Das schmeckt giftig

Aus DER RABE RALF April/Mai 2022, Seite 20

Was auf unseren Tellern landet, hat oft eine bedrohliche Vorgeschichte

Sie lassen sich mittlerweile überall nachweisen: Pestizide. Auf dem Feld, im Forst oder in Lebensmitteln – Mensch und Natur sind umzingelt. Die chemischen Stoffe werden in der Landwirtschaft eingesetzt, um die Ernteerträge zu maximieren. Pestizide sollen die landwirtschaftlichen Kulturen schützen, indem sie unerwünschte Organismen töten. Sie lassen sich nach ihrer Wirkungsweise unterteilen: Auf Pflanzen wirken Herbizide, Insekten werden mit Insektiziden bekämpft und Pilze mit Fungiziden.

In allen Weltregionen nimmt der Pestizideinsatz zu, trotz Verschärfung der Zulassungsverfahren. Südamerika liegt in Führung, gefolgt von Asien und Zentralamerika. Afrika bildet das Schlusslicht.

Verboten und verschifft

Die Weltgesundheitsorganisation WHO verabschiedete 1985 einen Verhaltenskodex für einen weniger schädlichen Umgang mit den Stoffen, umgesetzt wurde er aufgrund fehlender Rechtsverbindlichkeit jedoch nicht. Durch fehlende Regulierung gerät ein ganzer Wirtschaftszweig außer Kontrolle: In Deutschlands Landwirtschaft werden 39 Pestizide verwendet, die laut den EU-Regularien Substitutionskandidaten sind. Das sind Pestizidwirkstoffe, die besonders gefährlich sind und möglichst schnell ersetzt werden sollen. Ungarn ist mit 51 Substitutionskandidaten europäischer Spitzenreiter, Italien, Polen, Frankreich und Spanien folgen dicht dahinter.

Der Markt ist für Konzerne lukrativ. Das EU-Exportvolumen hat sich in 30 Jahren fast vervierfacht. Die fünf größten Hersteller, darunter die beiden deutschen Unternehmen Bayer und BASF, erzielen ein Drittel ihrer Pestizidumsätze mit Wirkstoffen, die das Pestizid-Aktions-Netzwerk PAN als hochgefährlich einstuft.

Pestizide, die in der EU und anderen Industrieländern verboten sind, werden von europäischen Herstellern in den globalen Süden exportiert und spielen dort täglich eine lebensbedrohliche und zerstörerische Rolle – wobei die Agrarprodukte dann aber zu Billigpreisen nach Europa geliefert werden. Hauptabnehmer für europäische Pestizide ist Brasilien. In das südamerikanische Land wurden im Jahr 2018 circa 10.000 Tonnen ohne EU-Zulassung importiert. Das ist moderner Kolonialismus.

Die Hersteller versichern, dass die Produkte ungefährlich seien, solange sie sachgemäß verwendet werden. Das ist oft nur Theorie, wie Umfragen zeigen. So sagen 43 Prozent der befragten Arbeiter aus Ghana, dass sie keine Schulung für den Umgang mit Pestiziden erhalten. Sie kennen die Warnhinweise nicht und können sich keine Schutzausrüstung leisten. Über zwei Drittel der Befragten arbeiten ohne Schutzanzug, Schutzbrille oder Handschuhe.

Durch die Hintertür zurück

Geht man bei uns durch einen Supermarkt, bietet sich folgendes Bild: Bohnen aus Senegal, Weintrauben aus Südafrika, Zucchini aus Marokko – alles Regionen, die mit giftigen Pestiziden überflutet werden. Paradoxerweise landen diese Lebensmittel auf unseren Tellern. Der „Bumerang-Effekt“ von Pestizidexporten und Lebensmittelimporten wirft die EU-Richtlinien über den Haufen. Im Jahr 2021 wurden importierte brasilianische Früchte untersucht. Man stellte bei 84 Prozent der Früchte Pestizid-Rückstände fest. Zwei Drittel dieser Pestizide waren „hochgefährlich“ – die Hälfte davon ohne EU-Zulassung.

Die Gifte kommen jedoch nicht nur auf direktem Weg zurück. Wind und Wasser sorgen für weite Kontamination, wodurch auch Bio-Lebensmittel ihren Status verlieren. Das geschieht etwa durch Fließgewässer, die die Pestizide verbreiten – sogar bis in die Ozeane, so dass heute auch Delfine, Seehunde und Schweinswale Rückstände aufweisen. Durch Niederschläge werden Pestizide von den Feldern in Bäche und Flüsse gespült. Nur acht Prozent der deutschen Oberflächengewässer sind laut Umweltbundesamt in einem „sehr guten oder guten ökologischen Zustand“. Die Rückstände bedrohen das Grundwasser und somit die Gesundheit aller.

Außerdem sorgt der Wind für eine mehr als 1000 Kilometer weite Verbreitung, weil die Wirkstoffe verdunsten oder an kleinen Staubkörnchen haften bleiben. Luftströmungen verteilen die Aerosole überall: in Stadtparks, Naturschutzgebieten und schlussendlich auch in unseren Lungen. In Südtirol wurden im Frühling auf 83 Prozent der untersuchten Spielplätze und Schulhöfe ein oder mehrere Pestizide nachgewiesen.

Mensch und Natur in Bedrängnis

Was die Chemikalien tatsächlich bewirken, wissen die wenigsten – selbst die Hersteller nicht. Bei den Zulassungsverfahren werden Pestizidmischungen nämlich nicht berücksichtigt und die Chemikalien werden in einer vereinfachten Test-Umwelt untersucht. Hier werden die komplexen Wechselwirkungen in natürlichen Ökosystemen kaum beachtet.

Pestizide sind ein Hauptverursacher des Artenrückgangs. Insektizide töten neben Schädlingen auch Nützlinge wie Bakterien und Pilze. Besonders alarmierend ist der Insektenrückgang: In den letzten 30 Jahren hat sich die Biomasse der Insekten in Deutschland halbiert. Das Insektensterben führt zu deutlichen Lücken in den Nahrungsnetzen und gefährdet das menschliche Wohlergehen. Gibt es keine Insekten, die die Pflanzen bestäuben, fallen die Erträge deutlich knapper aus.

Mit steigender Verwendung von Pestiziden wird auch menschliches Leiden größer. Jährlich kommt es weltweit zu 385 Millionen Vergiftungen. Betroffen sind 44 Prozent aller Beschäftigten der Landwirtschaft. Die Gifte sind neben akuten Gesundheitsproblemen auch für chronische Krankheiten – beispielweise neurologische Erkrankungen und Diabetes – verantwortlich. Wissenschaftliche Studien belegen den Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson sowie Leukämie. Etliche Chemikalien werden als krebserregend eingestuft. Die Bayer AG musste bereits geschätzte 11,6 Milliarden Euro Schadenersatz an Menschen zahlen, die mit dem Totalherbizid Glyphosat in Kontakt gekommen waren und daraufhin an Krebs erkrankten.

Im schlimmsten Fall führt der Kontakt mit Pestiziden zum Tod. 10.000 Menschen sterben jährlich durch den Kontakt mit Pestiziden – vermutlich ist die Dunkelziffer hoch.

Mehrheit für Ökologie auf dem Acker

Für die Reduktion des Pestizideinsatzes und die Begrenzung der negativen Auswirkungen fehlt bisher politischer Wille. In Frankreich soll immerhin in diesem Jahr ein Gesetz in Kraft treten, das die Herstellung, Lagerung und den Export von verbotenen Pestiziden unter Strafe stellt. Eine Passage im neuen Koalitionsvertrag sieht das Gleiche für Deutschland vor. Vor allem junge Menschen sind besorgt und fordern Veränderungen. In Umfragen stufen über zwei Drittel der befragten Jugendlichen die Auswirkungen auf Gewässer, Luft, Boden und die eigene Gesundheit als ziemlich bis sehr besorgniserregend ein. Ebenso viele plädieren für mehr Unterstützung von landwirtschaftlichen Betrieben und mehr Ökologie auf dem Acker.

Am besten wäre ein gänzlicher Verzicht auf Pestizide oder der Umstieg auf sogenannte Biopestizide. Die Nachfrage nach den natürlichen Wirksubstanzen wächst, doch weltweit betrachtet ist sie weiterhin gering.

Zukunftsaufgabe der Politik ist die Kontrolle und Regulierung des Umgangs mit Pestiziden, zum Wohl von Menschen und Natur. Die nötige Agrarwende ist darüber hinaus ein essenzieller Faktor im Kampf gegen die Klimakrise.

Kaya Thielemann

Weitere Informationen: Pestizidatlas – Daten und Fakten zu Giften in der Landwirtschaft 2022, Heinrich-Böll-Stiftung, www.boell.de/pestizidatlas

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