Subcoma

Nachhaltig vorsorgen für das Leben nach der Wirtschaft

Aus DER RABE RALF August/September 2001

Wachspapier in rot-weißem Karomuster-Design und ein weißes Etikett – so sahen wohl mal Haushaltsbücher aus, und der Paranoia City Verlag in Zürich hat sich daran erinnert und das Cover entsprechend gestaltet. Seit einigen Monaten ist es – im wahrsten Sinne des Wortes – auf dem Markt: „Subcoma”, das jüngste Werk des Schweizer Autors mit dem Pseudonym P.M., der durch Bücher wie „bolo’bolo” oder „Die Schrecken des Jahres 1000” bekannt wurde.

Haushaltsbücher dienen der Kontrolle und dem Nachweis einer effektiven Wirtschaftlichkeit. Aber für wen? Genau das ist das Problem: Der Kapitalismus (oder besser gesagt, die staatlich subventionierte Marktwirtschaft), das einfach übriggebliebene Mammut im Ideologien-Krieg, läuft irgendwie aus dem Ruder. Aber dank neoliberaler Ideen und reformerischer Unterstützung durch die Sozialdemokratie wird dieses Urtier künstlich ernährt und am Leben gehalten.

Mit Klassenkampfparolen kommen wir hier schon längst nicht mehr weiter. Gefragt sind heute einige neue Ideen und Vorschläge, um Sand ins Getriebe der (fast) allmächtigen Arbeitsmaschine rieseln zu lassen. Bildlich gesprochen: Der Sand ist da, wüstengleich, nur traut sich niemand, selbigen rieseln zu lassen, einfach um zu sehen, was dann passieren würde. Anders gesagt, wir haben das Rezept, aber niemand will das Gericht kochen und ausprobieren.

Hierfür mag jeder seine individuellen Ausreden haben, und einige geben zu bedenken, daß es zu wenig Gemeinsamkeit unter den Menschen gibt, aber P.M.s „Haushaltsbuch” bietet auf Seite 105 eine kleine Stütze: Ein Kochrezept der schweizerischen Armee (Behelf 60.6 d), das Saucengummeli, ein vegetarisches Kartoffelgericht, geeignet für etwa 100 Personen (also freundInnen- und nachbarschaftstauglich, außerdem preiswert, religionsneutral und kulturell anpassbar), das am Mittwoch, dem 22. November 2001 von allen Subcoma-PionierInnen (weltweit?) gekocht und verzehrt werden soll. Somit wird die erste Gemeinsamkeit zelebriert.

Das klingt wie ein Scherz, ist aber nichtsdestotrotz ernst gemeint. Aber der Reihe nach: Was bedeutet Subcoma? Ganz einfach: Subsistenz + Community + A-Patriarchat. Jene Stützpfeiler einer neuen nachhaltigen Wirtschaft, über die es gilt sich Gedanken zu machen, bevor das Klima kippt und die Wirtschaft crasht. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann alles den Bach runtergeht, nutzen wir sie, um uns darauf vorzubereiten – damit wir im Fall der Fälle nicht nur dumm rumstehen. Mit einem klaren Ziel könnten wir außerdem den Crash beschleunigen. Wir haben es in der Hand.

„Subcoma” ist eine konsequente Weiterentwicklung von „bolo’bolo”, aber es geht hier nicht nur um eine Utopie, die sich jemand ausdenkt, weil es irgendwie langweilig ist. Schritt für Schritt geht es im ersten Kapitel darum, was wir nicht wollen. Statistiken und Zahlenwerke belegen, warum wir diese Welt nicht wollen: ob Hunger, Umweltschädigungen, Geldverteilung, Arbeitsunfälle und Energieverbrauch, Stundenlöhne oder Tropenwälder, die Zahlen liegen seit …zig Jahren auf den Tisch und sind für alle einsehbar – doch im Sinne des Wortes anscheinend wieder nicht. Nicht einmal so simple Zahlen wie „70 % aller Rechtsanwälte der Welt leben in den Vereinigten Staaten” oder „25 % der Schweizer Bevölkerung brauchen gemäß einer Studie der Universität Nürnberg eine psychische Behandlung”. Anscheinend braucht es einiges mehr, als den Menschen die Zahlen globaler Ungerechtigkeit vorzuhalten, zumal wir als KritikerInnen auch NutznießerInnnen dieses Ungleichgewichts sind.

Wie bekommen wir raus, was ein „gutes Leben” ist? Und kann ein „gutes Leben” für uns das gleiche bedeuten wie für Menschen in Afrika, Asien oder am Polar?

Neben dem Zahlenwerk gehört zu dem „Wovon wollen wir weg” natürlich auch eine Analyse unseres Wirtschafts- und Sozialsystems: Französische Revolution; Arbeit, Krieg und Patriarchats-Kritik sind die Hauptthemen, die gelöst werden sollten. Die Maßnahmen diesmal müssen allerdings tiefgehender und nachhaltiger sein, denn die Arbeitskämpfe der letzten vierzig, fünfzig Jahre brachten zwar für einige mehr Lohn, dafür aber für andere weniger Arbeit, um sich die angebotenen Wünsche zu erfüllen. Das Internet erfüllt heute alle Wünsche ganz schnell, aber es handelt sich eben meist nur um elektronischen Ramsch. Es wurde für Geld gestreikt, aber nicht für nachhaltiges Leben.

Folglich wäre die nächste Frage: „Wie kommen wir weg davon?“ Neben der zerstörerischen Arbeitsmaschine gibt eben noch die „totalitäre Finanzmaschine”, die es auseinanderzunehmen gilt. Das entsprechende Kapitel ist in vier Unterkapitel gegliedert:

a) Regulationsvorschläge. Hier geht es um Minimallohn, Arbeitszeitmodelle, Währungspolitik, Tauschsysteme usw. Wie tauglich sind diese Reformversuche, die meist teure sind und einer umfangreichen Regulation bedürfen?

b)
Autonomievorschläge. „Träumen und Rechnen müssen zusammengehen”, so einer der Kernsätze, unter denen Stichwörter wie Subsistenzperspektive und verschiedene Modelle von Kommunen abgehandelt werden.

c) Wie stehen unsere Chancen? Hier werden Ansätze im gesellschaftlichen Bereich zu Veränderung nachgegangen. Neue Genossenschaftsbewegungen, militante NGOs, alternative Zentren etc. – mit der Quintessenz: „Bisher ist noch kein gesellschaftliches System an seinen Widersprüchen zu Grunde gegangen. Im Gegenteil.”

d)
Subcoma. Hier fließen P.M.s Vorschläge ein, wie der „arbeitsfreie Mittwoch” oder die Forderung nach „70 Milliarden [Schweizer Franken] für den LMO-Umbau der Schweiz” – und so weiter, inklusive dem Saucengummelitag. „Wir sind der Crash – sorgen wir dafür, dass wir der letzte Crash sind”, denn „die Arbeitsmaschine von ihrem Ende her denken, ist eine Voraussetzung dafür, um ihr Ende zu organisieren.” Für alle BerufspessimistInnen wird auf ein Wunder gehofft, welches eventuell durch intensive Fragestellungen auch bewerkstelligt werden könnte.

Das spannendste Kapitel ist sicherlich – nach meinem Empfinden – „Wo wollen wir hin?”. Wie bekommen wir raus, was ein „gutes Leben” ist, und vor allem kann ein „gutes Leben” für uns das gleiche bedeuten wie für AfrikanerInnen oder Menschen, die in Asien oder am Polarkreis leben? Dieses herauszubekommen beinhaltet auch eine Kritik an Religion und/oder an Sitten, die menschenfeindlich sind (z.B. Beschneidungen bei Mädchen). Die Menschenrechts-Charta der UNO, wie sie 1948 beschlossen worden ist, wären durchaus akzeptabel, ebenso wie fast jede andere westliche Verfassung, nur werden sie eben nicht eingehalten bzw. niemand will eine Garantie darauf geben, und so bleiben diese Vorsätze eine „unverbindliche Hausordnung in einer Villa von globalen Profiteuren und Kriegsgewinnlern”. Auch die Kritik an der ach so vorbildlichen, im Westen hochgehaltenen Demokratie, die doch eher „präventiv den Bedarf an Politik und Rebellion” minimiert.

„Keine Macht für niemand” ist für P.M. eine völlig abstruse Forderung und eine linke Lebenslüge. Im Umkehrschluß muß es heißen „Alle Macht für alle”, denn Macht als ein konstruktives Mittel will P.M. schon erhalten, wie immer die aussehen soll. Auch Luxus ist kein Widerspruch in einer neuen Gesellschaft, nur sollte der Luxus zum einen für alle da sein und außerdem eben etwas Außergewöhnliches und nicht ein Dauerzustand für einige wenige. Eine der Grundforderungen aber ist, daß zunächst einmal alle Menschen satt werden müssen, und so haben schlaue Menschen errechnet, daß bei einer überwiegend vegetarischen Ernährung rund 40 Milliarden Menschen ernährt werden können. Diesbezüglich gäbe es also keine Panik.

Ein anderer wichtiger Schritt wäre, daß der reiche Norden gegenüber dem armen Süden mit einer Schuldanerkennung gegenübertritt. Das Eingeständnis von Kolonialismus, Ausbeutung und Zerstörung ist Voraussetzung für einen „fairen Handel” und einem menschlichen Neubeginn, ohne hoffentlich die alten Fehler wieder zu begehen. Dazu bräuchte aber nicht zwingend der Süden unsere Hilfe, sondern wir wären diejenigen, die die ersten Schritte zu tun hätten, in dem wir die Arbeitsmaschine zum Stehen bringen, damit wir nicht in der Konsumflut ersticken. Wir müssen uns umstellen, denn in der Schweiz z.B. ist der Ressourcenverbrauch pro Kopf sechsmal so hoch wie es ihm nach der Fläche eigentlich zustehen würde. Und das Dreieinhalb-Liter-Auto ist eine längst überholte Öko-Idee. Die Einschnitte müßten viel radikaler vorgenommen werden.

Hier legt P.M. wieder eine Reihe von Zahlen vor, die nötig wären, um „Das Programm Öko-Nord” ablaufen zu lassen. Sicher liegen hier die Ängste in den Lebensvorstellungen vieler Menschen, die nur individuellen Komfort als Errungenschaft betrachten. Aber eine grundlegende Umgestaltung unserer Gesellschaft würde für zwei Drittel der Menschheit, die bis jetzt mit kaum fünf Mark am Tag auskommen müssen, das Paradies bedeuten. Dies wäre gleichzeitig eine aktive Wiedergutmachung am größten Teil der Menschheit, auf dessen Kosten wir reich geworden sind.

Wir brauchen ein Null-Wachstum und keine Öko-Diktatur, und es reicht nicht, nur lokal zu handeln, wir als Menschheit müssen uns gemeinsam und global neu organisieren, und zwar von unten nach oben.

Im letzten Kapitel überbringt P.M. „Ideen für Zürich danach”, also eine entsprechende Umgestaltung seiner Heimatstadt, als Denkanstoß an die geneigte Leserschaft, dasselbe z.B. für ihre Städte in Angriff zu nehmen. Eine Lokale-Subcoma-Initiative – wie wäre es einmal damit? „Wichtig ist, dass das von der Arbeitsmaschine vorgegebene Denkschema durchbrochen und eine ganz andere Welt zuerst denkbar, dann realisierbar gemacht wird.”

„Subcoma” bietet ein Höchstmaß an Ideen, die Anregungen für eigene Gedanken sein können. Ein geniales Buch, es bleibt allerdings ein Problem: das Machen. Nur darüber reden und in seinem Kämmerlein sich vorzustellen, wie schön das Leben sein könnte, reicht nicht. Wir müßten es schon anpacken. Wäre also schön, wenn z.B. dieses Buch weitverbreitet werden könnte, wenn viele Menschen sich zusammensetzen, darüber reden und Schlüssen daraus ziehen. Wir brauchen mehr Ungeduld, was die Umsetzung angeht, und mehr Gelassenheit, was die Zukunft für uns bereit hält.

Jochen Knoblauch

P.M.: Subcoma – Nachhaltig vorsorgen für das Leben nach der Wirtschaft
P.M.s hilfreiches Haushaltsbuch
Paranoia City Verlag, Zürich 2000
192 Seiten, 24,- DM

Text mit freundlicher Genehmigung aus: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation (PF 104520, 69035 Heidelberg, contraste@link-n.cl.sub.de, www.nadir.org/nadir/periodika/contraste) Leicht gekürzt/mb.


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