Klima-Folgen

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2021, Seite 10

Teil 5: Die Atomindustrie preist sich als Klima-Lösung an – das Gegenteil ist der Fall

Demonstration im März dieses Jahres in Berlin-Mitte. (Foto: Bernd Sauer-Diete/Umbruch Bildarchiv)

Die Hochwasserkatastrophen in Westdeutschland und die Brände in Südeuropa haben uns in diesem Jahr dramatisch vor Augen geführt, dass der Klimawandel bereits Wirklichkeit ist. Und der neue Bericht des Weltklimarats IPCC vom August hat keinen Zweifel mehr daran gelassen, dass „menschliches Handeln die Atmosphäre erwärmt hat“ und wir den CO₂-Ausstoß sofort verringern müssen, um noch größere Wetterkatastrophen zu vermeiden.

Atomkraft ist kein Klimaretter

Trotz der Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima preist sich die Atomindustrie neuerdings als Retterin in der Klimakrise an. Sie verlangt eine Einstufung als nachhaltige, „grüne“ Technologie in der sogenannten EU-Taxonomie, um an milliardenschwere Förderung heranzukommen. Es wäre aber fatal, Atomkraft als nachhaltig zu klassifizieren. Denn Atomenergie ist aus mehreren Gründen kein Klimaretter und nicht nachhaltig.

So stimmt es zwar, dass Atomkraftwerke mit 104 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde Strom deutlich weniger Treibhausgase emittieren als Kohle- oder Gaskraftwerke. Es stimmt auch, dass weltweit gerade 53 Atomreaktoren im Bau sind, davon allein 18 in China. Im Jahr 2019 hatte Atomkraft aber nur einen Anteil von 4,3 Prozent an der weltweiten Energieerzeugung, die Kohle kam auf 27 Prozent. Derzeit laufen weltweit 415 Atomkraftwerke – da kann jeder ausrechnen, wie viele AKWs man bauen müsste, um die klimaschädliche Kohle zu ersetzen: 2600.

Ein solch massiver Ausbau würde das Sicherheitsrisiko dramatisch vergrößern und die jeweiligen Staaten wirtschaftlich enorm belasten. Denn vor allem aus wirtschaftlichen Gründen haben etliche Länder ihre AKW-Neubauprogramme abgebrochen oder ausgesetzt: Chile, Indonesien, Jordanien, Litauen, Südafrika, Thailand und Vietnam. Jeder achte Neubau der Nukleargeschichte wurde vor seiner Inbetriebnahme aufgegeben, wie der „World Nuclear Industry Status Report“ auflistet – mit dramatischen finanziellen Auswirkungen für die Atomkonzerne. Der historisch wichtigste AKW-Bauer Westinghouse aus den USA musste 2018 Insolvenz anmelden, die französische Areva, die sich selbst zum „Weltmarktführer der Atomenergie“ ernannt hatte, musste im selben Jahr vom Staatskonzern EDF übernommen werden, um die Insolvenz abzuwenden. Areva hatte über sechs Jahre einen Verlust von 10,5 Milliarden Euro angehäuft.

AKW-Neubauten immer teurer

Verursacht haben die finanziellen Schwierigkeiten zum großen Teil Neubauprojekte der sogenannten dritten AKW-Generation: Im finnischen Olkiluoto wird unter Federführung von Areva – inzwischen umbenannt in Orano – der erste „Europäische Druckwasserreaktor“ (EPR) gebaut. Baubeginn: 2005, geplante Fertigstellung: 2009, kalkulierte Kosten: drei Milliarden Euro. Nach heutigem Stand soll der Reaktor im kommenden Jahr fertig werden, 13 Jahre später. Die Kosten liegen zurzeit bei elf Milliarden Euro.

Ein weiterer EPR ist in Flamanville in Frankreich in Bau. Baubeginn: 2007, geplante Fertigstellung: 2012. Jetzt soll der Reaktor 2023 ans Netz gehen. Die Kosten werden inzwischen auf knapp 12,4 Milliarden Euro geschätzt. Ende 2018 begann EDF mit dem Bau von Block eins des neuen Atomkraftwerks Hinkley Point C in Großbritannien, ebenfalls vom Typ EPR. Die Kosten wurden auf 9,8 Milliarden britische Pfund veranschlagt – viereinhalbmal so viel, wie ursprünglich für den ersten EPR in Finnland kalkuliert worden war.

Der Bau neuer AKW dauert also viel zu lange und ist viel zu teuer, um zur Lösung der Klimakrise etwas beitragen zu können. Dabei sind die ungelöste Endlagerfrage und die gesundheitsschädigende Uranförderung bei den Kosten noch nicht einmal berücksichtigt. Im Jahr 2020 wurden weltweit fünf Reaktoren ans Netz gebracht – sieben weniger als geplant. Gleichzeitig wurden sechs endgültig stillgelegt.

Neue Reaktorkonzepte mit alten Problemen

Die Atomlobby behauptet, dass die Atomreaktoren der vierten Generation die Lösung seien. Diese Flüssigsalzreaktoren werden allerdings nach einem Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags vor 2060 kommerziell nicht verfügbar sein. Die Klimafrage ist bis dahin längst entschieden.

Auch kleine modulare Reaktoren, kurz SMR, werden neuerdings als Lösung angepriesen. Russland hat 2020 nach 13 Jahren Bauzeit einen schwimmenden Reaktor fertiggestellt. Außerdem sind mehrere Start-up-Designs im Umlauf, darunter von Bill Gates‘ Firma Terrapower, von Nuscale und Rolls-Royce. Durch ihre geringe Größe – in der Regel 300 Megawatt oder weniger – sind sie aber extrem unwirtschaftlich. Außerdem produzieren sie ebenfalls radioaktiven Abfall und sind schwerer zu kontrollieren. Warum die Milliarden Dollar und Euro für ihre Entwicklung nicht gleich in den Ausbau erneuerbarer Energien investieren?

Das gilt auch für die Kernfusion. Am Fusionsreaktor-Projekt ITER ist Deutschland über den Euratom-Vertrag unbefristet beteiligt. Für die Jahre 2007 bis 2035 stellen die Euratom-Staaten mehr als 18 Milliarden Euro dafür zur Verfügung. Mit der Realisierung rechnen selbst Atombefürworter nicht vor Ende des Jahrhunderts.

Atomwaffenfähiges Uran

Hinzu kommt das Risiko der Weiterverbreitung von waffenfähigem Uran. In den bisherigen Atomreaktoren ist die direkte Uran-Entnahme nahezu unmöglich. Dagegen ist beim Thorium-Flüssigsalzreaktor die Materialeinspeisung und -entnahme mittels einer eingebauten Aufarbeitungsanlage fester Bestandteil der Reaktortechnologie. Eine überzeugende technische Lösung, die dabei eine Verbreitung von bombenfähigem Material verhindern könnte, ist bislang nicht in Sicht.

Ende 2022 sollen die letzten AKWs in Deutschland abgeschaltet werden. Einige fordern, das zu verschieben – angeblich zum Klimaschutz. (Foto: Felix König/​Wikimedia Commons)

Nicht zuletzt werden durch den Abbau von Uran ganze Landstriche radioaktiv belastet. Die In-situ-leach-Methode, mit der heute weltweit rund die Hälfte des Urans gewonnen wird, lässt radioaktiv verstrahltes Grundwasser zurück.

Sicher und bezahlbar: erneuerbare Energien

Jeder weitere Euro, der in die Förderung von Atomkraft fließt, verhindert den schnellen Umstieg auf erneuerbare Energien. Rund um den Globus sind sie inzwischen deutlich kostengünstiger als Atomstrom. Auch gegenüber bestehenden Kohlekraftwerken sind sie konkurrenzfähig, wie der 2019 von der Nuclear Free Future Foundation, dem BUND und der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebene Uran-Atlas zeigt. Die Kosten für eine Kilowattstunde liegen zwischen zwei und sechs US-Cent. Das 600-Megawatt-Solarkraftwerk Shuaibah IPP in Saudi-Arabien liefert die Kilowattstunde sogar für 1,04 US-Cent.

In Deutschland kann der gesamte Energiebedarf für Strom, Wärme und Verkehr zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien gedeckt werden, dezentral und zu gleichen Kosten. Das hat eine im April veröffentlichte Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung unter Leitung der Energieökonomin Claudia Kemfert gezeigt. Wir brauchen demnach weder Kohle- noch Atomkraft, sondern einen Systemwechsel zu dezentralen, bürgernahen erneuerbaren Energien. Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren einseitig große Konzerne bevorteilt und die Beteiligung von Bürgern und Genossenschaften an der Energieerzeugung erschwert. Das ist genau der falsche Weg.

Horst Hamm 

Der Autor ist Journalist mit den Schwerpunkten Atomkraft, erneuerbare Energien und Klima. Von 1996 bis 2014 prägte er als Redakteur die Zeitschrift „Natur“. Als leitender Redakteur verantwortet er den 2019 zum ersten Mal erschienenen „Uran-Atlas“. Weitere Informationen: www.nuclear-free.com (Uranatlas)

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