Natur und Freiheit

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2021, Seite 19

Der radikale Ökologe Bernard Charbonneau ist in Deutschland noch zu entdecken

Bernard Charbonneau (1910-1996). (Foto: DLC/​Wikimedia Commons)

Der Südwesten Frankreichs, den die Einheimischen lieber Gascogne nennen, ist vor allem als Region des guten Essens und der hervorragenden Weine berühmt. Dass dieser kulturell höchst eigenständige Landstrich auch zahlreiche Sozialrebellen und Revolutionäre hervorgebracht hat, ist weit weniger bekannt.

Rebellen aus dem Nirgendwo

Dabei schrieb hier schon im 16. Jahrhundert Étienne de La Boétie seinen berühmten „Discours de la servitude volontaire“ („Von der freiwilligen Knechtschaft“), ein Text gegen den Untertanengeist, der – auch in der Übersetzung Gustav Landauers – heute noch lesenswert ist. Ein Jahrhundert später brach von hier der Baron de Lahontan ins indianische Kanada auf, um bei der autochthonen Bevölkerung eine Lebensweise zu finden, die er den starren Gesellschaftsverhältnissen Frankreichs vorzog. 1802 bereiste der freiheitliche Dichter Friedrich Hölderlin die „Gascognischen Lande“ und bedachte diese in seinem lyrischen Werk mit Dankbarkeit.

Aus dem 20. Jahrhundert ist vielleicht Henri Lefebvre bekannt, ein unorthodoxer Marxist, der seine politische Inspiration aus seinen Jugenderfahrungen mit den „pyrenäischen Republiken“ der hier ansässigen Hirtenkulturen zog. Der bearnesisch (ein gaskognischer Dialekt) schreibende Autor René Canton nannte seine Heimat „Enloc“, was so viel wie „Nirgendwo“ bedeutet und sehr gut eine Gegend beschreibt, die nicht mehr zu Frankreich und noch nicht zu Spanien gehört und sich auch nicht in das Konstrukt „Okzitanien“ einfügen will. In einem seiner schönsten Texte hat Canton folgendes Credo formuliert: „Ich selbst, der sich stets fremd in der vergnügten Menge fühlt, der das Gespräch im kleinen Zirkel sucht, dem Wald und Heideland viel näher sind als Feldermais, lebe in Abseits, in Enloc.“ Die hier geäußerte Mischung aus Kritik der Massenkonsumgesellschaft, ökologischer Sensibilität und individualistischem Solidarismus hätte genauso von einem Denker geschrieben werden können, der ganz in Cantons Nähe – ebenfalls auf verlorenem Posten – wirkte: Bernard Charbonneau. 

Wandern auf dritten Wegen

Charbonneau wurde 1910 in Bordeaux geboren und verbrachte einen Großteil seines Lebens in der kleinen Gemeinde Lescar, wo er als Lehrer arbeitete. Noch während seines Studiums traf er auf den angehenden Philosophen Jacques Ellul (1912-1994), mit dem ihn zeitlebens eine enge Freundschaft verband. Beide schlossen sich dem Kreis um den personalistischen Autor Emmanuel Mounier an. Unter „Personalismus“ versteht man – vereinfacht gesagt – eine von der Einzelperson aus ausgehende Denkrichtung, die einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu finden versucht. Ellul und Charbonneau gehörten mit ihrem „groupe personnaliste du Sud-Ouest“ zum linken Flügel dieser Schule.

Die Freunde waren allerdings alles andere als brave Schreibtischphilosophen: Inspiriert von der Pfadfinderkultur und der deutschen Jugendbewegung organisierten sie Wanderfahrten in die damals noch nicht touristisch (v)erschlossene Umgebung. In ihren um 1935 formulierten Manifesten „Le progrès contre l’homme“ („Der Fortschritt gegen den Menschen“) und „Sentiment de la nature, force révolutionnaire“ („Das Naturgefühl als revolutionäre Kraft“) zeigt sich eine radikale Stoßrichtung, die sich gleichzeitig gegen Faschismus, Staatskommunismus und liberalen Kapitalismus richtet. Als Gegenbild wird die Version einer freiheitlich-solidarischen Gesellschaft beschworen, die – und hier liegt die Besonderheit dieser Gruppe im französischen Kontext – einen starken Naturbezug aufweist. Diese Texte enthalten bereits im Ansatz jenen Denkstil, dem beide Autoren stets die Treue hielten. Während der deutschen Besatzung ab 1940 schloss sich Ellul einem Widerstandszirkel an. Charbonneau enthielt sich aller politischen Aktivitäten, zog sich zum Schreiben zurück und fertigte eine vielseitige Arbeit an, der er den Titel „Par la force des choses“ (etwa: „Sachzwänge“) gab. Aus diesem Grundstock ging nach 1945 der Großteil seiner Publikationen hervor. 

Vordenker der Wachstumskritik

Kann Charbonneaus Denken auf zwei Grundbegriffe zurückgeführt werden? Ja und nein. Obwohl die thematische Ausrichtung seiner Texte sehr vielfältig ist, kreisen diese immer um die Pole „Freiheit“ und „Natur“. Doch Vorsicht: mit Charbonneaus Definitionen dieser Begriffe könnte kein Vertreter des (wirtschafts)liberalen Flügels der Grünen eine Wahlkampfrede halten. Der Franzose entdeckte in dem, was er „den großen Wandel“ nennt, eine Entwicklung, die sowohl die menschliche Freiheit als auch die nicht-menschliche Mitwelt existenziell bedroht. Das blinde Vertrauen in den technokapitalistischen Fortschritt ende zwangsläufig in einer vollständig zubetonierten Zukunft, in der auch der Mensch seine letzten Freiheiten verlieren würde: „Das wahre Problem liegt nicht mehr darin, sich zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu entscheiden. Es kann nur noch darum gehen, eine Entwicklung aufzuhalten, die zur totalen Zerstörung von Freiheit und Natur führen wird.“ (aus: „Le Changement“).

Allerdings war Carbonneau kein Propagandist von Naturschutzgebieten, sah er doch hellsichtig voraus, dass diese zu einer Trennung von kleinen Schutz- und großen Schmutzgebieten führen. Ebenso wenig lässt sich aus seinem Denken ein – wie auch immer gearteter – Ökototalitarismus ableiten. Nur in der Besinnung auf eine bäuerliche Landwirtschaft, auf radikale Konsumverweigerung und auf libertäre Werte könne eine Lösung für die Dauerkrisen der Gegenwart gefunden werden. Charbonneau ist kein abstrakter Systemdenker. Seine Gedanken gehen immer von konkreten Beobachtungen aus. In seinen Beiträgen für die anarcho-ökologische Zeitschrift „La Gueule ouverte“ (einen zwischen 1972 und 1980 erscheinenden Vorgänger von „Charlie Hebdo“) zeigt sich, dass hier ein bedeutender Vordenker der Postwachstumsbewegung zu entdecken ist. 

Charbonneau lesen

Im Gegensatz zu Charbonneau ist Jacques Ellul ein weltweit bekannter Autor geworden. Ihm gelang das Kunststück, gleichzeitig von koreanischen Evangelikalen übersetzt und vom US-amerikanischen „Unabomber“ Ted Kaczynski rezipiert zu werden. Auch in Deutschland liegen einige – ältere – Übersetzungen vor.

Im Fall von Charbonneau sieht es leider anders aus. Bisher wurde keines seiner Bücher übersetzt. Allenfalls in dem Band „Der Wahlfisch. Ökologie-Bewegungen in Frankreich“ (Merve Verlag, 1978) lassen sich zwei kleine Aufsätze finden. In jüngerer Zeit hat der Rabe-Ralf-Autor Marc Hieronimus auf Charbonneau hingewiesen (Rabe Ralf Dezember 2020, S. 16). Es wäre wünschenswert, wenn ein deutscher Verlag endlich den Mut finden würde, diesen sehr zeitgenössischen Denker zu übersetzen.

Wer über gute französische Sprachkenntnisse verfügt – Charbonneau schreibt ein klassisches, elegantes und luzides Französisch – dem sei dringend dazu geraten, sich einmal an den Originaltexten zu versuchen. Der libertäre Verlag Les Éditions L’échappée hat bereits einige Schriften neu herausgegeben und plant weitere Ausgaben.

Johann Thun

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