Gegen das Waldvernichtungs-Projekt

Aus DER RABE RALF April/Mai 2021, Seite 12

In Zeiten der Umwelt- und Klimakrise will Berlin eine neue Schnellstraße durch die Wuhlheide bauen

Das „Paradies Wuhlheide“ ist bedroht. (Foto: Katrin Fleischer)

An die Ruhe, die saubere Luft und das Rauschen der Baumwipfel kann ich mich noch gut erinnern. Ein Jahr ist der erste Berliner Corona-Lockdown her. Plötzlich stand alles still. Keine Flugzeuge mehr am Himmel, keine Konzerte mehr, Spielplätze mit Flatterband abgesperrt und sonst viel befahrene Straßen verwaist. Ich war vorübergehend zu meiner Mutter nach Karlshorst gezogen, damit wir nicht beide alleine in unseren Wohnungen sitzen müssten. Wir nannten es Corona-WG. Netter Nebeneffekt: Karlshorst, im südlichen Lichtenberg gelegen, ist deutlich ruhiger als mein sonstiger Kiez und liegt direkt am Stadtwald Wuhlheide.

Stadtwald für Groß und Klein

Als Kind war mir die Wuhlheide mit ihren großen Laubbäumen, alten Kasernenüberresten und scheuen Wildschweinen unendlich groß vorgekommen. Ein Ort von Freiheit und Abenteuer. Besonderes Highlight für jedes Kind ist das mitten im Wald gelegene Freizeit- und Erholungszentrum FEZ. Auch vor einem Jahr im April spazierte ich hier entlang, genoss die frühlingshafte Natur und das natürliche Rauschen des Waldes. Unterwegs traf ich auf zahlreiche Menschen aus Karlshorst, aus Biesdorf, Köpenick und von weiter her kommend. Die Wuhlheide erfreute sich größter Beliebtheit in einer Zeit, als alles geschlossen hatte und wir unsere Zeit überwiegend in den eigenen vier Wänden verbrachten.

Auch heute befinden wir uns wieder im Lockdown. Und die Berliner:innen brauchen Rückzugsorte in der Natur mehr denn je. Stadtwälder wie die Wuhlheide wurden vermutlich schon lange nicht mehr so wertgeschätzt wie seit dem Ausbruch der Pandemie.

50 Jahre alte Planung

An dieser Stelle könnte die Geschichte zu Ende sein, doch es kam anders. Denn die Wuhlheide ist bedroht. Ausgerechnet eine vielspurige Straße soll mitten hindurch gebaut werden, ähnlich einer Autobahn: die „Tangentialverbindung Ost“ (TVO). Vielen wird die TVO kein Begriff sein, denn das autofixierte Betonmonster ist eigentlich ein alter Hut. Bereits in den 1960er-Jahren in der DDR geplant und teilweise gebaut, wurde die Vollendung seit vielen Jahren aufgeschoben.

Doch jetzt soll wieder Schwung in die Sache kommen. Die Planfeststellung soll 2022 erfolgen, dann kann gefällt und betoniert werden. Als Grund wird eine erwartete Entlastung für den Innenstadtverkehr genannt. Gegen solch einen Effekt kann natürlich niemand etwas haben. Aber wie kann es eigentlich sein, dass Politiker:innen auch im Jahr 2021 immer noch glauben oder zumindest behaupten, dass der Bau zusätzlicher Straßen zu weniger Autoverkehr führt?

Klimaneutral mit neuen Autobahnen?

Gerade der rot-rot-grüne Senat, der laut eigener Aussage so vieles für Fuß- und Radverkehr tut, baut ein weiteres fossiles Zombieprojekt – neben der Stadtautobahn A100 –, und das auch noch quer durch einen Wald. Parallel zur TVO soll zwar eine neue S-Bahn-Strecke verlaufen. Doch es gibt Zweifel, ob der Platz dafür mit der jetzigen Planung überhaupt ausreicht, selbst wenn wie geplant 15 Hektar Wald gefällt werden. Das würde aber auch nichts mehr retten – denn die S-Bahn-Strecke wäre frühestens 2035 fertig. Für einen entlastenden Effekt auf das Klima ist das zu spät – Berlin muss dann schon klimaneutral sein. Die Berliner Gruppe von Fridays for Future fordert als Zieljahr sogar 2030.

Was im Gegensatz zur Bahnstrecke sehr bald Realität sein wird, sind Baumfällungen, Betongüsse und Verkehrsabgase inklusive CO₂. Quer durch einen gesunden Laubwald, unmittelbar vorbei am beliebten Familienausflugsziel FEZ, wo Kinder heute noch an der frischen Luft und ohne Autokrach spielen können. Direkt entlang an einer Kleingartenanlage und einer Seniorenresidenz. Die Bewohnerinnen und Gartenfreunde können es sicher kaum erwarten.

„Größte Waldvernichtung seit dem Krieg“

Wie ist so etwas möglich? Wieso werden heute noch solche staubigen Pläne aus dem vergangenen Jahrhundert umgesetzt, als wäre unsere Landesregierung nur Verwalterin statt Gestalterin der Stadt? Der Naturschutzbeirat des Landes Berlin jedenfalls bezeichnet die TVO als größtes Waldvernichtungsprojekt seit dem Zweiten Weltkrieg. Wenn das in der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klima keine Warnsignale auslöst, dann muss die Frage erlaubt sein, in welche Richtung der Senat eigentlich steuern möchte. Und wie das mit anspruchsvollen Umweltzielen oder der 2019 ausgerufenen „Klimanotlage“ vereinbar sein soll.

Ist das die Zukunft der Wuhlheide? Waldzerstörung für eine Autobahn im Dannenröder Forst, Ende 2020. (Foto: Jörg Finus)

Trotz aller gegensätzlichen Absichtsbekundungen wird Berlins Status als autozentrierte Stadt immer noch weiter zementiert, statt endlich auch im Verkehr mit ernsthaftem Klimaschutz zu beginnen. Zum Glück formt sich an allen Ecken und Enden Widerstand. Gegen die TVO-Planungen entsteht ein breites Bündnis aus Umwelt- und Klimagruppen, das auch von der neuen Partei „radikal:klima“ unterstützt wird. Es fordert die dauerhafte Beerdigung des TVO-Vorhabens und den Stopp der nutzlosen A100. Für die völlig fehlgeleitete Verkehrspolitik des 20. Jahrhunderts dürfen heute keine Flächen mehr versiegelt und erst recht keine Wälder oder Wohnhäuser zerstört werden, lautet die Forderung.

Gemeinsame Demonstration am 25. April

Für den 25. April ist deshalb eine gemeinsame Demonstration in der Wuhlheide geplant, organisiert von den Berliner Umweltverbänden, der Berliner Klimabewegung und weiteren Gruppen. Startpunkte und genaue Route werden noch bekannt gegeben. Eines ist jedoch klar: Wir befinden uns an einem Scheideweg. Initiativen wie das Volksbegehren „Berlin Autofrei“ oder das geplante Volksbegehren „Klimaneutrales Berlin 2030“ der Initiative Klimaneustart weisen den Weg in eine grundsätzlich neue, regenerative Zukunft der Stadt. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob genügend viele Berliner:innen diese Vision teilen und ob sie ihrer bisherigen Regierung zutrauen, diesen Weg zu gestalten.

Ich werde auf jeden Fall am 25. April für eine echte Verkehrswende demonstrieren. Denn in Zeiten der Klimakrise möchte ich die Wuhlheide unbedingt verteidigen. Auch, aber nicht nur wegen meiner Erinnerungen an die Kindheit im Stadtwald.

Antonio Rohrßen

Weitere Informationen zur TVO und zur Demonstration:
www.naturfreunde-berlin.de/tags/tvo
www.radikalklima.de

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