Lieber Ameisenlöwe als Löwe

Aus DER RABE RALF August/September 2022, Seite 3

Der Naturfilmer Siegfried Bergmann wäre am 3. September 90 Jahre alt geworden

Siegfried Bergmann (1932-2021). (Foto: Heiderose Häsler)

Er hat mir die Verbreitungstricks und die Ästhetik von Samenkörnern vorgeführt. Hat mir den Liebesakt des Wiener Sandlaufkäfers gezeigt und den Todeskampf der Ameisen im Fangtrichter des Ameisenlöwen. Eine kleine Welt fast im Verborgenen, die Siegfried Bergmann über alles liebte. Stundenlang hockte er mit der Kamera vor dem Einflugloch der Blattschneiderbiene, bis sie mit einem Stück Robinienblatt zum Tapezieren in ihre Erdhöhle flog.

Tagebausanierer lernen von Naturschützern

Seine faszinierenden Bilder haben die Fernseh-Zuschauer an einer Wiederholung der Erdgeschichte teilnehmen lassen. „Wie nach der letzten Eiszeit, vor zehntausend Jahren, als das Leben neu begann“ – so beschrieb es Professor Michael Succow im mehrfach preisgekrönten Film „Verbotene Wildnis. Die verlorenen Wunder der Tagebaulandschaften“, den ich zusammen mit Siegfried Bergmann für den Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB) und für Arte um die Jahrtausendwende machte. Es ging um das Wiedererwachen der Natur nach der Stilllegung vieler Tagebaue im Osten Deutschlands, um den Streit von Bergbausanierern und Naturschützern über das örtliche Zulassen von Wildnis in den Sandwüsten nach der Kohle. Der Film hat die Kontrahenten einander nähergebracht. Solch spannendes buntes Leben hatten die Sanierer auf den „toten“ Abraumflächen nicht erahnt. Es hat sich also gelohnt, Kreiselwespe und Wanzensamen und das zarte Wintergrün in Szene zu setzen, der Naturschutz bekam eigene Flächen.

Heute gehört das alte Braunkohleabbaugebiet bei Calau der Heinz-Sielmann-Stiftung. In „Sielmanns Naturlandschaft Wanninchen“ führen Radwege am Rand alter Kohlegruben entlang, kann man Kraniche und Wildgänse beobachten. Die Filmaufnahmen vor einem Vierteljahrhundert belegen die Anfänge und Schwierigkeiten der Wildnis-Entwicklung in der Lausitz. Damals begann das erste Grundwasser in die ausgekohlten Löcher zu sickern, heute sind viele längst gefüllt. Die mehr als 100 Filmkassetten à 40 Minuten, die in Wanninchen gehütet werden, sind ein einmaliges Archiv, das mit den Jahren immer wertvoller wird.

Naturschützer vor Ort erinnern sich noch genau an Siegfried Bergmann, wie er allein mit schwerer Kamera und geschultertem Stativ Ende der 1990er Jahre durch das unwegsame Gelände zog, Tage, Wochen, Monate. Und sie mit Fragen löcherte. Seine Wissbegier war grenzenlos, er wollte Zusammenhänge ganz genau verstehen, um sie optisch überzeugend vermitteln zu können. Nie ist es ihm nur um den Schauwert gegangen.

Tiefe Zusammenhänge sichtbar gemacht

Als biologischen Assistenten hatte das DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme den studierten Biologen 1959 nach Potsdam-Babelsberg geholt. Die Filmkunst lernte er im externen Studium dazu. Eine glückliche Verbindung, die seine Filme von Anfang an besonders machte. Im Kino-Beiprogramm lüftete er 1966 „Geheimnisse unter der Eischale“ oder führte in „Blüte und Insekt“ (1967) die erstaunlichsten Bestäubungstricks vor. Dabei kam raffinierte Technik zum Einsatz, um bisher nie Gesehenes zeigen zu können.

Aus dem Assistenten wurden bald Kameramann und Regisseur. Bergmanns Werk umfasst mehr als 80 Filme, anfangs vor allem biologische, später immer mehr umweltkritische. Das wurde ab 1970 mit dem Landeskulturgesetz der DDR möglich. Ein Jahr, das auch persönlich Veränderungen brachte. Ab jetzt stand ihm seine Frau Christine als Dramaturgin und Beraterin zur Seite. Gemeinsam realisierten sie „Die große Niederung“ (1971) über den Kampf von Naturschützern um einen Wasservogel-Rastplatz an der Unteren Havel.

1983: Siegfried Bergmann (rechts) mit Kameramann Jürgen Partzsch an einem Schwimmversteck zum Beobachten der Trauerseeschwalben am Gülper See. (Foto: DEFA/​Filmmuseum Potsdam)

In „Die verbotenen Inseln“ (1972) erzählen sie von Küstenvogel-Brutgebieten im Barther Bodden, die bedroht waren durch zu starke Beweidung. Die Rinder wurden mit der Fähre vom Festland auf die Inseln Oie und Kirr gebracht. Eilande, die die Bergmanns ins Herz schlossen und deren reiche Vogelwelt sie retten wollten. Der Film half, einen Kompromiss zu finden und eine Bewirtschaftungsrichtlinie zu ändern. 15 Jahre lang arbeiteten Christine und Siegfried Bergmann als ehrenamtliche Vogelwarte auf den Inseln, entwickelten Bruthilfen für Brandgänse und Mittelsäger. Viele ihrer 12 ornithologischen Filme liefen auf Festivals im In- und Ausland, erhielten zahlreiche Preise.

Intensive Landwirtschaft hatte den Lebensraum der Großtrappen zerstört. In der Naturschutzstation Buckow versuchte man sie durch Handaufzucht zurückzuholen. Der Kinderfilm „Komm, Trappi, komm“ (1982) erzählt davon. Siegfried Bergmann war es als Erstem gelungen, den sich rasant steigernden Herzschlag des Trapphahns bei der Balz hörbar zu machen.

In „Augen der Landschaft“ (1983) geht es um den Erhalt eiszeitlicher Sölle, in „Grüne Brücken“ (1987) um Gehölze in einer ausgeräumten Flur als Korridore für wildlebende Tiere. Staunend und genussvoll lernt man bei Siegfried Bergmann über tiefgreifende Zusammenhänge. Seine großen Moorfilme waren die letzten, die im Adlershofer Fernsehen liefen. Auch die DEFA wurde Anfang der Neunziger dichtgemacht, die Bergmanns kauften die Technik der Biologie-Abteilung, wollten weitermachen.

Zurücktreten vor den Wundern der Natur

In unserem Umweltmagazin OZON, das in der Wendezeit erkämpft worden war (Rabe Ralf Februar 2020, S. 3), fanden sie einen Partner. Mehrere Filme haben wir zusammen gestaltet: die aufwändigen Nachwende-Gemälde über die Naturentwicklung nach dem Tagebau und auf stillgelegten Truppenübungsplätzen, Filme über die wilde Berliner Pflanzenwelt und über die neuen Erfolge beim Zurückholen der Großtrappen.

2005: Bergmann (rechts) mit dem Berliner Ökologie-Professor Herbert Sukopp auf der Brache der heutigen „Mall of Berlin“ am Leipziger Platz. (Standbild aus „Berliner Pflanzen“)

Ich habe mich besonders in Bergmanns Makro-Beobachtungen verliebt – die langen Zangen des Sandohrwurms, eines Fossils aus dem Tertiär, die roten Köpfchen der kleinen Scharlachflechte, die gelben Rucola-Blüten mitten im Stadtverkehr, die Samen-Schirmchen des Filzkrauts vorm Reichstag. Mit seiner Achtung vor dem kleinsten Lebewesen, unendlicher Geduld und der passenden Kameratechnik konnte er erstaunliche Emotionen wecken. Das „Unkraut“ am Straßenrand, die kleinen Farne an der alten Stadtmauer wurden bei ihm zu bildfüllenden Stars. Inzwischen habe ich selbst ein Makroobjektiv und schaue ein bisschen mit seinem Blick durch die Linse. Wäge ab, ob er es ähnlich gefilmt hätte.

Bei einem Interview antwortete er auf die Frage, warum es ihn, anders als viele große Naturfilmer, nie in ferne Länder zog: „Was ist spektakulär für den Zuschauer und was ist spektakulär für mich? Für mich ist eben auch spektakulär, was im Bergbau geschehen ist, was sich dort entwickelt hat, wie wunderbare Pflanzen und Tiere sich angesiedelt haben, wenn ich an die Wintergrün-Arten denke oder all die Insektenarten, die in diese Sandwüste zurückgekehrt sind. Das sind für mich schon sensationelle Dinge. Das ist eigentlich mehr für mich, als wenn ich einen Löwen oder Tiger drehen müsste, oder wollte.“

Freunde und Kollegen bezeichneten Bergmann anerkennend als „Sielmann des Ostens“, doch zu Sielmanns öffentlichkeitswirksamer Berühmtheit taugte sein Charakter nicht. Seine Bescheidenheit, das Zurücktreten vor den Wundern der Natur war legendär. Im vergangenen November ist Siegfried Bergmann gestorben. In diesem Jahr am 3. September wäre er 90 Jahre alt geworden.

Heiderose Häsler 

Bergmann-Filmabend: 21.+24.10., Zeughauskino/Pei-Bau, Hinter dem Gießhaus 3, Berlin-Mitte
www.schmalfilmkino.de
www.zeughauskino.de

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