Menschen, die Großes leisten

Aus DER RABE RALF Dezember 2021/Januar 2022, Seite 13

Vier „Alternative Nobelpreise“ würdigen Engagement für Umweltschutz und Menschenrechte

Wladimir Sliwjak, Marthe Wandou, Freda Huson, Rahul Choudhary und Ritwick Dutta (von links) erhielten diesmal die Alternativen Nobelpreise. (Foto: Right Livelihood Award)

Am 1. Dezember wurde erneut der Right Livelihood Award – umgangssprachlich „Alternativer Nobelpreis“ genannt – an Menschen verliehen, die mit ihrem Mut und ihren Visionen für eine bessere Welt kämpfen, indem sie sich für Frieden, soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit einsetzen. Unter den Nominierten sind vor allem Aktivist:innen, zivilgesellschaftliche Organisationen und kleinere Projekte, über die sonst wenig oder gar nicht in den Medien berichtet wird. Konkrete Kategorien gibt es nicht, allerdings werden jedes Jahr wiederkehrende Themen wie Umweltschutz, Frieden, Menschenrechte, Kultur und Spiritualität oder auch der Schutz indigener Völker berücksichtigt.

Die vier Geehrten erhalten zusätzlich ein Preisgeld, um auch in Zukunft weitere Projekte finanzieren zu können – in diesem Jahr jeweils 100.000 Euro. Viel bedeutsamer ist jedoch die Aufmerksamkeit, die ihnen durch die Preisverleihung zuteilwird: So können unkonventionelle Ideen und praktische Lösungsansätze internationale Bekanntheit erlangen.

„Nobelpreisträgern hört man zu“

Hinter dem Right Livelihood Award steht eine gleichnamige Stiftung, die von dem schwedisch-deutschen Philanthropen Jakob von Uexküll gegründet wurde und die vor allem durch Spenden finanziert wird. Uexküll sah ein Problem in der Art, wie Politiker:innen Entscheidungen treffen und hinter verschlossenen Türen versuchen, globale Konflikte zu lösen. Man könne diese Konflikte nur lösen, wenn das Wissen und die Erfahrungen von Menschen aus der ganzen Welt einbezogen würden. Genau diesen Menschen werde aber zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Deshalb schlug Uexküll der Nobelstiftung vor, zwei weitere Preise für Ökologie und die Überwindung von Armut zu schaffen. Das mediale Interesse um die Nobelpreisverleihung würde den Ideen der Menschen Gehör verschaffen: „Wer auch immer den Nobelpreis bekommt, man wird ihm zuhören“. Die Stiftung lehnte seinen Vorschlag jedoch ab, woraufhin er 1980 den „Right Livelihood Award“ ins Leben rief. Der Preis stellt somit eine Ergänzung zum Nobelpreis dar, da die Nobelstiftung nur Menschen in den Gebieten Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Friedensbemühungen auszeichnet.

Wladimir Sliwjak, Russland

Einer der Ausgezeichneten ist der Umweltschützer und Aktivist Wladimir Sliwjak. Er kämpft im autoritär regierten Russland gegen die Atomindustrie, die Ausbeutung fossiler Brennstoffe wie Kohle und den Transport radioaktiver Abfälle, die teilweise auch aus Deutschland stammen (siehe S. 12). Sliwjak setzt sich dort gemeinsam mit vielen Aktivist:innen für den Umweltschutz ein. 1998 gelang es ihm und seiner Organisation Ekosaschtschita (Ökoverteidigung), den Transport abgebrannter Brennelemente aus Bulgariens Atomkraftwerk Kosloduj nach Russland endgültig zu beenden. Dieser Erfolg zeigte, dass zivilgesellschaftliche Organisationen in Russland etwas bewirken können.

Es sollte nicht der einzige Erfolg bleiben: Sliwjaks Organisation gelang es auch weitere Male, gefährliche staatliche Großprojekte zu stoppen, unter anderem den Bau des Kernkraftwerks Kaliningrad im Jahr 2014.

Marthe Wandou, Kamerun

Ausgezeichnet wurde auch die Gender- und Friedensaktivistin Marthe Wandou, die sich mit ihrer Organisation gegen sexuelle Gewalt und für die Rechte von Kindern und Frauen einsetzt. Wandou stammt aus einem Dorf im Norden von Kamerun und hat die dort herrschenden Missstände selbst miterlebt. Besonders Mädchen und Frauen haben kaum Zugang zu Bildung, werden früh verheiratet und erfahren Gewalt. Als eine von wenigen Frauen hatte sie dennoch die Chance zu studieren.

Nach ihrem Jurastudium gründete Marthe Wandou 1998 die Organisation Aldepa (Lokale Aktion für eine partizipative und selbstverwaltete Entwicklung), mit der sie für die Selbstbestimmung und Sicherheit der Mädchen kämpft. Sie mobilisiert und verbindet Gemeinden, leistet Präventionsarbeit und setzt sich für die Schaffung von Schulen und Ausbildungsstätten ein. Vor allem aber hilft die Organisation in Fällen von Entführungen und sexueller Gewalt, indem sie psychosoziale Betreuung und rechtlichen Beistand leistet. So konnte die Organisation in der nördlichen Region Kameruns, in der auch die islamistische Terrorgruppe Boko Haram aktiv ist, bereits 50.000 Mädchen beschützen.

Freda Huson, Kanada

Ein weiterer Alternativer Nobelpreis ging an Freda Huson, das weibliche Oberhaupt der Wet’suwet’en, die auch den traditionellen Namen Howihkat trägt. Die Wet’suwet’en sind ein indigenes Volk, das am Bulkley River im Nordwesten der kanadischen Provinz British Columbia lebt. Freda Huson engagiert sich für den Schutz indigener Völker, die jahrhundertelang gewaltsam verdrängt und ausgebeutet wurden. Viele von ihnen kämpfen um ihre Landrechte, ihre Kultur und Lebensweise und dabei auch für den Schutz der Natur.

Im Speziellen setzt sich Freda Huson gegen eine im Bau befindliche Erdgaspipeline des kanadischen Konzerns TC Energy (früher TransCanada) ein, die durch das traditionelle Land mehrerer indigener Völker führen soll. Gemeinsam mit ihrem Volk organisierte sie eine Blockade der Bauarbeiten auf traditionellem Land der Wet’suwet’en. Gegen die Protestierenden wurde jedoch bereits zweimal eine gerichtliche Verfügung durch den Obersten Gerichtshof von British Columbia erwirkt. Obwohl der Bau der Erdgaspipeline weitergeht, konnten die von Huson koordinierten Aktionen das Projekt um Jahre verzögern. Darüber hinaus gelang es ihr, eine landesweite Solidaritätsbewegung anzustoßen.

Ritwick Dutta und Rahul Choudhary, Indien

Schließlich wurde auch die indische Umweltrechtsorganisation Life (Legal Initiative for Forest and Environment) für ihre „innovativen Gesetzesinitiativen“ ausgezeichnet. Life wurde 2005 von den Anwälten Ritwick Dutta und Rahul Choudhary gegründet und unterstützt Gemeinden im Kampf um ihre Rechte und den Schutz von Wäldern und Umwelt. Die Organisation bildet ein Sprachrohr für die Gemeinden gegenüber dem indischen Justizsystem, indem sie Aktivistinnen und Umweltschützern hilft, bürokratische Hürden zu überwinden. Gleichzeitig konnte sie schon mehrfach die Verantwortlichen von industrieller Verschmutzung zur Verantwortung ziehen und dadurch weitere Schäden für Natur und Menschen verhindern.

Die Jury begründete ihre diesjährige Entscheidung unter anderem damit, dass die Preisträger:innen auch andere dazu ermutigen können, sich zu engagieren und selbst einen Beitrag für eine wirklich bessere Welt zu leisten.

Julia Duchnicki 

Weitere Informationen: www.rightlivelihood.org/de/who-we-are

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