„Bienen dürfen nicht patentiert werden“

Aus DER RABE RALF August/September 2018, Seite 1 & 4-5

Berufsimker Walter Haefeker über Bienensterben, Samenbanken, Open-Source-Lizenzen und Bienenstrom

Die Vielfalt der Bienen darf nicht zum Selbstbedienungsladen für Konzerne werden, sagt Walter Haefeker, Vorstand im Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbund und Präsident des Europäischen Berufsimkerverbandes. Nachdem Haefeker viele Jahre als IT-Manager im Silicon Valley in Kalifornien tätig war, kam er bei seiner Rückkehr nach Europa durch das Interesse an traditionellen landwirtschaftlichen Geräten und Methoden zur Bienenzucht. Inzwischen ist er seit 15 Jahren Berufsimker und engagiert sich auch im Weltimkerverband Apimondia. Im Interview spricht er mit Ines Meier von der Grünen Liga Berlin über die Idee, die Vielfalt der Honigbienen mit einer sogenannten Open-Source-Lizenz zu schützen und damit eine Kommerzialisierung wie beim Saatgut zu verhindern.

Herr Haefeker, um auf das Bienensterben aufmerksam zu machen, hat vor Kurzem ein Supermarkt bei Hannover ohne Ankündigung über Nacht alle Produkte weggeräumt, die es ohne Bienen nicht geben würde. Das Angebot verkleinerte sich um 60 Prozent. Wie würde unsere Welt ohne Bienen aussehen?

Walter Haefeker: Ich war in diese Geheimaktion involviert, sie hat sehr eindrücklich gezeigt, was auf dem Spiel steht. Eine Vielfalt von Obst und Gemüse ist von der Bestäubung durch Honigbienen und ihre Verwandten abhängig. Ohne Bienen würden wir uns hauptsächlich von Haferschleim oder Ähnlichem ernähren.

Eine Welt, die Bienen existenzgefährdend unter Druck setzt, wäre aber auch in vielen anderen Aspekten lebensfeindlich. Die Auswirkungen sehen wir heute schon in der Vogelwelt. Auch uns Menschen würde es körperlich und emotional schlecht gehen.

In China müssen schon ganze Obstplantagen per Hand bestäubt werden. In den USA hat der Einzelhandelsriese Walmart gerade Patente für autonome Roboter-Bienen angemeldet, die Blüten bestäuben, Schädlinge überwachen und Pestizide spritzen sollen. Warum sterben überall Bienen?

Wir haben die Rahmenbedingungen für Bienen an vielen Stellschrauben verschlechtert. Es gibt nur noch ausgeräumte Agrarlandschaften mit einem minderwertigen Blütenangebot – wo gerade die Vielfalt der Pollen sehr wichtig für die Bienen ist. Wir spritzen Pestizide, um die Agrarlandschaft maschinengerecht zu machen. Wir setzen Mähtechnik ein, die mit hoher Geschwindigkeit blühende Wiesen abmäht, dabei kommen jede Menge Bienen zu Schaden. Den Wildbienen lassen wir zu wenig Nistmöglichkeiten. Bei der Honigbiene haben wir eingeschleppte Bienenkrankheiten … Es gibt viele Ursachen für das Bienensterben, hinter denen aber fast immer die Intensivierung der Landwirtschaft steht.

Wie werden Bienen gezüchtet und was sind die Zuchtziele?

Ein Bienenvolk vermehrt sich durch Teilung, normalerweise beim Schwärmen. Diese Teilung kann der Imker auch selbst vornehmen. Bevor ein Bienenvolk schwärmt, zieht es sich eine oder mehrere neue Königinnen. Die Vermehrung der Königinnen kann der Imker lenken. Es gibt verschiedene Verfahren, um sowohl bei der Königin als auch bei den Drohnenvölkern, die die männlichen Bienen liefern, bestimmte Eigenschaften herauszunehmen oder zu stärken.

Da wir in Europa eine hohe Bevölkerungsdichte haben, ist es wichtig, dass die Bienen sanftmütig sind. Wenn einem Imker auffällt, dass ein Bienenvolk besonders aggressiv oder stechlustig ist, wird dort nicht weitergezüchtet. Eine große Rolle bei der Züchtung spielen auch die Resistenz gegen Bienenkrankheiten und der Honigertrag.

Gehören die Bienen uneingeschränkt den Imkern oder gibt es auch schon eine Marktkonzentration wie bei anderen Nutztierarten und vor allem beim Saatgut?

Wir sind glücklicherweise in der Situation, in der die Bauern waren, bevor Konzerne in den Saatgutbereich eingestiegen sind. Die Bienenzucht ist extrem vielfältig, hier wird kooperativ Zuchtmaterial getauscht. Züchter, die für die Selektion und Vermehrung ein besonderes Händchen haben, beliefern Imkerkollegen, die sich auf die Honigproduktion konzentrieren, mit Königinnen. Diese Königinnen sind frei von Lizenzen und Rechten des Züchters, sodass jeder Imker uneingeschränkt mit diesem Zuchtmaterial arbeiten kann.

Spielen Patente in der Bienenzucht eine Rolle?

Gott sei Dank spielen Patente hier noch keine Rolle. Das ist unsere Chance: Wir müssen jetzt dafür einstehen, dass das auch so bleibt. Wir Imker sind Teil der Bewegung, die dafür gesorgt hat, dass Europa weitgehend gentechnikfrei ist. Wir haben uns sehr genau angeschaut, was den Bauern mit ihrem Saatgut passiert ist. Da war es plötzlich nicht mehr der Nachbar, der besonders gut züchten konnte. Stattdessen waren es Firmen, die Lizenzen auf Hybrid-Saatgut erhoben haben, das man jedes Jahr neu kaufen muss. Die Einführung des Sortenschutzrechts hat das, was Landwirte mit dem Saatgut machen und wie sie es verbreiten können, eingeschränkt.

Auch das gibt es bei der Imkerei nicht.

Als erster Verband überhaupt arbeitet der Verband Bayerischer Carnicazüchter inzwischen mit einer Open-Source-Lizenz. Welche Vorteile versprechen diese öffentlichen Lizenzen?

Die Züchter der Carnica-Bienen in Bayern sind als erster Verband diesen Schritt gegangen. Inzwischen tut sich auch in Nachbarländern wie Holland und Frankreich etwas, auch bei anderen Bienenrassen.

Bei einer Open-Source-Lizenz geht es zunächst darum, die gemeinsame Zuchtarbeit, die in einem Verband geleistet wird, vor dem Zugriff durch Dritte zu schützen. Wir wollen sicherstellen, dass wir als Imker auch in Zukunft kooperativ zusammenarbeiten und diese Art der nichtkommerziellen Bienenzucht fortführen können.

Honigbiene an Klatschmohnblüte. (Foto: Ines Fischer)

Der Weltimkerverband Apimondia hat vor zwei Jahren sogar angekündigt, ein weltweites Open-Source-System für Bienenhalter einführen zu wollen. Was sagen die Imker dazu?

Ich bin beim Weltimkerverband für das Thema Gentechnik zuständig. Als ich dem Verbandsvorstand diese Strategie vorgeschlagen habe, wurde sie mit großer Begeisterung aufgenommen. Bei einer Open-Source-Lizenz ist eine juristische Person als Lizenzinhaber formal sehr wichtig. Gegenüber anderen Bereichen der Landwirtschaft sind wir Imker in der glücklichen Lage, dass wir einen Weltverband haben, der diese Rolle übernommen hat.

Wenn man einer juristischen Person diese Lizenzrechte einräumt, muss man sicherstellen, dass sie nicht gekauft oder anderweitig beeinflusst werden kann. Diesen großen, breit aufgestellten und neutralen Boden haben wir mit Apimondia. Zurzeit erklären wir den einzelnen Imkerverbänden, wie das Open-Source-System funktioniert und wie man es anwenden kann.

Auch die Landwirte in der Nutztierzucht haben beobachtet, was im Saatgutbereich passiert ist. Trotzdem gibt es dort keine vergleichbare strategische Selbstorganisation.

In der Bienenhaltung haben wir eine glückliche Verkettung von Umständen. Ich war in den 1980er Jahren als Vertreter für Siemens in der Open Source Foundation, dadurch kenne ich die Open-Source-Bewegung im IT-Bereich von Anfang an. In diesem Bereich waren die gesamte Computersoftware und vor allem die Betriebssysteme durch Firmen lizenziert und patentiert. Dadurch hatten die Universitäten Schwierigkeiten, Informatik zu lehren.

Bei Open Source in der Bienenzucht ist das ähnlich. Es geht nicht nur um die Sicherung der Rechte von Imkern, sondern auch um die Forschungsmöglichkeiten für die Bienenwissenschaft. Wir haben in der Imkerei Quereinsteiger, die das Open-Source-Prinzip kennen und wissen, wofür man es nutzen kann. Als bekannt wurde, dass es Versuche gibt, Bienen gentechnisch zu verändern, war klar, dass wir dieser Entwicklung mit einer Open-Source-Lizenz einen Riegel vorschieben müssen.

Bei meinen Recherchen zur Entwicklung einer solchen Lizenz für die Imkerei stieß ich auf die Open-Source-Initiative beim Saatgut. Das war ein weiterer glücklicher Umstand. Es gibt in der Landwirtschaft keinen anderen Bereich, in dem die Voraussetzungen für Open-Source-Lizenzen so gut sind wie bei den Bienen. Beim Saatgut ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen, in der Nutztierzucht sieht es brandgefährlich aus. Bei den Bienen haben wir aber bisher keine Sortenschutzregeln, Lizenzen oder Patente. Und wir haben eine Weltorganisation, die das System global einführen kann.

Als eine Reaktion auf das weltweite Bienensterben gibt es internationale Bestrebungen zum Aufbau von „Bienen-Banken“. Was wird da gesammelt und wer kann die Banken nutzen?

Wir konservieren das Sperma von Drohnen. Die Bienen-Genbanken sind vergleichbar mit Saatgutbanken. Diese Initiative wird ebenfalls innerhalb des Weltimkerverbandes koordiniert und läuft parallel zu unserer Open-Source-Lizenz. Auch hier versuchen wir aus den Fehlern zu lernen, die wir beim Saatgut beobachtet haben.

Die Landwirte haben brav ihre gesamte Saaten-Vielfalt bei den Saatgutbanken abgeliefert. Wie man beispielsweise in Gatersleben sieht, hat der Staat dann genau an diesem Standort in Sachsen-Anhalt ein Biotech-Zentrum errichtet und das Ganze in einen Selbstbedienungsladen für Konzerne verwandelt. Das wollen wir bei den Bienen verhindern. Deswegen kommt in unsere Genbanken nur Material, das unter der Open-Source-Lizenz steht.

Stadtimker gibt es in Berlin auch auf ehemaligen Friedhöfen. (Foto: Ines Fischer/GRÜNE LIGA Berlin)

In Städten wie Berlin gibt es inzwischen sehr viele Menschen, die Bienen halten, während etwa in Brandenburg großer Bienenmangel herrscht.

Wir erleben einen Boom der Imkerei in den Städten. Viele Menschen wollen sich für die Bienen engagieren, das finden wir sehr gut. Allerdings hat beispielsweise die Honigbiene einen relativ hohen Betreuungsaufwand, weil sie gegen die Varroamilbe behandelt werden muss. Man sollte also entsprechende Kurse für Bienenhaltung absolvieren und sich überlegen, ob man für die Betreuung der Bienen genug Zeit aufbringen kann. Bienen warten nicht, bis man von einer Reise zurückkommt, sie schwärmen aus, wann sie wollen.

Unser Ziel ist, dass wir Menschen, die sich für Bienen interessieren, die ganze Welt der Bienen nahebringen. Für diejenigen, die Bienen halten wollen, aber wenig Zeit haben und auch keinen Honig produzieren möchten, gibt es andere Möglichkeiten. In Deutschland haben wir neben der Honigbiene hunderte weitere Bienenarten. Auch Hummeln und Solitärbienen brauchen Unterstützung. Es gibt für jeden Menschen die passende Biene.

Ein Boom der Imkerei in den Städten nutzt der Landwirtschaft allerdings erstmal nichts.

Noch mal zurück zu der Supermarkt-Aktion. Angesichts der immer noch reichlichen Auswahl an Alkoholika bei ansonsten halbleeren Regalen meinte da ein Rewe-Vorstand: „Besaufen können wir uns in Zukunft noch, aber sonst wird’s eng“. Was muss die Politik tun, um die Bienen zu schützen?

Ein wichtiger Schritt der europäischen Politik war das Verbot bienengefährlicher Neonicotinoide im Freiland, das nächstes Jahr wirksam wird. Das reicht aber noch nicht. Wir brauchen ein Umsteuern zu einer bienenfreundlichen Agrarpolitik. Davon würden die Landwirte profitieren. Die Bestäubung durch Honigbienen und andere Insekten erhöht die Erträge und die Qualität der Produkte und ist den Mitteln der Agrarindustrie häufig überlegen.

Der chemische Pflanzenschutz hat seinen Zenit überschritten, das ist eine gute Nachricht für die Bienen. Es wird immer schwieriger, chemische Mittel zur Zulassung zu bringen. Wenn sich herausstellt, dass das Produkt gefährlicher ist als angenommen – was meist der Fall ist – werden die Produkte wieder verboten.

Stark im Kommen ist gerade der digitale Pflanzenschutz, der mit leichten Feldrobotern und Bilderkennung arbeitet. Hier bahnt sich eine Auseinandersetzung zwischen Zivilgesellschaft und Konzerninteressen an: Wem gehören die Daten? Werden unsere Landwirte nicht nur beim Saatgut, sondern auch bei den Daten, die sie für die digitalen Anbaumethoden brauchen, von großen Konzernen abhängig?

Alle großen Chemiehersteller haben inzwischen eine Digitalabteilung und träumen davon, dass ihnen die Landwirte ihre Daten überlassen. Da müssen wir schnell handeln. Wenn Hochschul-Projekte Agrarroboter entwickeln und die Erkennung von Unkräutern und Schädlingen erforschen und dafür mit öffentlichen Geldern gefördert werden, dann müssen die Ergebnisse unter eine Open-Source-Lizenz gestellt werden. Das ist das Know-how, das die moderne Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts ausmachen wird. Es darf nicht passieren, dass die Unis ihre Forschungen patentieren und die Patente an Konzerne verkaufen, um sich zu refinanzieren.

Was kann ich selbst gegen das Bienensterben tun?

In der Stadt und in Siedlungsgebieten kann jeder seinen Zierrasen und seine Zierpflanzen durch Bienenweidepflanzen ersetzen. Es ist schön, wenn der Garten nicht nur blüht, sondern auch summt. Man kann bienenfreundliche Produkte wie die mit unserem europäischen Siegel „Certified Bee Friendly“ kaufen oder Bio-Produkte.

Unser ältestes Projekt ist beispielsweise die Sternenfair-Milch. Die Milchbauern haben kaputte Preise, weil sie mit sehr intensiven – und bienenschädlichen – Methoden zu viel Milch produzieren. Vielleicht erinnern Sie sich an die große Milchkrise 2009, als die Milchbauern im Streik vor das Kanzleramt gezogen sind. In dieser Zeit hat sich der Bund Deutscher Milchviehhalter vom Deutschen Bauernverband abgespalten. Die Landwirte haben verstanden, dass der Bauernverband nicht ihre Interessen vertritt, sondern die Interessen derer, die an den Landwirten verdienen.

Die Milchbauern wollten eine faire Milch. Wir haben den Landwirten vorgeschlagen, die Kriterien für ein neues Milchprodukt gemeinsam zu erarbeiten. Ziel war ein rundum faires Produkt – fair für die Landwirte, die Verbraucher und die Bienen. Das war damals eine unideologische Diskussion. Wir haben den konventionellen Landwirten erklärt, wie sich ihre verschiedenen Produktionsmaßnahmen auf die Bienen auswirken. Sie sind mit uns über das Thema Bienen schon die halbe Strecke zu Bio gegangen. Die Sternenfair-Milch existiert bis heute in Süddeutschland und ist das erfolgreichste faire Milchprodukt überhaupt. Bei der letzten Milchkrise, als sehr viele Betriebe in Bayern aufgeben mussten, waren die Betriebe, die mit uns zusammenarbeiten, nicht betroffen.

Die neueste Errungenschaft ist der sogenannte Bienenstrom. Dafür kooperieren wir mit den Stadtwerken Nürtingen. Je nach Menge des Ökostroms wird von Landwirten eine bestimmte Fläche in der Agrarlandschaft zum Blühen gebracht. Jemand, der selbst nur einen Balkon hat, kann also durch den Wechsel des Stromanbieters dafür sorgen, dass es mehr Blüten in der Landschaft gibt. Wir kooperieren dafür auch mit dem Fachverband Biogas, um mit einer ausreichenden Zahl an Stromkunden mehr Blühpflanzen statt Mais in die Biogas-Produktion zu bringen.

Das Interview führte Ines Meier von der Grünen Liga Berlin im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung, es ist im Juni in einer etwas längeren Fassung auf www.boell.de erschienen.

Weitere Informationen:
www.berufsimker.de
Tel. 08806 / 924509


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