Die Realsozialistische Teilzeitlandwirtschaft

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2001

Wer über die “schweigende Mehrheit” schreiben will, hat immer das Problem, daß diese schon von ihrer Definition her keine Stimme hat. Eine solche stille Mehrheit bilden die Klein-, Selbstversorgungs- und Zubrotlandwirte und -gärtner im nachsozialistischen Mittel- und Osteuropa. In den Ländern, die sich “im Übergang” vom “real existierenden Sozialismus” zu etwas anderem befinden, unterhält praktisch jeder, der in einer ländlich geprägten Umgebung lebt – und auch viele in städtischer Umgebung – eine irgendwie geartete landwirtschaftliche Produktion, um den Familienbedarf zu decken.

In allen Ländern der Welt betreiben Dorfbewohner Gärten; in Osteuropa sind dies aber Gärten für den praktischen Bedarf geblieben. Statt Blumen und Rasen gibt es Reihen verschiedener Gemüsesorten, Mais oder Weinreben; die Schuppen und Nebengebäude beherbergen Küken und Schweine statt Rasenmäher; der Stall ist nicht durch eine Veranda ersetzt worden. In der marxistisch-leninistischen Theorie hegte man zwar den Traum, den Unterschied zwischen Stadt und Land abzuschaffen, im “real existierenden Sozialismus” aber blieben städtische und ländliche Lebensweise grundverschieden. Damit soll nicht gesagt werden, es hätte keinen Kontakt zwischen Stadt- und Landbewohnern gegeben. Im Gegenteil: die Industriearbeiterschaft war ebenso dörflich wie städtisch angesiedelt, nur die Intelligenz blieb weitgehend eine städtische Klasse. Aber eine Suburbanisierung des flachen Landes, die den fortgeschrittenen Kapitalismus begleitet, fand nicht statt. Weder hat der Mittelstand den ländlichen Raum “kolonisiert”, noch hat sich der nationale (und zunehmend internationale) Lebensmitteleinzelhandel in diesen Raum ausgedehnt. So ist es etwa in meiner Heimat Großbritannien eine gängige Praxis in Farmerfamilien, die Lebensmittel für den eigenen Gebrauch in der Kaufhalle vor Ort zu besorgen, da der “Bauernhof” zum “landwirtschaftlichen Betrieb” mutiert ist – ein Betrieb, der zufällig mit der Erzeugung von Lebensmitteln zu tun hat. In Osteuropa hingegen ist es für beinahe jede Familie auf dem Lande – und nicht nur für die, die Landwirtschaft hauptberuflich betreiben – undenkbar, daß man in ländlicher Umgebung lebt, aber diese nicht dazu nutzt, mindestens einen Teil des eigenen Lebensmittelbedarfs selbst zu erzeugen.

Genau diesem Phänomen will diese Serie nachgehen. Allerdings ist die Forschung hierüber mit sowohl praktischen als auch theoretischen Problemen behaftet. Auf der praktischen Ebene ist die schweigende Mehrheit der Selbstversorgungs- bzw. Zubrotlandwirte so sehr Teil der “sozialen Landschaft”, daß die Forschung zur ländlichen Umstrukturierung die Eigenwirtschaft weitgehend ignoriert. Und das, obwohl sie den roten Faden bildet, die Konstante, die weitergeht, während sich vieles andere ändert. Im Schatten der massiven Klassenkonflikte um Bodenrückerstattung, Umwandlung der Kollektivbetriebe (LPGen) und Privatisierung der Staatsgüter kann dieses Phänomen leicht übersehen werden. Auch für die Soziologen der betroffenen Länder scheint ein so selbstverständlicher Aspekt des täglichen Lebens kaum der Erwähnung wert. So ist diese “schweigende Mehrheit” trotz intensiver Erforschung des Umbruchs im ländlichen Raum Mittel- und Osteuropas und des Balkans praktisch auch eine “unsichtbare Mehrheit”.1

Das theoretische Problem liegt darin, daß es ziemlich uninteressant ist, einfach festzustellen: “Es gibt viel davon”. Man muß auch ermitteln, warum es viel davon gibt und immer schon gab und was sich dabei geändert hat. Daher werde ich im ersten Teil kurz den Stellenwert der Kleinlandwirtschaft im “real existierenden Sozialismus” erläutern, genauer: in den unterschiedlichen Varianten des “real existierenden Sozialismus”, da die Länder Osteuropas keinen Monolith darstellten: Der “real existierende Sozialismus” war nicht überall gleich.

Der “real existierende Sozialismus” und die Teilzeitlandwirtschaft

Die Anerkennung der zusätzlichen privaten landwirtschaftlichen Produktion innerhalb des sozialistischen Kollektivbetriebs und des sozialistischen Dorfes überhaupt begann mit der bahnbrechenden Arbeit von Karl-Eugen Wädekin, der ihre Bedeutung in der Sowjetunion untersuchte.2 Es gab keine systematische Forschung über die Rolle der “Haushaltsparzelle” oder “persönlichen” Parzelle in den sozialistischen Ländern, obwohl zahlreiche Wissenschaftler feststellten, daß die Parzellen zwar nur einen winzigen Prozentsatz der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausmachten, aber doch einen unverhältnismäßig hohen Anteil der agrarischen Erzeugung hervorbrachten.3

Individuelle Kleinlandwirtschaft stand überall im Zentrum der Familienökonomien von Mitgliedern Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften, aber ihre Bedeutung für den einzelnen Haushalt und ihr Beitrag zur nationalen Agrarproduktion war von Land zu Land verschieden. Es gab vier Modelle sozialistischer Landwirtschaft, und eines ihrer Unterscheidungsmerkmale war die der privaten Parzelle gewährte Bedeutung.

Stalinistische Kollektivierung

Unter dem stalinistischen Modell wurden private Parzellen kaum toleriert und hoch besteuert, aber für den Haushalt waren sie zum Überleben unentbehrlich.4 Ihre Rolle im sowjetischen Kontext hat Fedor Belov beschrieben.5 Das Modell wurde überall im stalinistischen Osteuropa der frühen 1950er Jahre eingeführt und blieb in Rumänien und Albanien bis zum Ende der sozialistischen Zeit im wesentlichen unverändert.

Wiederaufgegebene Kollektivierung

…bezieht sich auf die Entwicklungen in Polen und Jugoslawien, wo man auf die offensichtlichen Schwächen des stalinistischen Modells mit der Aufgabe der Kollektivierung reagierte. Aber weil sich die Regierungen davor fürchteten, die Entwicklung des Kapitalismus auf dem Lande zuzulassen, blieben die Parzellen so klein, wie sie immer gewesen waren. Als die Möglichkeiten für industrielle Beschäftigung zunahmen, wurde private Landwirtschaft zunehmend zu einem Teilzeit- und Zuerwerbsphänomen. So kam es, daß neben einer – seit den 1970er Jahren entstandenen – Klasse von sogenannten “Fachlandwirten”, die kommerziell und im Haupterwerb produzierten, der Großteil der polnischen Landbevölkerung in Haushalten lebte, wo die Landwirtschaft nicht die einzige und zunehmend nur noch eine zusätzliche Einnahmequelle war.6

Neostalinistische Kollektivierung

Die Reaktion der meisten Länder Osteuropas auf das Scheitern des stalinistischen Modells der Kollektivierung war jedoch nicht, die Idee aufzugeben, sondern sie durchzusetzen und dann irgendwie funktionsfähig zu machen, selbst wenn dies eine radikale Umformung des Modells mit sich brachte. Das Ergebnis war die “neostalinistische Kollektivierung”, die in ihren wesentlichen Merkmalen in der Tschechoslowakei, der DDR und in Bulgarien auftauchte. Eigenwirtschaften wurden stillschweigend gefördert, nicht nur, um ländlichen Haushalten das Überleben zu sichern, sondern auch, um zusätzliches Haushaltseinkommen zu ermöglichen und so die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung zu garantieren. Staatliche Stellen kauften bereitwillig sämtliche Erzeugnisse ab, die die Haushalte zu verkaufen bereit waren. LPGen wurden ermutigt, ihren Mitgliedern bei der Saat und der Ernte auf deren Land zu helfen. Doch aus ideologischen Gründen machten die Regierungen – Bulgarien bildete meines Erachtens eine Ausnahme – solche Praktiken nicht öffentlich. Selbst die Bemühungen, alle Haushaltsparzellen aus Effizienzgründen zusammenzulegen und sie als durchgehende Fläche zu bewirtschaften, wurden von den Regierungen als Niedergang der Bedeutung “individueller” Parzellen dargestellt, da ihre Bewirtschaftung nun eine “gemeinschaftliche” Handlung war. In Wahrheit aber stieg mit der Zusammenlegung die Bedeutung der Parzellen, weil sie nun billiger Futter für privat gehaltene Tiere produzieren konnten.

 

Ungarische Kollektivierung

Ungarn schließlich führte ein “neostalinistisches Modell” ein, aber später auch andere Modelle. Nach dem Aufstand von 1956 förderte man dort die Marktproduktion auf Privatland, indem innerhalb und außerhalb der Kollektivbetriebe Kanäle zur Produktvermarktung bereitgestellt wurden und sich eine komplexe, symbiotische Beziehung von gegenseitigem Nutzen zwischen den privaten Produzenten und der landwirtschaftlichen Genossenschaft entwickelte.3 In den 1980er Jahren schuf Ungarn dann Rahmenbedingungen, unter denen einige gänzlich unabhängige, privat betriebene Landwirtschaften entstehen konnten (die sich, wie in der privaten Kleinlandwirtschaft im “Realsozialismus” üblich, auf Vieh oder gärtnerische Marktproduktion konzentrierten).7 Nach dem ungarischen Modell konnte folglich die Produktion auf der Haushaltsparzelle nicht nur zu einer wichtigen Quelle für zusätzliches Familieneinkommen werden, sondern sich sogar zur einzigen Einkommensquelle einer Bauernfamilie entwickeln.

Zubrotlandwirtschaft hat es in den ländlichen Gemeinden Osteuropas immer gegeben. Sie war immer wichtig und hatte immer mit der Bedürfnisbefriedigung der Familien zu tun. Aber ihre Rolle variierte im Laufe der Zeit und zwischen den Ländern. Sie reichte von der Sicherung des bloßen Grundbedürfnisses bis zur Erwirtschaftung eines bedeutsamen zusätzlichen Haushaltseinkommens.

Nigel Swain

1 Diese Serie basiert auf Material, das im Laufe von vier Forschungsprojekten erhoben wurde, finanziert durch den britischen Economic and Social Research Council (ESRC) und die Europäische Kommission: Transitions to family farming in post-socialist Central Europe, ESRC (L309253037); Rural employment and rural regeneration in Central Europe, EU-Kommission (CIPA-CT92-3022); Agricultural Restructuring and Rural Employment in Bulgaria and Romania, EU-Kommission, ACE, (94-0598-R); Agricultural Protection and Agricultural Interests in Hungary, Poland and Slovakia, ESRC (R000221863).

2 Karl-Eugen Wädekin: Privatproduzenten in der sowjetischen Landwirtschaft, Bundesinstitut für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien, Köln 1967

3 Nigel Swain: Collective Farms which Work?, Cambridge University Press, 1985.

4 Nigel Swain: A Framework for Comparing Social Change in the Post Socialist Countryside, Eastern European Countryside, Nr. 4, 1998

5 Fedor Belov: The History of a Soviet Collective Farm, Praeger, New York 1955

6 Nigel Swain: Collective Farms as Sources of Stability and Decay in the Centrally Planned Economies of East Central Europe, University of Liverpool, Centre for Central and Eastern European Studies, Working Papers No. 30, April 1994

7 Siehe insbesondere Ivan Szelényi: Socialist Entrepreneurs: Embourgeoisement in Rural Hungary, Polity Press, Cambridge 1988. Szelényi wurde besonders beeinflußt von dem ethnographischen Film “Földi Paradicsom” (Irdisches Paradies/Tomate; dasselbe Wort im Ungarischen), der u.a. die Unsicherheit von marktorientierter Produktion und das harte Leben von Frauen in diesen Haushalten aufdeckte.

Nigel Swain ist Soziologe am Centre for Central and Eastern European Studies der Universität Liverpool (Großbritannien). Er spricht mehrere osteuropäische Sprachen und forscht seit Jahren über den Transformationsprozeß in der Landwirtschaft Osteuropas und des Balkans.

Text nach: Elisabeth Meyer-Renschhausen, Anne Holl (Hrsg.), Die Wiederkehr der Gärten – Kleinlandwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung, Innsbruck 2000. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Studien Verlags Innsbruck. Übersetzung: A. Holl, P. Hill, E. Meyer-Renschhausen.


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