Weltrettung als Geschäftsmodell

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2018, Seite 27

Nachhaltigkeitsversprechen von Konzernen sind meist nur „grüne Lügen“

Kathrin Hartmann, Journalistin und Autorin, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit fragwürdigen Geschäftspraktiken weltweit agierender Konzerne und mit grünen Kommunikationsstrategien. Gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Werner Boote („Plastic Planet“) deckt sie auf, wie Konzerne ihre neoliberalen Geschäftspraktiken und deren verheerende Auswirkungen in ein moralisch einwandfreies Licht rücken, indem sie Fakten aus dem Zusammenhang reißen und Tatsachen verdrehen. Neben einem bildgewaltigen Dokumentarfilm ist ein Buch entstanden, das durch seinen Detailreichtum ebenso besticht wie durch die analytischen Fähigkeiten der Autorin, erschütternde Zahlen und Fakten in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu stellen.

Greenwashing nennt man heute die Kunst, umweltschädlichen Dingen ein grünes Mäntelchen umzuhängen. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Marke Nespresso von Nestlé. Die Unternehmens-Homepage verkündet: „Bei Nespresso sind wir der Überzeugung, dass jede Tasse Kaffee nicht nur Genussmomente bereiten, sondern auch Gutes für die Umwelt und das Gemeinwohl bewirken kann“. Obendrauf kommt George Clooney, der als Werbebotschafter auftritt und für den 80 Euro pro Kilo teuren Kapselkaffee und das damit einhergehende reine Ökogewissen posiert. Wie ein riesiger Berg Aluminiummüll und die Ausbeutung von Kleinbauern – die südsudanesischen Kaffeebauern bekommen zwei Dollar für das Kilo Exportkaffee – am Ende das versprochene „Gute“ bewirken sollen, erfährt man nicht.

Grüne Helfer der Industrie

In ihrem Werk nimmt Kathrin Hartmann alle Beteiligten in solchen Greenwashing-Fällen unter die Lupe. Sie fragt, warum die Vereinten Nationen Unternehmensmultis wie Nestlé, Unilever und Bayer an der Ausarbeitung der „Agenda 2030“ mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Developement Goals, SDGs) beteiligen und welche Rolle Umweltorganisationen als grüne Helfer der Industrie spielen.

Sie macht darauf aufmerksam, dass jede profitorientierte Branche, die mit problematischen Rohstoffen arbeitet, einen „Runden Tisch“ betreibt, an dem Vertreter von Unternehmen, Umweltverbänden und Regierungen Platz nehmen – das FSC-Label für nachhaltige Fortwirtschaft und der „Global Roundtable on Sustainable Beef“ (GRSB) für Rindfleisch sind nur zwei Beispiele. Dabei arbeitet Hartmann heraus, dass diese Runden Tische nicht an der Verringerung der Rohstoffausbeutung arbeiten, sondern an der Produktionssteigerung.

Auch die deutsche Bundesregierung und ihr Rat für nachhaltige Entwicklung (RNE) beteiligen sich an dieser Strategie. Mit dem „Deutschen Nachhaltigkeitspreis“ prämiert der RNE Unternehmen, die „wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und Schonung der Umwelt verbinden und nachhaltiges Handeln zu weiterem Wachstum nutzen“. So wurden Ökogranaten wie BASF, Procter & Gamble, Siemens oder Volkswagen schon für den Preis nominiert oder sogar damit ausgezeichnet.

Den Wandel kann man nicht kaufen

Hartmann mahnt aber auch die Konsumgesellschaft, diese Widersprüche zu benennen und anzuprangern und den Nachhaltigkeitszertifikaten nicht blind zu vertrauen. Denn die geneigte Kundschaft hört gern, dass alles so weitergehen kann wie bisher und der Kauf von „fairen“ und „ökologischen“ Produkten die Welt verbessert. Die Nachhaltigkeitssiegel der Unternehmen dienen sozusagen als Steigbügel für eine intelligente Form des Selbstbetrugs.

Kathrin Hartmanns Buch führt in die neoliberale, globalisierte Konzernwelt ein und zeigt an mannigfachen Beispielen aus der Agrar- und Lebensmittelbranche, der Modeindustrie und dem Energiesektor die Konsequenzen des Kapitalismus für Mensch und Natur auf. Anhand persönlicher Schicksale und verheerender Naturkatastrophen stellt sie die Zusammenhänge zwischen unternehmerischem Handeln und unserem Konsumverhalten her.

In der Hoffnung, dass es sich bei der Lektüre um einen dystopischen Roman handelt, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht heraus und kann das Buch nur schwer aus der Hand legen. Das Happy End bleibt aus, aber der Glaube an einen Wandel stirbt zuletzt. So endet die Autorin mit dem Appell, „eine Utopie des guten Lebens zu entwickeln und diese politisch gegen die Privilegien Weniger durchzusetzen“.

Claudia Kapfer

Kathrin Hartmann:
Die Grüne Lüge
Weltrettung als profitables Geschäftsmodell
Karl Blessing Verlag, München 2018
240 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-89667-609-2
www.thegreenlie.at


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