Nachtzüge und große Lastenräder

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2018, Seite 22

Nachtzüge statt Flüge

Europäische Nachtzug-Aktionswoche machte Halt in Berlin

Am Abend des 11. Dezember 2014 fuhr zum letzten Mal ein Zug über Nacht von Berlin nach Paris. Drei Jahre später fuhr der berühmte „Metropol“-Nachtzug nach Wien und Budapest das letzte Mal ab. Wer heute nach Budapest will, muss mit dem EC nach Prag fahren und dort meist mehrere Stunden auf den Anschluss nach Budapest warten. Ein Zug, der jahrzehntelang wichtige osteuropäische Hauptstädte verband, verschwand wegen der Erhöhung der Trassenpreise in Deutschland. Gleichzeitig wird der Flugverkehr in Europa jährlich durch Steuervergünstigungen in Höhe von 30 Milliarden Euro subventioniert.

Eine kleine Gruppe von Aktiven des österreichischen Umweltnetzwerks „System Change, not Climate Change!“ reiste deshalb im April auf der „Metropol“-Strecke von Wien nach Berlin, um für die Wiedereinführung des traditionsreichen Zuges zu demonstrieren. Hauptsächlich engagiert sich das Netzwerk in Wien für einen Stopp der geplanten Flughafenerweiterung, wobei es zunächst erfolgreich war und überraschend ein Bauverbot für die neue Startbahn erreichte. Bis das Verfassungsgericht es vor einem Jahr wieder aufhob. Die Gruppe kämpft trotzdem weiter für weniger Flugverkehr.

Als Alternative für innereuropäische Flüge setzt sich „System Change, not Climate Change!“ besonders für Nachtzüge ein, die die Menschen in Europa auch schon vor der Billigflieger-Zeit miteinander verbanden. Denn viele Flüge sind kürzer als 1.000 Kilometer. Doch während der innereuropäische Flugverkehr stark zunimmt, werden europaweit immer mehr Nachtzüge eingestellt. Dabei fliegen nur zehn Prozent der Weltbevölkerung überhaupt, belasten dabei die Umwelt und ihre Mitmenschen jedoch in erheblichem Maße und helfen das Klima zu destabilisieren.

Bei so schlechten Verbindungen muss man schon mal auf dem Bahnsteig schlafen. (Foto: Leonhard Lenz)

DB wollte Nachtzüge unbedingt loswerden

„Züge statt Flüge“ war deshalb das Motto für die Fahrt von Wien nach Berlin. Auf dem Berliner Hauptbahnhof wurden die Reisenden ebenfalls mit einem Spruch empfangen: „Saving the night trains for saving the climate“ – die Nachtzüge retten, um das Klima zu retten. Wie es sich für eine richtige Begrüßung gehört, gab es auch ein Ständchen – das Lied über den wunderbaren Nachtzug Berlin–Paris:

Wir brauchten früher keine Flugzeugreise,
Wir fuhren mit dem Nachtzug nach Paris.
Doch heute rosten hinterm Rhein die Gleise,
Weil man den Zug in Köln abbiegen ließ.

Das Ganze war Teil der Aktionswoche für mehr Nachtzüge des europäischen Netzwerks „Back on Track“ (Zurück in die Spur). In ganz Europa gab es Protestaktionen und Informationsveranstaltungen. Vor allem die Bahnreform in Frankreich ist gerade ein heiß diskutiertes Thema, weil dort nicht nur Nacht-Fernzüge gestrichen werden sollen, sondern auch viele Regionalstrecken.

Auch von Dänemark und Schweden gibt es seit einigen Jahren keinen regelmäßigen Nachtzug mehr nach Mittel- und Westeuropa. Für diese Verbindung haben sich einige Engagierte nun ein Konzept überlegt, das jedoch wohl ein Traum bleiben wird.

Immerhin: Zwischen Wien oder Zürich und mehreren deutschen Städten bieten die Österreichischen Bundesbahnen tägliche Nachtzüge an, darunter Berlin–Frankfurt–Zürich. Der „Nightjet“ schreibt auch keine roten Zahlen. Mit dieser Begründung hatte die Deutsche Bahn dieselben Nachtzugverbindungen 2016 eingestellt.

Leonhard Lenz

Weitere Informationen:
www.nachtzug-bleibt.eu

Die Grenze zwischen Auto und Fahrrad verschwimmt

Auf der Fahrradmesse „Velo Berlin“ konnten die neuesten Trends bestaunt werden

Schilder mit der Aufschrift „Motor abstellen“ hängen noch immer in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof, die zeitweise auch als Autowerkstätten genutzt wurden. Das interessiert an diesem Tag jedoch niemanden, denn in den Hangars tummeln sich über 16.000 Besucherinnen und Besucher auf dem Fahrradfestival „Velo Berlin“ und bestaunen die neusten Räder – von denen allerdings auch ein Großteil motorisiert ist.

Neben einigen Mountainbikes und Rennrädern dominieren E-Bikes die Hallen. Daneben werden vor allem technische Lösungen für die geschützte Aufbewahrung der Bikes gezeigt. Die Frage, wie man so eine große Aufbewahrungsbox denn nach Hause bekommen soll, beantwortet gleich ein gegenüberliegender Stand. Hier steht ein über fünf Meter langer Fahrrad-Tieflader mit einer Traglast von bis zu 500 Kilogramm. Allzu lange Strecken sollte man ohne zusätzlichen Akku jedoch nicht einplanen. Das „Fahrrad“ lässt sich zwar auch ohne Motorunterstützung bewegen, für längere Strecken mit Ladung kann das aber lange dauern.

Das ehemalige Rollfeld wird von Tüftlern und Bastlern dominiert, die ihre Prototypen zur Probefahrt bereitstellen. Es wimmelt von Interessierten, die mit Begeisterung die teilweise eineinhalb Meter breiten und fünf Meter langen Lastenräder testen. Einige haben Ladeflächen, auf denen ganze Familien durch die Gegend gefahren werden, oder wettergeschützte Kästen, in denen sich eine komplette Fahrradwerkstatt transportieren ließe.

Ist das noch ein Fahrrad? Lastenrad beim Rennen. (Foto: Leonhard Lenz)

Auch für das schnelle Be- und Entladen der großen Lastenräder wird eine Lösung gezeigt. Ein mit Rollen versehener Container kann über eine klappbare Vorrichtung in wenigen Sekunden auf die Ladefläche befördert werden. So benötigt man nur mehrere Container, kann aber das Rad selbst schnell weiterschicken. Solch ein Konzept ist natürlich eher für Lieferdienste interessant und für alles, was momentan mit teuren Lieferautos transportiert wird. Die offene, leichte Bauweise spart im Vergleich zu klassischen Lieferwagen viel Energie und Rohstoffe. Die Grenze zwischen rein motorbetriebenen Autos und Fahrrädern verschwimmt dabei immer mehr.

„Berliner Wanne“ aus dem Automaten

Für den Privatgebrauch interessanter ist die Idee der „Berliner Wanne“. Dahinter steckt nicht nur ein besonders wendiges Lastenrad, sondern auch ein Konzept für einen „Bikeomat“. Das ist eine vertikale Leihstation für die „Berliner Wannen“. Die Räder sollen in einer Art Paternoster eingehängt werden und können über ein Terminal ausgeliehen werden. Die Stationen sollen zunächst an verschiedenen Stellen in Kreuzberg aufgestellt werden und auch optisch ansprechend sein. Ansonsten dominieren niederländische Erfinder und Firmen klar das Bild auf der „Velo Berlin“.

Dass man mit Lastenrädern auch Radrennen fahren kann, zeigt zum Abschluss des Fahrradfestivals das „International Berlin Cargo Bike Spring Race“. Neben den großen motorisierten Schwertransportern, die außer Konkurrenz fuhren, lieferten sich die zwei- und dreirädrigen Cargobikes erbitterte Duelle. Das große Spektakel auf dem Vorfeld der Hangars, bei dem die Räder natürlich auch korrekt be- und wieder entladen werden mussten, war ein gelungener Abschluss für das Fest des Fahrrads.

Leonhard Lenz

Im nächsten Jahr findet die „Velo Berlin“ am 27. und 28. April wieder in den Hangars des Flughafens Tempelhof statt.
www.veloberlin.com


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