Große Projekte behutsam planen

Aus DER RABE RALF April/Mai 2022, Seite 5

Berlins Bauprojekte brauchen integrierte Planung, damit die „planetaren Grenzen“ auch vor Ort eingehalten werden

Das Cantian-Stadion im Jahnsportpark, erbaut 1951, soll abgerissen werden. (Foto: Alexander Pueli)

Zukunftsfähig ist nur eine Stadt, die den Klimawandel berücksichtigt und ihm möglichst entgegenwirkt. Dazu müssen auch alle Bauprojekte ihren Beitrag leisten – durch Vermeidung von Abriss, Einsatz nachwachsender Rohstoffe und Reduzierung der Bodenversiegelung, durch Erhaltung von bestehendem Stadtgrün und zusätzliches Grün.

Mehr denn je kommt es in Zukunft darauf an, möglichst überall die natürliche Kühlung durch Pflanzen zu nutzen, um innerstädtische Hitzeinseln zu vermeiden. Die Leidtragenden solcher Hitzeinseln sind – durchaus ähnlich wie bei Covid-19 – ältere und vorerkrankte Menschen, aber auch Kleinkinder. In unserer Stadt ist die Erwärmung schon deutlich weiter fortgeschritten als noch 2015 im Berliner Umweltatlas angenommen. Berlin ist weder städtebaulich noch architektonisch auf das künftige Klima eingestellt.

Wenig ökologisch, wenig sozial

Im „Berliner Bündnis Nachhaltige Stadtentwicklung“ haben sich bisher 27 Bürgerinitiativen zusammengeschlossen, die mit Nachverdichtung und Versiegelung in verschiedenen Stadtteilen konfrontiert sind und sich gemeinsam für eine nachhaltige Stadtentwicklung einsetzen. Unten auf dieser Seite werden beispielhaft zwei von fünf Großprojekten vorgestellt, die alle im Bezirk Pankow liegen, aber die gesamte Stadt betreffen. Den beiden Projekten – eines in der Innenstadt und eines am Stadtrand – ist gemeinsam, dass soziale und ökologische Aspekte viel zu wenig berücksichtigt werden.

Das Bündnis tritt für achtsame Planungen ein, die auf die Anwohnerschaft und den Bestand Rücksicht nehmen und sich am Ziel einer lebenswerten, zukunftsfähigen Stadt orientieren. Gefordert wird außerdem eine echte Bürgerbeteiligung – zu der sich die rot-grün-rote Regierungskoalition ja ausdrücklich bekannt hat.

Pankow besonders betroffen

Während es in der Innenstadt um einzelne Nachverdichtungsvorhaben geht (Rabe Ralf Februar 2022, S. 4), sind in den Außenbezirken Berlins große Neubaugebiete mit mehreren Hundert, oft sogar mehreren Tausend Wohneinheiten geplant. Das stellt immense Anforderungen an eine ökologisch und sozial tragfähige Planung.

Statt hier auf die Kompetenz der Bezirksämter vor Ort zu setzen, zieht der Senat in vielen Fällen die Planung an sich. So hat er für 19 große Wohnungsneubau-Vorhaben den Bezirken die Bebauungsplanung aus der Hand genommen. Besonders betroffen ist der Bezirk Pankow. Wie sich dort beispielhaft an dem Projekt „Am Sandhaus“ in Buch zeigt, wird aus dem Wohnbauflächen-Informationssystem (WoFIS) lediglich die jeweils vorgegebene Anzahl neu zu bauender Wohneinheiten abstrakt abgeleitet, ohne die Situation vor Ort zu beachten.

Nur integrierte Planung ist Planung

Nötig ist hier ein Paradigmenwechsel. Nicht mehr zeitgemäß sind Planungsprozesse, bei denen der Erhalt von Natur – unser aller Lebensgrundlage – immer am Ende der Entscheidungskette steht und im Zweifel hinten runterfällt. Stattdessen braucht es eine integrierte Planung, in der die „planetaren Grenzen“ (Rabe Ralf Februar 2020, S. 18) auch auf der lokalen Ebene Beachtung finden. Das bedeutet: Schon in der Rahmenplanung muss die Kompetenz der Anwohnerschaft berücksichtigt werden, ebenso die Gutachten zum Schutz der vorhandenen und umgebenden Naturräume. In Buch betrifft das den Schutz des Waldes und der Feuchtgebiete – auch als Kaltluftentstehungsgebiete – sowie der Moore mit ihrer Fauna und Flora. Die Moorlinsen sind nicht zuletzt große CO₂-Senken.

Ähnlich muss die soziale Einbettung der geplanten Bauprojekte ablaufen. Wenn, wie in Buch geschehen, der Planungsprozess damit beginnt, dass eines der wichtigsten Kinder- und Jugendprojekte gerade für die sozial benachteiligten Kinder des Stadtteils auf eine öde Brache verlegt werden soll, dann ist Akzeptanz für einen neuen Stadtteil kaum zu erwarten. Für die Menschen, die dort schon wohnen, sollten in der Planung Angebote gemacht werden, die auch für sie eine Verbesserung der Lebensumstände erwarten lassen – zum Beispiel durch die Einplanung wirklich erschwinglicher Wohnungen und den Ausbau von sozialen Einrichtungen wie Kinderbetreuungs- und Schulangeboten, die einen vorhandenen Mangel beheben. Werden komplett neue Stadtviertel am grünen Tisch geplant, müssen auch Flächen und Räume vorgesehen werden, in denen sich soziales, kulturelles und wirtschaftliches Leben aus dem Stadtteil entwickeln kann, statt nur uniforme Einkaufszonen hinzusetzen.

Auch eine integrierte Verkehrsplanung ist dringend notwendig. Schon heute reichen die Kapazitäten des ÖPNV im Berliner Nordosten nicht aus, um den Berufsverkehr zu bewältigen. Wie soll eine Verkehrswende gelingen, wenn die einzige Antwort auf Zehntausende geplante neue Wohnungen eine zu geringe Aufstockung der S-Bahn-Taktzahlen und eine leichte Erhöhung der Kapazität einzelner Züge ist? Von einer realistischen, auf die zu erwartenden Verkehrsströme ausgerichteten Planung ist wenig zu sehen.

Christoph Jung, Philipp Dittrich

Weitere Informationen: www.nachhaltigestadtentwicklung.berlin


Zwei von fünf Pankower Großprojekten

Buch – Am Sandhaus: Ausgehend von der nicht an die natürlichen Rahmenbedingungen angepassten Senatsvorgabe von 2700 neuen Wohneinheiten auf 39 Hektar waren die Bucher in der ersten Jahreshälfte 2021 zu einem Online-Spaziergang und drei Planungswerkstätten eingeladen. Drei Planungsbüros präsentierten ihre von Werkstatt zu Werkstatt veränderten Entwürfe für das „Neue Stadtquartier Buch Am Sandhaus“. Nach scharfen Online-Protesten beauftragte sie der Senat zur dritten Werkstatt, eine Option vorzusehen, bei der das beliebte soziale Kinder- und Jugendprojekt „Moorwiese“ am aktuellen Standort erhalten bleibt.

Schnell fanden sich Menschen aus Buch und Umgebung zu einer Bürgerinitiative zusammen und präsentierten zur dritten Werkstatt einen eigenen Planentwurf. Trotz großer Zustimmung war er zur Begutachtung nicht zugelassen. Er beruhte auf sieben Forderungen aus der Bürgerbeteiligung, die mit 4.600 Unterschriften am 18. November bei einer Kundgebung am Abgeordnetenhaus symbolisch übergeben wurden. Gemeinsam mit anderen Bürgerinitiativen im Pankower Nordosten fordert die BI, die Verkehrsprobleme vor Baubeginn zu lösen, vor allem durch ÖPNV.

Weitere Informationen: www.initiative-buch-am-sandhaus.de

Prenzlauer Berg – Jahnsportpark: Die Senatsverwaltung für Sport möchte den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark zu einem Prestigeobjekt ausbauen, von ihr „Leuchtturm“ genannt. Unter dem Deckmantel vorgeblicher Inklusion soll das alte Jahn-Stadion abgerissen und durch ein neues, gleich großes Stadion ersetzt werden. Zusätzlich sind Sporthallen, Großspielfelder, Lagerräume, 150 Büros und ein Parkhaus geplant. Der wertvolle Baumbestand und die beliebte Naturwiese stehen diesen Plänen im Weg.

Weder baukulturell noch ökologisch ist das zu rechtfertigen. In einem durch die Bürgerinitiative Jahnsportpark erstrittenen Werkstattverfahren wurde ein Umbau erstmals erfolgreich geprüft. Wie schon die alte SPD-geführte Senatsverwaltung versucht auch die neue die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung mit Tatsachenverdrehungen und Fehlinterpretationen des Werkstattverfahrens zu unterlaufen und Abriss und Neubau durchzusetzen. Die BI, die noch Unterstützung sucht, setzt sich weiter für eine respektvolle Umgestaltung des Sportparks ein. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Erhaltung des Stadtgrüns, der nutzungsoffenen Naturwiese und der ostmodernen Bauten.

Weitere Informationen: www.jahnsportpark.de

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