Randthema Umwelt

Aus DER RABE RALF Februar/März 2020, Seite 3

Vor 30 Jahren erstritten mutige Journalisten im DDR-Fernsehen die Umweltreihe „Ozon“

Erste „Ozon“-Sendung am 21. November 1989 mit Matthias Platzeck, Reimar Gilsenbach, Moderator Harro Hess, Hans-Georg Knoch, Sigrid Rothe und Rolf Caspar (von links). (Foto: Werner Peter)

Am 21. November 1989 sendete das DDR-Fernsehen um 21 Uhr überraschend eine Umweltsendung: „Luft zum Atmen“. Es wurde die Geburtsstunde der Fernsehreihe „Ozon“, die der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) bis 2016 ausstrahlte.

In der von Harro Hess, Wissenschaftsjournalist bei Radio DDR, moderierten ersten Ausgabe ging es um die Potsdamer Umweltnacht, die Tage zuvor im Babelsberger Sportstadion von Matthias Platzeck, Carola Stabe und weiteren Mitgliedern der Potsdamer Gruppe Argus organisiert worden war – ein erstes freies Treffen vieler Umweltaktivisten aus der ganzen DDR, auf dem die Freigabe der Umweltdaten als Sieg der Leipziger Demonstranten gefeiert wurde. War doch seit 1982 das ganze Ausmaß der Rauchgasschäden im Erzgebirge, der Asthmaerkrankungen im Talkessel von Dresden oder der Giftlasten von Bitterfeld von der Staatsführung geheim gehalten worden.

Endlich offen diskutieren

Statt erhoffter 10.000 Teilnehmer kamen etwa 3.000 nach Potsdam. Die seit einigen Tagen offene Mauer lockte zu sehr. Immerhin war es dann für die Fernsehzuschauer in den bewegenden Tagen nach der Maueröffnung doch noch eine weitere Sensation, dass in einer DDR-Sendung Vertreter aller wichtigen Umweltgruppierungen öffentlich über die dramatischen Zustände diskutierten. Selbst der „Spiegel“ berichtete über dieses Fernsehereignis.

Studiogäste waren Matthias Platzeck, damals Ingenieur für Kommunalhygiene in Potsdam, Reimar Gilsenbach, kritischer Schriftsteller aus Brodowin, Rolf Caspar, Sekretär der Gesellschaft für Natur und Umwelt im Kulturbund, Hans-Georg Knoch, Medizinprofessor in Dresden, und Sigrid Rothe, Mitglied einer Umweltgruppe der evangelischen Kirche in Erfurt.

Diskutiert wurden das jahrzehntelange Verschweigen der dramatischen Umweltschäden, die demütigende Behandlung der Bevölkerung und die Frage: Was lässt sich überhaupt machen, wenn in Dresden, Magdeburg oder Erfurt Smog herrscht? Was nützen die seit 1982 geheim gehaltenen und nun freigegebenen komplizierten Luftmesswerte dem einzelnen Bürger? Und wie lässt sich die Zersplitterung der vielen Umweltströmungen und Basisgruppen überwinden? Da gab Matthias Platzeck bekannt, dass wenige Tage zuvor bei einem Treffen in Berlin der Aufruf zur Gründung einer „Grünen Liga“ verabschiedet wurde.

Aufbruch nach dem Rio-Gipfel

Mit der Erlaubnis für diese spontane Sendung reagierte die publizistische Leitung des DDR-Fernsehens auf einen Protestartikel, den die Zeitung „Bauernecho“ am 9. November 1989 noch vor dem Mauerfall veröffentlicht hatte. Darin forderte der Kreisvorstand Berlin-Hellersdorf der Bauernpartei, die wegen ihrer Ökologiebeiträge noch im August 1989 verbotene Sendereihe „Kreisläufe“ wieder ins Programm zu nehmen und zu einer richtigen Umweltsendung zu entwickeln. Lanciert hatten den Artikel mutige Fernsehjournalisten zusammen mit Berliner Wissenschaftlern.

2008 erhält das Team von „Ozon“ den Berliner Umweltpreis. Der RBB plant immer wieder die Absetzung. (Foto: Michael Zeidler/Stiftung Naturschutz Berlin)

… und wieder abgeschaltet

Neben „Globus“ und „Natur & Umwelt“ in der ARD, „ZDF Umwelt“ und „Ozon“ entstanden nach dem Rio-Gipfel von 1992 weitere kritische Umweltmagazine im Fernsehen. Ende Januar 1992 starteten der Privatsender Sat 1 seine Reihe „Fünf vor zwölf“ mit Petra Kelly als Moderatorin und die Deutsche Welle das Magazin „Noah“. Im Jahr darauf begann „Unkraut“ im Bayerischen Rundfunk. Bis 1997 kamen das WDR-Umweltmagazin „Dschungel“ mit Jean Pütz auf West 3 und „Biotop“ beim MDR dazu.

Doch zehn Jahre später waren viele dieser Reihen wieder verschwunden. Auch „Dschungel“ und die „Hobbythek“ mit Jean Pütz wurden gestrichen. Ab 2004 ersetzte das ARD-Magazin „W wie Wissen“ die kritische Sendung „Globus“.

Aufschrei der Jugend

„Ozon“ wurde bis 2016 vom RBB-Fernsehen ausgestrahlt, blieb damit 27 Jahre eines der erfolgreichsten Formate und für die ostdeutsche Ökologiebewegung ein wichtiges Fenster. Ihm folgte zunächst die Sendung „RBB Wissen“. Heute widmet sich die RBB-Fernsehreihe „Die Wahrheit über …“ als jährliche Staffel über mehrere Wochen vorwiegend wissenschaftlichen, gelegentlich auch ökologischen Themen.

Das reicht natürlich nicht in Zeiten, in denen mit Fridays for Future endlich von der Jugend ein neuer Aufschrei ertönt, viel deutlicher als 1989. Ging es doch damals auf den Montagsdemos – trotz vieler, oft schon jahrelanger Umweltaktivitäten unter dem Dach der Kirche und des DDR-Kulturbunds – vor allem um Wahl- und Reisefreiheit und nur am Rande um die katastrophalen Umweltzustände im Lande und auf der Welt.

Hartmut Sommerschuh

Der Autor war von 1989 bis 2016 verantwortlicher Redakteur von „Ozon“.

Aktuelle Sendung:
www.rbb-online.de/wahrheit


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