Fast alles ist essbar

Aus DER RABE RALF August/September 2020, Seite 21

… und gegen jedes Zipperlein ist ein Kraut gewachsen, zeigt das Rabe-Ralf-Wildkräuter-Buch

Gemeine Schafgarbe, lateinisch Achillea millefolium. (Foto: André Karwath/​Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.5)

„Man kann fast alles essen!“, erklärt uns auf unserer Pfingstwanderung Dana, sie habe da mal so einen Kräuterspaziergang mit Elisabeth Westphal mitgemacht … Und Rabe-Ralf-Leserinnen erinnern sich an die Wildkräuterseite der Ernährungsexpertin, die es jahrelang in der Zeitung gab.

Nun ist das Buch zur Artikelserie unter dem schlichten Namen „Wildkräuter“ erneut aufgelegt worden, und zwar in dem bescheiden-originellen Design des Packpapierverlags aus Osnabrück. 180 bei uns wild wachsende Heilkräuter werden darin vorgestellt, und die meisten von ihnen kann man tatsächlich – zumindest auch – essen.

Schafgarbe und Johanniskraut

Eines meiner Lieblingskräuter ist die Gemeine Schafgarbe (Achilles millefolium). Eine ältere Mitbewohnerin erzählte mal, dass ihre Mutter bei Kriegsende, als nichts mehr zu essen da war und kein Geld für Arzt und Apotheke, ihre vielen Kinder allesamt mittels Schafgarben-Tee von der Gelbsucht geheilt habe. Ich glaubte ihr sofort, denn der quietschgelbe Schafgarben-Tee wäre ja auch nach ayurvedischen Regeln gut dazu geeignet, Galle und Leber anzuregen, und auch die starke Bitterkeit des Tees spricht dafür.

Die Gemeine Schafgarbe ist im Frühjahr kaum zu erkennen. Nur Eingeweihte sehen die filigranen Blätter dicht am Boden und wissen, dass man sie – in Maßen – in den Salat schneiden kann, wo sie wie die Brennnessel unter anderem blutreinigende Wirkung entfalten soll. Die erwachsene Pflanze blüht erst ab Ende Mai und dann den Hochsommer hindurch als weiße (Schein-)Dolde auf verholztem Stängel – eine Pflanze, der die Sommertrockenheit offenbar nicht mehr zusetzen kann. Dauerndes Gießen durch brave Gärtner bringt sie zum Verschwinden. Die Schafgarbe ist seit tausenden Jahren als Heilpflanze in Gebrauch, gilt als wundheilend und Schönheitsmittel.

Das Johanniskraut (Hypericum perforatum) zeigt den Sommer an und ist pünktlich zur Sommersonnenwende respektive zu „Johanni“ am 24. Juni zu sammeln. Blüten in leuchtend warmem Gelb, fünf Blütenblätter mit grünen Blattzungen dazwischen, filigrane Blätter. Die beiden Johanniskrautbüsche in unserem Trümmerberg-Garten sehen fast wie kleine Bäume aus, morgens sind sie von in allen Tonlagen brummenden Bienen und Hummeln umtost. Besonders in diesem Jahr erscheinen die im Garten wild wachsenden Blumen eigentlich als die schönsten und beeindrucken mich in ihrer Vitalität.

Dass das Johanniskraut ein altes Heilkraut ist, wissen wir spätestens, seit kleine Fabriken und Werkstätten, die sich auf die Herstellung von Hypericum-perforatum-Pillen spezialisiert hatten, zumachen mussten, weil sie das alte Naturheilmittel plötzlich nicht mehr verkaufen durften. Denn Johanniskraut erhöht die Lichtdurchlässigkeit der Haut und kann allergische Reaktionen auslösen. Aber das wussten die Heilkundigen, die Hypericum seit Jahrhunderten gegen Depressionen, Kopfschmerzen, Nervosität und als Wundheilmittel einsetzen, immer schon: Keine Wirkung ohne Nebenwirkungen, das gilt auch für Naturheilmittel. Auch hier gilt: Die Dosis macht’s.

In der Küche kommt das Johanniskraut tatsächlich seltener vor – aber Salat kann man damit dekorieren sowie Salate und Fleischgerichte würzen.

Erstaunliche Zutaten

Was dann doch erstaunt, ist, dass sogar der so schön blühende Blaue Natternkopf (Echium vulgare) trotz seiner ganzen Stacheligkeit in der Küche verwendbar sein soll und gut zu Kartoffeln, Reis, Eiern et cetera passt. Sogar Pizza könne man mit den Blättern belegen. Der Tee aus Blüten und Blättern hilft laut der Autorin bei Atemwegserkrankungen oder Kopfschmerzen und fördert die Wundheilung.

Die Gewöhnliche Nachtkerze (Oenothera biennis) mit ihren erst abends sich öffnenden vierblättrigen gelben Sternblüten duftet nicht nur schön, sie ist auch essbar und als Heilmittel einzusetzen. Sie wirkt positiv auf Haut-, Kreislauf- und Stoffwechselkrankheiten, wie auf Rheuma, Hyperaktivität und Arteriosklerose. Mir leuchtet es ein, dass ich sie in meiner Gesichtscreme finde, was mich vor dem Ausbuddeln der Wurzel befreit, das ich mir für ländlichere Zeiten vorbehalte.

Ebenfalls im Hochsommer blüht die Gemeine Wegwarte (Cichorium intybus), als hellblauer Stern wunderschön auf hartem Stengel. Aber nur morgens. Wer erst nachmittags rausgeht, sieht sie nie. Auch sie, die Wilde Zichorie oder Wilde Endivie unserer Altvorderen, hat als Wurzelsaft starke blutreinigende Wirkung beziehungsweise regt den Stoffwechsel an, ist gut für Magen, Galle, Leber und Gedärm. Wie gut, dass ich sie im Bioladen „kultiviert“ als Chicorée bekommen kann und so auf das Ausbuddeln der wenigen Schönheiten am Wegesrand verzichten kann.

Wo ich mich aber immer bediene, das ist der Wegerich (Plantago). Als Spitzwegerich wächst er in Mengen in unserem Garten, der auf einem illegal entsorgten Bauschuttberg liegt. Laut dem Buch sind die Hauptinhaltsstoffe: Schleim-, Bitter- und Gerbstoffe, Mineralien wie Kieselsäure oder Zink sowie antibiotische Stoffe. Die jungen Blätter passen gut in meinen gemischten Frühlings-Salat. Aber am liebsten reibe ich mir die zerquetschten Blätter auf juckende Mückenstiche – hilft sofort. Unter die schmerzenden Füße in Schuhe gelegt, sollen sie auch hier Wunder wirken – und besonders auch bei der Regeneration des Lungengewebes nach Beendigung des Rauchens.

Begleitbuch für Outdoorfreaks

Als Guerilla-Gärtnerin und bedingungslose Anhängerin der Topinambur – oder „Jerusalem artichoke“, wie die Amerikaner sie nennen – hat mich gefreut zu erfahren, dass Helianthus toberosus in der Volksmedizin als Geschenk des Himmels gilt und gegen Hautpilze und Darmbeschwerden und vielerlei mehr helfen soll. Auch beim Abbau von Gallebeschweren und Ähnlichem. Generell gilt die Topinambur-Knolle als ideales Gemüse für Diabetiker und Menschen mit Bauchspeicheldrüsenproblemen und soll auch als Appetitzügler einsetzbar sein, da sie den Ballaststoff Inulin enthält. Eventuell helfen diese Einsichten, bei Kleingärtnern die Topinambur-Bedenken zu zerstreuen.

Neu war mir auch, dass man sogar den als hyperinvasiv geltenden Japanischen Staudenknöterich (Fallopia japonica) essen kann, und zwar am besten die jungen Triebe (und Blätter) im Frühjahr, sozusagen spargelartig, wie das ja auch mit den Trieben des jungen Hopfens gut zu machen sein soll …

Gegen jedes Zipperlein ist also ein Kraut gewachsen. Die Ernährungsberaterin Elisabeth Westphal und die Grüne Liga Berlin als Herausgeberin zeigen auch in zwei Tabellen, welche Pflanze gegen welches Gebrechen einsetzbar ist und wann man sie am besten sammeln kann. Was mir fehlt, ist – auch wenn das in derartigen Büchern unüblich ist – ein Literaturverzeichnis, um nachzuvollziehen, wo die Autorin ihre Weisheiten herhat.

Kurzum: Ein schönes Buch, als Begleitbuch für Wandertouren sowie für Outdoorfreaks unbedingt empfehlenswert, zumal es auch so manchen Picobello-Kleingärtner von seiner Unkraut-Ausrupf-Manie befreien könnte.

Elisabeth Meyer-Renschhausen

 

Elisabeth Westphal:
Wildkräuter
Rabe Ralf und Packpapierverlag,
Berlin/Osnabrück 2019
208 Seiten, 16 Euro
ISBN 978-3-931504-48-4

 

Erhältlich bei der Grünen Liga Berlin in der Prenzlauer Allee 8 (Mo-Fr 10-15 Uhr), auf dem Ökomarkt am Kollwitzplatz (Do 12-19 Uhr), in guten Buchhandlungen oder bei www.packpapierverlag.de


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