Kleingewässerreport

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2022, Seite 1

Der Berliner Kleingewässerreport zeigt alarmierende Zustände auf

Zugewachsener Krugpfuhl in Französisch-Buchholz: Von Amphibien keine Spur. (Foto: BUND Berlin)

Der Fennpfuhl in Lichtenberg, der Schäfersee in Reinickendorf und das Engelbecken in Mitte haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind beliebte Ausflugsziele. Flanieren, Ruhe tanken, die Natur am Wasser genießen, das wünschen sich viele Bürgerinnen und Bürger. Doch der Zustand der Sölle und Seen, der Tümpel und Teiche in Berlin ist durchwachsen, und ihr Bestand ist in einigen Fällen sogar gefährdet.

Zu diesem Ergebnis kommt der neue Kleingewässerreport. Darin untersuchen Naturschützer vom BUND insgesamt 353 der mehr als 700 Kleingewässer in Berlin. Kleingewässer – das sind stehende Gewässer mit einer Oberfläche unter einem Hektar und Fließgewässer mit einem Einzugsgebiet unter zehn Quadratkilometern. Auf diese Definition stützt sich der Bericht. In der Praxis lässt es sich mitunter schwieriger abgrenzen. Denn, zugespitzt formuliert, welche Pfütze war einmal ein Pfuhl und in welchem Graben plätscherte einst ein Bach?

Das sind Fragen, die sich die Naturschützer bisweilen stellen. „Der Bericht ist schon alarmierend“, sagt Benedikt Lux, umweltpolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus. Gut die Hälfte der untersuchten Gewässer sei in mangelhaftem Zustand – aus seiner Sicht ein Ergebnis der andauernden Unterfinanzierung seit Beginn der 2000er Jahre. „Wir müssen mehr tun“, sagt Lux. Auch, weil die Wasserrahmenrichtlinie, ein EU-Gesetz, klare Vorgaben macht: Seit Ende 2015 müssen sich alle Gewässer in einem guten ökologischen und chemischen Zustand befinden. Erreicht wurde dieses Ziel bis heute nicht. Sara Lühmann von der Berliner Senatsumweltverwaltung nennt einen Grund dafür: „In deutschen Flüssen und Bächen werden beispielsweise die strengen Normen für Quecksilber flächendeckend nicht erreicht.“ Und das ist nur ein Aspekt der Wasserqualität.

Wo sind die Amphibien?

Tatsächlich leiden viele Kleingewässer vor allem unter einem Problem: Wassermangel. Gewässer drohen zu verlanden oder sind bereits trockengefallen. Ein Beispiel: der Krugpfuhl in Französisch Buchholz. „Ich hatte gelesen, dass es dort ein Amphibienparadies geben soll“, sagt Norbert Prauser vom BUND Berlin. Vor Ort war von Amphibien weit und breit keine Spur: „Es war fast alles zugewachsen und verwaldet“, berichtet der Umweltschützer. Die Hönower Weiherkette? „Alle zwölf Gewässer sind komplett trockengefallen“, sagt Prauser. Den Schwarzwassersee nördlich von Blankenfelde ereilte ein ähnliches Schicksal: Als die Zuflüsse nach und nach umgeleitet wurden, wuchs der See, einst so groß wie der Lietzensee, zu, er verlandete. „Seit 2015 ist er nicht mehr existent“, sagt Prauser. Die Belehrungsschilder vor Ort – sie sind nur noch ein Relikt aus längst vergangener Zeit.

Dabei haben Kleingewässer wichtige Funktionen im Ökosystem. Sie beherbergen eine Vielzahl verschiedener Pflanzen- und Tierarten. Hier leben Vögel und Libellen, aber auch Muscheln, Schnecken und Amphibien. Kleingewässer speichern Wasser und tragen so dazu bei, bei Starkregen oder in Dürrezeiten extreme Wetterlagen auszugleichen. Nicht zuletzt bieten sie beliebte Rückzugsorte, vor allem in der Stadt.

Teure Entschlammung

Diese natürlichen Refugien haben auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Einige Gewässer sind inzwischen fast vollständig von Schilf überwuchert, sagt Prauser. „Das ist eine tolle Pflanze zur Wasserreinigung, aber Schilf saugt auch viel Wasser. Man muss es kontrollieren.“ Was früher von Nutzen war, denn Schilf war bis in die 50er Jahre hinein ein begehrter Rohstoff, hat sich inzwischen zu einem zusätzlichen Kostenfaktor bei der Pflege und Unterhaltung der Kleingewässer entwickelt.

Gleiches gilt für die bisweilen notwendigen Entschlammungsmaßnahmen. Ungefähr ein Drittel der Kleingewässer muss alle 20 bis 30 Jahre entschlammt werden, erläutert Prauser. Der Aufwand dafür ist enorm: Bis zu 200.000 Euro kann die Entschlammung eines Gewässers kosten. Andernorts können noch weitere, größere Gewässerunterhaltungsmaßnahmen erforderlich sein, wie beispielsweise am Wilhelmsruher See. Hier nannte das Bezirksamt Pankow auf Anfrage der Senatsverwaltung mögliche Kosten von bis zu zwei oder sogar drei Millionen Euro – bei einem derzeit verfügbaren Jahresetat von 10.000 Euro.

Lösungen für die Kleingewässer gibt es durchaus, doch sie hängen im Wesentlichen am Budget. „Seit Anfang der 2000er Jahre sind sie unterfinanziert“, sagt Lux. Das Budget, das den Bezirken zur Verfügung steht, ist niedrig. Der Bezirk Mitte ist zum Beispiel für neun Kleingewässer zuständig und kalkuliert für deren Pflege mit knapp 35.000 Euro jährlich. Um die Gewässer in einen guten Zustand zu versetzen, müsste das Budget deutlich aufgestockt werden. „Für die Bereitstellung von Voruntersuchungen, für Planung und die Vergabe weiterer ausführender Leistungen wären neben zusätzlichem Personal schätzungsweise mindestens 100.000 Euro zu veranschlagen“, sagt Christian Zielke vom Bezirksamt Mitte. Eine vage Schätzung, auch weil sich Restaurierungsmaßnahmen, wie etwa die Entnahme des Faulschlamms, „schnell mal um ein Vielfaches erhöhen können“, wie Zielke erklärt.

Wasserbetriebe in der Verantwortung

Norbert Prauser vom BUND sieht auch einen Konflikt in den Zuständigkeiten. „Mit der Bezirksreform 2001 hat der Senat 212 Kleingewässer an die Bezirke abgegeben“, sagt er. „Man hat den Bezirken das so aufgedrückt.“ Inzwischen fällt noch ein Drittel der Berliner Kleingewässer in die Unterhaltspflicht des Senats, andere befinden sich in privater Hand oder in der Zuständigkeit der Berliner Wasserbetriebe.

Genau die möchte Lux stärker in die Verantwortung nehmen: „Die Gewinne der Wasserbetriebe sollten für die Pflege und Unterhaltung der Gewässer genutzt werden.“ Immerhin mehr als 100 Millionen Euro fließen pro Jahr von den Wasserbetrieben an das Land Berlin – diese Mittel würden Bezirken und Unternehmen die nötige Planungssicherheit für die Pflegemaßnahmen bieten, sagt der Grünen-Abgeordnete.

Auch bei der Bautätigkeit sieht Lux Handlungsbedarf: „Wir müssen massiv entsiegeln und Versiegelung teurer machen.“ Denkbar seien eine zusätzliche Abgabe für Versiegelung, stärker zielgerichtete Ausgleichsmaßnahmen, mehr Personal in bezirklichen Straßen- und Grünflächenämtern. „Das Ziel ist eine Netto-Null-Versiegelung für 2030, wie sie im Koalitionsvertrag steht“, sagt Lux.

Mehr Wasser für Kleingewässer

Dabei zeigen einige Initiativen, dass etwas getan wird. Seit Mai 2020 sind Rangerinnen und Ranger berlinweit im Einsatz – für Norbert Prauser ist das von der Stiftung Naturschutz Berlin getragene Projekt ein hoffnungsvoller Ansatz. Je zwei Ranger sind in jedem Bezirk unterwegs, im Bezirk Pankow sind es sogar vier. Ihre Aufgaben sind nicht immer gleich und betreffen auch nicht nur die Kleingewässer. Die Ranger überprüfen beispielsweise den Vermüllungsgrad, sie kontrollieren den Wasserstand der bezirkseigenen Gewässer und dokumentieren dort lebende Amphibienarten.

In der Alten Spinnerei in Zehlendorf erobert die Natur die Kleingewässer zurück. (Foto: BUND Berlin)

Auch die Senatsverwaltung sucht nach Maßnahmen, mit denen sich unter anderem der Wasserhaushalt verbessern lässt. Ziel sei es, „Flächen, die derzeit in die öffentliche Regenkanalisation einleiten, abzukoppeln und das Regenwasser naheliegenden Kleingewässern zuzuführen“, erläutert Sara Lühmann. Das heißt: Mehr Wasser für die Kleingewässer.

Auch die Hönower Weiherkette soll vor dem Austrocknen gerettet werden. Hier hat der Senat Mittel für eine Studie bereitgestellt, um herauszufinden, welche Maßnahmen überhaupt machbar sind. Erst wenn in einigen Monaten die Ergebnisse vorliegen, seien „Aussagen zu Art, Umfang und Kosten der Maßnahmen“ möglich, sagt Lühmann.

Norbert Prauser bleibt optimistisch: „Es ist nicht nur eine einzige Katastrophe.“ Im Botanischen Garten, im Britzer Garten, im Tierpark und in der Alten Spinnerei in Zehlendorf erobert sich die Natur ihre Kleingewässer zurück. „In der Alten Spinnerei hat jahrzehntelang kein Mensch die Becken betreten“, erzählt Prauser. So sind viele Lebensräume für Tiere und Pflanzen neu entstanden – und darunter auch einige Amphibienparadiese.

Sandra Diekhoff

Weitere Informationen:
www.bund-berlin.de (Publikationen – Kleingewässerreport)
www.bln-berlin.de (Kooperationsprojekte – Kleingewässer)

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