Keine Klimakiller

Aus DER RABE RALF April/Mai 2023, Seite 18

Kühe haben keinen nennenswerten Einfluss auf die Klimakatastrophe. Das Problem liegt woanders

Der Rinderbestand in Deutschland stößt laut einer Studie heute weniger Methan aus als 1892.

In den vergangenen Jahrzehnten ist eine kaum noch überschaubare Zahl an Texten veröffentlicht worden, die Aussagen zur Klimawirkung des Methans machen, das Kühe ausatmen. Für viele ist klar: Kühe sind „Klimakiller“. So gut wie alle diese Veröffentlichungen weisen aber den grundlegenden Fehler auf, dass sie nicht zwischen der Situation vor und nach Beginn der Industrialisierung unterscheiden. Erfreulicherweise gibt es aber seit Kurzem eine Studie, die diese notwendige Differenzierung vornimmt und die von Wissenschaftlern verfasst worden ist, die sich wirklich in der Thematik auskennen.

Immer weniger Rinder

Der etwas sperrige Titel dieser von Björn Kuhla und Gunther Viereck vom Forschungsinstitut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf bei Rostock auf Englisch vorgelegten Arbeit lautet übersetzt: „Verdauungsbedingte Methanemissionsfaktoren, Gesamtemissionen und -intensitäten aus der deutschen Viehhaltung im späten 19. Jahrhundert: Ein Vergleich mit den heutigen Emissionsraten und -intensitäten“. Vom Titel sollte man sich aber nicht abschrecken lassen, der Inhalt ist bahnbrechend.

Ausgangspunkt der Studie sind die ersten Viehzählungen, die in Deutschland durchgeführt worden sind. Die Ergebnisse liegen für die Jahre 1872, 1883 und 1892 vor. Für die jeweiligen Tierzahlen und Nutztierarten berechnen die Autoren die Methan-Emissionen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass der Methanausstoß aus der Nutztierhaltung, hauptsächlich von Rindern, in Deutschland 1883 etwa 898.000 Tonnen betrug und 1892 auf 1.060.000 Tonnen anstieg. 2021 waren es aber nur noch 930.000 Tonnen Methan, die von Kühen freigesetzt wurden.

Hinter diesen Daten verbergen sich unterschiedliche historisch-biologische Prozesse: Zum einen hat die Zahl der Kühe wegen der Abschaffung der Millionen an Arbeitskühen in den 1950er Jahren und wegen des allgemeinen Abbaus der Tierbestände in Ostdeutschland nach Auflösung der DDR stark abgenommen. Andererseits hat durch die Erhöhung der Milchleistung je Kuh der Methanausstoß pro Tier zugenommen. Dies gleicht aber die starke Reduzierung der Tierzahlen nicht aus. Ergebnis: Die Methanemissionen der Kühe sind nicht für den Anstieg der menschengemachten Treibhausgase verantwortlich.

Das „fünfte Element“

Warum werden Rinder also zu Klima-Sündenböcken gemacht? Die Antwort ist kompliziert. Fangen wir mit den Grundlagen an: Als Beginn des Phänomens „menschengemachter Klimawandel“ wird von den meisten Wissenschaftlern die Mitte des 19. Jahrhunderts angegeben. Will man die Ursachen des Klimawandels ermitteln, geht es also um die Frage, wodurch eine Zunahme klimawirksamer Gase in der Erdatmosphäre in den letzten 170 Jahren stattgefunden hat. Die Nutzung fossiler Energiequellen – erst Kohle, dann Öl, Gas und Uran – als ein zentraler Teil der industriellen Entwicklung ist bekanntlich der Hauptverursacher.

Wie ist es aber bei den Kühen, die es ja wie viele andere Wiederkäuer schon seit der Jungsteinzeit auf der Erde gibt? Sie fressen – wie die Auerochsen, ihre „wilden“ Vorfahren – Gras und Kräuter, bei deren Wachstum CO₂ verbraucht wird, und geben als Teil ihres Stoffwechsels CO₂ und Methan wieder ab. Es ist ein Kreislauf. Domestiziert wurden die Rinder nicht in Europa, sondern im Nahen Osten. Weil die Haltung von Rindern unseren Vorfahren viele Vorteile brachte, dehnte sich deren Verbreitungsgebiet zügig aus. Die Rinder erlangten als Zugtiere, als Milch-, Fleisch- und Lederlieferanten eine so grundlegende Bedeutung, dass Kulturwissenschaftler die menschlichen Gemeinschaften auch als „Gesellschaften auf acht Klauen“ charakterisierten. Der österreichische Professor für Tierernährung Alfred Haiger schlug sogar vor, die Rinder wegen ihrer Fähigkeit, Gras und Kräuter zu verwerten, als „fünftes Element“ zu verstehen – neben Feuer, Wasser, Luft und Erde. Die immense Bedeutung der Rinder führte dazu, dass sie bald in sehr großen Stückzahlen gehalten wurden.

Wenn wir uns der Frage zuwenden, ob das von den Kühen abgegebene Methan an der heutigen Veränderung des Klimas beteiligt ist, dann ist vorab auf den Sonderweg der hiesigen Landwirtschaft hinzuweisen. In der Landwirtschaft begann die Industrialisierung nicht um 1850, sondern etwa 100 Jahre später. Bis dahin blieben die Arbeitsprozesse mehrheitlich handwerklich. Die Zugkraft lieferten fast ausschließlich Pferde und Kühe, die Arbeitsmittel wurden vor allem von örtlichen Handwerkern hergestellt. Noch 1950 machte der Anteil der Traktoren an der landwirtschaftlichen Zugkraft nur etwa 20 Prozent aus.

Verdrängt und weggesperrt

Die Historikerin Veronika Settele hat kürzlich ein hervorragendes Buch vorgelegt: „Deutsche Fleischarbeit. Geschichte der Massentierhaltung von den Anfängen bis heute“. Darin hebt die Autorin hervor, dass Vorstellungen von einer massenhaften Haltung von Nutztieren schon früh entwickelt worden sind, ihre Umsetzung aber erst mit der Industrialisierung der Landwirtschaft möglich wurde. Noch bis in die 1950er Jahre war die große Mehrheit der Menschen mit der Haltung von Nutztieren vertraut. Fragen Sie mal Ihre Großeltern, was sie in ihrer Jugendzeit kennengelernt haben von Gartenwirtschaft und Landwirtschaft, von der Haltung von Hühnern, Kaninchen, Ziegen, Schweinen und Kühen, wie wichtig es war, mit der eigenen Hauswirtschaft Lebensmittel herzustellen. Kartoffeln und Möhren wurden eingelagert, Weißkraut zu Sauerkraut verarbeitet, Gemüse eingekocht, Kaninchen, Geflügel, Schweine geschlachtet, in Dosen oder Gläsern haltbar gemacht, als Schinken oder Wurst geräuchert und getrocknet. Nicht zufällig hießen in jener Zeit Lebensmittelgeschäfte noch „Kolonialwarenladen“, an Supermärkte mit ihren allumfassenden und selbstverständlich wirkenden Angeboten war noch nicht zu denken.

Und auch das sei nicht ausgespart: Das Schlachten der Nutztiere war immer ein Vorgang, den man vom Ablauf her praktisch lernen musste, mit dem sich aber jeder vor allem emotional auseinandersetzen musste. Aber wenn es ein notwendiger Teil der eigenen Versorgung mit guten Lebensmitteln ist, wenn die Eltern und Nachbarn einen dabei unterstützen, gehört es einfach dazu. Darin eingebunden sind auch die ethischen und religiösen Erklärungen für das, was Nahrung ist, wie Nahrung hergestellt werden muss und was als Nahrung abgelehnt wird.

Verlorenes Wissen

Das Wissen um die Haltung der Nutztiere, ihre Ansprüche an Futter, Wasser, Pflege und Zuwendung war bis in die 1950er Jahre umfassend verbreitet. Die Tiere waren sichtbar, ein normaler Teil des Lebens in Stadt und Land. Auf dem Land waren um 1950 noch knapp 25 Prozent aller Erwerbstätigen in der Landwirtschaft tätig. Aber auch in kleinen und größeren Städten waren Tierhaltung, Gartenwirtschaft und eigene Hauswirtschaft überaus weit verbreitet. Bekannt sind vielleicht noch die „Stockwerkskühe“, die in Berlin die Milchversorgung ermöglichten. Auch in den Flüchtlingssiedlungen, die allerorts Anfang der 50er Jahre angelegt wurden, waren Flächen für die Gartenwirtschaft und Ställe für die Tierhaltung eine Selbstverständlichkeit. Nur wer sehr arm war, hatte keine eigene Hauswirtschaft und keine eigene Tierhaltung.

In den 60er Jahren begann die Spezialisierung der Landwirtschaft. Immer mehr Höfe schafften die Tiere ganz ab, die anderen konzentrierten sich auf eine Tierart, die dann in immer größerer Stückzahl gehalten wurde. In allen westlichen Bundesländern gab es sogenannte Aussiedlungsprogramme, wo die Höfe in industrialisierter Bauweise außerhalb der Siedlungen neu errichtet wurden. Immer seltener wurden die Haushalte, die selbst noch den Garten bewirtschafteten, Hühner und Schweine hielten. Wo es sie noch gab, sorgten die Dorfverschönerungsprogramme für die beschleunigte Abschaffung der Kleintierhaltung. Als Teil der Intensivierung der Tierhaltung wurde die Weidehaltung der Sauen und die der Kühe immer mehr eingeschränkt. Das Verschwinden der Nutztiere aus den Dörfern und Siedlungen, die ganzjährige Stallhaltung von Geflügel, Schweinen und Kühen ließ die Nutztiere auch aus der Wahrnehmung der Bevölkerung verschwinden. Die eigene Hauswirtschaft einschließlich der Tierhaltung war kulturell nicht mehr angesehen, sondern wurde zu etwas, mit dem man nichts mehr zu tun haben wollte.

Eine Intensivierung fand auch in der Landwirtschaft der DDR statt, ihr Verlauf unterschied sich aber deutlich von dem in Westdeutschland. Mangels eigener Erfahrung und nur bescheidener Kenntnisse hoffe ich, dass dies von jemand Sachkundigerem beschrieben wird.

Entfremdete Verbraucher

Die Ausgrenzung der Tierhaltung aus dem bisherigen Lebenszusammenhang ging lange Zeit einher mit einer Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit gegenüber den neuen Formen, in denen die Tiere in den zunehmend spezialisierten Landwirtschaftsbetrieben gehalten wurden.

Es waren schließlich die Legehennen, die mithilfe der Käfighaltung als erste in eine industrialisierte Haltungsweise eingepfercht worden waren, die zum Ausgangspunkt der Debatte um die „modernen Formen der Tierhaltung“ wurden. Nicht durch Bürgerinitiativen oder Tierschutzverbände, sondern durch einen Zoodirektor und einen Fernsehjournalisten, Bernhard Grzimek und Horst Stern. Die Öffentlichkeit interessierte sich viele Jahre kaum für das Thema. Die Tiere waren in die Ställe verbannt worden und aus der Wahrnehmung fast aller Menschen verschwunden, Lebensmittel waren erstmals jederzeit verfügbar und preiswert. Agrartechnik und Agrarwissenschaft „optimierten“ die Haltungsform mit dem Ziel der Vereinfachung, Arbeitseinsparung und hoher Erträge. Die meisten Landwirte hatten sich lange gegen die Industrialisierung gewehrt, doch nun erschien ihnen die Intensivierung und Bestandsvergrößerung als der einzig mögliche Weg, um über die Runden zu kommen (Rabe Ralf August 2022, S. 15).

Galloway-Rind auf der Weide. (Fotos: Johann Thun)

Sehr schwierig war es für die anfangs wenigen Betriebe, die dabei nicht mitmachen wollten. Ihre Umstellung beispielsweise auf biologische Landwirtschaft machte sie jahrelang zum Gespött der Medien, der Wissenschaft, der Verwaltung. Sie konnten ihren Weg nur gehen, weil sich auch Verbraucherinnen und Verbraucher fanden, die anders erzeugte Lebensmittel und einen anderen Umgang mit den Tieren forderten.

Die breite Öffentlichkeit interessierte sich dafür nicht. Nach zwei Generationen ohne direkten Umgang mit den Tieren war es zu einer Entfremdung gekommen – die frühere Vertrautheit und grundlegende Kenntnisse waren verlorengegangen. Aus diesem Grund geschah auch auf der politischen Bühne jahrzehntelang so gut wie nichts. Welche Parteien auch immer an der Regierung beteiligt waren, die Agrarpolitik blieb im Fahrwasser der Intensivierung und Kostensenkung.

Langsames Erwachen

Nachdem über viele Jahre zahllose Veröffentlichungen kritischer Wissenschaftler über die verbreiteten Schäden bei Tieren in den intensiven Haltungsformen erschienen, ohne Änderungen zu bewirken, entstand in den 90er Jahren ein neues Interesse in der Öffentlichkeit für die Lage der Tiere. Heimlich gemachte Aufnahmen aus den Ställen lieferten schockierende Informationen, Bürgerinitiativen wehrten sich gegen immer neue Massentierhaltungsanlagen. Schließlich reagierte auch der Einzelhandel mit Tierschutz-Vorgaben für die Hersteller der Lebensmittel.

Viele Landwirte waren geradezu verblüfft über die Heftigkeit der Kritik. Hatten sie nicht alles so gemacht, wie es Agrarwissenschaftler und Politiker von ihnen verlangt hatten? Und dann griffen sogar die Gerichte ein und erklärten wegen Untätigkeit der Veterinärverwaltung das Einbrechen in Ställe zu Dokumentationszwecken für vertretbar. Es dauerte lange, bis auch die Landwirte zu einem neuen Verständnis ihrer Arbeit finden konnten.

Erschwerend kam hinzu, dass sie jetzt in sehr großen Ställen, mit sehr großen Tierzahlen wirtschaften mussten, und das mit sehr wenigen Arbeitskräften und sehr hoher Arbeitsbelastung. Was ist unter solchen Systemzwängen schon an Veränderung möglich? Hinzu kommt, dass die Preise, die landwirtschaftliche Betriebe für ihre Erzeugnisse erlösen können, auch ohne Krise so niedrig sind, dass eine Umstellung der Tierhaltung kaum wirtschaftlich ist. Deshalb warten alle auf die Umsetzung einer Empfehlung der sogenannten Borchert-Kommission, die noch von der Merkel-Regierung eingerichtet worden ist. Damit sollen der Neubau von Ställen und – im Rahmen von langfristigen Verträgen – die Übernahme erhöhter Kosten der verbesserten Tierhaltung durch die öffentliche Hand sichergestellt werden. Das ist zwar angekündigt, aber noch offen.

Die Alternativen sind da

Was kann man in dieser Situation als „Verbraucher“ tun? Sich informieren und, vor allem, sich mit den Landwirten zusammensetzen, mit ihnen reden, die Sicht der anderen kennenlernen. Hofbesuche sind nach Ankündigung bei den meisten landwirtschaftlichen Betrieben möglich, nur sie ermöglichen eine Inaugenscheinnahme der Tierhaltung – und das wäre nun wirklich wichtig!

Wer trotzdem bei seiner Ablehnung der Nutztierhaltung bleibt, der hat das gute Recht dazu. Früher musste man mit den Tieren leben, heute muss man das nicht mehr. Wer aber an erprobten und sicheren Formen der Ernährung festhalten will, wer nicht zukünftig auf Nahrung aus den Retorten der Industrie angewiesen sein will, der engagiere sich bei den vielen Formen der Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Verbrauchern – von der „solidarischen Landwirtschaft“ bis zur „Biokiste“.

Diejenigen, die an „Urban Gardening“ beteiligt sind, haben noch eine zusätzliche Möglichkeit, wieder einen Zugang zu Nutztieren zu finden. Beim Gärtnern, bei der Verarbeitung von Gemüse, bei der Zubereitung von Lebensmitteln entstehen immer reichlich Abfälle. Bestenfalls landen sie auf dem Kompost, oft aber in der Biotonne. Viel nützlicher – und vor allem spannender – ist es, diese vielen Abfälle aus Garten und Küche als Grundlage für eine kleine eigene Hühnerhaltung zu nutzen. Natürlich sollte man vorher klären, ob das rechtlich für den Wohnort zulässig ist. Wenn ja – versuchen Sie es!

Weniger Methan, gesündere Kühe

Wie wir nach unserer kurzen Reise durch die Geschichte vermuten müssen, wird die Kuh vor allem deshalb zum Klima-Sündenbock gemacht, weil sie im Zuge der Industrialisierung von Landwirtschaft und Nahrungserzeugung aus unserem Alltagsbewusstsein verschwunden ist. Das bedeutet nicht, dass eine weitere Reduktion der Methanabgabe der Kühe falsch und unmöglich ist. So geht heute die Zahl der gehaltenen Rinder um ein bis zwei Prozent pro Jahr zurück – wegen veränderter Konsumgewohnheiten, zurückgehender Exportmöglichkeiten auf dem Weltmarkt und prekärer Einkommensverhältnisse in den Betrieben mit Milchviehhaltung.

Für eine deutliche Verminderung der Methanmenge wäre es aber auch hilfreich, wenn die Kühe länger leben würden und wenn der Einsatz von Kraftfutter in der Milchviehfütterung vermindert werden würde. Eine Verbesserung wäre es ebenfalls, wenn generell – und nicht nur bei Biobetrieben – die Kälber wieder für mehrere Monate mit Vollmilch getränkt würden, weil dann viel Erdgas bei der Trocknung von Magermilch eingespart werden könnte. Heute werden die meisten Kälber mit sogenannten „Milchaustauschern“ versorgt. Und so gäbe es noch weitere Maßnahmen aus der ökologischen Milchviehhaltung, die sowohl dem Klima als auch den Tieren guttun.

Onno Poppinga 

Der Autor ist ökologischer Agrarwissenschaftler und emeritierter Professor an der Universität Kassel. 

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