Rezensionen

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2022, Seite 27

Neukölln ist essbar

Überall in Berlin wachsen gesunde und wohlschmeckende Pflanzen, man muss sie nur kennen

In gebückter Haltung pflückt eine Teilnehmerin eine unscheinbare Pflanze und steckt sie in einen Stoffbeutel. Eine andere Frau blättert in einem Buch, um die Pflanze zu identifizieren. „Das ist der Schachtelhalm, eine der ältesten Heilpflanzen, die seit Langem zum Beispiel gegen Rheuma und Gicht angewendet wird“, erklärt Eva Willig.

Die 72-Jährige kennt sich aus in der Berliner Kräuterwelt. Bei der Industrie- und Handelskammer absolvierte sie eine Prüfung und erhielt eine Erlaubnis für frei verkäufliche Heilmittel. Seit mehr als zehn Jahren veranstaltet sie von März bis Oktober am jeweils letzten Samstag im Monat kostenlose Kräuterspaziergänge in Berlin. Sie finden überwiegend in Parks und Grünanlagen statt, die nicht direkt an viel befahrenen Hauptstraßen liegen, weil sich Staub und andere Verunreinigungen auch auf Pflanzen ablagern.

Dass Pflanzen nicht nur eine heilende, sondern auch eine giftige Wirkung haben können, beschreibt die Kräuterfrau auch in ihrem Buch „Heilsames Neukölln“. Dort hat sie den Giftpflanzen ein ganzes Kapitel gewidmet. Das lange Zeit als Heilpflanze betrachtete Immergrün und die Kleine Wolfsmilch gehören in diese Rubrik.

Vitamine für alle

Die Mehrzahl der aufgeführten Gewächse hat eine heilende Wirkung und wird dem Buchtitel gerecht. Eigentlich hätte es auch „Heilsames Berlin“ heißen können, schließlich wachsen die aufgeführten Pflanzen nicht nur in Neukölln. Willigs Anliegen ist es aber, in dem Stadtteil, in dem sie seit Jahren lebt, die Giftpflanzen in Grünanlangen zu erkennen und sie möglichst von dort zu verbannen. Stattdessen sollen essbare und heilsame Gewächse stehen gelassen werden. Schließlich haben dann auch Menschen mit geringen Einkommen die Möglichkeit, ihre Nahrung vitaminreich zu ergänzen. 

Willig fällt da sofort der Löwenzahn ein. Jeder Teil dieser anspruchslosen Pflanze kann genutzt werden: „Die Blüten können einen Salat zieren oder zu Sirup gekocht werden. Die Wurzel wurde in der Nachkriegszeit geröstet und zu Kaffee-Ersatz gemahlen.“ Ähnlich verfuhr man mit der Wurzel der Wegwarte, auch als Zichorie bekannt. „Die jungen Blätter des Löwenzahns können zu Salat, die älteren Blätter wie Spinat verarbeitet werden“, fährt Willig fort. „Getrocknete Blätter können Teil eines Blutreinigungstees sein oder ebenfalls als Tee zur Linderung rheumatischer Beschwerden beitragen.“

Ein Kraut gegen fast jedes Leiden

Nach mehr als zwei Stunden verabschieden sich die TeilnehmerInnen des Kräuterspaziergangs. Die meisten wollen die gesammelten Pflanzen gleich verarbeiten. Gänseblümchen waren diesmal besonders beliebt. Die anspruchslose Pflanze blüht zwischen März und November, wirkt entzündungshemmend, regt aber auch Verdauung und Stoffwechsel an. Ihre Blüten wurden mittlerweile von Gourmets entdeckt und dienen in Nobelrestaurants als Zutat teurer Menüs. 

Eva Willig hingegen will mit ihren Kräuterspaziergängen und mit ihrem Buch ein Bewusstsein für eine alte Weisheit schaffen: Gegen fast jedes Leiden ist ein Kraut gewachsen. Selbst in einer Großstadt wie Berlin trifft das heute noch zu.

Peter Nowak

Eva Willig:
Heilsames Neukölln

Selbstverlag, Berlin 2022
175 Seiten, 18 Euro
Bezug: ewil@gmx.de


„Kapitalismus ist kein Schicksal“

Norbert Häring analysiert das globale Wirtschaftssystem – seine Alternativen überzeugen nur begrenzt 

Der Journalist Norbert Häring schreibt unter anderem für das Handelsblatt und betreibt einen Blog „Geld und mehr“. In seinem Buch möchte er die Macht der Konzerne analysieren und zeigen, wie der Kapitalismus heutiger Prägung überwunden werden kann. In einem vorangestellten Lesehinweis warnt er ausdrücklich „vor einer national ausgerichteten, moralisierenden Fehlinterpretation“. Bei seiner Analyse gehe es ihm um die Strukturen der Machtausübung und „nicht darum, wer die Macht gerade ausübt“.

Nächste Finanzkrise vorprogrammiert

Anschaulich schildert der Autor, wie in der Corona-Zeit die Reichen noch reicher wurden und wie die Politik häufig Lobbyinteressen folgt. Er verdeutlicht das am Beispiel des Weltwirtschaftsforums, das vielversprechende Politikerinnen und Politiker im Interesse der Wirtschaftsmächtigen fördert und mit strategischen Partnerschaften Einfluss auf Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Vereinten Nationen nimmt. Politik werde so durch Managementmethoden ersetzt. Diese „Governance“ nutze demokratische Begriffe, beschränke sich jedoch auf technokratische Lösungen und Programme, ohne die zugrundeliegenden Werte und Ziele zu thematisieren.

Häring möchte das Wesen des Kapitalismus ergründen und kritisiert den Vergütungsanspruch des Kapitals, das selbst keine Werte schafft. Die Geldschöpfung durch Banken diene vor allem spekulativen Anlagen und sei ein wesentlicher Machtfaktor. Mit steigenden Aktienkursen bei nachlassender Wirtschaftsleistung steuere das Finanzsystem auf einen nächsten Crash zu. Die globalen Machteliten würden darauf mit zunehmender Überwachung und Repression reagieren, was auf einen Neo-Feudalismus hinauslaufe. Im Pandemie-Szenario „Lock Step“ (Gleichschritt) der Rockefeller Foundation von 2010 sieht der Autor die Blaupause für digitalisierte und biometrische Überwachung, die in der Corona-Pandemie einen Schub bekommen hat. Nächste Ziele seien die Einführung der globalen Personenkennziffer ID2020 und die Abschaffung des Bargelds.

Herkömmliches Verständnis von Wohlstand

Häring macht Vorschläge für eine soziale Marktwirtschaft, die nach einem Crash möglich wäre, wenn der Staat nicht wieder die Banken retten würde. Er stellt sich eine „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ vor, in der es echte Konkurrenz gäbe statt Monopolbildung. Unternehmen seien dann soziale Institutionen ohne Ausbeutung. Die Zentralbank solle unter öffentliche Kontrolle gestellt werden. Der Autor spricht sich für mehr direkte Demokratie aus, warnt jedoch auch vor einer naiven digitalen Zusammenführung individueller Meinungen. Eine „im guten Sinne populistische Reformpartei“ brauche ein Programm im Interesse der Mehrheit der Menschen.

Häring ermutigt abschließend: „Kapitalismus ist kein Schicksal.“ Allerdings wird nicht so richtig klar, wie „wir“ die Macht zurückholen könnten – und wer mit „wir“ überhaupt gemeint ist. Der Glaube an eine nichtkapitalistische Marktwirtschaft bleibt sehr im Bestehenden gefangen, beschränkt sich auf ein herkömmliches Verständnis von Wohlstand und blendet die Notwendigkeit von Degrowth (Wachstumsrücknahme) aus. Das ist auch den Alternativen anzumerken, die nur begrenzt überzeugen können. Ausgesprochen empfehlenswert sind jedoch die mit vielen Quellenangaben versehenen Ausführungen zur Konzernmacht und zu den Interessenverquickungen zwischen Wirtschaft und Politik.

Elisabeth Voß 

Norbert Häring:
Endspiel des Kapitalismus
Wie die Konzerne die Macht übernahmen und wie wir sie zurückholen
Quadriga Verlag, Berlin 2021
384 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-86995-113-3

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