Ritter in bunter Hülle?

Aus DER RABE RALF August/September 2022, Seite 14

In 80 Nutzpflanzen um die Welt – Teil 6: Hülsenfrüchte

Der Cerrado, die Savanne Brasiliens, war schon immer durch Brände geprägt. Von Menschen gelegte Feuer, um Ackerland zu schaffen, nehmen jedoch heute überhand. (Foto: José Cruz/​Agência Brasil/​Wikimedia Commons)

Es war einmal eine Prinzessin, die konnte nicht gut schlafen, weil sie auf einer kleinen Erbse lag. Die kleinen, grünen Kullern gehören zu der großen Pflanzenfamilie, um die es im sechsten Teil unserer Reise um die Welt in 80 Nutzpflanzen geht – zu den Hülsenfrüchten. Manche Vertreter der Hülsenfrüchtler zählen wir zu den Grundnahrungsmitteln, andere zum Gemüse und wieder andere zu den Nüssen und Kernen.

Herzhafte Erdnuss-Gerichte

In die letzte Kategorie fällt die Erdnuss. Sie ist heute in vielen unserer Nuss- und Snackmischungen drin, wir lieben sie mit Schokolade und Karamell und bestreichen unser Brot mit Butter aus ihr, solange wir nicht allergisch auf sie reagieren. Scheinbar ist sie also vorwiegend ein Snack und Bestandteil vieler süßer Leckereien. Dabei ist die Erdnuss in vielen Ländern eher ein Grundnahrungsmittel und Bestandteil vieler herzhafter Gerichte, zum Beispiel Erdnuss-Eintopf (Maafe) in Mali, Erdnusssuppe mit Fufu (Brei aus Maniok) in Nigeria oder Erdnusssoße in vielen asiatischen Ländern.

Doch die Erdnuss kann viel mehr. Als Hauptbestandteil von „Plumpy’nut“ hat sie Millionen Kindern das Leben gerettet. Das ging allerdings nicht ganz ohne Kontroverse darüber ab, wer diese energiereiche Erdnussbutter wie herstellen und vermarkten durfte. Die französische Herstellerfirma hatte sich das Produkt, das auch von UNICEF weltweit in Krisengebieten gegen Hunger und Unterernährung eingesetzt wurde, patentieren lassen. Damit sollten wohl in erster Linie die USA daran gehindert werden, den Markt mit großen und billigen Mengen zu überfluten und mit dem Leid der Kinder Gewinn zu machen. Partnerländer in Afrika konnten Plumpy’nut selbst produzieren. Die Herstellung vor Ort sorgte für kurze Wege und stärkte gleichzeitig die Wirtschaft der Produktionsländer, was langfristig auch zur Ernährungssouveränität beitragen kann.

Soja, so jar nich nachhaltig

Gemeinsam ist allen Hülsenfrüchten der hohe Proteingehalt. Die mit Abstand wichtigste Hülsenfrucht ist, global betrachtet, die Soja. Ihr besonders hoher Eiweißertrag pro Hektar macht ihren Anbau so beliebt. Außerdem enthält die „Wunderbohne“ alle essenziellen Aminosäuren in ausreichender Menge, was sie ernährungsphysiologisch sehr wertvoll macht.

Von den angebauten Mengen, jährlich im dreistelligen Millionen-Tonnen-Bereich, landet jedoch nur ein kleiner Teil direkt in unseren Mägen. 80 Prozent der angebauten Soja verschwinden in den Mägen von Hühnern, Schweinen und Co. in der Massentierhaltung. So mag also das Suppenhuhn oder das Schweinekotelett aus der Region stammen, das Futter aber hat unter Umständen sehr weite Wege hinter sich. Doch damit nicht genug: In den Anbauländern gehen dafür wertvolle Flächen und Ökosysteme verloren. Auch im sogenannten Biosprit landen die wertvollen Bohnen.

Das wohl wichtigste, aber keineswegs einzige Beispiel ist Brasilien. Hier wird die meiste Soja weltweit angebaut und leider führt das zu massiven Interessenkollisionen. Auf der einen Seite stehen globale Großkonzerne, die viel Geld mit Soja verdienen, auf der anderen Seite liegen dort die „grüne Lunge“ unseres Planeten und die artenreichste Savanne der Welt – der Amazonas und der Cerrado.

Gerade der Cerrado wird für den Sojaanabau plattgemacht. Lange Zeit war er vor Abholzung und Zerstörung geschützt, weil der Boden als ungünstig für landwirtschaftliche Nutzung galt, ist er doch eher sauer und nährstoffarm. Doch die industrielle Landwirtschaft hat dafür scheinbare Patentrezepte: mit Gentechnik, Kunstdünger und Pestiziden bietet sie Komplettpakete, die zumindest eine Zeitlang Ertrag bringen. Das wurde auch dem Cerrado zum Verhängnis, wo inzwischen 70 Prozent der brasilianischen Soja herkommen und nur noch 20 Prozent des ursprünglichen Waldes stehen.

Soja, die direkt zur menschlichen Ernährung verwendet wird, ist übrigens viel weniger problematisch. Sojabohnen sind eine wertvolle Proteinquelle, und ohne den Umweg über das Tierfutter und das Fleisch wird deutlich weniger Fläche verbraucht. Außerdem werden die Bohnen für Tofu und Co. oft unter umweltfreundlicheren Bedingungen in Europa angebaut. Vegetarier*innen essen also nicht den Regenwald auf.

Bewässerungsgraben an einem Erdnussfeld in Südasien. (Foto: Saran Raj/​Seratobikiba/​Wikimedia Commons)

Vorteil Hülsenfrucht

Grundsätzlich leisten die Hülsenfrüchte einen wesentlichen Beitrag zur Ernährungssicherheit. Ihre Vielfalt und die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten sowie ihre Fähigkeit, den Boden zu verbessern, machen sie zu einem wertvollen Schatz der Landwirtschaft.

Neben Erdnüssen und Soja werden auch viele andere Hülsenfrüchte immer beliebter, zum Beispiel die eingangs erwähnte Erbse als Ersatz für tierische Produkte, zum Beispiel für Milch. Die „Milch“ auf Erbsenbasis kann mit sehr kurzen Transportwegen auskommen, wächst sie doch hervorragend auf unseren Feldern – im Gegensatz zur Soja, die deutlich empfindlicher ist, besonders was Temperatur und Wasser angeht. Tatsächlich ist die Erbse die am meisten angebaute Hülsenfrucht in Deutschland, gefolgt von Ackerbohne, Soja und der Süßlupine, einer weiteren Milchersatzpflanze.

Milch stammt übrigens immer aus den Zitzen eines Tieres. Bei den Nahrungsmitteln ist es meist eine Kuh, gefolgt von Büffel, Ziege, Schaf und Kamel. Produkte aus Hafer, Soja, Mandel, Kokos und Co. dürfen nicht als Milch bezeichnet werden. Sie werden als Drink, No Milk oder Milchalternative bezeichnet und beworben. Auch wenn sie den ökologischen Fußabdruck verringern, sollte man trotzdem einen prüfenden Blick auf die Herkunft werfen, denn nicht jedes coole Milchersatzprodukt ist wirklich nachhaltig.

Ein wichtiger Vorteil der Hülsenfrüchte auf dem Feld ist ihre Eigenschaft, Stickstoff aus der Luft zu binden und im Boden pflanzenverfügbar zu machen. Verantwortlich dafür sind die Knöllchenbakterien, die an den Wurzeln der Hülsenfrüchtler in Symbiose mit ihnen leben. Kunstdünger erhöht zwar den Ertrag für die Bäuer*innen, schädigt aber nachhaltig die Umwelt, denn die Herstellung verbraucht wertvolle Ressourcen – und auch die Düngemittelpreise explodieren gerade. Durch den Anbau von Hülsenfrüchten in der Fruchtfolge oder als Vorkultur kann Dünger eingespart werden. Das spart Geld, schützt die Umwelt und auch uns. Wird weniger Dünger eingesetzt, gelangt auch weniger ins Grundwasser, das reduziert die Belastung für Tiere und Pflanzen in Flüssen, Seen und Meeren.

Anke Küttner

In unserer siebenteiligen Reihe geht es beim nächsten Mal um Gewürze aus aller Welt.

Das Projekt „In 80 Nutzpflanzen um die Welt“ wird durch Engagement Global mit Mitteln des Bundesentwicklungsministeriums gefördert.

Weitere Informationen: 80nutzpflanzen.grueneliga-berlin.de

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