Die Gesellschaft grundlegend verändern

Aus DER RABE RALF August/September 2017, Seite 5

Von Rojava in Nordsyrien kann die Klimagerechtigkeitsbewegung viel lernen

„Wenn wir eine Gesellschaft aufbauen, die gerecht und dezentral organisiert ist, kommt das allen zugute: Frauen und Männern, den Menschen und dem Rest der Natur“, sagt Meike Nack von WJAR, der „Stiftung der freien Frauen in Rojava“. Es ist ein Freitagabend in Berlin-Kreuzberg und das klimapolitische Bündnis „Ende Gelände“ hat eingeladen: „Rojava – eine ökologische Revolution?“ Um diese Frage zu beantworten, sitzen neben Nack auch Ercan Ayboga von der Ökologiebewegung Mesopotamiens und Michael Knapp von der Kampagne „Tatort Kurdistan“ auf dem Podium.


Genossenschaftlich organisierte Schneiderei in Rojava – Janet Biehl CC-BY-SA

Nicht nur gegen etwas sein

„Als Teil der globalen Klimagerechtigkeitsbewegung ist es für uns wichtig, nicht nur bis zum Braunkohleausstieg in Deutschland zu denken, sondern weit darüber hinaus“, erklärt Insa Vries von „Ende Gelände!“ den Anlass der Veranstaltung. 2016 war die Massenaktion zivilen Ungehorsams, bei der Tausende tagelang Kohlebagger und -kraftwerke blockierten, in eine globale Aktionswoche eingebettet. Das Motto hieß: „Break free from fossil fuels“ – raus aus den fossilen Energien. Das reicht der Bewegung aber noch nicht. „Wir müssen auch gemeinsame Utopien entwickeln: Für ein Leben ohne Kohle und Kapitalismus, ein gutes Leben für alle“, so Vries.

Umso mehr lohnt ein Blick nach Rojava. Hier im Norden von Syrien wird nicht nur Widerstand gegen den „Islamischen Staat“ geleistet – inmitten des Bürgerkriegs werden auch Alternativen geschaffen zu einem System der Ausbeutung von Menschen und Natur. Die kurdische Freiheitsbewegung in Nordsyrien hat mit Rojava ein Gesellschaftsmodell aufgebaut, in dem das Zusammenleben basisdemokratisch, ökologisch und geschlechtergerecht organisiert werden soll. Das sind die drei Säulen des „demokratischen Konföderalismus“, dem 2005 öffentlich gemachten politischen Konzept des inhaftierten Kurdenführers Abdullah Öcalan, das auf Ideen von Murray Bookchin, Immanuel Wallerstein und anderen zurückgeht.

„Der demokratische Konföderalismus in Rojava ist ein andauernder Prozess. Kritik und Selbstkritik sind immer wieder nötig, damit das Handeln seinem Anspruch gerecht wird“, erklärt Ayboga. Er berichtet von kooperativen Projekten für ökologische Landwirtschaft in Städten und Dörfern, für regionale Produktion und Aufforstung. Der Krieg erschwert den Aufbau: Öl wird benötigt, um Kriegsgerät zu betreiben, zu heizen, mit Dieselgeneratoren Strom zu produzieren – ökologische Ansprüche werden der nötigen Selbstverteidigung nachgeordnet. Dennoch: Zerstörerische Großprojekte des Assad-Regimes wie Staudämme und Monokulturen mit chemischem Dünger werden nach und nach durch den Aufbau von Alternativen abgeschafft.

„Mit seinem Rätesystem ermöglicht der demokratische Konföderalismus eine politische Organisationsform mit gleichwertigen Einheiten und Konsensentscheidungen von allen Bewohner*innen von Rojava“, berichtet Michael Knapp. Die autonome Föderation Nordsyrien/Rojava wurde im März 2016 in einer Versammlung von kurdischen, assyrischen, arabischen und turkmenischen Delegierten beschlossen. Sie beruht auf der gemeinsamen und gleichberechtigten Organisierung demokratischer Nationen entgegen den herkömmlichen autoritären Nationalstaaten. Zurzeit gibt es rund 4000 Kommunen mit jeweils bis zu 150 Haushalten. Diese Dorf- und Quartiersgemeinschaften organisieren sich in basisdemokratischen Räten und Kommissionen, die paritätisch mit Männern und Frauen besetzt sind. Hier sind auch alle ethnischen und religiösen Minderheiten vertreten. Fragen des täglichen Zusammenlebens werden basisdemokratisch entschieden, koordiniert mit den anderen Regionen.

Reflexion und Kritik als Prozess

Die Klimagerechtigkeitsbewegung in Deutschland kann sich von Rojava inspirieren lassen, aber eine Idealisierung, wie sie in Teilen der deutschen Linken beim Blick auf Rojava vorherrscht, blendet die Widersprüche und Probleme aus. Trotzdem oder gerade deshalb ermutigt Ayboga das Publikum, nach Rojava zu schauen: „In Deutschland könnt ihr von Rojava lernen, verschiedene Kämpfe auf lokaler und regionaler Ebene zu verbinden.“

Dazu gehört auch die Befreiung von aufgezwungenen Geschlechterrollen und Sexismus. Selbstorganisation der Frauen sei wichtig, um patriarchale Unterdrückung zu überwinden, betont Nack: „Durch die Rätestruktur in Rojava wird dem vorgebeugt: Die Frauen besprechen sich in ihren autonomen Räten, bevor sie in den gemischtgeschlechtlichen Räten Entscheidungen treffen.“

Ebenso wie der Weg zu einem umfassenden ökologischen Bewusstsein ist die Befreiung aller Geschlechter ein fortdauernder Prozess. Geschlechtergerechtigkeit und Klimagerechtigkeit bedingen einander. Unter Dürren, Überschwemmungen, Bodenversalzung und anderen Folgen des Klimawandels leiden die Ärmsten der Welt am meisten – und 70 Prozent derjenigen, die weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben, sind Frauen. Bei Naturkatastrophen und in Situationen von Flucht und Migration haben Frauen oft schlechteren Zugang zu Informationen, sind stärker von Hunger betroffen, sind Übergriffen ausgesetzt und müssen die meiste zusätzliche Sorgearbeit in Notsituationen leisten. Zusammen mit Rassismus und der Beurteilung von Menschen nach ihrer sozialen Herkunft oder ihren Fähigkeiten beeinflusst das Geschlecht also die Chancen von Menschen, mit den Folgen von Klimawandel und Umweltzerstörung fertigzuwerden. Hinzu kommt eine patriarchale Denkweise, die reproduktive Arbeitskraft ausnutzt, Sorgearbeit für weniger wichtig erklärt und Besitzdenken fördert.

Die Frauenbewegung in Rojava hat das erkannt und diskutiert über Alternativen zur Ausbeutung von Mensch und Natur. Seit der Revolution 2011 haben sich in dem nordsyrischen Gebiet bereits fortschrittliche Gesetze für Geschlechtergerechtigkeit durchgesetzt. WJAR unterstützt mehrere Projekte, die diese Entwicklung festigen sollen, berichtet Nack.

Was können wir daraus lernen?

Sowohl Klimagerechtigkeitsbewegte als auch Queerfeminist*innen und Linke können in Rojava konkrete Ansätze dafür finden, wie ein Wirtschaftssystem abgeschafft werden kann, das die reproduktive Arbeit, besonders von Frauen und der Natur, strukturell ausbeutet. Kompetenzen von Frauen dürfen dabei nicht biologistisch mit ihren „Fähigkeiten“ begründet werden. Vielmehr muss das Verhältnis von Arbeit, Produktion und Gesellschaft generell neu gedacht werden. „Care-Arbeit“, also grundversorgende Tätigkeiten, Sorgearbeit und Betreuung, sollte als Basis für Leben und Gemeinschaft anerkannt werden.

„Eine befreite Gesellschaft ist eine ökologische Gesellschaft“, sagt Ayboga. Die Klimagerechtigkeitsbewegung solle sich öfter trauen, alternative Lebensformen auszuprobieren. Es gebe aber keine Patentlösung, betont er. Für die Klimabewegung bedeutet das: Sie muss jeweils vor Ort und den Umständen entsprechend schauen, was passt.
Evelyn Linde und Lara Eckstein


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