Wieviel sich aus der Natur herausholen lässt und zu welchem Preis

Aus DER RABE RALF April/Mai 1998

Daß das moderne Naturmanagement nicht hält, was es verspricht, ist – wie wir im letzten Teil gesehen haben – kein Wunder. Aber warum funktioniert es überhaupt? Wenn wir die Natur nicht schützen können, aber durchaus nutzen dürfen; wenn technokratisches Naturmanagement die Natur weder erhalten noch kopieren noch verbessern kann – zu welchem Zweck wird es dann praktiziert? Was ist es eigentlich?

Die Natur nutzen: Ein Verlangen, drei Wege

Kontrollierte Entnahme

Es ist genau die im letzte Teil beschriebene Ungenauigkeit und Eigensinnigkeit der Natur, die ihre menschliche Nutzung ermöglicht. Daß eben nicht alles in der Natur optimiert und knapp kalkuliert ist, macht die einfachste Form der Naturnutzung möglich: die kontrollierte Entnahme. Ob wir vom Apfelbaum im Vorbeigehen drei Äpfel essen oder nicht, ob wir ein Bonbon-Papier auf den Boden werfen oder drei Bremsen erschlagen: es macht keinen Unterschied. Erst ab einem bestimmten Grad der Entnahme verändern sich die Verhältnisse, das System gerät unter Streß oder springt auf einen anderen Zustand. Irgendwann reagiert es nicht mehr elastisch, sondern springt auf eine andere Entwicklungslinie: einen anderen Attraktor. Auf dem gibt es dann vielleicht keine Äpfel mehr. Menschliche Gesellschaften haben mit der Praxis der Entnahme immer auch Schädigungen angerichtet; aber sie haben auch gelernt, daß eine begrenzte, kontrollierte Entnahme praktisch unendlich möglich ist. Alles, was dazu nötig ist, ist eine bestimmte Zurückhaltung. Deshalb gibt es in jagenden und sammelnden Gesellschaften eine Anzahl von kulturellen Beschränkungen und Riten, von Jagd-Tabus und von Regeln des Sammelns: wann und wann nicht, welches Tier und welches nicht.

Genau dasselbe gilt für unsere eigene, menschliche Natur. Ein bestimmtes Leistungsvermögen können wir aus ihr herausholen, ohne daß etwas passiert. Die Funktionsweise unseres Organismus oder unserer psychischen Gesundheit wird dadurch nicht gestört. Erst ab einem Punkt, wo die Entnahme unkontrolliert oder überzogen wird, beginnt die Veränderung – und ist dann in der Regel irreparabel. Das System gerät unter Streß und springt auf einen anderen Zustand: das kann eine Krankheit sein, die unumkehrbare Verblödung durch Arbeit oder die bleibende Unfähigkeit zu anderen Lebensäußerungen, weil das System nachhaltig deformiert ist.

Anbau und Zucht

Auf der Ungenauigkeit und Eigensinnigkeit der Natur beruht auch die zweite Form ihrer Nutzung: alles, was mit Anbau oder Zucht zu tun hat. Ökologisch gesehen, handelt es sich bei diesen Techniken um die Wahl des Attraktors, also der Entwicklungslinie. Der Pflanzenanbau macht die Pflanze nicht, er wählt sie aus und verhindert lediglich, daß andere Pflanzen oder störende Faktoren die Entwicklung dieser Pflanze durchkreuzen. Er schafft einen Ausgangspunkt, der eine bestimmte natürliche Entwicklung zur Folge hat – das Wachsen von Pflanzen, die eine erwünschte Entnahme erlauben.

Auch die Zucht schafft keine Art oder Zuchtrasse, sondern wählt mögliche Attraktoren aus. Das sieht man an ihren Grenzen. Es ist zum Beispiel unmöglich, einen Hund zu züchten, der die Größe eines Pferdes erreicht oder Hörner bekommt: das Genom gibt es nicht her. Es findet sich kein Attraktor in diese Richtung. Umgekehrt ähneln sich alle Straßenköter überall auf der Welt mehr oder weniger: ohne züchtenden Einfluß streben alle Hunderassen auf einen Straßenhund-Attraktor zu, der sehr stabil ist. Die Hunde werden nicht zum Wolf; sie bleiben Hunde, von selbst. Mit Nutzpflanzen ist es ähnlich. Die gezüchteten Rassen sind mögliche Formen, sie sind nicht wirklich künstlich, und darauf basiert normalerweise aller Anbau und alle Zucht. Es ist eine Auswahl natürlicher Formen, auch wenn es diese Formen bisher nicht gegeben hat – und zwar von Formen mit einer relativen eigenständigen Stabilität.

Auch dies gilt für unsere eigene Natur entsprechend. Es gibt Dinge, zu denen wir uns trainieren können, eine Entwicklung einleiten, die möglich ist. Wir lernen bestimmte Arbeiten, bestimmte Kunstfertigkeiten, bestimmte Lebensformen – es ist eine Auswahl aus den Entwicklungsrichtungen, die uns möglich sind, mit durchaus individuellen Unterschieden. Es gibt aber auch Arbeiten und Entwicklungen, die absolut nicht einer möglichen Anlage von uns entsprechen. Solche Arbeiten machen uns unglücklich, und wir brechen bei der ersten besten Gelegenheit aus, wenn wir eine Möglichkeit dazu haben. Es ist eine Entwicklungsrichtung, die nicht selbsttragend ist, und auf der wir nur bleiben, wenn wir durch permanente Störung, durch ständigen Zwang immer wieder darauf geschubst werden. Schule funktioniert so, Lohnarbeit auch.

Menschen mit einem hohen Maß an Reproduktions-Erfahrung und erlernten Fähigkeiten zur sozialen Organisation sind in der Regel in der Lage, auch unter veränderten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Der durchschnittliche Schlipsträger – der Typ, der in den Talkshows von seinem 12- oder 16-Stunden-Tag erzählt und sich über die Faulheit der anderen entrüstet – ist dagegen ein durch und durch künstliches Produkt. Ohne das komplizierte System von Ansporn und Belohnung, häuslicher Aufpäppelung und obrigkeitlicher Bestätigung ist er nicht in der Lage, sich selbst aufrechtzuerhalten. Aus seinem Arbeitssektor und/oder seinem dienstfertigen Familien-Hinterland ausgeklinkt, nähert sich dieser Typus überall auf der Welt einem weitgehend handlungsunfähigen, wehleidigen Schäbigkeits-Attraktor. Und so wird dieser Typus des großen oder kleinen, tatsächlichen oder eingebildeten Managers von seiner Gesellschaft auch behandelt: jenseits seines Arbeitsplatzes, seiner Ehe oder seines Rentenalters ist dieser Typus gesellschaftlich nur noch Gegenstand seiner Entsorgung.

Naturnutzung durch permanente Störung

Neben der kontrollierten Entnahme und der Wahl des Attraktors gibt es also noch eine dritte Form dessen, was Naturmanagement tun kann: die Naturnutzung durch permanente Störung. In den meisten Gesellschaften bleibt diese Form sehr speziellen Nutzungen vorbehalten oder ist klar dem Bereich der Luxus-Naturnutzung zugeordnet. Gärten zum Beispiel. Gärten halten sich auf einem Zustand, der von ihrem natürlichen Attraktor entfernt ist; und sie müssen ständig kontrolliert und in ihrer Eigendynamik gestört werden, um in diesem Zustand zu bleiben und nicht von ihm wegzustreben. Es ist keine Linie, auf der sie von sich aus bleiben. Bonsai-Pflanzen gehören ebenso dazu wie die persönliche Pflege des guten Aussehens. Soweit ist das auch in Ordnung. Es sind jedoch gleichzeitig sehr energieintensive, aufwendige Formen der Naturnutzung. Man muß sie sich leisten. Und vor der industriell-kapitalistischen Gesellschaft hat es keine Gesellschaft gewagt, diese Form der Naturnutzung zur bestimmenden Form zu machen, von der sie lebt. Es hat auch keine Gesellschaft gewagt, ihre soziale Struktur auf die Nutzung menschlicher Natur in dieser Form permanenter Störung und Kontrolle zu stützen. In Teilen, ja; aber nicht derart weitgehend.

Kontrollierte Entnahme, Wahl des Attraktors, permanente Störung: diese drei Formen der Beeinflussung sind es, die Management von Natur in begrenztem Rahmen möglich machen. Mehr kann auch technokratisches Naturmanagement nicht. Es kann jedoch – durch entschlossene Konzentration der Mittel, durch Kombination weitläufiger Gebiete, Verlagerung des Nutzens und Verschiebung der Folgen – eine massive Steigerung von Management erreichen.

Noch mehr herausholen: Technokratisches Naturmanagement

Technokratisches Naturmanagement ist eine Steigerung der drei Formen der Naturbeeinflussung, die nur unter den Bedingungen des Kapitalismus funktioniert: der beliebigen Verfügbarkeit von Arbeit, der Waffenfunktion der Ökonomie, der Spaltung der Weltgesellschaft in Regionen unterschiedlichen Zwangs.* Es verfährt nach den Maximen: lineare Optimierung; erhöhte Manipulierbarkeit; Überwindung stofflicher Engpässe durch abstrakte Natur. Und diese Leistungen haben ihren Preis; einen Preis, der anderswo bezahlt wird.

Lineare Optimierung statt vielfältiger Nutzung

Technokratisches Naturmanagement zielt auf lineare Optimierung auf Kosten der vielfältigen Nutzbarkeit. Eine Holzplantage produziert mehr Nutzholz als ein Urwald. Dafür produziert sie allerdings nichts anderes mehr: kein Unterholz als Lebensraum für Tiere, keine Wildpflanzen als Heil- und Nutzkräuter, keine eßbaren Früchte, keine verschiedenen Arten von Holz für die Menschen, die in der Nähe wohnen. Sie folgt dem Prinzip des Lasers: das gebündelte Licht entfaltet eine hohe, auf einen Punkt gerichtete Energie, aber es wird nicht mehr warm und nicht mehr hell im Raum.

Dieses Prinzip wird bei der Gentechnik auf die Spitze getrieben. Sie ermöglicht z.B. Monokulturen auch auf kleinen Flächen und schlechten Böden und steigert dadurch den Export von Dritte-Welt-Ländern – auf Kosten der Menschen, die schon von den besseren Böden auf die schlechteren vertrieben worden sind. Falls es der somatischen Gentherapie gelingen sollte, einzelne Eigenschaften des Menschen „verbessern“ zu können – Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit gegenüber Schadstoffen – würde der einzelne Mensch seine Arbeitsleistung steigern können – auf Kosten der Vielfalt seiner Individualität, seiner Kreativität und seiner sozialen Identität. So arbeiten Menschen, die sich nicht um sich selbst kümmern müssen, die „unbelastet“ von Hausarbeit, Kindern, sozialem Leben und alltäglichem Chaos ihren geistigen Spitzenleistungen nachhängen können. Sie denken linear optimiert.

Manipulierbarkeit statt Stabilität

Das zweite Prinzip ist Manipulierbarkeit auf Kosten von Stabilität. Technokratisches Naturmanagement wählt Naturverhältnisse aus, deren Fähigkeiten zur Selbstorganisation möglichst gering sind, deren Attraktoren schwach sind. Nur dann spricht dieses Stück Natur optimal auf den gezielt lenkenden Eingriff an. Die Natur schießt nicht so stark quer. Daß sie einen relativ kranken Eindruck macht, ist Zeichen erfolgreichen Managements.

Nutztierrassen werden heute daraufhin gezüchtet, daß sie auf Wachstumshormone, Medikamente, Aufbaupräparate usw. reagieren. Noch niemand ist auf die Idee gekommen, ein Schwein zu züchten, das nervenstärker und weniger streßanfällig wäre: Hauptsache, es läßt sich medikamentös behandeln. Stabilität ist nicht erwünscht. Es hat sich gezeigt, daß diejenigen Rinder am besten auf Wachstumshormone wie rBST ansprechen, die vorher bereits hormonell labil waren. Für die gentechnisch manipulierten Design-Pflanzen ist es geradezu notwendig, daß sie sich nicht selbst vermehren: Ihr Genmaterial würde verunreinigt, die gewünschte Wirkung (hoher Ertrag, Herbizidresistenz) verwischt werden.

Beim Menschen ist es das Prinzip des Gehorsams, das gefördert wird: mach, was dir gesagt wird, füge dich in unsere Pläne ein. Wir wundern uns oft, was für sinnlose Arbeiten von uns in den Ausbildungseinrichtungen verlangt werden: in der Schule, in Lehre und Studium, in der Armee, in betrieblicher Ausbildung und Probezeiten. Dabei ist genau das der Zweck: das Training dafür, alles auszuführen, sich keine Gedanken darüber zu machen, ist wichtiger als die Vermittlung von Können und Wissen. Es ist der Verzicht auf Eigenständigkeit, das Brechen der sozialen und intellektuellen Selbstorganisation, was zuallererst erzielt werden soll, und die längste Zeit bedeutet gut zu lernen: Fortschritte in Manipulierbarkeit zu machen.

Den Eigensinn der Natur brechen statt nutzen

Die dritte Maxime des technokratischen Naturmanagements ist die Überwindung stofflicher Grenzen durch abstrakte Natur. Naturnutzung hat mit Grenzen zu tun: vieles ist nicht möglich. Die Produktivität eines Ackers kann unter Bedingungen des naturnahen Anbaus gesteigert werden, wenn die Pflege gut und überlegt ist, aber sie kann nicht beliebig gesteigert werden. Es lassen sich dicke Schweine und fette Kohlköpfe züchten, aber keine Kühe mit zwei Eutern und keine Gurken in Pferdegröße. Fossile Brennstoffe lassen sich billig nutzen, aber sie sind irgendwann zu Ende. Menschen vollbringen erstaunliche Arbeitsleistungen, aber sie arbeiten nicht rund um die Uhr, wie die Maschine das könnte, mit der sie arbeiten. Sie behalten nicht dreiundzwanzigstellige Zahlenkombinationen im Kopf und sind nicht unendlich geschickt in der Feinmotorik.

Technokratisches Naturmanagement durchbricht viele solcher Grenzen. Es macht auch Unmögliches möglich. Aber nicht, weil es so gerissen vorgeht, sondern weil es so aufwendig vorgeht und beliebig verfügbare Ressourcen hat. Auch das läßt sich gut an der Gentechnik klarmachen. Gentechnologische Manipulation durchbricht viele klassische Grenzen. Sie kombiniert Getreidepflanzen mit der Kälteverträglichkeit aus Fischgenen. Sie kann Pflanzen schaffen, die Ersatz für strategische Rohstoffe mineralischer Herkunft liefern. Sie kann wirklich pferdegroße Hunde erschaffen und aus Blaualgen Wurst machen, ohne ein Schwein dazwischenzuschalten. Alles wird in alles umwandelbar. Was sie bei den menschlichen Fähigkeiten ummodeln kann, ist noch bei weitem nicht ausgereizt. Aber der Preis liegt im hohen Aufwand. Keine dieser Produktionsmethoden sitzt auf einem halbwegs stabilen natürlichen Attraktor auf. Die Voraussetzungen müssen immer wieder neu hergestellt werden: das Saatgut vermehrt sich nicht von selbst weiter, sondern muß jedesmal neu im Labor produziert werden; die Kunst-Schweine und Design-Rinder pflanzen sich nicht fort, sondern stammen immer wieder frisch aus der Retorte. Während ihrer Lebenszeit ist die so erreichte Natur auf ein gewaltiges Maß an ständiger Bearbeitung und ständiger Manipulation angewiesen, um nicht sofort auszubrechen auf einen natürlichen Attraktor – der im Fall der meisten Kunst-Rassen in einem schnellen Tod läge.

Man muß sich diese Produktionsweise leisten können; und man kann sie sich leisten, wenn ständig ein genügend starker Materialzustrom verfügbar ist. Den Eigensinn der Natur nicht mehr zu nutzen, sondern zu brechen und komplett selbst zu gestalten, ist ungeheuer teuer. Die Spaltung der Natur vollzieht die Spaltung der Arbeit nach: hier eine hochspezialisierte künstliche Natur (und eine hochspezialisierte kommandierende Arbeit) – dort eine gewollt primitive Natur, die nur als Rohstoff dient (und eine kommandierbare Arbeit, die beliebig einsetzbar ist: anpassungsfähig an Zeit und Ort, aber nicht auf aufwendige Instrumente angewiesen). Industrielle Landwirtschaft kann auch auf biologisch praktisch toten Böden arbeiten, wenn nur genug Kunstdünger, Chemiespritzmittel, Supersamen und Maschinenarbeit zur Verfügung steht. Gentechnik kann auch in einer Welt produzieren, deren ökologische und soziale Vielfalt erschöpft ist, solange Fläche, Energie und Technologie bereit stehen. Neben den Spezialflächen und den Spezialmenschen finden sich daher immer mehr Menschen und Gebiete, deren Beitrag zur Produktion immer monotoner, austauschbarer und entfremdeter wird. Die „Facharbeiter-Natur“, deren besondere Fähigkeiten von Nutzen sind, verschwindet zugunsten einer „an- und ungelernten Natur“, die nur noch ihre grundlegenden biochemischen Reaktionsmuster beisteuert.

Der Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energieträgern hat im Rahmen des technokratischen Naturmanagements nichts Freundliches. Wenn alles andere so bleibt, werden riesige Flächen zu Biomasse-Halden umfunktioniert; und diese Flächen werden in der Dritten Welt liegen. Unter dem Eindruck der Ölkrise förderte Frankreich in den 70er Jahren verschiedene Programme, die einen Teil des Erdölbedarfs durch Bio-Alkohol ersetzen sollten. Der französische Öl-Multi Elf Aquitaine investierte daraufhin Anfang der 80er Jahre im Nordosten Brasiliens in eine gewaltige Alkoholdestillerie, die Export-Alkohol als Energieträger produzieren sollte. Shell in Nigeria versucht ebenfalls, in alternative Energieträger zu investieren. Alle diese Projekte bedeuten, daß große Flächen der Dritten Welt endgültig für die Bedürfnisse der dortigen Bevölkerung gesperrt werden: Natur wird in großem Stil enteignet und fremden Zwecken, den Energiebedürfnissen des Nordens, zugeführt – und zwar total, in ihrer Gesamtheit, als Biomasse-Fabrik. Die spezialisierte Produktion hier braucht die primitive Natur dort, die nur noch als Rohstofflieferant dient. So könnten irgendwann alle Menschen in der Dritten Welt dieselbe Biomasse-Pflanze anbauen, und in den gentechnisch ausgefuchsten Metropolen des Nordens würden alle bisherigen Güter künstlich hergestellt, und ein bißchen was davon als Nahrungsmittel wieder in den Süden zurückexportiert. So durchbricht technokratisches Naturmanagement stoffliche Grenzen.

Die definitive Leistungsunlust, deren Bekämpfung in Schule, Ausbildung und Betrieb dem Menschenmanagement in den Metropolen zunehmendes Kopfzerbrechen macht, hat hier ihren Ursprung: Auch die menschliche Arbeit in den Metropolen teilt sich immer stärker. In immer kleinere Kreise kommandierender Arbeit, die entscheidet, kombiniert, entwirft. Und immer größere Kreise kommandierbarer Arbeit, die – wenn auch akademisch gebildet, gut informiert und jahrzehntelang geschult – überhaupt nichts gestaltet, sondern in einer Art Hochglanz-Primitivität nur intellektuelle und mechanische Rohmasse liefert für die großen Projekte. Wir selbst werden zur Biomasse. Gruppenarbeit, Betriebspsychologie, Projektarbeit und corporate identity: all das ist nur Show. Die Abwertung unseres Eigensinns und unserer individuellen Fähigkeiten ist umfassend. Wir sind nur als abstrakte Natur interessant, und wir müssen mitmachen, damit die großen Projekte immer neue Spitzenleistungen im Durchbrechen natürlicher Grenzen feiern können.

”Wir unterbrechen das Computerspiel für eine wichtige Mitteilung…”

Unter all dem technokratischen Naturmanagement verbirgt sich allerdings eine unangenehme Wahrheit: Bei allem Aufwand und aller Computerisierung bleibt es auf die Beständigkeit der einfachen Tatsachen angewiesen. Wie beschrieben, schafft es ja nichts wirklich Neues, sondern bedient sich der grundlegenden Formen der Naturnutzung nur in besonders aberwitziger Kombination. Deshalb bleibt es angewiesen auf die grundlegende natürliche Produktivität, die es nicht ersetzen, sondern nur ausbeuten kann. Auch die ausgefeilteste gentechnische Landwirtschaft bleibt darauf angewiesen, daß es eine vorgefundene, ursprüngliche agrarische Produktivität gibt: daß Pflanzen Sonnerenergie verarbeiten können, daß Mikroorganismen Abfälle aufarbeiten und Nährstoffe im Boden nutzbar machen können. Auch die aufwendigste Cybersex-Installation beruht auf der archaischen menschlichen Fähigkeit zum Orgasmus: er wird nicht neu geschaffen. Japanische Firmen stellen tatsächlich ausgewählte Kreativ-Arbeitskräfte in schlichte, hübsche Büros, wo sie nichts zu tun haben und stundenlang zum Fenster hinaussehen, bis ihnen etwas einfällt: weil der einfache Akt menschlicher Kreativität sich der künstlichen Nachschöpfung entzieht und nur gefördert, aber nicht ersetzt werden kann.

Weltweit bleibt die Subsistenzproduktion, die Arbeit für die direkte Selbstversorgung mit dem Lebensnotwendigen, die beherrschende Form der Naturnutzung. Weltweit bleibt die einfache menschliche Arbeit, die direkte Handarbeit an Fließbändern oder bei der Heimarbeit, die unerläßliche Voraussetzung für die Entmaterialisierung, die Daten-Highways und die kleinen sauberen Dienstleistungs-Gesellschaften. Weltweit funktioniert überhaupt nur deshalb etwas, weil die Natur ihre spontane Produktivität nicht überall verloren hat und weil Menschen zu spontaner, schöpferischer Arbeit und Problemlösung in der Lage sind. Es funktioniert, weil überall mit einfachen Mitteln gekocht, organisiert, repariert, geputzt, erzählt, gemanagt, gewirtschaftet wird, weit unterhalb des großen technokratischen Managements. Es ist die Arbeit, die überwiegend Arbeit der Frauen, der Armen, der Kolonien ist: die naturnähere Arbeit an der ”Basis der Pyramide”.

Christoph Spehr

Aus: Christoph Spehr, ”Die Ökofalle –

Nachhaltigkeit und Krise”, Promedia

Verlag, Wien 1996, 240 S., 34,- DM.


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