„Wir zeigen: Solarenergie funktioniert!“

Aus DER RABE RALF Februar/März 2019, S. 4/5

Wie Studierende der TU Berlin eine Solarstrom-Anlage auf das Dach der Universitätsbibliothek gebaut haben

Das studentische Projekt „Solar Powers“ aus Berlin erhielt im letzten Jahr den Deutschen Solarpreis und wurde zum Bürgerenergieprojekt 2018 gekürt. Seit zwei Jahren betreibt der Verein an der TU Berlin eine durch Spenden finanzierte Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der Universitätsbibliothek in der Fasanenstraße. Den erzeugten Strom verkauft Solar Powers an die TU, um mit den Einnahmen Bildungsprojekte zu fördern. Wie ihr Projekt entstand, warum Solarstrom die Zukunft ist und warum es trotzdem erst so wenige Solardächer gibt, erklären Andrea Ruiz, Nils Becker und Ricardo Reibsch im Interview.

Mitglieder von Solar Powers (von links nach rechts): Ricardo Reibsch, Andrea Ruiz, Nils Becker, Jasmin Wenger. (Foto: Alena Schmidbauer)

Der Rabe Ralf: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, an der TU so ein großes Solarprojekt zu starten?

Andrea Ruiz: Das war vor etwa drei Jahren beim Energieseminar, das ist eine studentisch-selbstorganisierte Lehrveranstaltung hier an der TU Berlin. Eines der Projekte war eine Machbarkeitsstudie für die TU, darüber, welche Dächer für Photovoltaik genutzt werden könnten, welche Potenziale es gibt. Im folgenden Semester war ich in der Gruppe, die sich eine Dachfläche ausgesucht und dort eine Solaranlage projektiert hat. Dabei haben wir gemerkt: Okay, das Potenzial ist da und Gelder kann man auch irgendwie bekommen. Wir hatten auch schon erste Gespräche mit Unternehmen und die Unterstützung vom Präsidium der TU. Ein Vorschlag bei uns war, einen gemeinnützigen Verein zu gründen, falls es mit der Umsetzung klappt. Da haben wir gesagt: Wenn sich genug Leute finden, die ehrenamtlich so eine Anlage bauen wollen, dann machen wir es.

Was hat euch motiviert, das alles ehrenamtlich zu machen?

Nils Becker: Ursprünglich gab es die Idee, die TU dazu zu bringen, die Photovoltaik-Anlage selbst zu bauen. Irgendwann war aber klar, dass die Uni das nicht machen wird. Ein gemeinnütziger Verein bietet viele Möglichkeiten, zum Beispiel die, ohne ein Gewerbe anzumelden relativ reibungslos so eine Anlage betreiben zu können. Uns passt das auch von der Grundmentalität her, weil wir gerne etwas ehrenamtlich machen wollten.

Dazu kommen der soziale und der Bildungsaspekt: Es geht nicht darum, dass man einfach Solarstrom verkauft und das Geld auf sein Konto schiebt. Wir betrachten das Projekt nicht als großes Investment, nach dem Motto: Wir nehmen das Geld aus der Anlage und haben dann vielleicht Rücklagen und können dann mit Eigenkapital einen Kredit aufnehmen und vielleicht noch eine Anlage bauen. Das war uns salopp gesagt zu kapitalistisch. Es war uns wichtig, das Geld zurück an die TU zu geben oder an andere Bildungsprojekte, die uns wichtig sind. Vor allem ging es uns darum, der TU zu zeigen, dass der Betrieb solch einer Anlage funktioniert.

Andrea: Unser Grundprinzip war: Wenn es nicht von der Uni selbst kommt, dann müssen wir das anstoßen und den Ausbau der Solarenergie an der TU vorantreiben, damit sie irgendwann versteht, dass sich die Anlagen rentieren und der Betrieb pflegeleicht ist.

Die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der TU-Bibliothek. (Foto: Solar Powers)

Am Anfang gab es also Probleme mit der TU-Leitung, aber ihr schreibt auf eurer Internetseite, dass sie euch später unterstützt hat. Wie sah das aus?

Nils: Die TU ist durchaus pluralistisch zu betrachten. Die Machbarkeitsstudie aus dem ersten Seminar haben wir dem Präsidenten und der Bauabteilung der TU vorgestellt. Bevor jemand etwas sagen konnte, war der Präsident mit im Boot. „Ich hab da Bock drauf“, das waren seine Worte. Damit hat er eine wichtige Weiche gestellt. Dadurch ist auch relativ schnell der Weg frei geworden, dass die Bauabteilung uns das Bibliotheksdach als Bauort zugesichert hat. Allerdings ist das eine Abteilung, die nicht gerade überbesetzt ist und sich deshalb schwertut, weitere Aufgaben übernehmen zu müssen. Insofern verstehe ich, dass diese Abteilung dann auf der Bremse stand und es über ein Jahr dauerte, bis wir den Pachtvertrag mit der TU hatten, und nochmal zwei Jahre, bis wir bauen konnten.

Wie viele Leute seid ihr, zwanzig?

Andrea: Nein, zehn.

Ihr Zehn habt das Projekt alleine gestemmt?

Andrea: Im Prinzip ja, aber es gab mehrere Phasen. Im Energieseminar waren wir schon etwa 20 Leute, da wurde auch viel vorbereitet. Aktiv waren wir dann nur noch zehn. Aber für die konkrete Bauplanung und Installation der Anlage hatten wir auch Unterstützung vom KanTe, vom „Kollektiv für angepasste Technik“ in Berlin-Kreuzberg. Die haben die Bauanleitung gemacht und uns gezeigt, wie man die Anlage installiert. Die Mounting Systems GmbH in Schöneberg hat uns die Unterkonstruktion gespendet und uns bei der Auslegung geholfen.

Nils: Als es Richtung Bau ging, hat es mit KanTe, Mounting Systems und der Bauabteilung sehr gut funktioniert. Wir durften dann auch, was nicht selbstverständlich ist, mit der Unterstützung von vielen Studierenden selbst bauen, selber aufs Dach gehen und die Materialien tragen. Bei der HTW, der Hochschule für Technik und Wirtschaft, gibt es ein ähnliches Projekt, da durfte nur ein Solarunternehmen bauen.

Wie schafft es so eine Anlage eigentlich, Sonnenenergie in Strom umzuwandeln?

Ricardo Reibsch: Solarzellen verwandeln Sonnenlicht direkt in Strom. Jedes Photon oder auch Lichtteilchen ist in der Lage, ein Elektron aus der Solarzelle herauszulösen. Strom ist nichts anderes als Elektronen, die sich bewegen. Es kommt also ein Photon, löst das Elektron heraus und dann habe ich dieses herausgelöste Elektron, das einen Stromfluss herstellt. Das Problem ist, dass nicht jedes Elektron für den Stromfluss genutzt werden kann, sonst hätten Solarzellen einen Wirkungsgrad von 100 Prozent und das haben sie leider nicht. Solarzellen haben eher einen Wirkungsgrad von 16 Prozent. Das heißt, nur 16 von 100 Elektronen tragen zum Stromfluss bei.

Es ist also unmöglich, dass die TU-Bibliothek ihren Strom vollkommen aus der einen Solaranlage beziehen kann?

Ricardo: Genau, die TU-Bibliothek verbraucht deutlich mehr Strom, als die Solaranlage liefert. Fast der gesamte Strom der Anlage wird direkt in der Bibliothek verbraucht. Wahrscheinlich werden wir also nichts ins öffentliche Stromnetz einspeisen.

„Sonne fördert Bildung“ ist das Motto eures Vereins Solar Powers. Mit dem Gewinn aus dem Verkauf des Stroms an die TU Berlin fördert ihr Bildungsprojekte. Welche zum Beispiel?

Andrea: Wir wollen nicht nur Bildungsprojekte fördern, sondern auch Projekte, die sich mit erneuerbaren Energien oder Klimaschutz auseinandersetzen. Unsere Anlage ist seit zwei Jahren in Betrieb und im ersten Jahr mussten wir erst Geld zur Seite legen, um einen Puffer zu haben, falls der Wechselrichter Probleme macht oder irgendwas ausgetauscht werden muss, für solche Sachen. Diesen Sommer ist zum Beispiel eine Sicherung aufgrund der Hitze durchgebrannt. Deshalb haben wir bisher noch keine konkreten Projekte unterstützt, bis auf das Klimacamp im Rheinland im vergangenen Sommer. Wenn wir aber bekannter werden an der Uni, ist die Idee, dass Initiativen und Projekte bei uns Förderanträge stellen können.

Momentan nutzt ihr nur einen kleinen Teil der gesamten TU-Dachfläche. Plant ihr noch weitere Anlagen zu bauen?

Andrea: In der Lehrveranstaltung haben wir mehrere Dachflächen projektiert. Theoretisch könnte man sich nun mit der Umsetzung beschäftigen, allerdings müssen zurzeit viele Gebäude auf Statik geprüft werden, deshalb müssten wir erst die Genehmigung der Bauabteilung bekommen. Außerdem müssten wir auch erst mal Geld sammeln, um noch eine ganz neue Anlage zu finanzieren.

Ihr glaubt nicht, dass das mal kommen wird?

Andrea: Schon, aber nicht in den nächsten Jahren.

Ricardo: In der Studie haben wir damals auch untersucht, wie viel Photovoltaik man überhaupt installieren könnte, und kamen auf ein Potenzial von vier Megawatt. Unsere Anlage hat jetzt 30 Kilowatt, das heißt, theoretisch könnte man noch viele solche Anlagen bauen.

Eigentlich wollten wir ja zeigen: Solarenergie funktioniert auf einem Dach der TU! Und das könnte ein Anreiz für die Uni sein, weitere Anlagen zu bauen. Es wäre natürlich toll, wenn die TU sagen würde: Wir wollen diese Anlagen bauen und betreiben. Auch sie haben das Know-how, und sie können die finanziellen Mittel dafür bereitstellen, ihnen gehören die Dächer, also würde es auch naheliegen, wenn die TU sagt: Okay, wir machen den Schritt und bauen selber.

Nils: Zumal das für sie billiger wäre, wenn man die Kosten für die Anlage und die Gebühren in unserem Betriebsmodell zugrunde legt. Für den Strom kriegen wir 16 Cent von der Universität pro Kilowattstunde, ziemlich genau das, was auch Vattenfall bekommt. Wenn die TU solche Anlagen selber betreiben würde, wären die Gebühren, vor allem die EEG-Umlage, um 40 Prozent geringer. Die TU könnte dann drei bis vier Cent pro Kilowattstunde sparen.

Auf dem Dach der TU-Bibliothek wurde die Solaranlage installiert. (Foto: Markus Hilbich/​UB TU Berlin/​Flickr, CC-BY 4.0)

Wenn es keine finanziellen Gründe sind, warum dauert dann der Umstieg so lange?

Andrea: Finanzielle Gründe gibt es sicherlich schon. Es ist nicht so, dass die TU Geld einfach übrig hat. Es müsste auch eine Stelle geschaffen werden, die sich darum kümmert. Außerdem hat die TU einen Vertrag mit Vattenfall. Eigentlich muss Vattenfall der einzige Energieversorger sein. Auch deswegen wäre es schwierig, wenn wir noch andere Anlagen bauen.

Nils: Dazu kommt, dass die betreffende Abteilung eben unterbesetzt ist und der Zuständige bald in Rente geht. Da ist es durchaus verständlich, wenn man das nicht den Nachfolgern überlassen will, von denen man nicht weiß, wer und wie viele es sein werden. Zwar ist die Solaranlage wahrscheinlich die wartungsärmste Erneuerbare-Energien-Einrichtung, die es gibt, doch wenn die Uni schon nicht weiß, wie man damit hinterherkommen soll, die Energieanlagen auf dem Campus – nicht nur für Strom, auch für Wärme und Kälteerzeugung – einigermaßen zu überwachen, ist es nachvollziehbar, dass sie die Finger davonlässt. Dann wird halt lieber an einen Verein outgesourct in der Hoffnung, weniger Arbeit zu haben.

Was sind die Gründe für die allgemeine Stagnation bei der Photovoltaik? Ist der Ertrag zu gering? Fehlt es den Menschen an Informationen?

Andrea: Die Einspeisevergütung wird immer weiter reduziert. Man bekommt immer weniger Geld pro eingespeiste Kilowattstunde. Durch das neue Energiesammelgesetz sollen die Vergütungen jetzt nochmal um 11 Prozent bis zum 1. April gekürzt werden.

Nils: Es wird politisch nicht vorgelebt, dass die Energiewende sinnvoll ist. In Deutschland, das sich ja mal als Erneuerbare-Energien-Musterland verstand, werden keine Anreize mehr gesetzt, dort zu investieren. So kommt es, dass wir nicht einmal die eigenen Ausbauziele erreichen. 2018 hat Deutschland zwar nochmal das Ziel von 2.500 Megawatt Photovoltaik-Zubau erreicht, aber vorher war das seit 2014 nicht mehr der Fall.

Seit etwa einem Jahr wird über den Klimawandel in den Medien viel stärker diskutiert als in früheren Jahren. Glaubt ihr, dass Solarstrom dadurch bald wieder mehr gefragt ist?

Andrea: Das ist unsere Hoffnung. Es scheint, dass sich immer mehr Leute mit Klima und Energie beschäftigen, gerade durch die Aufstände im Hambacher Forst. Viele Leute haben realisiert, dass der Klimawandel definitiv da ist. Jetzt sollten wir uns fragen: Wie wollen wir damit umgehen? Was wollen wir tun? Wie kann man die Ziele der Regierung vorantreiben?

Nils: Das Problem ist: Die Politik macht den Solar-Ausbau nur für Leute interessant, die ein Eigenheim besitzen. Das führt dazu, dass wir in der Stadt kaum ausbauen. Wer sich eine kleine Anlage aufs eigene Dach baut und den Strom selbst verbraucht, hat Kosten von 10 bis 12 Cent pro Kilowattstunde für den eigenproduzierten Strom. Das ist um einiges günstiger als die 30 Cent für den Strom aus dem Netz. Doch in der Stadt besitzt so gut wie niemand das Haus, in dem er wohnt, und Mieterstrommodelle, die den Ausbau von Solaranlagen auf Mehrfamilienhäusern fördern sollen, sind durch das Energiesammelgesetz, das im Dezember beschlossen wurde, wahrscheinlich erst mal chancenlos. Die waren vorher schon schwierig zu kalkulieren und es wird jetzt noch schwerer werden.

Interview: Alena Schmidbauer

Weitere Informationen: www.solarpowers.de


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