- Runder Tisch „Sdgs, was ist das?“
wann: 24.11.2025
Wo: AWO Begegnungszentrum Adalbertstraße
Schnell auf einen Blick
Beim ersten Runden Tisch der Reihe „Die SDGs und ich“ drehte sich alles um die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen – und besonders um Ziel 6: „Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen“. Im Mittelpunkt standen grundlegende Fragen: Warum wurden die SDGs überhaupt formuliert? Was wollen sie konkret verändern? Und wie steht es aktuell um ihre Umsetzung – weltweit und hier vor Ort?
Gemeinsam mit der German Toilet Organization (GTO) vertieften wir das Thema. Die GTO fungiert als Sekretariat des deutschen WASH-Netzwerks. WASH steht für Wasser-, Sanitärversorgung und Hygiene – und genau darum geht es: um den Zugang zu sauberem Trinkwasser, sicheren Toiletten und grundlegender Hygiene als Voraussetzung für Gesundheit, Bildung und soziale Teilhabe. Mit Bildungsprojekten, Informationskampagnen und Erklärfilmen setzt sich die Organisation dafür ein, ein Thema sichtbar zu machen, das oft tabuisiert oder unterschätzt wird.
In der Diskussion wurde schnell deutlich, wie eng die SDGs miteinander verknüpft sind: Ohne sauberes Wasser kein Ende von Hunger, ohne Sanitärversorgung keine wirksame Armutsbekämpfung. Gäste aus dem Globalen Süden berichteten von eigenen Erfahrungen – von fehlender Infrastruktur, von Krankheiten durch verschmutztes Wasser, aber auch von lokalen Initiativen und innovativen Lösungen, die Hoffnung machen.
Gleichzeitig richteten wir den Blick auf unsere eigene Situation. Wie steht es um den Zugang zu öffentlichen Toiletten in Berlin? Welche Verantwortung tragen wir als Teil einer globalisierten Welt, deren Konsum- und Produktionsmuster andernorts Wasserknappheit verschärfen? Die Diskussion zeigte: Die SDGs sind keine abstrakten UN-Formeln, sondern berühren ganz konkrete Fragen unseres Alltags und unseres Zusammenlebens.
Zum Einstieg …
… stand eine provokante Frage im Raum: „Wie gut – oder wie schlecht – steht es eigentlich um die Welt?“ Anhand mehrerer Multiple-Choice-Fragen sollten die Teilnehmenden einschätzen, wie sich zentrale globale Indikatoren in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben. Schnell wurde jedoch klar, dass die Fragen eine kleine Falle enthielten. Denn entgegen der verbreiteten Krisenstimmung zeigen viele Daten: In der Gesamtbetrachtung hat sich die Lage der Welt in wichtigen Bereichen verbessert.
Gerade im Globalen Süden sind in den vergangenen 40 oder 50 Jahren deutliche Fortschritte zu verzeichnen. Heute beteiligen sich alle Länder in unterschiedlicher Form an Impfprogrammen der Weltgesundheitsorganisation, und rund 90 Prozent der Weltbevölkerung haben inzwischen zumindest einen grundlegenden Zugang zu Elektrizität. Kindersterblichkeit und extreme Armut sind global betrachtet gesunken – Entwicklungen, die oft im Schatten der täglichen Krisenmeldungen stehen.
Zugleich wurde deutlich, wie fragil diese Fortschritte sind. Wenn Staaten des Globalen Nordens Mittel kürzen oder Programme zurückfahren – etwa für Gesundheitsversorgung oder Entwicklungszusammenarbeit –, geraten mühsam erkämpfte Erfolge schnell unter Druck. Was hierzulande mitunter als Randthema erscheint, kann andernorts unmittelbare Folgen für Millionen Menschen haben.
Die Diskussion zeigte: Fortschritt und Rückschritt liegen eng beieinander. Was wir in Deutschland vielleicht als unzureichend oder selbstverständlich wahrnehmen, bedeutet im Globalen Süden häufig einen enormen Schritt nach vorn – auch wenn weiterhin große Herausforderungen bestehen und noch viel zu tun bleibt.
Nach dem teilweise überraschenden Icebreaker folgte der erste inhaltliche Input zu den SDGs selbst. Zur Vertiefung empfahlen wir unseren ausführlichen Beitrag in der April/Mai-Ausgabe 2025 der Umweltzeitung Der Rabe Ralf. Ergänzend dazu wurden aktuelle statistische Daten von der offiziellen SDG-Seite der Vereinten Nationen vorgestellt. Dort lässt sich nachvollziehen, wie es – gemessen an Indikatoren und soweit objektiv erfassbar – um die einzelnen Ziele steht.
Doch Zahlen und Diagramme allein bleiben oft abstrakt. Vielen fällt es schwer, statistische Entwicklungen richtig einzuordnen oder in einen persönlichen Zusammenhang zu bringen. Deshalb wurde es im zweiten Input deutlich anschaulicher – und zugleich greifbarer. Gemeinsam mit der German Toilet Organization (GTO) richteten wir den Blick auf die Globalisierung und ihre ganz konkreten Auswirkungen.

Neben Fakten und globalen Zusammenhängen ging es vor allem um eine scheinbar einfache, aber sehr grundlegende Frage: Was bedeutet eigentlich ein „gutes Klo“? Schnell wurde deutlich, dass es dabei um weit mehr geht als um eine funktionierende Technik. Es geht um Privatsphäre, Sicherheit, Hygiene, Würde und Verlässlichkeit. Die Teilnehmenden sammelten Erfahrungen, Erwartungen und Definitionen – und diskutierten engagiert darüber, was hier selbstverständlich erscheint und andernorts ein Luxus ist.
So wurde aus einem abstrakten Nachhaltigkeitsziel eine sehr konkrete Lebensrealität.

Es entwickelte sich ein lebhafter und stellenweise sehr persönlicher Austausch über die eigenen Schulerfahrungen – bei manchen Teilnehmenden lagen diese Jahrzehnte zurück, bei anderen nur wenige Jahre. Viele erinnerten sich an kalte, wenig einladende Schultoiletten, an fehlende Seife oder an den Geruch, der eher zum schnellen Rückzug als zum Verweilen einlud. Andere berichteten, dass saubere Sanitäranlagen für sie nie ein Thema gewesen seien – sie seien schlicht selbstverständlich gewesen. Schon hier wurde deutlich, wie stark Wahrnehmung von Gewöhnung geprägt ist.
Besonders bereichernd war die Perspektive unserer Gäste aus Sambia. Sie schilderten sehr unterschiedliche Erfahrungen, die stark vom jeweiligen Ort und der sozialen Einbettung abhingen. Bereits in der Grundschule zeigen sich Unterschiede: Während manche Schulen in städtischen Gebieten über gemauerte Toiletten mit Wasseranschluss verfügen, fehlen in ländlichen Regionen oft stabile Gebäude, Wasser oder ausreichende Hygienevorrichtungen. Auch die Frage, ob eine Schule staatlich oder privat getragen wird, beeinflusst die Ausstattung erheblich.
Schnell wurde klar: Die Realität ist komplexer als einfache Gegenüberstellungen von „entwickelt“ und „unterentwickelt“. Zwischen einer Schule ohne funktionierende Toilette und einer Einrichtung mit getrennten, sicheren und hygienisch ausgestatteten Sanitärräumen liegen viele Abstufungen. Und selbst dort, wo Toiletten vorhanden sind, bedeutet das nicht automatisch, dass sie nutzbar oder sicher sind.
An diesem Punkt entstand eine kontroverse Diskussion: Reicht es, Infrastruktur bereitzustellen, oder geht es ebenso sehr um Wartung, Bildung und kulturelle Praxis? Einige Teilnehmende betonten, dass technische Lösungen allein nicht genügen, wenn keine Mittel für Instandhaltung oder keine Sensibilisierung für Hygiene vorhanden sind. Andere warfen ein, dass man die Verantwortung nicht allein bei lokalen Gemeinschaften suchen dürfe – oft fehle es schlicht an finanziellen Ressourcen, weil globale wirtschaftliche Strukturen Ungleichheiten fortschreiben.
Ein weiterer Diskussionsstrang drehte sich um die Frage nach kulturellen Normen und Tabus. Wie offen wird über Menstruation gesprochen? Welche Rolle spielen Scham und soziale Erwartungen? Hier zeigte sich, dass selbst in Deutschland das Thema noch mit Unsicherheiten behaftet ist – trotz formell vorhandener Infrastruktur. Die Gäste aus Sambia berichteten, dass fehlende Privatsphäre oder unzureichende Ausstattung während der Menstruation für viele Mädchen regelmäßig dazu führen, dem Unterricht fernzubleiben. Damit wurde deutlich: Ein „gutes Klo“ ist nicht nur eine Frage der Hygiene, sondern eine Voraussetzung für kontinuierliche Bildung und damit für gesellschaftliche Teilhabe.
Kontrovers wurde auch diskutiert, ob es sinnvoll sei, europäische Standards als Maßstab anzulegen. Müssen Toiletten überall nach westlichem Vorbild funktionieren, oder gibt es lokal angepasste, nachhaltigere Lösungen? Hier plädierte die GTO für kontextbezogene Ansätze: Entscheidend sei nicht das Design, sondern Sicherheit, Zugänglichkeit, Hygiene und langfristige Nutzbarkeit.
Das Fazit zur „Klobalisierung“ fiel entsprechend differenziert aus: Es gibt messbare Fortschritte – mehr Schulen verfügen heute über Sanitäranlagen als noch vor Jahrzehnten. Doch Fortschritt ist ungleich verteilt, und globale Krisen, Sparprogramme oder politische Instabilität können Erreichtes schnell gefährden. Für viele Menschen – insbesondere für Kinder und Mädchen – ist die Situation lokal weiterhin prekär. Ein „gutes Klo“ bedeutet Würde, Gesundheit, Sicherheit und Bildungschancen. Es ist ein Schlüssel zu Geschlechtergerechtigkeit – und damit weit mehr als eine technische Infrastrukturfrage.

Aus der angestoßenen Diskussion entwickelten wir den Bogen zurück zu den SDGs insgesamt. Gemeinsam sammelten wir zunächst, welche Nachhaltigkeitsziele jeder und jede Einzelne persönlich für besonders wichtig hält (siehe Foto links). Die Auswahl reichte von „Keine Armut“ über „Geschlechtergerechtigkeit“ bis hin zu „Maßnahmen zum Klimaschutz“ – oft spiegelten die Nennungen individuelle Erfahrungen, berufliche Hintergründe oder aktuelle politische Sorgen wider.
Im nächsten Schritt fragten wir, welche Ziele die Teilnehmenden für den Globalen Süden als besonders prioritär einschätzen. Hier verschoben sich die Akzente teilweise: Häufig genannt wurden „Kein Hunger“, „Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen“ sowie „Hochwertige Bildung“. Gleichzeitig entstand eine Debatte darüber, ob es sinnvoll ist, Prioritäten geografisch zuzuordnen – oder ob nicht letztlich alle Ziele global gedacht werden müssen, da sie eng miteinander verknüpft sind.
Anschließend stand die Frage im Raum, welche SDGs sich vergleichsweise am einfachsten erreichen lassen. Auch hier gingen die Meinungen auseinander. Einige sahen technologische Innovation als Hebel – etwa bei erneuerbaren Energien oder effizienterer Wassernutzung. Andere warnten davor, die Komplexität sozialer und politischer Strukturen zu unterschätzen: Selbst scheinbar „technische“ Ziele seien tief in Macht- und Verteilungsfragen eingebettet.

Zum Abschluss diskutierten wir, was es überhaupt braucht, um die Ziele zu erreichen. Genannt wurden politischer Wille, verlässliche Finanzierung, internationale Zusammenarbeit und eine stärkere Einbindung der Zivilgesellschaft. Ebenso wichtig erschien vielen ein kultureller Wandel – weg von kurzfristigem Denken und nationalen Einzelinteressen hin zu langfristiger globaler Verantwortung. Die Runde machte deutlich: Die SDGs sind kein Selbstläufer. Sie verlangen Engagement auf allen Ebenen – von der lokalen Initiative bis zur internationalen Politik.


