Rezensionen

Aus DER RABE RALF April/Mai 2022, Seiten 22/23, 26/27

Die Verkehrswende einfach selber machen

Praktische Tipps für kreative Aktionen und belastbare Bündnisse zum wirklichen Umsteuern

Deutschland braucht eine Verkehrswende. Wenn wir den Klimawandel einigermaßen in Grenzen halten wollen, ist das unerlässlich. Natürlich gilt das auch für sämtliche andere Länder, aber gerade das Autoland Deutschland würde als Vorreiter sicher viele Nachahmer finden. Im „Aktionsbuch Verkehrswende“ wird aufgezeigt, welche kreativen Aktionen es schon gab, um auf einen Sinneswandel in Politik und Bevölkerung hinzuwirken, und vor allem, wie man Bündnisse, Blockaden, Demos, Bürgerinitiativen, Protestcamps und auch kleinere Aktionen am besten organisiert, plant, bewirbt, umsetzt und auch pressewirksam gestaltet.

„Autokorrektur“

Herausgegeben wurde das Buch von dem vierköpfigen Redaktionskollektiv „Autokorrektur“, das die Texte von vielen Einzelnen, die bei einer bestimmten Aktion dabei waren oder über Expertise in einem bestimmten Bereich verfügen, zusammengetragen hat. Den Namen „Autokorrektur“ haben sich die vier – ganz offiziell – bei der Mobilitätsaktivistin Katja Diehl „ausgeliehen“, die kürzlich ein Buch mit diesem Namen veröffentlicht hat.

Das erste Kapitel widmet sich der Mobilitätswende allgemein. Es wird erklärt, warum wir sie so dringend brauchen, was für Vorteile sie uns bringt und welche Maßnahmen für eine erfolgreiche Verkehrswende sinnvoll und notwendig wären. Nicht nur für den Klimaschutz, sondern auch für den Umweltschutz, die Gesundheit der Menschen und die Lebensqualität wäre eine autoreduzierte Welt eine Bereicherung. Ganz zu schweigen von den vielen Verkehrstoten.

Es geht nicht darum, Autos zu verbieten

Die öffentlichen und politischen Debatten zur Verkehrswende – zum Beispiel über ein Tempolimit –  nehmen Fahrt auf. Endlich! Leider ist jedoch in der Bevölkerung das Missverständnis weit verbreitet, die radikalen Ökos wollten allen die Autos verbieten, ohne die es, zumindest auf dem Land, aber nun mal einfach nicht geht und die oftmals mit Freiheit gleichgesetzt werden. All die Probleme, die ein plötzliches Fehlen des Autos verursachen würde, sind jedoch auch den Verkehrswende-Aktiven nicht unbekannt. Ihnen ist klar, dass sich der Autoverkehr nur dann reduzieren lässt, wenn der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) und andere nachhaltige Mobilitätsformen massiv ausgebaut werden, und niemand von ihnen fordert eine komplett autofreie Welt.

In erster Linie geht es also darum, das Auto quasi überflüssig zu machen. Es geht darum, den Fuß- und Radverkehr einfacher und sicherer zu machen. Es geht darum, alte Bahnstrecken zu reaktivieren, den Takt zu verbessern, den ÖPNV kostenlos und damit sozialverträglich zu machen, ihn auch barrierefrei zu gestalten. Es geht darum, den Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlegen. Es geht um einen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft, denn das Auto macht nicht immer nur frei, sondern in gewisser Weise auch unfrei. Es geht darum, dass dickere und damit klimaschädlichere Wagen nicht auch noch mehr subventioniert werden als normal große Autos. Es geht darum, dass nicht noch zusätzliche neue Straßen gebaut werden, denn es ist mittlerweile nachgewiesen, dass mehr Straßen nicht zu einer Entlastung vom Verkehr, sondern zu noch mehr Verkehr führen. Und es geht nicht zuletzt darum, Wege zu verkürzen, indem es Infrastruktur wie Läden, Schulen und Arztpraxen auch auf dem Land gibt und die Mieten in den Städten nicht so in die Höhe schnellen, dass Wohnort und Arbeitsplatz sich immer weiter voneinander entfernen.

Ganzheitliche Umstrukturierung

Die Mobilitätswende ist also eine komplexe Aufgabe, die viele weitere Lebensbereiche beeinflusst und durch diese beeinflusst wird. Betont wird, dass eine echte Verkehrswende nicht nur einen Wechsel vom Verbrennungsmotor auf E-Mobilität bedeuten kann, denn bis auf den CO2-Ausstoß werden dadurch keine Probleme gelöst, sondern höchstens durch andere ersetzt. Ein typisches Beispiel für Klimascheinlösungen. Auch Klimagerechtigkeit spielt hier eine große Rolle, denn es besteht die Gefahr, dass Probleme in Länder des globalen Südens verlagert werden. Außerdem muss beispielsweise bei einem Protest gegen ein Logistikzentrum klargemacht werden, dass man es nicht einfach dem Nachbarort aufdrücken möchte, sondern es überhaupt nirgendwo gebaut werden soll.

Regionale Kreisläufe sorgen nicht nur für weniger Verkehr, sie tragen auch dazu bei, dass kleine Läden, Firmen oder Bauernhöfe überleben können. Durch die kurzen Transportwege sind sie weniger abhängig von fossilen Rohstoffen. Bisher passiert das Gegenteil: Die Ansprüche und damit auch die Standards werden immer höher geschraubt. Über den Online-Handel soll immer alles jederzeit überall schnell verfügbar sein – auch dies gilt aber nur für den privilegierten Teil der Bevölkerung. All das zeigt, dass die Maßnahmen für eine echte Verkehrswende gleichzeitig für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen.

Von den Erfahrungen anderer profitieren

Ein Anfang könnten zum Beispiel autofreie Ortszentren oder Kieze sein. Wie viel mehr Lebensqualität das bringen würde, zeigen einige der Aktionen, die in den weiteren sechs Kapiteln vorgestellt werden. Hier wird ausführlich über Aktionen gegen Autobahnen (Dannenröder Wald), lokale Verkehrswendeinitiativen und viele andere Konzepte und Ideen berichtet. Jedes Kapitel endet mit einer sogenannten Handreichung. Hier wird erklärt, wie man gut recherchiert, Social-Media- und Pressearbeit macht, ein Bündnis aufbaut oder Aktionen vorbereitet. Man erfährt, was man rechtlich beachten muss und was sonst noch alles wichtig ist, um selbst eine Initiative oder Aktion zu starten. Dem Titel „Aktionsbuch“ wird das Buch also auf jeden Fall gerecht. Aber auch wer sich einfach nur aus Interesse informieren möchte, sollte dieses Buch nicht verpassen. Man braucht wirklich einiges an Zeit zum Lesen – aber es lohnt sich definitiv!

Ebenfalls im letzten Jahr erschienen ist das „Anti-Auto-Aktionsbuch“ aus dem Seitenhieb-Verlag. Die beiden Bücher konkurrieren nicht, sondern ergänzen sich. Dabei geht es im Anti-Auto-Aktionsbuch noch stärker um die praktischen Tipps, es ist da auch detaillierter. Beide Bücher können kostenfrei als PDF von den Verlags-Webseiten heruntergeladen oder als gedrucktes Buch gekauft werden.

Demnächst kann das „Aktionsbuch Verkehrswende“, wie viele andere im Raben Ralf rezensierte Bücher auch, in der Umweltbibliothek der Grünen Liga Berlin kostenlos ausgeliehen werden.

Lisa Graf

Clara Thompson, Tobi Rosswog, Jutta Sundermann, Jörg Bergstedt:
Aktionsbuch Verkehrswende
Acker, Wiese & Wald statt Asphalt
Oekom Verlag, München 2021
112 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-96238-354-1

Jörg Bergstedt, Ruben Gradl:
Anti-Auto-Aktionsbuch
Verkehrswende durchsetzen – lokal und überall
Seitenhieb-Verlag, Flensburg 2021
76 Seiten, 9 Euro
ISBN 978-3-86747-100-8

Kostenloser Download:
www.oekom.de
www.seitenhieb.info


Dem Ingeniör ist nichts zu schwör

Volker und Cornelia Quaschning erklären die Energierevolution

Der studierte Politikwissenschaftler und jetzige Finanzminister Christian Lindner hat einmal den Fridays-for-Future-Demonstranten geraten, die Klimakrise den Profis zu überlassen. Was aber, wenn die Profis genau dasselbe fordern wie die jungen Aktivisten? Zu den Profis gehört zweifellos Volker Quaschning, Ingenieur und Professor für Regenerative Energiesysteme in Berlin. Quaschning hat nun gemeinsam mit seiner Frau Cornelia ein Buch geschrieben, das nichts Geringeres als den Masterplan für die dringend gebotene Energiewende enthalten soll.

Ein Nerd mit Sendung

Quaschning ist kein Elfenbeinturm-Professor. Er ist nicht nur ein fleißiger und geschickter Nutzer der sozialen Medien und ein gern gesehener Interviewgast, sondern betreibt mit seiner Frau auch den Podcast „Das ist eine gute Frage“. Obwohl die Sendungen in puncto „Coolness“ einem evangelischen Kirchentag gleichkommen, sind sie auch beim jüngeren Publikum erfolgreich. Dem Paar gelingt es fast immer, die komplizierten Zusammenhänge von Klimakrise und Energiewende zu erklären.

Auf Grundlage dieser Sendungen ist nun ein Buch entstanden. In flüssig geschriebenen Kapiteln werden hier Grundsatzfragen behandelt wie: Wie viel Photovoltaik und Windkraft brauchen wir? Ist das Elektroauto ein Klimasünder? Kann die Kernenergie das Klima retten? (Spoiler: nein) – oder auch: Ist die Welt überhaupt noch zu retten? Ohne sich die Lage schönzureden, ist das Autorenduo bei der letzten Frage optimistisch. Die technischen Möglichkeiten, um die Welt CO₂-neutral zu machen, seien schon da und der einzige Gegner sei die Zeit, es fehle nur der politische Wille.

Blinde Flecken

Die Quaschnings versuchen stets parteiunabhängig zu argumentieren. Sie wissen, dass auch Windradgegner von der Energierevolution überzeugt werden müssen. Der Ingenieur Quaschning glaubt fest daran, dass es genügt, Fakten aufzuzählen, um zu überzeugen. Leider hat uns die Pandemie vorgeführt, dass Politik und Gesellschaft auch die nüchternsten Zahlen fast beliebig zu interpretieren vermögen. Dennoch haben die Autoren recht: Man muss es trotzdem versuchen.

Das Buch hat aber auch blinde Flecken. Quaschning argumentiert zwar wie ein Ingenieur, aber oft wie einer mit Professorengehalt. Wenn im Buch über die Klimavorteile des E-Autos und der Wärmepumpe im Eigenheim sinniert wird, so mag das alles stimmen, ist aber nur für Menschen mit einem bestimmten Geldbeutel relevant. Zwar sehen die Quaschnings in Bürgerenergiegenossenschaften ein Zukunftsmodell und fordern eine radikale Neugestaltung des ÖPNV, aber es gelingt ihnen nicht immer darzulegen, dass bei einer Energierevolution die soziale Frage eine entscheidende ist. Leider ist das Buch auch aus einer sehr urbanen Perspektive geschrieben. Die Auswirkungen der Energiewende auf die Landwirtschaft werden nicht deutlich genug erkannt.

In Windeseile unabhängig

Völlig überzeugen die Autoren aber, wenn sie – bereits vor Putins Angriffskrieg­ – vor der Abhängigkeit von Energieimporten warnen. Deutschland hat zwar wenig eigene Rohstoffe, aber Sonne und Wind gibt es auch hier. Wer wissen will, ob und wie man damit unabhängig werden kann, sollte dieses Buch lesen. Das gilt auch für den Finanzminister.

Johann Thun

Cornelia und Volker Quaschning
Energierevolution jetzt!
Mobilität, Wohnen, grüner Strom und Wasserstoff: Was führt uns aus der Klimakrise – und was nicht?
Hanser Verlag, München 2022
288 Seite, 20 Euro
ISBN 978-3446273016


Als der Weltgeist noch berlinerte

Maurice Schuhmann lädt zu geistreichen Spaziergängen durch Potsdam und Berlin ein

Schwaben haben es bei uns nicht leicht. Mit dem ihnen zugeschriebenen Ordnungswillen, ihrem sprichwörtlichen Fleiß und ihrer angeblichen Spießigkeit gelten sie unter Berlinern als Haupttäter der Gentrifizierung. 2013 entlud sich der Volkszorn: Eine Statue des in Stuttgart geborenen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel wurde demonstrativ mit Currywurst beschmiert. Zur Tat bekannte sich die Initiative „Schwaben ausbürgern“.

So war es nicht immer. Gerade Hegel trug maßgeblich dazu bei, dass Berlin einst zur Hauptstadt der Philosophie erklärt wurde. In seinem neuen Buch führt uns der Philosoph und Rabe-Ralf-Autor Maurice Schuhmann zu den Spuren dieser Vergangenheit.

Von Preußens Gnaden

Vielleicht sind die Schwaben in Berlin deshalb so wenig beliebt, weil ihre Tugenden an preußische Traditionen erinnern, mit denen die heutige Bevölkerung nur noch ungern in Verbindung gebracht werden will. Vielleicht ist auch das in Berlin so beliebte Vordrängeln als nachträgliches individuelles Aufbegehren gegen den preußischen Obrigkeitsstaat anzuerkennen.

Schuhmann bleibt trotzdem nichts anderes übrig, als seinen Reiseführer mit dem Alten Fritz in Potsdam beginnen zu lassen. Schließlich war er es, der die französischen Aufklärer Voltaire, LaMettrie und Diderot zum Philosophieren nach Sanssouci einlud. Auch Heinrich Heine fand lobende Worte für den Kriegs- und Flötenfreund. „Glauben Sie beileibe nicht, dass ich den Ruhm Friedrichs des Großen zu schmälern suche. Ich kenne sogar seine Verdienste um die deutsche Poesie“, schrieb der Dichter mit spitzer Feder. „Hat er nicht, um die deutsche Literatur zu fördern, seine eignen schlechten Gedichte in französischer Sprache geschrieben? Die deutsche Muse wird ihm diesen Dienst nie vergessen.“ Seien es nun Diderot oder Heine, Bakunin oder Marx, Max Stirner oder Arthur Schopenhauer, all diese Denker haben einmal in Berlin gewohnt. Schuhmann hat ihnen – und noch vielen anderen – in seinem Buch kurze und oft auch amüsante Porträts gewidmet, aus denen man viel über die jeweils vertretene Sicht auf die Stadt an der Spree erfahren kann.

Auf Tour gehen

Die im Buch enthaltenen Porträts werden einzelnen geistesgeschichtlichen Epochen zugeordnet, die als Einzelkapitel von der Aufklärung über die Romantik bis zum Hegelianismus reichen und beim Anthroposophen Rudolf Steiner ihr trauriges Ende finden. Da wir hier aber einen Reiseführer vor uns haben, sind vor allem die zehn Touren interessant, die zwischen den Kapiteln beschrieben werden. Ob man nun den Humboldt-Brüdern folgend durch Tegel flaniert, die Spuren von Karl Marx in Alt-Stralau sucht oder sich aufmacht, um die frühe Alternativkultur in Kreuzberg zu entdecken, Schuhmann findet überall Zeugnisse des vergangenen Geistes. Touren und Porträts verweisen dabei wechselseitig aufeinander, was gelegentlich einiges Hin-und-her-Blättern erfordert. Schuhmanns Buch ist dennoch wunderbar gestaltet und bietet vergnügliche Führungen für echte und gedankliche Stadtwanderungen, wozu nicht zuletzt die Fotos von Yvonne Schwarz beitragen. Nebenbei lernt man, dass auch die Schwaben schon lange irgendwie dazugehören.

Johann Thun

Maurice Schuhmann: Geistreiches Berlin und Potsdam
Ein philosophiegeschichtlicher Städteführer
Hendrik Bäßler Verlag, Berlin 2021
152 Seiten, 19,80 Euro
ISBN 978-3-945880-42-5


Sie sind überall

Die Gefahr von Umwelthormonen wird immer noch unterschätzt

Haben Sie schon einmal von Umwelthormonen gehört? Nein? Doch. Nur nicht unter diesem Namen. Umwelthormone sind keine Substanzen, die natürlicherweise in der Umwelt vorkommen, sondern künstliche Stoffe, denen wir im Alltag ausgesetzt sind. Sie wirken ähnlich wie Hormone und können daher im Körper erhebliche Schäden anrichten. Sie finden sich überall in unserem Lebensumfeld. Hierauf macht das vorliegende Buch eindrucksvoll aufmerksam.

Gefährlich für Mensch und Tier

Es ist allgemein bekannt, dass Mikroplastik, Pestizide und so manche Inhaltsstoffe von Kosmetika sowohl unserer Gesundheit als auch der Natur schaden. Viele haben sicher auch von den Problemen durch Antibiotika, besonders in der Massentierhaltung, gehört. Den wenigsten dürfte aber bekannt sein, in wie vielen Alltagsgegenständen hormonwirksame Stoffe stecken.

Hormone steuern in unserem Körper als Botenstoffe fast alles und sind daher extrem machtvoll. Schon in kleinsten Mengen lösen also auch ihre chemischen Doppelgänger Reaktionen aus, die man oft nur indirekt oder sehr viel später bemerkt. Zu den sogenannten Umwelthormonen, in der Fachsprache endokrine Disruptoren genannt, zählen Chemikalien wie Weichmacher oder Flammschutzmittel, (Mikro-)Plastik, Antibiotika, Pestizide und vieles mehr.

Das Buch erklärt gut strukturiert, welche Stoffe zu dieser Gruppe zählen, wo sie herkommen, wo sie sich überall befinden, welche Probleme sie für Mensch und Natur verursachen und wie man sie vermeiden kann. Während Menschen sich noch einigermaßen davor schützen können, sind Tiere den Schadstoffen, die sich mittlerweile überall befinden, schutzlos ausgesetzt. Als Folge davon kann zum Beispiel die Fortpflanzungsfähigkeit eingeschränkt werden. Aber auch wir Menschen können den Umwelthormonen nie komplett entgehen, denn sie befinden sich leider auch schon in der Luft, im Abwasser und in Lebensmitteln, ganz besonders in Tierprodukten, und in den Alpen schneit es sogar Mikroplastik. Deshalb muss ein umfassender gesellschaftlicher Wandel her – und der beginnt auch bei uns als Individuen.

Lobbys verhindern Schutz

Warum sind die endokrinen Disruptoren, die übrigens von der Weltgesundheitsorganisation WHO als „globale Bedrohung“ eingestuft werden, nicht längst verboten? Hier liegt, wie so oft, ein Interessenkonflikt vor – wieder einmal wird die Wirtschaft über das Wohl von Mensch und Tier gestellt. Verschiedene Lobbys sorgen dafür, dass das Problem verharmlost wird.

Obwohl sich das Buch etwas in die Länge zieht und viele Chemikaliennamen enthält, ist es durchaus lesenswert. Checklisten am Ende einiger Kapitel helfen, einen Überblick zu bekommen. Lösungsansätze für Politik, Firmen und Verbraucher*innen werden vorgestellt und mit vielen Do-it-yourself-Rezepten ergänzt.

Wer einen weniger theoretischen, sondern sehr praktischen Ansatz bevorzugt, kann sich auch das Buch „Zero Waste – ohne Stress“ von Kerstin Mayer (Kosmos-Verlag 2021, 16 Euro) ansehen. Dieses beschränkt sich im Wesentlichen auf Plastikvermeidung, aber das ist für die Umwelthormone ohnehin ein großer Hebel.

Beim schadstofffreien Einkaufen können auch Apps wie Codecheck oder Tox Fox sehr nützlich sein.

Lisa Graf

Katharina Heckendorf:
Umwelthormone – das alltägliche Gift
Warum sie uns schaden, wo sie enthalten sind und wie wir uns schützen können
Goldmann Verlag, München 2021
240 Seiten, 12 Euro
ISBN 978-3-442-17916-9


Neue, zukunftstaugliche Verfassung

Warum es für Klimagerechtigkeit eine globale Demokratie braucht

„Eine andere Welt ist nicht nur möglich, eine andere Welt ist machbar.“ Mit diesem ersten Satz gibt der Autor Peter Staub eine klare Richtung vor. Denn in seinem Buch „Die blaue Revolution“ skizziert er, warum er es für machbar hält, dass die Menschheit den Nationalismus überwindet und sich in „einer globalen, grenzenlosen Demokratie“ organisiert.

Zugegeben: Vor dem Hintergrund der Corona-Krise sind dazu bereits mehrere Konzepte unterschiedlicher AutorInnen mit teilweise radikalen Forderungen erschienen. Besonders interessant erscheint Staubs Ansatz jedoch deswegen, weil er nicht bei utopisch klingenden Ideen stehen bleibt, sondern mit einer „Bundesverfassung der Vereinigten Staaten der Welt“ einen ausformulierten Entwurf zur Diskussion vorlegt. Basierend auf der aktuellen schweizerischen Verfassung habe er einige Verbesserungen vorgenommen, um sie „zukunftstauglich“ zu machen.

An Bedürfnissen orientiert

Der Autor beschreibt in zwei parallel verlaufenden Erzählsträngen die Entwicklungen seines Entwurfs.

Ausgehend von der aktuellen Krise und den Klimaprotesten stellt er in acht inhaltlichen Kapiteln verschiedene Wurzeln der Demokratie sowie die revolutionären Entwicklungen in Frankreich, den USA und Haiti vor. Auch die gesellschaftlichen Auswirkungen von Flucht und Migration sowie die Debatte um die Aufwertung von unbezahlter Care-Arbeit werden beleuchtet. Einen besonderen Blick richtet der Autor auf verschiedene Ansätze der Wirtschaftsdemokratie – von selbstverwalteten Betrieben über den dritten Weg des Prager Frühlings 1968 bis zu aktuellen Nachhaltigkeitskonzepten, die sich „an den Bedürfnissen aller Menschen“ orientieren sollen.

Bewegung zur „blauen Revolution“

Zwischen den inhaltlichen Kapiteln hält Staub Rückschau auf etwa 40 Jahre seines bewegten politischen Lebens, das reich an unterschiedlichen Erfahrungen ist: Aktivist für die schweizerische Armeeabschaffungsinitiative, Gewerkschaftssekretär, Koordinator für selbstverwaltete Betriebe und Tageszeitungsjournalist sind nur einige seiner Stationen. Politische Vorstöße und markante Ereignisse sind dabei eng mit seinem persönlichen Alltag verwoben.

Was anfangs für den Leser ungewöhnlich wirkt, ergibt im Verlauf der Lektüre Sinn, denn mit den Schilderungen seines Werdegangs gewinnen die Eckpunkte seines Vorschlags an Glaubwürdigkeit: Solidarität, Gewaltfreiheit und eine als Graswurzelbewegung sich entwickelnde „Massenmobilisierung“ sollen zur „blauen Revolution“ führen.

Die anfängliche Befürchtung, der Autor preise seine etwas modifizierte Verfassung der Schweiz als das einzig Wahre, relativiert sich nach den ersten Seiten bald: Das flüssig und leicht lesbare Werk ist gespickt mit selbstkritischen, auch teilweise wenig bekannten Anekdoten aus dem Leben eines streitbaren Optimisten.

Peter Streiff

Peter Staub:
Die blaue Revolution
Warum es für Klimagerechtigkeit eine globale Demokratie braucht. Und wie wir diese schaffen
Buch & Netz, Kölliken 2020
264 Seiten, 34 Euro
ISBN 978-3-03805-303-3

Zuerst erschienen in Contraste 450, März 2022, www.contraste.org


Porträt des Protestes

Drei Frauen, drei Länder, drei Konflikte

Weltweit kämpfen immer mehr Menschen für eine lebenswerte Zukunft und protestieren gegen bestehende Normen und Systeme. Leider müssen auch im 21. Jahrhundert Menschen für Werte und Rechte kämpfen, die in Deutschland für viele selbstverständlich sind. In weiten Teilen der Welt gehören Menschenrechts-verletzungen, Gewalt und blutige Konflikte zum Alltag.

Der Dokumentarfilm „Dear Future Children“ (etwa: „An die Kinder der Zukunft“) begleitet drei junge Aktivistinnen, die aktuell im Zentrum der politischen Wende dreier verschiedener Länder stehen und genau diesen Alltag erleben: Rayen protestiert gegen den Abbau sozialer Gerechtigkeit in Chile, wo die Lebenshaltungskosten steigen, die Löhne aber nicht. Pepper aus Hongkong setzt sich für den Fortbestand der Demokratie in der chinesischen „Sonderverwaltungszone“ ein. Und Hilda aus Uganda engagiert sich gegen die verheerenden Folgen des Klimawandels, die sich in ihrem Land besonders bemerkbar machen. Mutig und visionär kämpfen sie gegen alle Widerstände unermüdlich für eine bessere und gerechtere Welt.

Gefährlich und oft aussichtslos

Die drei Frauen teilen ein ähnliches Schicksal. Ihre Proteste sind verschieden, doch die Härte des Regimes und die des Hasses, die sie zu spüren bekommen, gleichen einander. Tränengas, Gummigeschosse und Straßenkämpfe sind alltäglich. Aufgrund der politischen Systeme der drei Länder erscheint der Aktivismus oft aussichtslos und ist mit fatalen Auswirkungen auf das persönliche Leben verbunden.

Warum kämpfen die Drei trotz des hohen Risikos und aller Widerstände weiter? Unter dieser Leitfrage porträtiert der Film Pepper, Rayen und Hilda. Sie sind an vorderster Front aktiv, da ihnen bewusst ist, wie wichtig ihr Einsatz für sie selbst, ihre Familie, die nachfolgenden Generationen und ihre geliebte Heimat ist. Der Wille, sich von einem menschenverachtenden System nicht kleinkriegen zu lassen, eint die drei Frauen.

In authentischen Szenen gibt der Film tiefe Einblicke in das Leben der Protagonistinnen, wobei sie von Risiken, Verantwortung und ihren Antrieben erzählen. Aufgrund seiner gesellschaftlichen Aktualität und Brisanz bietet der Film eine wichtige Diskussionsgrundlage, denn Filmemacher Franz Böhm hält sich mit einem eigenen Kommentar komplett zurück und überlässt den Aktivistinnen 90 Minuten lang den Raum.

„Dear Future Children“ ist ein Plädoyer für politisches Engagement unter allen Umständen.

Kaya Thielemann

Dear Future Children (OmU)
Regie: Franz Böhm
Dokumentarfilm, 89 Minuten
Deutschland/Großbritannien/Österreich 2021

Aufführungen/Verleih/Schulmaterial: www.camino-film.com
Filmwebsite (englisch): www.dearfuturechildren.com


Die Welt aus der Froschperspektive

Spannung und Wissen rund um die Froschlurche bietet Willi Weitzels neuer Kinofilm

Willi Weitzel begeistert mit seiner Wissenssendung „Willi wills wissen“ seit Jahren kleine und große Kinder. Nach „Willi und die Wunder dieser Welt“ startet am 12. Mai nun sein zweiter Kinofilm „Willi und die Wunderkröte“.

Reise in die Amphibienwelt

Eigentlich möchte Willi sich in seinem Heimatort etwas von seinen vielen Reisen erholen. Doch lange währt die Ruhe nicht. Der Froschteich von Willis zehnjähriger Nachbarin Luna ist in Gefahr! Der Bürgermeister findet Frösche „fett, schleimig und widerlich“, und mit ihrem Gequake sind sie ihm ein Dorn im Auge. Der Teich soll einer neuen Straße weichen. Luna, deren Großmutter eine berühmte Amphibienforscherin ist, will ihre Frösche um jeden Preis retten.

Eine geheimnisvolle goldene Wunderkröte erscheint sowohl Willi als auch Luna im Traum. Sie entführt Willi in die faszinierende Welt der Amphibien und lässt ihn sogar selbst die Welt aus der Froschperspektive erleben. Seine abenteuerliche Reise findet jedoch nicht nur im Traum statt, sondern führt ihn tatsächlich um die halbe Erde. In Ägypten, Bolivien, Panama und Costa Rica trifft Willi nicht nur auf goldene und fliegende Frösche, sondern auch auf Froschforscher, die ihm viel über das spannende Leben der kleinen Tiere, ihre Besonderheiten, aber auch ihre Probleme erzählen.

Bedroht durch Straßenbau

Amphibien zählen zu den am stärksten bedrohten Artengruppen, weil sie sensibel auf Umweltveränderungen reagieren und sowohl intakte Wasser- als auch Landlebensräume benötigen, die, wie in Willis Heimatort, oft durch Straßenbau oder Landwirtschaft zerstört werden. Der Film zeigt die verschiedenen Gefährdungsursachen kindgerecht auf und vermittelt auf unterhaltsame Weise, was den Fröschen und Kröten hier bei uns und auch weltweit das Leben so schwer macht. Dabei werden auch schwierige Themen und komplexe Zusammenhänge auf gewohnt lockere Willi-wills-wissen-Weise erklärt. Und natürlich wäre Willi nicht Willi, wenn der Film nicht auch Handlungsmöglichkeiten zeigen und ein bisschen Hoffnung auf ein Happy End für die Amphibien dieser Welt machen würde.

Wer schon immer wissen möchte, warum Frösche quaken und wofür sie eigentlich wichtig sind, kann beim Raben Ralf zweimal zwei Freikarten für „Willi und die Wunderkröte“ gewinnen. Bitte dazu bis zum 2. Mai eine E-Mail oder Postkarte mit dem Stichwort „Willi“ an die Redaktion schicken. Die Karten gelten für alle Kinos, in denen der Film läuft.

Lena Assmann

Willi und die Wunderkröte
Regie: Markus Dietrich
90 Minuten, Deutschland 2021
Kinostart: 12. Mai

Filmwebsite: www.williunddiewunderkroete.de

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