Baumschutz im Himalaya und in Berlin

Aus DER RABE RALF August/September 2021, Seite 18

Sunderlal Bahuguna, Mitbegründer der Chipko-Bewegung in Indien, hat auch Berliner Umweltbewegte inspiriert. Ein Nachruf

Tegeler Forst, 1983: Sunderlal Bahuguna umarmt einen Baum mit Anti-Autobahn-Plakat. (Foto: Erich Lutz)

Sunderlal Bahuguna war zusammen mit seiner Frau Vimla Mitbegründer der Chipko-Bewegung. Die Bewegung fand seit den 1970er Jahren mit ihrem zumeist von Frauen getragenen Protest gegen die Waldzerstörung im Himalaya-Vorland Nordindiens ein großes Echo, besonders durch ihre „Baumumarmungen“ und Aufforstungsaktionen. 1987 erhielt sie für ihr Engagement den „Alternativen Nobelpreis“. Die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) in Berlin arbeitete seit 1983 mit der Chipko-Bewegung zusammen und erhielt von Sunderlal Bahuguna viele Anregungen für ihre Arbeit und Impulse für internationale Zusammenarbeit.

Gegen Stadtautobahn und Waldsterben

Bei seinem ersten Berlinbesuch 1983 interessierte sich Bahuguna für die Aktionen von Umweltschützern gegen den Bau der Autobahn „Westtangente“ durch den Tegeler Forst.

Im Herbst 1984 machte er auf einer Europatour in Berlin Station beim ASW und bei Umweltgruppen, um sich über die Ursachen des „Waldsterbens“ zu informieren. Er wollte „soziale Aktivisten“ mit kritischen, „humanitären“ Wissenschaftlerinnen sowie engagierten Schriftstellern und Journalistinnen zusammenbringen.

Bahuguna inspirierte die ASW zur Organisation von einwöchigen „Aktivseminaren“ im Allgäu (Rabe Ralf Juni 2021, S. 19). Sie begannen 1988 unter dem Motto „Abholzung im Himalaya, Waldsterben in den Alpen – verschiedene Ursachen, ähnliche Folgen“.

Staudamm-Protest im Himalaya

Im Himalaya unterstützten Bahuguna und die Chipko-Bewegung immer stärker den Kampf gegen den Tehri-Staudamm. Trotz zahlreicher Demonstrationen gegen das Mega-Industrieprojekt, eines Hungerstreiks von Bahuguna, Petitionen an die Regierung sowie internationaler Unterstützung wurde der Damm mit einer 260 Meter hohen Staumauer gebaut, die Stadt Tehri und 112 Dörfer ganz oder teilweise zerstört. Ein mehr als 42 Quadratkilometer großer See wurde aufgestaut – in einer erdbebengefährdeten, ökologisch sensiblen Region.

Ende der neunziger Jahre kam Bahuguna auf Einladung der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald noch einmal nach Berlin. Diesmal standen Besuche bei Ministerien im Mittelpunkt. Es ging um Proteste gegen Hermes-Exportkreditbürgschaften für deutsche Firmen, die Turbinen und andere Technik liefern wollten. Obwohl der Staudamm nicht verhindert werden konnte, wurden die kritischen Stimmen zu weiteren Staudammprojekten gestärkt.

Beindruckend waren Sunderlal Bahugunas Persönlichkeit und die Beharrlichkeit, mit der er sich – gemeinsam mit vielen Menschen in den Bergdörfern – jahrzehntelang für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen engagierte und für die „Wiederherstellung einer harmonischen Beziehung zwischen Mensch und Natur“, wie er es ausdrückte.

Am 21. Mai ist Sunderlal Bahuguna im 95. Lebensjahr an Covid-19 gestorben.

Reinhild Schepers

Die Autorin leitete von 1988 bis 2011 mit Erich Lutz die ASW-Aktivseminare.

Zum Weiterlesen: Ludmilla Tüting (Hrsg.), „Menschen, Bäume, Erosionen: Kahlschlag im Himalaya – Wege aus der Zerstörung“, Der Grüne Zweig 120, Löhrbach 1988, www.gruenekraft.com

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