Klima-Folgen

Aus DER RABE RALF August/September 2021, Seite 7

Folge 4: Wie die Klimakrise Zoonosen wahrscheinlicher macht

Die Asiatische Tigermücke überträgt Virenkrankheiten und breitet sich in Deutschland aus. (Foto: James Gathany/Centers for Disease Control and Prevention)

Dass die Erderhitzung zu schmelzenden Gletschern, Überschwemmungen, Dürren und Waldbränden führt, ist den meisten Menschen bewusst. Doch die Klimakrise hat auch gesundheitliche Folgen. Zuerst mag man dabei vielleicht an Tote und Verletzte durch Naturkatastrophen oder Hitzewellen denken, jedoch sind die Auswirkungen viel elementarer. Denn auch Infektionskrankheiten, darunter gefährliche Zoonosen, werden durch das veränderte Klima beeinflusst.

Zoonosen werden durch Krankheitserreger ausgelöst, die sowohl Menschen als auch Tiere infizieren können. Zoonosen sind vom Menschen auf Tiere übertragbar, aber auch von Tieren auf Menschen. Zoonotische Erreger können auf den unterschiedlichsten Wegen übertragen werden, dazu gehören Schmierinfektionen, Bissverletzungen, Ektoparasiten wie etwa Mücken oder Zecken, aber auch Viren und Bakterien.

Tiere und Menschen auf engem Raum

Schon seit Jahren warnen WissenschaftlerInnen, dass immer häufiger Krankheiten auftreten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden. Mittlerweile sind 70 Prozent aller Infektionskrankheiten des Menschen Zoonosen. Die meisten werden von Wildtieren übertragen, Nagetiere gehören dabei zu den häufigsten Überträgern. Nach Auswertung von Daten des globalen Netzwerks für Infektionskrankheiten und Epidemiologie, GIDEON, kam heraus, dass es von 1980 bis 1985 knapp 1000 außergewöhnlich starke Ausbrüche von Infektionskrankheiten gab. Im Zeitraum von 2005 bis 2010 waren es dagegen fast dreimal so viele. Wie ist der drastische Anstieg zu erklären? Und warum nehmen zoonotische Infektionskrankheiten zu?

Je enger Lebewesen zusammenleben, desto besser können sich Krankheiten verbreiten – das gilt auch für Zoonosen. Ein wichtiger Grund für die Zunahme von zoonotischen Infektionskrankheiten ist also die Nähe von Menschen und Tieren. Der Mensch dringt immer mehr in die Lebensräume von wildlebenden Tieren ein, zum Beispiel durch die Rodung von Regenwald, um auf der gerodeten Fläche Nutztiere zu halten. Das führt in den schrumpfenden Naturgebieten zu mehr Kontakt von Tieren untereinander, aber auch der Mensch rückt mit seinen Nutzflächen näher an die Wildtiere heran.

In Indonesien werden beispielsweise riesige Waldflächen gerodet, um dort Ölpalmen-Plantagen anzulegen. Dadurch werden Fledermäuse vertrieben, die sich dann eine neue Heimat suchen müssen. Die finden sie auch – auf Obstbäumen. Die Fledermäuse können jedoch das Nipah-Virus übertragen, das so nun an das Obst gelangt. Über das Obst infizieren sich Menschen. Rund die Hälfte der Infizierten stirbt an dem gefährlichen Virus.

Ein weiterer Grund für die Zunahme von Zoonosen ist die Entstehung von neuen Virenvarianten durch die Globalisierung. Durch den Verkehr von Waren, Tieren und Menschen über Kontinente hinweg vermischen sich Virenstämme und bringen Mutationen hervor, denen die Immunsysteme von Tieren und Menschen mitunter hilflos ausgeliefert sind.

Wärmeres Klima begünstigt Überträger

Auch die Erderhitzung trägt zum Anstieg von Zoonosen bei. Durch klimatische Veränderungen können sich Krankheitsüberträger in neue Gebiete ausbreiten, wo diese Krankheiten dann eine zusätzliche Gefahr darstellen. Die Anopheles-Mücke breitet sich durch die wärmeren Temperaturen beispielsweise immer mehr nach Norden aus, wodurch die Fieberkrankheit Malaria in Regionen auftritt, in denen sie früher unbekannt war.

Durch die Klimakrise ändern sich also die Bedingungen für Erreger und Überträger zoonotischer Erkrankungen. Viele Infektionserreger, vor allem Stechmücken- und Zeckenarten, werden durch höhere Temperaturen begünstigt. Wenn es als Folge der Klimakrise in Europa wärmer wird, könnten sich diese auch in unseren Breiten ansiedeln.

Ein weiterer Grund für die Ausbreitung von zoonotischen Erregern ist die industrielle Tierhaltung. Zum einen kann es in Anlagen der Massentierhaltung leicht zur Übertragung von Infektionserregern kommen, da dort Tausende Tiere derselben Art auf engstem Raum leben. Zum anderen besteht ein erhöhtes Risiko für Zoonosen dort, wo die Futterpflanzen für die Tiere angebaut werden. Wenn in Südamerika Regenwald abgeholzt wird, um dort Sojaplantagen für europäische Massentierhalter anzulegen, fördert auch das die Übertragung von Zoonosen.

Teil eines viel größeren Problems

Der globalisierte Verkehr wird nach dem Abflauen der aktuellen Pandemie schnell wieder zunehmen, die Zerstörung von Wildtier-Lebensräumen geht weiter, die Klimakrise schreitet voran – und damit steigt auch das Risiko für mehr zoonotische Infektionskrankheiten. Denn all das hängt miteinander zusammen und zeigt, dass es hier um ein viel größeres, strukturelles Problem geht. Um das zu ändern, müssen ganz andere Prioritäten gesetzt werden. Statt rücksichtslose Profite zu erlauben, sind Investitionen in die Nachhaltigkeit und damit automatisch in die Gesundheit nötig.

Die Politik hat diese Zusammenhänge bis jetzt meist gekonnt ignoriert, doch Ende letzten Jahres brachte UN-Generalsekretär António Guterres das Problem einmal auf den Punkt, indem er die engen Zusammenhänge zwischen dem voranschreitenden Klimawandel, der exzessiven Tiernutzung und dem daraus bedingtem erhöhtem Pandemierisiko aufzeigte.

Wachsende Gefahr zerstört auch das Rettende

Das Problem ist also erkannt, aber welche Maßnahmen können ergriffen werden, um die Ausbreitung von Zoonosen zu verringern? Klar ist, dass der Handel mit Wildtieren streng reguliert werden muss. Entwicklungsländer sollten bei diesem Vorhaben unterstützt werden. Des Weiteren sind internationale Abkommen zu nachhaltigen Lieferketten notwendig, in denen beispielsweise festgeschrieben ist, dass für die Produktion von Rohstoffen und Gütern kein Lebensraum zerstört werden darf.

Zentraler Aspekt, um Zoonosen zu verhindern, ist natürlich der Schutz von Ökosystemen und der biologischen Vielfalt. Das gilt umso mehr, als die Hälfte der Menschheit pflanzliche Arzneimittel verwendet und auch moderne Medikamente auf natürlichen Wirkstoffen beruhen. Zerstören wir also weiter die Biodiversität auf unserem Planeten, steigt das Risiko zoonotischer Krankheiten, während die Grundlage vieler Arzneimittel wegbricht – eine Zangensituation für den Menschen. Schlussendlich muss also unser Umgang mit der Natur grundlegend neu gedacht werden.

Kora Stehr

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