TransFaire Supermärkte und „Faire Weihnachten“

Aus DER RABE RALF November 1996

Der Verein zur Förderung des Fairen Handels mit der Dritten Welt in Köln gab im September bekannt, daß es „nach Kaffee, Tee, Schokolade und Kakaoprodukten jetzt auch Honig mit dem TransFair-Siegel“ gibt. Damit setze der Verein ein konkretes Zeichen: „Kaum ein anderes Produkt steht schließlich derart für nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen in der Einen Welt, und fairer Handel fördert die benachteiligten Produzentengruppen im Süden ganz gezielt.“ Durch die Einführung von Honig mit dem TransFair-Siegel lasse sich jetzt bereits fast der ganze Frühstückstisch mit fair gehandelten Produkten decken, so TransFair-Geschäftsführer Overath. „Der Faire Handel ist also ganz schön aufgeweckt“. Um die Nachfrage nach Produkten zu steigern, und „um bewußt einkaufende Verbraucherinnen und Verbraucher auf die immense Sortenvielfalt aufmerksam zu machen“, kündigte der Verein für die Vorweihnachtszeit eine bundesweite Kampagne mit dem Motto „Faire Weihnachten“ an.

Jede Verbraucherin, jeder Verbraucher ist also durch den Kauf eines „transfairsiegelten“ Produktes schon „EntwicklungshelferIn“. Toll, die Probleme der unfairen Welthandelsstrukturen werden also im Supermarkt gelöst! Herzlichen Glückwunsch.

fair: anständig, gerecht (Duden)

Was bedeutet eigentlich „fair“? In den letzten Jahren wurden in der Weltladenszene über ein und dasselbe Wort verschiedene Auslegungen erarbeitet und vertreten. Während ich mich zum „kritischen Teil der Szene“ rechne und für mich „fairer Handel“ bedeutet, daß eine Alternative zu den bestehenden ungerechten Welthandelsstrukturen aufgebaut wird – und zwar von gleichberechtigten Partnern im Süden wie im Norden -, geht es für immer mehr TransFair-Anhänger in erster Linie um eine Umsatzsteigerung für die ProduzentInnen. Letzteres ist auch nicht zu kritisieren, wenn es mehr als üblich hinterfragt wird.

Der politische faire Handel wird immer weiter durch den mittlerweile „transfairsiegelten“ Handel abgelöst. Die wenigen Projekte, die in ihren Ländern politische und damit auch teilweise oppositionelle Interessen vertreten (z.B. Landbesetzerbewegungen), werden dadurch verdrängt. Denn politische Bewegungen können keine langfristigen Handelsbeziehungen garantieren. Ein Beispiel dafür ist die Landbesetzung und -enteignung im Verlauf der sandinistischen Revolution in Nicaragua. Nach der Wahlniederlage der sandinistischen Regierung 1990 wurde die Enteignung für ungültig erklärt, und viele Bauern und Bäuerinnen mußten Land an die ehemaligen Großgrundbesitzer zurückgeben. Unter solchen politisch unsicheren Situationen ist es schwer, die im Handel notwendige Kontinuität aufrechtzuerhalten. Doch gerade hier wäre das Aktionsfeld für den fairen Handel: die Alternative mit allen Mitteln zu unterstützen und politisch erkennbar zu machen. Aber die Unfähigkeit, hier in diesem Land etwas zu verändern, führt schnell zu der Argumentation, daß es nur der Wunsch der ErzeugerInnen sei, ihre Produkte so teuer wie möglich zu vermarkten.

Während beim politischen Handel produkt- und projektbegleitende Informationsarbeit von Weltläden und Aktionsgruppen stattfindet, suchen die KundInnen im Supermarkt vergeblich nach erläuternden Faltblättern. Warum sollten die Supermarktleiter auch teuren Regalplatz für diese Informationen zur Verfügung stellen, zumal darin in der Konsequenz genau das System angegriffen werden muß, dessen wichtiger Teil der Supermarkt ist, nämlich das vorletzte Glied – vor den EndverbraucherInnen – in einer auf Profit durch Ausbeutung orientierten Marktwirtschaft? Die geförderten ErzeugerInnen sind also die Guten, und wer nicht in das TransFair-Raster paßt – was ist der? Nimmt TransFair nicht eine (vielleicht ungewollte) moralische Beurteilung vor? Was ist mit jenen Projekten, die auf Grund ihres geringen Produktionsvolumens keine Großabnehmer „befriedigen“ können? Sind die Projekte, die noch gar nicht in Berührung mit TransFair gekommen sind, selbst schuld? Hier machen es sich einige zu einfach. Im Endeffekt werden die Weltläden (als Vertriebsstellen der Projektwaren) nicht mehr gebraucht, oder zumindest nur so lange, bis alle „fair“ gehandelten Artikel in den Supermärkten oder Boutiquen stehen. Was wäre dann an der ungerechten Welthandelsstruktur verändert worden, wenn jeder Konzern etwas mehr für ein Siegel bezahlt, nur ein Zwischenhändler ausgeschaltet wurde und die ErzeugerInnen nur ein paar Pfennig mehr bekommen, die von der weltweiten Inflation gleich wieder aufgefressen werden? Wo bleibt die neue Handelsstruktur, die Alternative?

Handelskonzern + TransFair = gerechter Welthandel?

Sicher geht es immer um die Förderung von kooperativen Strukturen. Doch wie schnell läßt sich ein privater Betrieb auf dem Papier umstrukturieren, nur um gefördert zu werden. Es gibt genug „schwarze Schafe“ unter den Projekten und den Importeuren. Wer ist heute noch so blauäugig und schaut nicht hinter die „faire“ Kulisse? (Außer denen, den sowieso alles egal ist.) Wer darf zum Beispiel noch den Konzernriesen Tengelmann kritisieren, wenn seine Märkte (Bolle, Kaiser´s u.a.) „faire“ und ökologische Erzeugnisse anbieten?

Meiner Meinung nach bleiben nur zwei Auswege für die entwicklungspolitische und Weltladen-Szene: entweder Lobbyarbeit für den „fairen“ Supermarkt und dessen „Solidaritätsarbeit“ zu leisten und sich von den Lizenzeinnahmen, die aus dem Verkauf des TransFair-Siegels erzielt werden, zu finanzieren (über Förderanträge für Bildungsarbeit) – oder ganz klar und deutlich darauf hinzuweisen, daß die Weltläden wirklich fairer als TransFair sind, obwohl der entscheidende Impuls für die Gründung des TransFair e.V. aus ebendieser Ladenszene kam. Aber wer macht die notwendige und teure Lobbyarbeit für diese kritische Szene, wenn die Welt auf so bequeme Art „fair“ werden kann?

Bleibt abschließend nur noch zu bitten, daß Ihr, falls Ihr faire Produkte erwerben wollt, in die Weltläden geht und nicht in den Supermarkt.

Stefan Schrom


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