Bäume fällen für die Verkehrswende?

Empörte Anwohner in Pankow und anderswo – Weckruf für Berliner Verwaltungen

Der bekannte Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams beginnt mit dem morgendlichen Blick des Helden aus dem Küchenfenster – auf einen Abrissbagger, der direkt auf ihn zurollt. Nach kurzen Verhandlungen gewinnt der Stadtplaner mit seinem Bagger. Amtlich alles vollkommen in Ordnung, denn die Pläne waren vorher einsehbar – in einem unbeleuchteten Keller mit kaputter Treppe.

So ähnlich fühlen sich offenbar viele Berliner, wenn es um Baumfällungen geht, die angeblich für neue Radwege notwendig sind. Meldungen wie „Bäume fällen für grüne Straßen“ aus der Boulevard-Presse würden auch gut in Satire-Bücher passen.

Zutreffend ist, dass die Baumfällungen Folge des Raumkonflikts mit dem Auto sind. Der Entwurf des neuen Berliner Mobilitätsgesetzes fördert den „Umweltverbund“ von Fuß- und Radverkehr sowie ÖPNV, denn diese Fortbewegungsarten benötigen sehr wenig Fläche. Für einen sicheren Radverkehr auf den Straßen müssen viele der von Gewerbetreibenden und Anwohnern gewünschten Parkbuchten verlagert werden – und das ist der hauptsächliche Grund für die Baumfällungen. So schadet das Auto dem Baum nicht nur, indem es Abgase ausstößt, sondern auch, weil es Platz beansprucht.


Von den Bäumen in der Stahlheimer Straße in Prenzlauer Berg blieb nicht mehr viel übrig. (Foto: Axel Lüssow)

Vom Kahlschlag überrascht

Jede Fällung ist ein Verlust. Neupflanzungen haben zum Beispiel bei Weitem nicht die stadtklimatische Wirkung von großkronigen Bäumen, die kühlend Wasser verdunsten und durch ihren Schatten die Aufheizung von Gebäuden und versiegeltem Untergrund vermeiden.

Auf dem geduldigen Papier werden mehr Bäume gefordert – im Mobilitätsgesetz genauso wie im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag oder in der Kooperationsvereinbarung der rot-grün-roten-“Zählgemeinschaft“ in der Pankower Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Deshalb ist es gerechtfertigt, auch bei der Umsetzung der Verkehrswende zu verlangen, dass jede Baumfällung nachvollziehbar begründet wird.

In der Realität ist aber bei der Transparenz offensichtlich noch viel Spielraum nach oben. Zum Beispiel bei der Stahlheimer Straße im Pankower Stadtteil Prenzlauer Berg, wo das Baum-Gutachten erst zwei Tage vor der Fällung eingesehen werden konnte – anders als vorherige Gutachten steht es nicht im Internet. Eine solche Art der Kommunikation kommt fast als Aufforderung zu Verschwörungstheorien daher. Besonders, weil im Verkehrsausschuss der BVV nur von der Fällung weniger Bäume die Rede war und nicht von einem fast kompletten Kahlschlag.

Auf beiden Seiten der Straße werden die Bäume gefällt. (Foto: Axel Lüssow)

Das Baumgutachten entscheidet – oder?

Die für einen Baum lebenswichtige Frage ist: Was steht im Baumgutachten, und welches Gewicht haben diese Aussagen? Eine übliche Begründung für eine Fällung ist: „krank“. In den Baumfäll-Listen der Berliner Bezirksämter geht es meist um „akute Gefahrenabwehr“. Bei Verkehrswegen ist aber keiner der Bäume kurz vor dem Umfallen. Wichtig ist hier nur, wie viele Jahrzehnte verbleibende Lebenszeit noch prognostiziert werden – nach der unvermeidlichen Schädigung durch schweres Baugerät. Es gibt auch bauliche Gründe: Besonders bei Altpflanzungen wachsen Wurzeln durch den verdichteten Boden nach oben – im Extremfall über den Bordstein, und der vorher stabile Baum kippt erst durch die Bauarbeiten.

Ein nicht vollkommen gesunder Zustand ist bei Stadtbäumen leider fast der Normalfall. Oft sind die Schäden von außen schwer oder gar nicht zu erkennen. Und wie in der Medizin gilt: „Zwei Ärzte, drei Meinungen.“ Auch Baum-Experten haben daher die sarkastische Faustregel: „Gesund ist nur der Baum, der nicht genug untersucht ist.“


Stadtbäume dürfen nicht gegen Räder ausgespielt werden. (Foto: Axel Lüssow)

Viel amtlicher Auslegungsspielraum

Auf der Internetseite des Bezirksamts Pankow heißt es: „Die Fällung dieser schadhaften Bäume erfolgte auf der Grundlage eines Gutachtens.“ Verblüffend ist aber, dass diese Lebenszeit-Prognose nur einer von mehreren Punkten ist. Die Liste für die interne Amts-Abwägung ist lang – die dubioseren Gründe sollen hier einmal gnädig weggelassen werden:

1. Finanzen: Große Bäume bringen zwar mehr für das Stadtklima, erfordern aber auch mehr Aufwand bei der Pflege – zum Beispiel durch häufigere Schnittmaßnahmen oder auch durch das vorübergehend notwendige Abschalten der Oberleitungen einer Straßenbahn. Auch wenn eine spätere Einzel-Fällung und Neupflanzung nötig wird, müssten nochmals Straßensperrungen veranlasst werden.

2. Verkehrssicherheit: Auch mit dem Verkehr gibt es Zielkonflikte. Zu nahe an Bushaltestellen stehende Bäume werden beispielsweise im Winter durch Streusalz geschädigt. Und auch Radfahrer wünschen sich ganzjährig gefahrlos befahrbare, das heißt eisfrei getaute Wege. Wenn Baumwurzeln das Pflaster von Gehwegen anheben, muss auch dort gehandelt werden, um barrierefreie Mobilität zu sichern.

3. Stadtplanung: Lichtmasten und andere Straßenelemente lassen sich viel schwerer planen, wenn Bäume zu berücksichtigen sind. Deshalb ist es bei Planern beliebter, ohne Zwänge „auf der grünen Wiese“ zu bauen – nur dass diese „Wiese“ betongrau ist. Wenn Neupflanzungen durch Altbäume beschattet werden, wird teilweise sogar entschieden, dass der Schattenspender weichen muss, um Fehlwuchs zu vermeiden.

Diese Liste ist der Grund, dass bei einer Krisen-Begehung mit entrüsteten Anwohnern spontan Bäume „gerettet“ werden können. Dabei wird der behördliche Auslegungsspielraum genutzt – was aber oft zu erhöhten Kosten für spätere Bau- oder Pflegearbeiten führt. Am Ende kann es dann passieren, dass ein laut Baumgutachten nicht erhaltenswerter Baum verschont bleibt, während ein Baum mit längerer Lebenszeit gefällt wird.


Anwohnerproteste sind verständlich, wenn es an Transparenz fehlt. (Foto: Axel Lüssow)

Gutachten müssen öffentlich sein!

Um die Verkehrswende nicht zu gefährden und gleichzeitig Bäume als Lebewesen in der Stadt zu erhalten, sind politische Änderungen notwendig. Bei den Auslegungsspielräumen in den Bezirksämtern müssen eindeutige, ökologische Leitlinien entwickelt werden. Die Abwägungen und Gutachten müssen für jeden Baum öffentlich dokumentiert und nachvollziehbar sein. Neupflanzungen sollten nach der stadtklimatischen Funktion bewertet werden, statt gefällte Bäume durch die gleiche Anzahl neuer Bäume zu „ersetzen“. Für den gesamten Prozess muss es eine ökologische Bauleitplanung geben, die Bäume nicht als Hindernisse begreift. Beim Bau von Verkehrswegen sind auch die Verengung von Straßenspuren und die Umlenkung von Radwegen zu prüfen.

In den Bezirksämtern sollte die Erkenntnis reifen: Bei Verkehrswegen ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten eine Linie – aber politische Ziele lassen sich manchmal über einen Schlenker besser erreichen. Übrigens: In Douglas Adams‘ Roman wird die Erde für eine galaktische Umgehungsstraße gesprengt. Wir müssen daran arbeiten, dass es bei der real existierenden Erde nicht so weit kommt – denn wir haben keine andere.

Axel Lüssow, Mathias Kratz

Axel Lüssow ist Mitglied im Ausschuss Umwelt und Natur der BVV Pankow. Mathias Kratz ist Bezirksverordneter von Bündnis 90/Die Grünen in Pankow
Informationen der Senatsverwaltung zu Baumfällungen: www.kurzlink.de/radbaum
Stadtbaumkampagne der Umweltverwaltung: www.kurzlink.de/mehrbaum


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