Herzallerliebst

Aus DER RABE RALF Dezember 2019/Januar 2020, Seite  5

Der Weißdorn ist Arzneipflanze des Jahres 2019

Blühender Weißdorn im Frühling. (Foto: Volker Gringmuth/​Kreuzschnabel/​Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Weißdorn wird seit Urzeiten zur Behandlung körperlicher Beschwerden genutzt. So gilt als ältestes Zeugnis der besonderen geistigen Kraft, die dem Weißdorn zugeschrieben wurde, ein hethitisches Gebet von 1500 vor Christus. Auch die nordamerikanischen Indianer kannten ihn als Mittel zur allgemeinen Förderung der Gesundheit. Im Europa des frühen Mittelalters kam er unter anderem gegen Gicht, Durchfall und nervöse Anfälle zum Einsatz. Der Bezug zur Herz-Kreislauf-Gesundheit wurde etwa ab dem 14. Jahrhundert hergestellt.

Aufgrund vieler neuer Erkenntnisse zu den Wirkungen und der Bedeutung für die Pflanzenheilkunde – seit 1990 ist die Wirkung wissenschaftlich bewiesen – wurde der Weißdorn nun vom Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2019 gewählt.

Sagenumwoben

„Wenn der Weißdorn blüht im Hag, wird es Frühling auf einen Schlag“, besagt eine alte Bauernregel. Aber nicht nur als Frühlingsbote ist der Weißdorn bekannt.

In vielen Mythen und Sagen wird die Pflanze mit (Zauber-)Schlaf in Verbindung gebracht. So soll sie etwa Dornröschen in den hundertjährigen Schlaf geschickt haben, und auch der Zauberer Merlin fiel der Überlieferung nach unter einer Weißdornhecke in einen tiefen Schlaf.

In Island wird der Weißdorn heute noch Schlafdorn genannt und die Orte, an denen er wächst, gelten als heilig. Elfen und gute Feen sollen hier wohnen und dürfen nicht gestört werden. Selbst einzeln in der Flur stehende Bäume der Art sollen schon als Grund gedient haben, Bau- oder Straßenprojekte auf der Insel abzuändern oder ganz auf sie zu verzichten.

Auch das britische Königshaus ist in die Sagenwelt rund um den Weißdorn verstrickt. Zu verdanken hat es dies einem uralten, in Glastonbury in England wachsenden Weißdornbaum, der der Legende nach der hier ausgewurzelte Wanderstab des Joseph von Arimathia ist, der den Abendmahlskelch vom Heiligen Land nach England brachte. König Artus, der den Kelch als Heiligen Gral hütete, ließ sich jedes Jahr einen blühenden Zweig von diesem Weißdorn bringen. Ihm gleich pflegt Buckingham Palace bis zum heutigen Tag diesen Brauch und erhält immer zu Weihnachten einen Blütenzweig von diesem Baum. Im Palast schmückt er traditionell die Festtafel der Queen.

Klein, knorrig, stachlig

Weißdornblüten. (Foto: Eugene Zelenko/​Wikimedia Commons)

Der Weißdorn ist ein sommergrüner Strauch oder kleiner Baum mit dornigen Ästen und knorrigem Wuchs, der maximal zwölf Meter Höhe erreicht. Er gehört wie die Heckenrose, der Apfelbaum und der Brombeerstrauch zur Familie der Rosengewächse (Rosacae) und wächst in den gemäßigten Klimazonen Nordamerikas, Europas und Asiens. Er mag kalkhaltige Böden, liebt Sonnenlicht und kommt in Hecken, Gebüschen, lichten Laub- und Kiefernwäldern sowie Gärten und Parks vor. Als Tiefwurzler verträgt er auch Trockenheit.

Weltweit gibt es mehrere hundert Weißdornarten, circa 20 davon in Europa. In Deutschland sind drei Ursprungsarten heimisch. Der Zusatz „Ursprung“ bezieht sich auf die Neigung der Weißdornarten zu bastardieren, also sich wild zu kreuzen. Die dadurch entstehenden Unterarten und Varietäten sind selbst für Experten schwer zu unterscheiden geschweige denn zweifelsfrei zu bestimmen.

Die Äste und Zweige des Weißdorns sind mit bis zu zweieinhalb Zentimeter langen dornenartigen Kurztrieben besetzt. Die tief gelappten, ovalen bis rautenförmigen Blätter sind oft etwas gesägt. Von Ende April bis in den Juni hinein trägt der Weißdorn weiße bis rosafarbene, seltener rote Blüten – beim Rotdorn handelt es sich um eine Zuchtform des Weißdorns. Die Weißdornblüten riechen etwas streng, laut Definition des Deutschen Arzneibuchs „nach Mäuseurin“. Die beerenartigen essbaren Früchte reifen im August und September und bleiben oft bis in den Frühling hinein am Baum. Sie sind rot oder orange, in ihrer Konsistenz mehlig und schmecken säuerlich-süß.

Alle Weißdornarten sind ein wertvolles Vogelschutz- und Nistgehölz und eine viel besuchte Bienenweide. In Mitteleuropa bieten Weißdorne für rund 150 Insektenarten, gut 30 Singvogelarten und viele kleine Säugetiere eine Lebensgrundlage.

Ein Weißdornbaum kann mehrere hundert Jahre alt werden.

Gegen Altersherz und Nervosität

Die getrockneten Blüten, Blätter und Früchte werden heutzutage als Tee oder alkoholischer Auszug bei Herz- und Kreislaufstörungen angewendet. Medizinisch wirksame Inhaltsstoffe des Weißdorns sind Procyanidine und Flavonoide. Diese erweitern die Herzkranzgefäße und bewirken so eine gesteigerte Durchblutung des Herzmuskels. Außerdem sorgen sie für eine leichte Erhöhung der Herzleistung, indem sie die Schlagkraft und den peripheren Widerstand verringern. Des Weiteren wirken die Inhaltsstoffe des Weißdorns regulierend auf Bluthochdruck.

Besonders für Menschen mit leichter Herzschwäche – umgangssprachlich auch Altersherz genannt – aber auch für stressgeplagte Menschen mit Druck und Beklemmungsgefühlen in der Herzgegend sind Weißdornextrakte das Mittel der Wahl, allein schon wegen der Unbedenklichkeit und sehr guten Verträglichkeit dieser Arzneipflanze. Auch bei leichten Herzrhythmusstörungen kann Weißdorn eingesetzt werden.

In der Volksmedizin finden Weißdorn-Blätter und -Blüten aber auch breitere Anwendung – zum Beispiel bei Nervosität.

Jörg Parsiegla

 

Weitere Informationen: www.klostermedizin.de


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