Warum ich ohne Geld lebe – und wie es geht

Erfahrungsbericht nach vier Jahren Leben ohne Geld

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2000

Seit genau vier Jahren lebe ich nun ohne Geld. Immer wieder werde ich gefragt, warum ich das mache. Es ergäbe nicht viel Sinn, heißt es, denn wenn es alle so machten, würde ja alles zusammenbrechen. Einer muss doch die Brötchen bezahlen…

Mir geht es keineswegs darum, dass alle es so machen wie ich, weil sich dann nicht viel in unserer Gesellschaft verändern würde. Die bestehenden Probleme würden sich wahrscheinlich einfach übertragen auf das neue System!

Mir geht es eher um Impulse, um Anregung zum Nachdenken über die jetzigen Strukturen. Warum glaubt die Masse der Leute, dass der eine, breite Weg der richtige ist, nämlich das höchste Ziel ein gutes Studium, ein guter Job, ein großes Haus, ein schnelles Auto, mehrere Male im Jahr Urlaub in anderen Ländern, und, und, und? Wir kennen ja alle die Empfehlungen und Vorschriften, die uns gemacht werden durch Werbung in allen Medien!

Ich möchte gegensteuern, die bestehenden Werte in Frage stellen. Die Form, die ich dafür gewählt habe, mag etwas extrem wirken, aber um in der Medienlandschaft mitzuhalten, musste ich diese Extremform wählen

Angefangen hat alles mit der Gründung eines Tauschrings vor sechs Jahren, der Gib-und-Nimm-Zentrale in Dortmund. Für mich war das ein politischer Akt, weil in einem Tauschring das Geld keine Rolle mehr spielt, sondern jeder mit seinen Fähigkeiten das „bezahlen“ kann, was er braucht. Auf diese Art kann sich jeder alles leisten und selbst bestimmen, wieviel und was er tun möchte. Obwohl viele Menschen von dieser Idee begeistert waren und sich zum Mitmachen bei mir meldeten, gab es doch immer wieder Enttäuschung und die Behauptung, mit fremden Menschen ginge so ein Tauschen nicht.

Um zu zeigen, dass die Idee sich sogar 100%ig umsetzen ließe, auch mit fremden Menschen, begann ich mein Experiment. Ich wollte ein Jahr lang auf jeglichen Besitz, Wohnung, Versicherungen usw. verzichten und ausprobieren, wie ich mich dabei fühlte.

Im Mai 96 begann ich mein Experiment: Ich verschenkte meine Möbel und meinen gesamten Besitz, gab meine Wohnung und meine Praxis auf – ich war damals selbständige Psychotherapeutin – und trat aus der Krankenversicherung aus. Seitdem wohne ich in Häusern und Wohnungen von Menschen, die auf Reisen sind. Alles, was ich zum Leben brauche, ertausche ich mir mit anderen Menschen.

Als ein Jahr vorüber war, zog ich Bilanz. Mein Leben hatte sich so sehr verändert, dass ich auf keinen Fall zurück wollte in die alten Strukturen. Manche „Beschaffungen“ sind zwar umständlicher als das Kaufen mit Geld, aber die Kontakte, die ich dadurch habe, sind intensiv und interessant.

Die Begriffe Arbeit, Freizeit, Urlaub sind aus meinem Denken verschwunden. Bei mir geht es um Leben. Ich bin viel auf Reisen, weil ich das liebe. Meist fahre ich am Wochenende mit den Wochenendtickets mit, aber oft schicken mir Menschen, die mich einladen zu einem Vortrag oder zum Haus Hüten, einen Fahrschein. Täglich überprüfe ich, ob ich das, was ich gerade tue, auch wirklich tun möchte. Stelle ich Ermüdung oder Unlust fest, wechsle ich die Tätigkeit. Auf diese Art tue ich das meiste sehr gern. Ich bin meine eigene Chefin, muss mich nicht anpassen und habe dadurch eine große Lebensqualität, die ich vorher als Ideal in meinem Kopf hatte. Jetzt lebe ich mein Ideal und fühle mich immer freier.

Gelüstet es mich nach etwas Besonderem, z.B. Kino oder Theater, überlege ich mir, mit wem ich dort hin möchte. Dann denke ich darüber nach, was ich dieser Person dafür anbieten kann. Manchmal biete ich eine Therapiesitzung an, die ich mir früher mit 100 DM bezahlen ließ, aber ich hüte auch Kinder oder mähe den Rasen. Oft tausche ich direkt mit jemandem, aber auch Ringtausche sind möglich. D.h. jemand anderes erhält meine „Bezahlung“. Auf diese Art habe ich mich wunderbar eingerichtet, und mein Geben und Nehmen sind im Fluss.

Aber mir liegen auch die anderen Menschen am Herzen. In Dortmund gibt es immer noch Armut! Und darum bin ich jetzt an einem Punkt, an dem ich mehr „Projekte“ starten möchte. Ich bin dabei, eine Gib-und-Nimm-Kasse einzurichten mit den Gagen, die ich durch meine Vorträge erhalte. Das Tauschen und Teilen in viele Bereiche zu bringen, nicht nur in einem abgesonderten Verein, sondern in das Bewusstsein einer breiten Masse, darum geht es mir zur Zeit.

Die Jagd nach dem Geld hat ein großes Ungleichgewicht geschaffen. Mir geht es um einen anderen Umgang mit Geld und um ein Gleichgewicht im Geben und Nehmen.

Heidemarie Schwermer


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