Aus der Eilenden wurde die Elster

Aus DER RABE RALF Februar/März 2020, Seite 12

Der Lauf der Weißen Elster ist die neue Flusslandschaft des Jahres

Elstertalbrücke, unten die Trasse der Elstertalbahn. (Foto: Chriusha/​Wikimedia Commons , CC BY-SA 3.0)

Obwohl die Weiße Elster nach der Elbe als zweitwichtigster Fluss Mitteldeutschlands gilt, ist sie außerhalb der Region eher unbekannt. Dabei durchfließt sie bedeutende Großstädte – insgesamt leben im Einzugsgebiet mehr als 1,5 Millionen Menschen. Gleichzeitig ist der Fluss eines der am stärksten belasteten Fließgewässer Deutschlands. Vom verbindlichen Ziel der europäischen Wasserrahmenrichtlinie, bis spätestens 2027 einen „guten ökologischen Zustand“ zu erreichen, ist er weit entfernt. Weil die genannten Fakten hohe Anforderungen an das Flussmanagement-System stellen und um die Weiße Elster bekannter zu machen, haben der Deutsche Angelfischerverband und die Naturfreunde Deutschlands den Wasserlauf nun zur „Flusslandschaft des Jahres 2020/21“ gewählt.

Die Weiße Elster ist ein 257 Kilometer langer rechter Nebenfluss der Saale, der im äußersten Westen Tschechiens bei Aš (Asch) entspringt und im sachsen-anhaltischen Halle in seinen Hauptfluss mündet. Ihr Einzugsgebiet umfasst rund 5.300 Quadratkilometer und erstreckt sich, ausgehend vom Elstergebirge im südlichen Vogtland, über drei Naturraumeinheiten: das sächsisch-thüringische Schiefergebirge, das sächsisch-thüringische Hügelland und die Leipziger Tieflandsbucht.

Der Name Elster hat übrigens nichts mit dem schwarz-weißen Rabenvogel zu tun. Aus dem slawischen „alstrawa“ (die Eilende) wurde nicht nur der tschechische Flussname Halštrov, sondern auch „Elster“. Nach der Weißen Elster wurde auch die Elster-Kaltzeit benannt, die am längsten zurückliegende Kaltzeit des letzten Eiszeitalters, bei der es zu einer großräumigen Vergletscherung Norddeutschlands kam.

Ober- und Mittellauf

Schon etwa zehn Kilometer nach ihrem Quellpunkt auf 724 Metern Höhe überquert die Weiße Elster zwischen Doubrava in Tschechien und Bad Elster die Grenze ins sächsische Vogtland. Hinter Oelsnitz wird sie durch die Talsperre Pirk aufgestaut und erreicht anschließend die Stadt Plauen. Danach fließt sie durch die Täler der „Vogtländischen Schweiz“ und gräbt sich dabei tief in die Ausläufer des Thüringer Schiefergebirges. Zum landschaftlichen Reiz dieses Flussabschnitts gesellen sich architektonische Sehenswürdigkeiten, darunter die bereits 1851 in Betrieb genommene Elstertalbrücke, die als Teil der Bahnstrecke Leipzig–Hof eine der größten Ziegelsteinbrücken der Welt darstellt. Unter der 68 Meter hohen Brücke hindurch führt die Elstertalbahn.

In Thüringen werden die Städte Greiz und Gera durchflossen, wobei der Fluss kurz vor Gera aus dem Mittelgebirge heraustritt. Beim sachsen-anhaltischen Zeitz erreicht die Weiße Elster Lößhügelland und damit die Norddeutsche Tiefebene.

Unterlauf

In der Leipziger Tieflandsbucht verbreitert sich das Flusstal erheblich – auf durchschnittlich etwa zwei Kilometer. Aufgrund des von nun an geringen Gefälles und der Sedimentfracht aus dem Gebirge wechselte die Weiße Elster hier häufig ihr Bett, teilte sich in mehrere Flussläufe auf und schuf zahlreiche Flussinseln und Altarme. Mit zunehmender Siedlungsdichte infolge der Industrialisierung und steigenden Anforderungen an den Hochwasserschutz wurde sie jedoch in den zurückliegenden 200 Jahren stark begradigt, vertieft, kanalisiert und eingedeicht. Ein letzter unverbauter Abschnitt existiert nördlich von Zeitz zwischen den Orten Elsteraue und Beersdorf, wo sich der Fluss in vielen Mäandern windet.

Kurz vor Leipzig umfließt die Weiße Elster im Betonbett („Betonelster“) den ehemaligen Tagebau Zwenkau und bildet anschließend zusammen mit den Zuflüssen der Pleiße und der Parthe den Leipziger Gewässerknoten. Zu den wasserbautechnischen Anlagen dieses Knotens gehören auch das als Nebenarm zur Weißen Elster angelegte kanalisierte Elsterflutbett und das zweieinhalb Kilometer lange und 155 Meter breite Elsterbecken im Auenwald westlich des Stadtzentrums.

Das Elsterbecken verlassen zwei Hauptarme: die sich wieder naturnah schlängelnde Elster und die kanalisierte Neue Luppe. Kurz vor dem letztmaligen Wechsel auf anhaltisches Gebiet kommen beide jedoch wieder zusammen und setzen ihren Weg kanalisiert fort. Ab dem Wehr bei Döllnitz, auf ihren letzten zehn Kilometern Flusslauf bis zur Mündung in die Saale (auf 80 Metern Höhe), darf es sich die Weiße Elster noch einmal gemütlich machen und durch Auenlandschaft fließen.

Naturschutz

So vielfältig wie die Landschaftsräume, durch die die Weiße Elster fließt, sind auch die Habitate und deren pflanzliche und tierische Bewohner an ihrem Lauf. Die Naturfreunde listen insgesamt acht verschiedene Fauna-Flora-Habitat-(FFH-)Schutzgebiete auf. Das FFH-Gebiet „Saale-, Elster-, Luppe-Aue“ zwischen Merseburg und Halle ist beispielsweise durch Trocken- und Steppenrasen geprägt. Hier kommen verschiedene schützenswerte Orchideenarten vor, und in den Uferzonen tummeln sich Rotbauchunke und Nördlicher Kammmolch. Außerdem trifft man auf Biber, Fischotter und einige Fledermausarten. Das FFH-Gebiet „Leipziger Auensystem“ weist vor allem feuchte Hochstaudenfluren, magere Flachland-Mähwiesen und Weichholzauenwälder auf. Hier kommt auch der Bitterling, ein heute in der Region eher seltener Karpfenfisch, vor.

Außerdem hat die Flusslandschaft der Weißen Elster Bedeutung für einige bedrohte Vogelarten, darunter Eisvogel, Heidelerche und Kiebitz sowie große Greifvögel. Flussaufwärts ist es vor allem ehrenamtlichen Naturschützern zu verdanken, dass einzelne Exemplare der Flussperlmuschel in den Nebenbächen der Weißen Elster überlebt haben. Zahlreiche Perlen der sächsischen Könige stammen vom Oberlauf der Weißen Elster. Es gibt erste Projekte zur Wiederansiedlung der seltenen Art.

Trotz seiner Belastung gilt der Fluss wieder als fischreich. Für einen Gewässerabschnitt bei Gera zum Beispiel werden fast alle wichtigen mitteleuropäischen Fischarten wie Aal, Bachforelle, Barsch, Elritze, Hecht, Karpfen, Quappe, Regenbogenforelle und Wels aufgeführt. In allen größeren Städten können Gastangler Angelkarten erwerben.

Naherholung

Die Flusslandschaft der Weißen Elster hat unbestritten ihre Reize. Die geschwungenen Hügel, bunten Felder, beschaulichen Vogtland-Dörfer und dunklen Wälder ziehen immer mehr Menschen an. Vor allem der Radtourismus stellt im gesamten Flusslauf einen wichtigen Nutzungsfaktor dar. Mit dem 2004 eröffneten, rund 250 Kilometer langen Elsterradweg und dem angeschlossenen Flussperlmuschelwanderweg am Oberlauf ist die Region wie durch ein „blaues Band“ erschlossen. Am Unterlauf führen mehrere thematische Rad- und Wanderrouten durch die Flusslandschaft.

Vielerorts entlang der Weißen Elster erfreut sich außerdem Wassertourismus großer Beliebtheit. Hauptsächlich werden Kanu-, Kajak- und Schlauchboottouren angeboten, am Oberlauf ist sogar Wildwassersport möglich. Am Teilungswehr zur Ableitung des Elsterflutbetts auf Leipziger Stadtgebiet hat sich der Kanuclub der Messestadt als Bundesstützpunkt für Kanu-Slalom etabliert. Im August 2015 war das Elsterflutbett erstmals Austragungsort der Ruder-Bundesliga.

Jörg Parsiegla

Weitere Informationen: www.blaues-band.de/elster


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