Endlich der große Durchbruch im Biobereich?

Aus DER RABE RALF April/Mai 1998

Nun ist sie wieder vorbei, die BIOFACH-Messe in Frankfurt am Main. Der Naturkosthandel präsentierte sich scheinbar krisenfest. Vertreter der Ökobranche sprachen von einem “Markt, den niemand mehr stoppen kann”. Selbst Begriffe wie “ökologisches Wirtschaftswunder” machten die Runde. Während die Arbeitslosenzahl in Deutschland die Fünf-Millionen-Marke streifte, waren die Aussteller zufrieden über die “antizyklische Entwicklung im ökologischen Konsumgüterbereich”. Der deutsche Naturkosteinzelhandel konnte wie in den vergangenen Jahren wieder Umsatzzuwächse von etwa 9%, im Großhandel sogar um 11% verbuchen. Die größten Umsatzzahlen verbuchen zunehmend Supermärkte mit ihren “Bio-Ecken”.

Ist das nun der Beweis, daß ein Umschwenken auf ökologische Erzeugung Arbeitsplätze schafft statt sie zu vernichten, wie es Umweltverbände, Grüne, das Wuppertal Institut und selbst “ökologisch verantwortungsvolle” Konzernführungen darstellen? Warum jammern trotzdem viele Berliner BioladnerInnen herum, es gehe um ihre Existenz?

Ganz einfach: ein Umsatzplus sagt noch lange nichts darüber aus, wie sich die Kosten entwickeln. Steigt z.B. die Ladenmiete schneller als die Umsätze, muß irgendwann trotz steter positiver Umsatzentwicklung der nette Bioladen an der Ecke schließen. Schon deshalb muß die Euphorie relativiert werden.

Bewußtseinswende?

Warum gibt es nun dieses Wachstum? Sind die EndverbraucherInnen bewußter geworden? Spielt die Angst vor unkontrollierbaren Krankheitsfolgen durch Genuß gentechnisch veränderter Lebensmittel, wie sie uns demnächst angeboten werden sollen, eine Rolle? Festzustellen ist jedenfalls, daß die hehren Ziele, die Landwirtschaft ökologisch umzugestalten und damit alternative Lebens- und Konsumgewohnheiten zu entwickeln, größtenteils auf der Strecke geblieben sind. Erlaubt ist alles, was auf den ersten Biß öko ist, auch wenn der Transport von Biobananen, Kakao, Maniokchips, Getreidepasten, Brombeeren, Tee- und Heilkräutern aus Costa Rica per Mittagsmaschine erfolgt und somit alles andere als umweltfreundlich ist. All dies war auf der BIOFACH zu bestaunen, ebenso die Wintererdbeeren aus Israel, die Früchte aus Argentinien und die Äpfel, die einzeln in kleinen gefalteten Kartönchen lagen. Natürlich alles bio.

Die Bauern und Bäuerinnen in der “3.Welt” haben sich, wenn sie die Möglichkeit hatten, schon längst umgestellt – sie produzieren mit Vorliebe für den europäischen Markt. Bernward Geier, Geschäftsführer der weltweiten Biobauernvereinigung IFOAM, warnte: “Wir dürfen ökologische Prinzipien nicht auf dem Altar der Marktexpansion opfern!” Doch betreiben wir EndverbraucherInnen nicht in gewissem Grade auch Öko-Kolonialismus?

Ökokolonialismus?

Sehr viele VerbraucherInnen möchten einfach nicht mehr auf den Luxus verzichten, auch im Winter Erdbeeren auf der Geburtstagstorte zu haben (die dann auch noch öko sein sollen). Aber das Anliegen der Ökobewegung in den Anfangsjahren war ein anderes. Die globale Verantwortung sollte wahrgenommen werden, indem hier bei uns saisonal vorhandene Lebensmittel produziert und verbraucht werden. Regionale Vermarktung bedeutet kurze Transportwege, also ein verantwortlicheres Umgehen mit Energie, Klima, Verkehrsfolgen, Arbeitsplätzen. Doch der Trend geht in die andere Richtung. Durch die langen Transportwege, die wegen der kurzen Haltbarkeit von Bio-Lebensmitteln meist per Flugzeug zurückgelegt werden, tragen ÖkokonsumentInnen zur Umweltzerstörung bei.

Wofür soll sich nun jemand entscheiden, der ein gutes Gewissen gegenüber seinem Körper (und eventuell auch gegenüber den ProduzentInnen) haben möchte?

Immerhin hat auch die Biomedaille zwei Seiten. Die zweite Seite ist, daß durch den steigenden Verbrauch von Ökoprodukten auch eine wachsende Anzahl von ProduzentInnen gesünder arbeiten können. Krankheitsgefahren mit Todesfolge wie z.B. bei Pestizideinsätzen auf Blumenfarmen in Kenia oder Südamerika fallen weg. Die Monokulturplantagen müssen durch Mischpflanzungen ersetzt werden, was wiederum gut für die dortige Umwelt ist. Das schafft auch weitere Arbeitsplätze. Und viele ProduzentInnen hatten ohnehin noch nie die finanziellen Mittel, um sich die teuren Pestizide von BAYER und Co. zu leisten. Sie waren gezwungen, ökologisch, also traditionell, zu produzieren. Eigentlich paradox! Wo ist dies nun ökokolonialistisch? Bananen und Kaffee wachsen nun mal nicht hierzulande.

Noch wird nur ein geringer Teil der Weltmarktproduktion ökologisch hergestellt. Es werden Biowaren aus den Erzeugerländern in der “3. Welt” regelrecht abgezogen und dadurch der Preis dort bestimmt – was bedeutet, daß sich die ProduzentInnen erst recht nicht ihre eigenen Produkte kaufen können, denn nur wenige von ihnen arbeiten selbstversorgerisch und auf eigenem Land. Was passiert mit den deutschen Äpfeln, wenn die argentinischen Bioäpfel trotz Flugkosten billiger sind?

Und schließlich bestimmen die EuropäerInnen, was “bio” ist. Die teuren Zertifizierungsregeln werden im reichen Norden aufgestellt. Einheimische Zertifizierungsorganisationen, wie z.B. die MAN in Nicaragua, haben es schwer, die europäischen Maßstäbe nachzuvollziehen. Was würde tatsächlich passieren, wenn die Hauptverursacher für die weltweiten Umweltkatastrophen, im Norden der Erdkugel sitzend, auf den Biozug aufspringen und nur noch ökologisch produzierte Waren verkaufen wollen?

Solange die ungerechten Weltmarktstrukturen nicht verändert werden, ist es eine Illusion, nur durch ausschließlichen Verbrauch von Ökowaren die Umweltzerstörung zu beenden. Viele BioladenkundInnen wollen sich auch einfach nur gesund ernähren, doch tragen auch sie mit an der globalen Verantwortung, auch wenn sie es nicht wahrnehmen. Bis zu einem gewissen Grad haben die EndverbraucherInnen aber Macht: mit ihrer Nachfrage oder besser gesagt Kaufentscheidung. “Die Nachfrage bestimmt das Sortiment!” (und nicht die Notwendigkeit) ist ein realkapitalistisches Handelssprichwort. Fangen wir also an zu verzichten und Sozialstandards für die Zertifizierung zu fordern. Dann kann sich ein Produkt nicht mehr “öko” nennen, wenn die ProduzentInnen nur Hungerlöhne erhalten. Es ist nämlich nur zum Teil richtig, wenn wir meinen, daß mit der Bioproduktion automatisch die Lebensbedingungen der ProduzentInnen verbessert werden. Denn die wenigsten LandarbeiterInnen verfügen über eigenes Land. Die meisten müssen immer noch für einen katastrophal niedrigen Lohn auf (Öko-)Fincas arbeiten. Das ist der Hauptgrund, weshalb die Bioäpfel aus Argentinien so viel billiger als die deutschen sind. Also erst einmal auf die Kleinigkeiten wie die Wintererdbeeren verzichten? Und gleichzeitig schauen wir, wo und wie wir uns mit unseren Möglichkeiten für eine gerechtere Welt engagieren können. Ist das zu viel?

Stefan Schrom

Quelle: GréngeSpoun (Luxemburg), 6.3.98


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