Bio und unfair?

Aus DER RABE RALF Dezember 2019/Januar 2020, Seite 18

Berlin-Friedenau: Nur wenige Biomärkte geben Auskunft über Löhne ihres Personals

Solidarische Bioläden wie Dr. Pogo in Neukölln sind selten. (Foto: Linda Dreisen/​Flickr, CC BY-NC-SA 2.0)

Nahezu jede in Friedenau vertretene Biomarktkette verbreitet eine oder mehrere Kundenzeitschriften. Adressiert sind sie an den kritischen Verbraucher und die mündige Kundin. Neben saisonalen Kochrezepten stehen Themen wie die negativen Folgen der industriellen Lebensmittelproduktion. Beim Werbeblock für das eigene Warenangebot liegt der Fokus auf nachhaltiger, kontrollierter, zertifizierter Produktionsweise sowie fairem Handel.

Gerade wegen der verlässlichen, sozialen und nachhaltigen Güte des Warenangebots werden die Biomärkte im Friedenauer Kiez geschätzt. Großen Anteil an ihrem guten Ruf haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Filialen. Sie gehen nicht nur kompetent und geduldig auf die Anliegen der Kundschaft ein, sondern engagieren sich beispielsweise auch beim Vermeiden von Plastikmüll.

Häufig kein Tariflohn

Bei vielen Kundinnen und Kunden ist der Eindruck entstanden, dass Biomärkte die Grundsätze sozialer und nachhaltiger Produktion auch nach innen leben und ihrer Personalpolitik zugrunde legen. Immer wieder hören wir im Bekanntenkreis: „Ich nehme die höheren Preise für Bioprodukte in Kauf, dafür ist die Qualität besser und das Personal wird anständig bezahlt.“ Aufhorchen ließ uns ein Bericht mit dem Titel „Biologisch ausbeutbar“ in der Berliner Zeitung vom 22. Februar 2019. Demnach sind viele der hiesigen Biomärkte nicht in den Einzelhandelstarif eingebunden und liegen mit ihrem Lohnniveau unter dem der Supermarktketten und Lebensmitteldiscounter.

Das wollten wir genauer wissen. Denn einerseits möchten wir unsere Einkaufsgewohnheiten gerne beibehalten, anderseits nicht an Lohndrückerei mitwirken. Schnell zeigte sich, dass es an präzisen, öffentlich zugänglichen Fakten zur Lohnsituation in Biomärkten – etwa im Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung oder bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi – mangelt. Deshalb entschieden wir uns als Kiezinitiative „Gute Arbeit in Biomärkten“ (Gabio), bei den Biomärkten im Friedenauer Kiez vorstellig zu werden. Wir baten die Geschäftsleitungen von Alnatura, Basic, Bio Company, Bio Grande, Denn’s, LPG und Biolüske, uns einen kleinen Fragenkatalog zur ihrer Lohn- und Personalpolitik zu beantworten.

Fragen werden nicht beantwortet

Das Ergebnis ist ernüchternd. Die Biomärkte, die sonst fast jede Gelegenheit nutzen, ihre überlegene Qualität ins rechte Licht zu rücken, werden bei der Lohnfrage schmallippig. Von den sieben Unternehmen beantworteten nur zwei unsere Fragen. Basic, Bio Company, Biogrande und Biolüske ignorierten unsere Anliegen völlig.

Bemerkenswert ist die abweisende Antwort des Geschäftsführers der LPG GmbH. „Die Bezahlung in der LPG orientiert sich an dem Einzelhandelstarif Berlin/Brandenburg“, schrieb Werner Schauerte. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir über weitergehende Fragen zu unserer Firma nicht mit Privatpersonen ins Gespräch gehen“, erklärte er weiter. Das Wort „orientieren“ hält die Lohnverhältnisse im Ungefähren und lässt befürchten, dass sie unter dem Einzelhandelstarif liegen.

Seine Antwort zeigt auch, wie unser Auskunftsbegehren in einigen der Unternehmenszentralen angekommen sein dürfte. Geht es um Löhne und Arbeitsbedingungen, ist der eben noch hofierte mündige Kunde eine unerwünschte und des Gesprächs unwürdige Privatperson. Die Biomärkte, die in der vergangen Dekade von kleinen Ladenprojekten zu mittelständischen Unternehmen aufgestiegen sind, gerieren sich hier so diskret wie konventionelle Handelsketten. Auch bei diesen Unternehmen endet die hochgelobte Transparenz, wenn es um das Geschäftsgeheimnis von Lohn und Profit geht.

Positiv: Alnatura und Denn’s – mit Abstrichen

Die beiden Ausnahmen bildeten Alnatura und Denn’s. Alnatura präsentiert sich als Arbeitgeber mit einer Personalpolitik, die die Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern einbindet. „Sozialorganik“ ist hier wie in anderen Bereichen der Unternehmenspolitik das Leitbild, das sich aus der anthroposophischen Gedankenwelt von Rudolf Steiner speist. Damit überzeugt Alnatura bei Wettbewerben wie dem „Xing New Work Award“ – 2019 erhielt das Unternehmen dort den zweiten Preis in der Kategorie „Institutionen/Unternehmen“ (bei insgesamt rund 200 Bewerbungen über alle Kategorien).

Zu den Löhnen teilt Alnatura mit, dass sie sich am Einzelhandelstarifvertrag orientieren – und zwar als Untergrenze. In vielen Fällen lägen sie sogar darüber, etwa bei Auszubildenden, die monatlich 100 Euro mehr erhalten als tariflich festgelegt. Unternehmensweit gelte ein Mindestlohn, der mit 12 Euro über dem gesetzlichen Mindestlohn von 9,19 Euro liege. Fest angestelltes Personal, eine geringe Quote von Minijobs (5,4 Prozent) und sechs Wochen Urlaub runden das positive Bild ab. Allerdings: Der Frauenanteil in den Führungspositionen liegt mit rund 40 Prozent deutlich unter dem Frauenanteil der Gesamtbelegschaft (69 Prozent). Und: Einzig in der Freiburger Alnatura-Filiale gibt es einen Betriebsrat. Das Unternehmen gehört nicht dem Arbeitgeberverband an.

Auch Denn’s hat unseren Fragebogen beantwortet. Demnach erhalten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überwiegend Vergütungen, die über dem Branchentarifvertrag liegen. Auffällig ist bei Denn’s freilich der hohe Anteil von geringfügig Beschäftigen. Die Quote liegt nach Angaben des Unternehmens bei 19 Prozent. Fast ein Fünftel der Belegschaft besteht damit aus Minijobberinnen und Minijobbern. Bei einem insgesamt höheren Frauenanteil an den Beschäftigten ist auch die Mehrzahl der Führungskräfte weiblich. Allerdings ist auch Denn’s nicht im Arbeitgeberverband und es gibt keinen Betriebsrat.

Fazit: Bei Alnatura kann man und frau guten Gewissens einkaufen. Dem Personal kommt das Konzept der „Sozialorganik“ zugute und es wird nicht „biologisch ausgebeutet“. Auch Denn’s nimmt den Kunden als Partner ernst. „Orientierung“ an den Tarifverträgen des Einzelhandels heißt hier, dass diese eine untere Haltelinie bilden sollen.

Mitbestimmung bei allen Bioketten unterentwickelt

Auffällig ist bei allen Biomarktketten, dass Sozialpartnerschaftlichkeit unterentwickelt ist. Die Unternehmen sind nicht im Arbeitgeberverband organisiert; die betriebliche Mitbestimmung steckt noch in den Kinderschuhen. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass ausgerechnet in einem Zweig des Einzelhandels, der sich Nachhaltigkeit, Tierwohl und Regionalität auf die Fahnen schreibt, eine Politik gegen Arbeitnehmerrechte gefahren wird“, kritisierte Orhan Akman, Leiter des Bundesfachbereichs Einzelhandel bei Verdi, im April in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ).

Ein Beispiel ist die Berliner Bio Company. Die hat zwar einen Betriebsrat. Dessen Wahl sei aber vom Arbeitgeber beeinflusst worden, kritisiert Verdi. „Die Versuche gewerkschaftlich organisierter Beschäftigter, frei einen Betriebsrat wählen zu lassen, hat das Unternehmen unterbunden“, so Erika Ritter vom Fachbereich Handel im Verdi-Landesbezirk Berlin-Brandenburg. Anderseits beobachtet Verdi auch, dass die Beschäftigten im Bio-Einzelhandel sich organisieren und auf Mitbestimmung drängen. Das sollte von den Kunden unterstützt werden, damit die Fair-Trade-Kette nicht beim Übergang in den heimischen Biomarkt reißt.

Sabine Hübner, Gerwin Klinger

 

Weitere Informationen: Friedenauer Kiezinitiative „Gute Arbeit in Biomärkten“ (Gabio)

 


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