Donnerlippchen …

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2018, Seite 6

Die Lippe ist Flusslandschaft des Jahres

Die Lippe ist Flusslandschaft des Jahres 2018/19. Das beschloss Ende März der gemeinsame Beirat für Gewässerökologie des Deutschen Angelfischerverbandes und der Naturfreunde Deutschlands. Das Fachgremium hebt damit die Besonderheiten und den Schutzbedarf des nordrhein-westfälischen Flusses hervor. Ausdrücklich wird auch der Wert der den Fluss umgebenden Landschaft gewürdigt.

Lippequelle in Bad Lippspringe (Foto: G. Moeller(CC-BY 1.0))

Vom Quelltopf zur Mündung

Die Lippe ist ein rechter Nebenfluss des Rheins. Ihren Anfang nimmt sie bei Bad Lippspringe aus gleich drei Quelltöpfen am Fuß des Teutoburger Waldes. Ab hier fließt sie 220 Kilometer gen Westen dem Rhein zu – vorbei an Städten wie Paderborn, Lippstadt, Hamm, Lünen und Marl, um nur die größten zu nennen. Bei der Hansestadt Wesel hat sie den Rhein nach rund 120 überwundenen Höhenmetern erreicht, sie ist damit ein typischer Flachlandfluss – stark mäandrierend mit von Sanden und Lehm geprägten Ablagerungen im Flussbett.

Die Lippe ist übrigens ein kleiner Schwindel und müsste eigentlich Pader oder Alme heißen. Denn die Pader führt an ihrer Mündung in die Lippe dreimal mehr Wasser als Letztere. Und die Alme, die nur wenige hundert Meter nach der Pader ebenfalls in die Lippe mündet, ist mit 59 Kilometern mehr als fünfmal so lang wie diese bis zum Mündungspunkt. Damit gehört die Lippe zu den Flusssystemen, deren Hauptstrang nicht der namentliche Quellast ist.

Das Einzugsgebiet der Lippe ist mit rund 5.000 Quadratkilometern fast doppelt so groß wie das Saarland und berührt die Abfluss-Systeme von Issel, Weser, Emscher und Ruhr. Während der südliche Bereich des Einzugsgebietes Teil des rheinisch-westfälischen Industriegürtels mit hoher Bevölkerungsdichte ist, zeichnet sich das übrige Einzugsgebiet durch überwiegend landwirtschaftliche Nutzung aus und ist deutlich geringer besiedelt.

Von Römerlagern zum Industriestandort

Erste Erwähnung findet die Lippe in Aufzeichnungen aus der Römerzeit, damals lateinisch Lupia genannt. Um besser ihre Lager versorgen und ihre Güter mit kleinen Schiffen transportieren zu können, nahmen die Römer sogar erste Veränderungen am Fluss vor. Später, ab dem 13. Jahrhundert, wurde der Fluss vielfach gestaut, um Mühlen zu betreiben. Kam es zum Abschnüren von Landwirtschaftsflächen durch Mäandrieren, wurden Begradigungen vorgenommen – auch um den Fluss für den Schiffsverkehr nutzbar zu machen.

Mäandrierende Lippe westlich von Lünen (Foto: Norbert Selisky (CC-BY 2.5))

Allerdings konnte sich eine Lippeschifffahrt vor der Industrialisierung nie recht etablieren, da zahlreiche Sandbänke, Zollschranken und Schiffsmühlen – auf schwimmenden Schiffskörpern errichtete Wassermühlen – sie behinderten. Erst 1815, mit dem Anschluss Westfalens an Preußen, konnten Pläne zur Schiffbarmachung realisiert werden. Ab 1826 war der Fluss durchgängig bis Lippstadt schiffbar. Transportiert wurden vor allem Salz, Getreide, Eisenerz, Steine und Holz. Der Verkehr flussaufwärts erfolgte mit Pferden auf Treidelpfaden. Wehre und insgesamt elf Schleusen sorgten für eine ausreichende Wassertiefe.

Vor rund hundert Jahren war die Lippe schließlich in großen Teilen kanalisiert. Hinzu kamen immer mehr Abwässer aus der Industrie und dem Bergbau. Aufgrund der Missstände wurde im Jahr 1926 der Lippeverband gegründet, der erstmals Maßnahmen zur Abwasserreinigung und zum Hochwasserschutz einleitete.

Allerdings konnten auch diese Maßnahmen nicht verhindern, dass die Wasserqualität in den 1970er Jahren – vor allem im Flussbereich Hamm – weiter abnahm. Die Lippe war endgültig zum Arbeitstier der Industrieregion verkommen. Die Auen waren nahezu trockengelegt, industrielle und kommunale Abwässer sowie das Grubenwasser aus dem Bergbau und das Kühlwasser der Kraftwerke raubten dem Fluss die letzte Natürlichkeit.

Vom Arbeitstier zu neuer Blüte

Nachdem in den 1990er Jahren die Gewässergüte der Lippe durch den massiven Aus- und Neubau von Kläranlagen drastisch verbessert wurde, leiteten erste Renaturierungs-Projekte im Oberlauf auch die Wende zu einer besseren Gewässerstruktur ein. So wurde der Fluss unterhalb von Lippstadt und am Lippesee in Sande zum Beispiel auf teilweise neue, naturnahe Trassen verlegt.

Und das Auenprogramm des Lippeverbands sorgte ab 1995 in kleinen Schritten dafür, dass viele Uferabschnitte umgestaltet wurden. Unter anderem wichen steinerne Befestigungen naturnahen Uferabbrüchen, kleinen Aufweitungen und Inseln im Fluss. Ebenfalls 1995 begann die systematische Erfassung der Fischbestandsdaten.

Mit dem europäischen LIFE-Projekt Lippeaue begann 2005 die erste große Renaturierung an der mittleren Lippe bei Hamm – mit Gewinn auch für die Großstädter, denen sich seitdem neue Möglichkeiten zur Naherholung bieten.

Parallel zu diesen Maßnahmen wurde entlang des gesamten Flusslaufes eine Infrastruktur geschaffen, die dem sanften Tourismus entgegenkommt. Die attraktive Römer-Lippe-Route erschließt die Flusslandschaft auch für Radfahrer, führt jedoch nur selten direkt an den Fluss heran. Das kommt dem großen ökologischen Potenzial der Lippe – ihrer relativen Abgeschiedenheit – entgegen. Die meisten Uferabschnitte sind kaum zugänglich. Nur Angler und Kanuten wissen, wo man an die Lippe herankommt.

Die Lippe bei Lünen (Foto: Wolfgang Armbrüster (CC-BY-SA 2.0 DE))

In den letzten Jahren hat die Entwicklung zu einem naturnahen Fluss noch einmal einen Sprung gemacht. So wurde 2014 die neue Lippeaue bei Wesel fertiggestellt, für die der Fluss um einige hundert Meter verschwenkt wurde, und 2016 begann der Lippeverband mit dem Bau von fünf Kilometern neuer Deiche bei Haltern-Lippramsdorf und Marl. Auch hier entsteht eine neue Aue, durch die die Lippe einmal mehrarmig fließen soll.

Vom Wachtelkönig zur Eintagsfliege

An der Lippe lassen sich inzwischen viele Zeichen der Verbesserung ausmachen – das betrifft die Wasserqualität des Flusses und den Hochwasserschutz an den Ufern ebenso wie die wiedergewonnene Vielfalt von Pflanzen und Tieren. In den Feuchtwiesen entlang der Auen, die zum Teil unter Naturschutz stehen, sind zum Beispiel der Lauch-Gamander, ein knoblauchverwandter Lippenblütler, und verschiedene Röhrichtarten zurück. Auch Otter, Biber und Weißstorch sind wieder regelmäßig zu sehen.

Auf der Lippe selbst und ihren Nebengewässern leben das ganze Jahr über Enten, Gänse, Schwäne, Taucher und Rallen. Vorübergehend, als würde er dem neuen Lebensraum noch nicht recht trauen, schaut auch der Eisvogel vorbei. Unter den Insekten sind die Gemeine Keiljungfer, eine Großlibelle, und die Uferaas oder Kornmotte genannte Eintagsfliege zurückgekehrt. Lediglich die Fischfauna steht durch die Verbreitung aggressiver Grundel-Arten stark unter Druck.

Auch in den nächsten Jahren sollen vielfältige Maßnahmen an der Lippe verwirklicht werden. Die Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union verpflichtet alle Mitgliedsstaaten, Flüsse und Seen so zu bewirtschaften, dass ein guter ökologischer und chemischer Zustand erreicht wird. Für die Lippe soll es Ende des nächsten Jahrzehnts so weit sein.

Jörg Parsiegla

Weitere Informationen:
www.flusslandschaft.naturfreunde.de


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