Was isst die Welt?

Aus DER RABE RALF April/Mai 2019, S. 9

Kocherlebnisse und Tischgespräche beim Forum der Grünen Liga Berlin

Ob man seinen gesunden Smoothie auf Instagram postet oder seine Männlichkeit am Grill unter Beweis stellt – Essen stiftet Identität. Gleichzeitig ist Essen für viele Millionen Menschen noch immer eine Frage des täglichen Überlebens. In ihrem Bildungsprojekt „Food Diaries“ beschäftigt sich die GRÜNE LIGA Berlin mit verschiedenen Aspekten der Ernährung. Am 26. Januar fand das erste Forum statt. „Was isst die Welt?“ war das Motto, unter dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über globale Esskultur diskutierten – und selbst kochten.

Lena Michelsen vom entwicklungspolitischen Inkota-Netzwerk ging in ihrem Vortrag der Frage nach, wieso jeder neunte Mensch auf der Welt hungert. Die Hauptursache ist nicht ein Mangel an Nahrungsmitteln, betonte sie, sondern Armut und Ungleichheit. Paradoxerweise ist die bäuerliche Bevölkerung, vor allem in Ländern südlich der Sahara, besonders oft von Hunger bedroht. Die Ernährungsexpertin kritisierte, dass immer mehr Macht in den Händen weniger Agrarkonzerne konzentriert wird. „Bäuerinnen und Bauern sollten zusammen mit der lokalen Bevölkerung wieder selbst darüber bestimmen können, was sie anbauen, wie sie es verarbeiten, vermarkten und essen“, forderte sie. „Wir brauchen mehr Ernährungssouveränität.“

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Es gibt also gute Gründe, das Essen auf unseren Tellern kritisch zu betrachten. Doch fragwürdige Produktionsbedingungen sind nicht der einzige Grund, weshalb manche von uns vom schlechten Gewissen geplagt werden. Im zweiten Vortrag erläuterte Christoph Klotter die Ursprünge und den Wandel der Esskultur in Deutschland. Der Ernährungspsychologe nahm sein Publikum mit in die Zeit der Römer und Germanen. Deren grundverschiedene Esskulturen prägen uns bis heute. „Während die Germanen sich der Völlerei hingaben und das Bier in Strömen floss, pflegten die Römer mit ihrer mediterranen Ernährung den maßvollen Genuss“, bestätigte der Referent die landläufige Vorstellung. Zwei Herzen schlagen also in unserer Brust: eins aus Schweineschmalz und eines aus Olivenöl.

Gemeinsam mit Serhildan Kardaş und Luisa Vellay vom Verein KulturNetz war im praktischen Teil Gelegenheit, die wenig bekannte Esskultur Kurdistans zu entdecken. Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede gibt es? Bevor alle selbst die Kochlöffel in die Hand nahmen, um es herauszufinden, nahm Serhildan Kardaş in seiner Präsentation die Anwesenden mit in seine kurdische Heimatstadt, in der die Nachbarinnen gemeinsam auf Kochstellen an der Straße das Essen zubereiteten. Zusammen kochen und sich dabei austauschen – dieses Erlebnis wurde für einen Nachmittag in das Café Diderot an der Prenzlauer Allee geholt. Auf dem Speiseplan standen gefüllte Weinblätter und Gemüse, Ayran – ein selbstgemachter Joghurtdrink – und süße Bällchen mit Nüssen.

Gekocht, geplaudert, gegessen

In Gruppen wurde unter Anleitung geschnippelt und gerührt. Zum Füllen von Weinblättern und Gemüse kamen dann alle zusammen an einen Tisch. Erwachsene und Kinder waren mit dem Rollen der Blätter beschäftigt und kamen ins Plaudern über ihre Erfahrungen mit Ernährungsgewohnheiten in Kanada, Deutschland, Kurdistan oder auch Afghanistan. Nach zwei Stunden stand das Essen auf dem Tisch. Die meisten probierten zum ersten Mal diese Speisen. Die Resonanz war gut: Alle waren satt und zufrieden.

Weinblätter und Auberginen werden gefüllt. (Foto: Anke Küttner)

Pel (gefüllte Weinblätter)

Zutaten für 4-5 Personen:

  • 50 Weinblätter (vorgekocht, vakuumiert)
  • oder frische Paprika
  • oder getrocknete Aubergine oder Paprika

Für die Füllung:

  • 400 g Reis
  • 30 g Essigbaumgewürz/Sumach/Sumak (alternativ ungespritzte Zitrone)
  • 2-3 mittelgroße Zwiebeln
  • 2 Tomaten
  • 200 g Paprika
  • 10 g Petersilie
  • 3 EL Tomatenmark
  • 1 EL Paprikamark
  • Salz, Pfeffer
  • Paprikaflocken
  • Olivenöl
  1. Das Essigbaumgewürz mit heißem Wasser übergießen und ziehen lassen. (War kein Essigbaumgewürz aufzutreiben, am Ende Zitronenscheiben zum Kochen mit in den Topf geben.)
  2. Zwiebeln, Tomaten, Paprika und Petersilie sehr klein hacken. Den Reis mit dem gehackten Gemüse, dem Tomaten- und Paprikamark und den Gewürzen mischen, reichlich Olivenöl zugeben. (Die kurdische Küche spart nicht an Öl.)
  3. Die Weinblätter befüllen (oder das andere Gemüse wie frische Paprikaschoten oder getrocknete Aubergine bzw. Paprika – getrocknetes Gemüse muss vorher kurz aufgekocht werden, damit es weich wird). Dazu die Stiele der Weinblätter entfernen, etwa einen Teelöffel Füllung auf die Mittelrippe geben und das Blatt zu einem Paket rollen. Es sollte nicht zu stramm sein, da der Reis beim Kochen an Volumen zunimmt. (Paprikaschoten nur zu zwei Dritteln füllen und mit dem Strunk als Deckel verschließen.) Die gefüllten Teile am Boden eines Topfes dicht an dicht stapeln.
  4. Den „Tee“ des Essigbaumgewürzes absieben und über das Gemüse geben. Mit heißem Wasser auffüllen, bis alles bedeckt ist. Das Gemüse mit einem Teller beschweren.
  5. Bei geschlossenem Deckel so lange kochen lassen, bis der Reis und das Gemüse gar sind – etwa eine halbe Stunde.
  6. Das Wasser abgießen und das Essen auf eine große Platte stürzen. In die Mitte des Esstisches stellen, sodass alle sich bedienen können. Dazu Weißbrot und Joghurt servieren. Ein kleiner gemischter Salat passt hervorragend dazu.

Tipp: Die Zutaten bekommt man in türkischen Lebensmittelgeschäften.

Sarah Buron, Elena Markert

Danke an alle Teilnehmenden fürs fleißige Mithelfen, an Lena Michelsen und Christoph Klotter für die Einführung und an Serhildan Kardaş und Luisa Vellay für die leckeren Rezepte und die Unterstützung. Die nächsten Foren der Bildungsreihe beschäftigen sich mit dem Fleischkonsum und mit Zucker. Macht mit bei den Lebensmitteltagebüchern der Grünen Liga Berlin und vergleicht eure Ernährungsgewohnheiten und Lieblingsspeisen mit denen von Menschen aus aller Welt! Das Projekt wird gefördert von Engagement Global im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums.

Weitere Informationen:
www.grueneliga-berlin.de/food-diaries
Tel. (030) 4433910


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