Der Griff nach der Notbremse

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2022, Seite 21

Warum Walter Benjamin der Philosoph der Klimakatastrophe ist

Walter Benjamin (1892-1940). (Foto: Charlotte Joël/​Wikimedia Commons)

„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ Diese rätselhaften Sätze finden sich in den Notizen zu dem nicht minder rätselhaften Text „Über den Begriff der Geschichte“, den der Philosoph Walter Benjamin 1940 niederschrieb. Der Autor war kurz zuvor als Deutscher aus einem französischen Internierungslager entlassen worden. Wenig später brachte er sich als von Deutschen verfolgter Jude an der spanischen Grenze um. Benjamin verfasste diese Schrift im Angesicht von Faschismus und Weltkrieg. In unserem Zeitalter der Katastrophen ist sie wieder aktuell.

Verlorener Bürgersohn

Walter Bendix Schoenflies Benjamin wurde 1892 in Berlin geboren und wuchs als Sohn assimilierter Juden in bürgerlichen Verhältnissen auf. Dieser Welt hat er später in der Sammlung „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ ein einfühlsames Denkmal gesetzt. Er besuchte die Kaiser-Friedrich-Schule in Charlottenburg und kam mit der Jugendbewegung und der Reformpädagogik in Berührung. Erfahrungen, die ihn ebenso prägten wie die Lektüre des anarchistischen Schriftstellers Gustav Landauer. Zum Dogmatiker sollte auch er nie werden.

Der junge Freigeist studierte an den Universitäten von Berlin, Freiburg und München Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte und engagierte sich in linken Studentenorganisationen. Als Kriegsgegner musste er ab 1917 sein Studium in der Schweiz fortsetzen. Er promovierte 1919 mit einer Arbeit über die Kunstkritik in der deutschen Romantik und versuchte sich 1925 mit einer Studie über den Ursprung des deutschen Trauerspiels zu habilitieren. Der heute berühmte Text war damals zu unorthodox für den Universitätsbetrieb, weshalb Benjamin seine Habilitation zurückzog.

Fortan arbeitete er als freier Journalist, Kritiker und Übersetzer. Er bewegte sich in konservativen und in revolutionären Kreisen, las Stefan George und Bertolt Brecht, Carl Schmitt und Karl Marx, Friedrich Hölderlin und Georges Sorel. Befreundet war er gleichzeitig mit dem Edelmarxisten Theodor W. Adorno und mit dem Mystikforscher Gershom Scholem. Die Liebe zur lettischen Schauspielerin und Kommunistin Asja Lācis führte ihn zeitweilig in die Sowjetunion. Trotz unverhohlener Sympathien war Benjamin nie Mitglied der KPD.

1933 ging er ins Exil. In Paris, der „Hauptstadt des 19. Jahrhunderts“, arbeitete er unermüdlich an seinem Opus magnum, dem Fragment gebliebenen „Passagen-Werk“. Mit Hilfe der österreichischen Widerstandskämpferin Lisa Fittko floh er im September 1940 nach Spanien, um von dort in die USA zu gelangen. Im Grenzort Portbou nahm er sich das Leben. Bis zuletzt hatte er eine Auslieferung an die Nazis befürchtet.

Fortschritt Richtung Untergang

Nicht zu Unrecht hat man dem orthodoxen Marxismus einen naiven gesellschaftlichen Fortschrittsoptimismus unterstellt, gingen die Vertreter des angeblich wissenschaftlichen Sozialismus doch davon aus, dass der Kapitalismus mit dem Proletariat seinen eigenen Totengräber geboren hat. Wenn die Verhältnisse erst einmal schlimm genug wären, so die reine Lehre, würde dies automatisch zu einer revolutionären Situation führen. Dass dies ein Trugschluss war, wissen wir heute. Die Revolution ist ausgeblieben, das Proletariat wurde zu vielen kleinen „Ich-AGs“ und Utopien haben sowieso ausgedient. Sogar unter Linken kann man sich derzeit eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen. Leider sieht es ganz so aus, als würde die Welt am Kapitalismus zugrunde gehen.

Auch Walter Benjamin war alles andere als ein Fortschrittsoptimist. Bereits 1929 forderte er „Pessimismus auf der ganzen Linie“ und holte zu einem sarkastischen Rundumschlag aus: „Mißtrauen in das Geschick der Literatur, Mißtrauen in das Geschick der Freiheit, Mißtrauen in das Geschick der europäischen Menschheit, vor allem aber Mißtrauen, Mißtrauen und Mißtrauen in alle Verständigung: zwischen den Klassen, zwischen den Völkern, zwischen den Einzelnen. Und unbegrenztes Vertrauen allein in I.G. Farben und die friedliche Vervollkommnung der Luftwaffe. Aber was nun, was dann?“

Wer sich ernsthaft mit den aktuellen Prognosen zur Klimakatastrophe beschäftigt oder einfach die Augen vor den zunehmenden Extremwetterphänomenen nicht verschließt, wird ebenfalls nicht zum Zukunftsoptimismus neigen. Umso erstaunlicher ist es, dass große Teile von Politik und Öffentlichkeit die Botschaft verbreiten, dass alles schon irgendwie gut gehen wird. Niemand wird sein Leben ändern müssen, der Kapitalismus wird in Kürze ergrünen und schon können wir alle mit Elektroflugzeugen zu den wieder intakten Korallenriffen fliegen. Anhänger des grünen Wachstums setzen dabei besonders gerne auf Technologien, die noch gar nicht erfunden sind, und ignorieren alle Risiken und Nebenwirkungen. Realisten werden eher Benjamin zustimmen und den Griff zur Notbremse fordern.

Revolutionärer Romantiker

Dass dieser Pessimismus nicht mit Resignation zu verwechseln ist, hat der Soziologe und Ökosozialist Michael Löwy in seinen Benjamin-Studien überzeugend dargelegt. Benjamin wendet sich zwar vehement gegen den ideologischen Fortschrittsoptimismus, will aber dem Glauben an eine „schwache messianische Kraft“, die uns von vergangenen Generationen aus erreicht, nicht abschwören. Anders als für Marx ist für Benjamin die Vergangenheit nicht einfach unwiederbringlich vorbei, sondern immer gegenwärtig. Damit ist auch gesagt, dass man auf Gegenwarts-Arroganz verzichten sollte und sich in der Vergangenheit nach Zukunftslösungen umsehen kann. Klassische Beispiele dafür sind „Allmende“ und „Commons“, die heute in der alternativen (Land)Wirtschaft wiederentdeckt werden. Benjamin meinte nicht, dass man zu einem ursprünglichen, vorkapitalistischen Zustand zurückkehren sollte. Löwy schlägt ihn der „revolutionären Romantik“ zu, die er streng von der „konservativen Romantik“ unterscheidet: „Während die konservative Richtung in der Romantik sich ganz und gar auf die Wiederherstellung einer idealisierten Vergangenheit konzentriert, entdeckt die revolutionäre Romantik in gewissen Formen der vor-kapitalistischen Vergangenheit Elemente und Aspekte, die die nachkapitalistische Zukunft vorwegnehmen.“ Vielleicht sollten wir angesichts der Lage alle zu Romantikern werden.

Benjamin lesen

Einige Texte Benjamins sind dermaßen kompliziert, dass man sich gelegentlich fragt, ob der Autor sie selbst verstanden hat. Leider hat auch die nicht enden wollende Benjamin-Begeisterung an den Universitäten zu einer Flut von Publikationen geführt, in denen dem Meister in puncto Dunkelheit nachgeeifert wird. Potenzielle Lesergruppen werden dadurch oft abgeschreckt. Das ist vor allem deshalb schade, weil sich Benjamin in anderen Texten als hellsichtiger Zeitdiagnostiker erweist und es versteht, Alltagsbeobachtungen mit Denktraditionen zu verbinden, die vom jüdischen Messianismus bis zum dialektischen Materialismus und von der Romantik bis zum Surrealismus reichen.

Wer einen guten Einstieg in Benjamins Welt sucht, dem seien die erwähnten Arbeiten von Michael Löwy wärmstens ans Herz gelegt. In der kürzlich erschienenen Aufsatzsammlung „ad Walter Benjamin: Die Revolution als Notbremse“ (Europäische Verlagsanstalt, 18 Euro) gelingt es Löwy erneut, verschiedene Zugänge zu Benjamin aufzuzeigen, ohne sich dabei im akademischen Begriffsnebel zu verlieren.

Johann Thun

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