibt darin eine fantastische Welt, die sie bereits vier Jahre zuvor in einer Kurzgeschichte skizziert hatte. Die Abenteuer des jungen Duny, der „Sperber“ genannt wird, stehen im Mittelpunkt der Erzählung. Er entdeckt sein magisches Talent, geht auf eine Zauberschule und beschwört unbeabsichtigt ein dämonisches Wesen, vor dem er von nun an fliehen muss. Ähnlichkeiten zur sehr erfolgreichen „Harry Potter“-Reihe sind kein Zufall. Unzweifelhaft hat sich Joanne K. Rowling bei Le Guin bedient. Ob sie dabei das literarische und psychologische Niveau ihrer Vorgängerin erreicht hat, kann bezweifelt werden.

Auf den ersten Band folgten noch vier weitere Erdsee-Romane und eine Kurzgeschichtensammlung. Das detailverliebte Epos braucht sich nicht vor der „Herr der Ringe“-Saga des Fantasy-Übervaters J. R. R. Tolkien zu verstecken. Progressiv waren die Erdseebücher schon allein deshalb, weil der Protagonist eindeutig als nicht weiß gekennzeichnet ist. Dies wurde allerdings häufig – sehr zum Ärger der Autorin – von den Illustratoren ignoriert.

Noch politischer als in diesem Fantasy-Zyklus ist Le Guin in ihren der Science-Fiction zugeschriebenen Werken geworden.                                                          

Der Hainish-Zyklus

Die in einer fernen Zukunft spielenden Erzählungen werden als „Hainish-Zyklus“ bezeichnet. Le Guin hat auch hier ein faszinierendes Multiversum erschaffen, in dem eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Zivilisationen auftritt. Diese stehen im Laufe der beschriebenen Jahrtausende untereinander in Kontakt, verlieren sie sich plötzlich aus den Augen, um sich dann zu bekriegen. Erst sind sie blühende Hochkulturen, dann fallen sie in den Zustand der Jäger und Sammler zurück. Allesamt stammen sie aber von den namensgebenden „Hainish“ ab.

Gewiss kommt der Autorin bei den Beschreibungen der interplanetaren Kulturkontakte ihre durch das Elternhaus bedingte Sensibilität für ethnologische Fragen zugute. Daneben ist es die aktuelle Weltlage, die reflektiert und kommentiert wird. So ist der Kurzroman „Das Wort für Welt ist Wald“ nicht zu Unrecht als Stellungnahme zum Vietnamkrieg gelesen worden. Die beschriebene komplexe Ökologie des Planeten Athshe ist, mitsamt den Ureinwohnern, das Opfer eines hemmungslosen Raubbaus. Die eindringliche Darstellung kolonialer Ausbeutungsstrukturen bleibt aktuell. James Cameron hat sich in seinem computeranimierten Filmspektakel „Avatar“ recht schamlos an dieses Werk angelehnt. Er kann aber nur eine inhaltlich verblödete Version vorzeigen.

Die – bisher zum Glück unverfilmten – Romane „Die linke Hand der Dunkelheit“ und „Freie Geister“ werden als Le Guins Hauptwerke bezeichnet. Das erstgenannte Buch stellt die Frage nach einer Gesellschaft, die nicht nach der geschlechtsspezifischen Unterscheidung in Mann und Frau organisiert ist. Schwere Kost für die damals noch meist männlichen Science-Fiction-Leser. Von feministischer Seite wurde kritisiert, dass Le Guin trotzdem aus der Sicht eines männlichen Protagonisten berichtet. Die Autorin konterte damit, dass es ja gerade die machtbesitzenden Männer seien, die überzeugt werden müssten. Le Guin hat Sterne beschrieben, die in ihrer Komplexität deutlich über den Genderstern hinausgehen.

Freie Geister

Im Roman „Freie Geister“ geht es um ein politisch antagonistisches Doppelplanetensystem: Während auf dem Planeten Urras eine kapitalistische Wirtschaftsweise vorherrscht, ist Anarres von Anarchokommunisten bewohnt. Die Handlung folgt dem Physiker Shevek, der aus seiner egalitären Heimat in die Klassengesellschaft des Nachbarplaneten reist. Obwohl der Roman auch in der DDR erscheinen konnte, liegt ihm kein dogmatisches Weltbild zugrunde. Le Guin beschreibt kein utopisches Idyll, denn auch auf dem unwirtlichen Anarres gibt es wirtschaftliche Probleme, ökologische Krisen und gesellschaftlichen Wandel. Die Amerikanerin hat nicht umsonst betont, dass hier eine „kritische Utopie“ vorliegt.

Ökologisch, feministisch, anarchistisch: Die Romane Le Guins bringen alles mit, was den um seine Privilegien bangenden Machthaber ärgert. Schon deshalb sollte man sie unbedingt lesen.

Le Guin lesen

Die meisten der vorgestellten Bücher sind leicht zu beschaffen und liegen im preiswerten Taschenbuchformat vor. Wer deutlich mehr Geld ausgeben will, kann die illustrierte Gesamtausgabe von „Erdsee“ (Fischer/Tor) für 58 Euro kaufen. Von „Freie Geister“ – früher als „Planet der Habenichtse“ und „Die Enteigneten“ bekannt – ist eine Neuübertragung von Karen Nölle erhältlich (Fischer/Tor). Einsteigern seien noch die handlungsreichen Frühwerke „Rocannons Welt“, „Das zehnte Jahr“ und „Stadt der Illusionen“ ans Herz gelegt. Wer sich speziell für die politischen Hintergründe interessiert, sei auf Peter Seyferths Studie „Utopie, Anarchismus und Science Fiction. Ursula K. Le Guins Werke von 1962 bis 2002“ verwiesen.

Johann Thun

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