Die Rübe ist eine Wurzel

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2021, Seite 12

In 80 Nutzpflanzen um die Welt – Teil 2: Speicherknollen und -wurzeln

Kartoffelernte im nordindischen Bundesstaat Himachal Pradesh (Foto: Neil Palmer/​CIAT/​Wikimedia Commons)

Im zweiten Teil unserer Reise geht es rund – mit Knollen, Rüben und allem dazwischen. So manches davon ist wichtiges Grundnahrungsmittel, anderes kennen wir eher als Beilage oder hierzulande gar nicht. Was für die Deutschen die Kartoffel ist, ist in anderen Teilen der Welt die Yams- oder Tarowurzel.

Aus Asien und Südamerika

Speicherknollen und -wurzeln sind Teile mehrjähriger Pflanzen, die Reservestoffe speichern. Deshalb sind sie sehr nahrhaft und wertvoll für die menschliche Ernährung. Was da botanisch gesehen auf den Teller kommt, ist nicht immer einfach zuzuordnen – entscheidend ist, wo die Pflanze ihre Nährstoffe speichert und „dick“ wird. So ist die Kartoffel eine sogenannte Sprossknolle, Maniok eine Wurzelknolle und die Möhre eine Wurzelrübe.

So vielfältig die Biologie dieser Nahrungsmittelgruppe ist, so unterschiedlich ist auch ihre Herkunft. Die Möhre oder Karotte kommt aus dem Gebiet des heutigen Afghanistan, Taro wurde in Asien und Kartoffeln zuerst in Südamerika kultiviert. Seit etwa 5000 Jahren ist die Kartoffel in den Anden im heutigen Peru und Bolivien nachgewiesen. In der Ausgrabungsstätte Monte Verde in Chile mit den ältesten menschlichen Spuren in Südamerika wurden sogar Kartoffelschalen neben Mastodon-Knochen gefunden, deren Alter auf rund 13.000 Jahre bestimmt wurde.

Kartoffeln lassen sich gut lagern und werden inzwischen weltweit angebaut. Sie sind heute nach Mais, Weizen und Reis das wichtigste Grundnahrungsmittel, dicht gefolgt von Cassava (Maniok), Süßkartoffel und Yams, die es ebenfalls in die Top Ten schaffen. Damit sind Speicherknollen und -rüben das zweitwichtigste Grundnahrungsmittel auf der Welt und tragen heute und auch in Zukunft wesentlich zur Ernährungssicherheit bei.

Gegen Widerstände an die Spitze

Mit der Kolonialisierung Südamerikas und dem aufkommenden Import exotischer Pflanzen kam auch die Kartoffel zu uns. Der Kartoffelkäfer war gleichfalls im Gepäck und entwickelte sich schnell zu einer Plage, weil er keine natürlichen Fressfeinde hatte. In den USA wurde er dann erstmals mit einem künstlichen Pestizid direkt bekämpft: einem arsenhaltigen Stoff. In gewisser Weise war das der Startschuss für die industrielle Landwirtschaft.

Historisch betrachtet hat der Eroberungszug der Kartoffel um die Welt auch den Aufstieg der europäischen Großmächte und die Kolonialisierung begünstigt, denn die Knolle machte es möglich, mit weniger Arbeit mehr Kalorien zu erzeugen und eine wachsende Bevölkerung zu ernähren. Bis sich die Kartoffel als Grundnahrungsmittel durchsetzen konnte, dauerte es allerdings etwas. Anfangs wurde sie vor allem als Zierpflanze angebaut. In Irland setzte sie sich schon Anfang des 17. Jahrhunderts als Nahrungsmittel durch, als im Rest von Europa die Skepsis gegenüber dem fremden Gewächs noch groß war. Besonders in Preußen hielt sich hartnäckig der Glaube, dass die Kartoffel giftig sei – weil oberirdische, giftige Teile der Pflanze gegessen worden waren. Mit dem Kartoffel-Erlass von Friedrich dem Großen trat sie dann auch hierzulande ihren Siegeszug an.

Anfällige Monokulturen 

Heute werden Kartoffeln und andere Wurzelnutzpflanzen wie Yams, Möhre und Zuckerrübe großflächig in Monokultur angebaut. Sie werden auch als Hackfrüchte bezeichnet. Die entsprechende Bodenbearbeitung fördert allerdings je nach Intensivität Erosion und Bodenverschlämmung. Die Nährstoffe können so schneller aus dem Boden ausgewaschen oder weggeblasen werden. Je feuchter die Erde, desto mehr bleibt an den Kartoffeln hängen, wird vom Feld getragen und später abgewaschen. Ist der Boden erst mal weg, lässt er sich nur schwer zurückzugewinnen.

Monokulturen sind anfällig für Krankheiten und Klimaschwankungen. In Irland verhungerten Mitte des 19. Jahrhunderts eine Million Menschen, als es nach einem starken Vulkanausbruch zu Dauerregen kam, der den sandigen Boden wegschwemmte und zur Ausbreitung von Pilzkrankheiten an den Kartoffelpflanzen führte. Zu der Zeit war die Ernährung Irlands bereits so stark von der Kartoffel abhängig, dass die Ernteausfälle verheerende Auswirkungen hatten.

Rettung in höchster Not 

Knollengemüse haben schon immer eine wichtige Rolle bei der Ernährung der Menschen gespielt. Vor 400 Jahren retteten nordamerikanische Indianer die europäischen Pilger in ihrem ersten Winter in der „Neuen Welt“ mit Erdbirnen vor dem Hungertod. In den europäischen Hungerwintern 1916, 1946 und 1947 war die Steckrübe Lebensretter. Auch viele unserer klassischen Wintergemüse zählen zum Knollengemüse. Wo Kartoffeln und die meisten Getreide schlecht gedeihen, wird meist Maniok (Cassava) angebaut. Maniok ist zum Beispiel die Hauptzutat in Fufu, einem west- und zentralafrikanischen Gericht, und wichtige Grundlage für die dortige Küche.

Maniok-Feld auf den Philippinen. (Foto: Florentino Floro/​Wikimedia Commons)

Nachdem 2013 der Taifun Haiyan (Yolanda) auf den Philippinen gewütet hatte, waren Maniok und Süßkartoffel die ersten Grundnahrungsmittel, die angepflanzt wurden, um die Menschen nach der Katastrophe ernähren zu können. Beide sind weniger anfällig für Extremwetter wie Taifune und kommen besser mit langfristigen Klimaveränderungen klar. In Ländern wie Äthiopien gibt es Pilotprojekte, um herauszufinden, welche Arten und Sorten sich am besten für die dortigen Bedingungen eignen, um die Ernährungssituation der Bevölkerung zu verbessern. Wichtig sind beim Anbau auch die genetische Vielfalt und die Fruchtfolge. So können die Pflanzen vor Krankheiten geschützt und der Ausfall einer Kultur durch andere aufgefangen werden.

Claudia Kapfer 

In unserer siebenteiligen Reihe geht es nächstes Mal ums Gemüse. Das Projekt „In 80 Nutzpflanzen um die Welt“ wird durch Engagement Global mit Mitteln des Bundesentwicklungsministeriums gefördert.

Weitere Informationen: 80nutzpflanzen.grueneliga-berlin.de

Bisher erschienen:
Teil 1: Getreide

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