Die Kraft der Güte

Der unerwartete Erfolg des “Gütekraft”-Konzepts ist jetzt auch Gegenstand der Forschung

Aus DER RABE RALF Oktober 2002

Was geschah in Indien unter der Führung von Mahatma Gandhi? Worin bestand das Erfolgsgeheimnis der Bürgerrechtsbewegung von Martin Luther King in den USA? Wieso brachte 1943 in der Berliner Rosenstraße der Protest der Frauen die Nazi-Führung davon ab, ihre jüdischen Ehemänner zu deportieren? Seit vier Jahren gibt es in Deutschland die “Arbeitsgruppe Gütekraft”. Sie widmet sich der Erforschung und Dokumentation von Fällen, in den Gewaltsituationen deeskaliert und ohne Gewaltanwendung gelöst werden konnten. Ein Bericht von einem jungen Forschungsfeld zu einem alten Problem.

Im Februar 1986 schrieb der “Spiegel” von der philippinischen “Wunderrevolution”. Die Filipinos nannten es “People power”, “Volksmacht”. Unbewaffnete Menschen stellten sich den Truppen des Diktators Marcos entgegen, immer wieder, immer öfter. Schließlich flüchtete der Machthaber außer Landes; seine langjährige brutale Diktatur brach zusammen, ohne dass Blut vergossen wurde.

Dieser Ausgang wurde im Wesentlichen durch die “People power” bewirkt. Am Ende stellten sich die Menschen den Panzern entgegen und boykottierten die Marcos-treuen Banken. Das Militär sagte sich von dem Diktator los, putschte aber nicht.

Doch weder der “Spiegel” noch irgendeine Tageszeitung in Deutschland berichtete, dass diesem Ereignis anderthalb Jahre systematischer Schulung bedeutender Bevölkerungsteile vorausgegangen waren. Führende “Multiplikatoren” aus allen Teilen der Opposition (außer der Untergrundarmee) entschieden sich im Sommer 1984 für das gewaltfreie Befreiungskonzept. Dreißig philippinische Bischöfe besuchten ein Seminar darüber – dies war die Grundlage nicht nur für das öffentliche Auftreten der Kirche gegen die Marcos-Diktatur, sondern auch für die Nutzung des kirchlichen Verteilungsapparates. Mit dessen Hilfe führte eine neu gegründete Organisation Seminare im ganzen Land nach dem Schneeballsystem durch, auch mit Hilfe von “Radio Veritas” und der Zeitschrift “Alay Dangal”.

Satjagraha – strength to love – Gütekraft

“Alay Dangal” – deutsch: “Würde anbieten” – ist auf den Philippinen ein Ausdruck für das, was andere die “Gütekraft” nennen. In Lateinamerika wird von “firmeza permanente” gesprochen, von “dauernder Festigkeit”. Martin Luther King nannte jene Kraft “strength to love”, “Stärke zu lieben”. Mahatma Gandhi nannte sie “Satjagraha”. Dies wurde manchmal auch mit “Festhalten an der Wahrheit”, “Macht der Wahrheit” oder ähnlich wiedergegeben. “Gütekraft” sehen viele als gute Übertragung des Sanskrit-Wortes für uns heute an.

Gandhi und seine SchülerInnen haben eine regelrechte “Methodik des gütekräftigen Vorgehens” erarbeitet. “Satja”, “Güte”, meint dabei einerseits das, was sich zwischen Menschen ereignen kann. Andererseits ist auch “Qualität” gemeint wie in “Gütesiegel”: das Echte, das Wahre, das, was bleibt. In beiderlei Sinn steckt in der Güte die Kraft, eine Situation zu verändern. Diese Hauptsache wird durch die bisher gebräuchlichen Begriffe “Gewaltfreiheit” oder “Gewaltlosigkeit” eher verdeckt. Sie assoziieren, dass es im Wesentlichen darum ginge, etwas nicht zu tun. Dieser Sprachgebrauch hat teilweise zu einer negativen Assoziation geführt: “gewaltfrei” wird mit “(gegen Unrecht) nichts tun” gleichgesetzt. “Gütekraft” benennt den positiven, den aktiven Kern der Sache, das, worum es geht.

“Keine Gewalt!” – “Wir sind das Volk!”

Wieso, wie und unter welchen Bedingungen gütekräftiges Vorgehen Wirkungen zeitigt, wird öffentlich nicht diskutiert. Die Gesellschaft, allen voran die Medien, sehen in Konflikten meist nur Drohungen oder Gewaltanwendung als wirksam an. Dabei kennen wir alle Situationen, in denen die Gütekraft wirkt, etwa in der Familie.

Und natürlich ist der Einsatz von Gütekraft historisch nichts Neues. Gandhi, Martin Luther King, die Mütter der Verschwundenen auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires, die Rosenstraßen-Frauen. Die norwegischen Lehrer, die 1942 die Versuche der Quisling-Diktatur, die Nazi-Ideologie in den Schulen einzuführen, in zähem Kampf abwehrten. Der gewaltlose Generalstreik 1920 in Deutschland, der den rechten Kapp-Putsch aushebelte. 1989 waren es die Gespräche mit den Führern der “Sicherheitsorgane”, die von Thomas Küttler in Plauen, von der “Gruppe der 20” in Dresden und vom Bürgerkomitee in Leipzig geführt wurden, wichtig waren auch die Aufforderung “Keine Gewalt!” durch die Demonstranten und der Slogan “Wir sind das Volk!”.

Das Rezept: Nicht zurückweichen, aber Vertrauen aufbauen

Aber wir wissen zu wenig über Wirkungsbedingungen der Gütekraft. Was machte nun die Kraft aus, die zur Veränderung führte? Unzufriedenheit mit ökonomischen Bedingungen allein ist es offensichtlich nicht, die zu konstruktiver Veränderung führt, das zeigt das Beispiel vieler armer Völker. Zivilcourage gehört wohl dazu, jedoch dieses Wort allein beschreibt die Sache nicht zureichend. Viele Faktoren spielen zusammen.

In einer ersten Studie hat der Psychologe Burkhard Bläsi neun Personen interviewt.1 Ihre Erfahrungen aus der DDR-Zeit (in Dresden, Leipzig, Bannewitz, Großenhain), aus Uruguay, der BRD und aus Nazi-Deutschland hat er ausgewertet und eine Theorie über wichtige Wirkungsfaktoren der Gütekraft entwickelt. Er fand heraus: Damit sich auf der anderen Seite etwas bewegt, kommt es auf die Kombination von “Paroli bieten” und “Vertrauensaufbau” an. Er ermittelte Hauptveränderungsfaktoren, die beim Konfliktgegner zur Aufweichung seines problematischen Verhaltens, zum Rollenbruch oder gar dazu führen können, dass er ganz aussteigt aus einem als Unrecht erkannten Lebenszusammenhang.

Die Arbeitsgruppe Gütekraft will zunächst Erlebnisse, Erfahrungen und Traditionen zusammentragen, Wirkungsbedingungen der Gütekraft untersuchen und allgemein plausibel beschreiben. Dann sollen die Ergebnisse durch geeignete Medien verbreitet werden. Die Arbeitsgruppe bittet Menschen, mögliche Gütekraft-Erlebnisse aufzuschreiben und als Grundlage für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Zur Zeit werden einzelne Forschungsfragen und Projektideen ausgearbeitet. Auf der Internetseite www.guetekraft.net wird über Vorhaben der Arbeitsgruppe, Veröffentlichungen und Gütekraft-Beispiele informiert. Das Institut für Friedensarbeit und gewaltfreie Konfliktaustragung (IFGK)2 führt die Gütekraft-Forschung als eines ihrer Projekte, berät die Gruppe und hilft bei der Finanzierung.

Martin Arnold

Der Autor ist Berufsschulpfarrer in Essen. Text nach: INKOTA-Brief 1/2002 (Greifswalder Str. 33a, 10405 Berlin, Tel. 030/42891-11, Fax -12, E-Mail: inkota-brief@inkota.de)

Kontakt/Information: AG Gütekraft, c/o Martin Arnold, Weichselstr. 22, 45136 Essen, E-Mail: martin.arnold@t-online.de, Internet: www.guetekraft.net

 

(1) Burkhard Bläsi: Konflikttransformation durch Gütekraft – Interpersonale Veränderungsprozesse. Lit-Verlag 2001, 204 S., 10, 90 €.
Bezug: Bund für Soziale Verteidigung, Schwarzer Weg 8, 32423 Minden, E-Mail: soziale_verteidigung@t-online.de, Internet: www.soziale-verteidigung.de

(2) Martin Arnold: Gütekraft (Satjagrah) – Thema für die Friedens- und Konfliktforschung, Arbeitspapier 16, IFGK, 2001, 20 S., 2,50 €. Bezug wie oben oder:
IFGK, Hauptstr. 35, 55491 Wahlenau, Tel. 06543-980096, E-Mail: bmuellerifgk@aol.com, Internet: www.ifgk.de


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