Blutstreifling, Herrenapfel und Co.

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2019, Seite 8

Die Streuobstsorten des Jahres 2019 – ein kleiner regionaler Überblick

Der Moselapfel, früher als Tafelapfel geschätzt, ist selten geworden. (Foto: Pomologenverein e.V.)

Obstwiesen sind Lebensraum für viele Pflanzenarten. Ihr hoher ökologischer Wert beruht auf robusten und wenig pflegebedürftigen Sorten. Um ihre Bekanntheit zu steigern und auf ihren unschätzbaren Wert aufmerksam zu machen, küren einige deutsche Landesverbände für Obst- und Gartenbau und oft auch die Pomologen-Vereine der Länder seit etwa zwei Jahrzehnten die Streuobstsorten des Jahres. Das sind häufig fast schon vergessene Fruchtarten unter anderem bei Äpfeln, Birnen, Pflaumen und Kirschen.

Öhringer Blutstreifling

In Baden-Württemberg entschied man sich in diesem Jahr für die Apfelsorte Öhringer Blutstreifling. Erstmals beschrieben wurde die Sorte 1907, der Mutterbaum soll noch bis 1929 in Öhringen-Unterohrn gestanden haben. Die Sorte gab es bis in die 1960er Jahre häufig in Baden-Württemberg und auch in der Schweiz. Der mittelgroße Baum wächst bis in Höhenlagen von 600 Metern und besitzt eine hochgewölbte Krone mit überhängenden Fruchtästen. Anfangs hellgrün, färbt sich die mittelgroße Frucht später strohgelb. Zur Fruchtreife, etwa Mitte Oktober, kommen dann insbesondere sonnenseitig die leuchtend dunkelroten Streifen hinzu. Der früh einsetzende, hohe und regelmäßige Ertrag macht den Öhringer Blutstreifling sehr rentabel. Durch sein wohlschmeckendes und saftiges Fruchtfleisch ist er ein hervorragender Tafelapfel. Er kann aber auch prima zu Most verwertet werden.

Kalbfleischapfel

In Hessen hat es der Kalbfleischapfel aufs Siegertreppchen geschafft. Die südhessische Lokalsorte geriet nach 1945 in Vergessenheit und galt lange Zeit als verschollen. Erst 2013 ist sie durch die Arbeit der Initiative „Streuobstwiesenretter“ wiedergefunden worden. Der Baum des Kalbfleischapfels wächst kräftig und bildet eine breitkugelige Krone. Je nach Standort reifen die kleinen bis mittelgroßen Früchte zwischen Mitte September und Mitte Oktober. Unter der hellgelben, rot geflammten Schale verbirgt sich ein gelblich-weißes, saftiges Fruchtfleisch. Das Aroma ist süß-sauer. Um die Sorte in Südhessen weiter zu verbreiten, wurden mehrere Baumschulen mit seiner Vermehrung beauftragt.

Dithmarscher Paradiesapfel

Für die Wahl des Dithmarscher Paradiesapfels zum Obst des Jahres 2019 zeichnet ein Gremium aus Pomologen-Vereinen der norddeutschen Länder und dem BUND Hamburg verantwortlich. Die Sorte war vor dem Krieg sehr häufig in Schleswig-Holstein anzutreffen, verschwand aber in den 1950er Jahren aus dem Blickfeld. Seit rund 20 Jahren wird sie wieder vermehrt angepflanzt, denn die Bäume eignen sich sehr für Hausgärten und tragen schon nach wenigen Jahren gut. Der Baum alterniert jedoch im Zweijahresrhythmus: Auf ein Jahr mit zwar nicht vielen, aber großen Äpfeln folgt das nächste mit sehr vielen, aber deutlich kleineren Äpfeln. Die Äpfel reifen ab Anfang September innerhalb von zwei Wochen. Ein Frischverzehr ist der Verarbeitung vorzuziehen. Das Fruchtfleisch unter der häufig rötlich gestreiften Schale ist weiß und mäßig saftig. Das hochfeine artspezifische Aroma des „Dithmarschers“ ist mit keinem anderen Apfel vergleichbar.

Moseleisenapfel

Das Saarland und Rheinland-Pfalz haben sich für den Moseleisenapfel entschieden. Er ist eine sehr alte Sorte und nur noch selten auf Obstwiesen zu finden. Dabei gilt er als robust und eignet sich besonders für ungünstigere Streuobstlagen. Die Bäume stellen keine großen Anforderungen an Boden und Standorte. Etwas ungewöhnlich ist die Baumform – häufig erscheint die Krone asymmetrisch. Kompakte Baumkronen bedürfen daher eines regelmäßigen Rückschnittes. Die Sorte zeigt schon früh im September eine intensive Rotfärbung, obwohl sie erst Mitte Oktober geerntet wird. Früher war der Moseleisenapfel als Tafelapfel geschätzt, heutzutage findet er – aufgrund seines schwachen Aromas – als Mostapfel Verwendung. Die Früchte des reich tragenden Baumes sind klein bis mittelgroß. Man erkennt sie gut an ihrer kegelförmigen bis rundlichen Form und der markanten, dunkelroten Färbung.

Kleiner Herrenapfel

In Sachsen fiel die Wahl 2019 auf den Kleinen Herrenapfel. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde er erstmals als Gehlapfel beschrieben. Die Bäume wachsen mittelstark, bilden breitkugelige Kronen aus und sind sehr langlebig. Wie schon beim Moseleisenapfel ist immer ein Rückschnitt notwendig. Der Ertrag setzt spät ein, ist dann aber sehr gut und regelmäßig. Die eher kleinen Früchte reifen von September bis Dezember. Unter der dann zitronengelben, auf der Sonnenseite schwach geröteten Schale verbirgt sich ein gelblich-weißes, saftiges Fruchtfleisch. Das Aroma ist aber eher schwach. Die Äpfel sind zwar als Tafelobst geeignet, besser ist es aber, sie zu verarbeiten. Denn bei zu langer Lagerung werden die Früchte mehlig.

Roter Spenling

Ein Blick über den deutschen Tellerrand hin zu unseren Nachbarn in Österreich und der Schweiz:

In Österreich machte dieses Jahr die stark existenzgefährdete Pflaumensorte Roter Spenling das Rennen. Sie steht den Wildpflaumen nahe und weist bestimmte ursprüngliche Merkmale auf wie die Vermehrung aus Wurzeltrieben oder Kernen. Die eher kleinen Früchte mit orange-gelbem Fruchtfleisch sind saftig und angenehm säuerlich-süß. Der Rote Spenling ist vor allem für die Herstellung von Marmeladen und Edelbränden geeignet.

Lüina

In der Schweiz entschied man sich 2019 für die Kastaniensorte Lüina. Rund sieben Jahrhunderte lang waren Kastanien für das Überleben der ländlichen Bevölkerung des Alpenlandes maßgeblich. Dabei entwickelte sich eine komplexe Kastanienkultur, die die aromatische, fast süße Lüina einschloss. Sie war eine der beliebtesten Sorten, denn sie stellt kaum Ansprüche. Im Lauf der Zeit passte sie sich den oft extremen Standorten perfekt an. Die Bäume wachsen in Höhenlagen von 300 bis 1000 Metern. Gut gepflegt und ohne Konkurrenz durch andere Waldbäume gedeihen sie auch auf kargen Böden und im steilen Gelände. Die eher kleine Nussfrucht lässt sich leicht von der Schale trennen und ist frisch gut zum Braten geeignet. Zudem liefern die Bäume gutes Brenn- und Bauholz.

Jörg Parsiegla

Weitere Informationen: Wikipedia, „Streuobstsorte des Jahres“


Steckbrief: Streuobstwiesen

Streuobst wächst auf Streuobstwiesen – einer extensiven Form des Obstanbaus, bei dem mit umweltverträglichen Methoden Obst auf hochstämmigen Baumformen erzeugt wird. Die Bäume stehen im Gegensatz zu niederstämmigen Plantagenobstanlagen häufig „verstreut“ in der Landschaft. Etwa 3.000 Obstsorten sind hier zu finden – darunter mehr als 1.200 Apfelsorten, 1.000 Birnensorten, 320 Pflaumensorten und 250 Kirschsorten. Auch Honig ist ein typisches Streuobstwiesenprodukt. 

Streuobstwiesen erlauben sowohl die sogenannte „Obernutzung“ der Hochstamm-Obstbäume als auch die „Unternutzung“ der Flächen unter den Bäumen als Weiden oder Mähweiden. Auch eine ackerbauliche oder gärtnerische Unternutzung ist möglich.

Zwischen 2.000 und 5.000 Tierarten können hier beheimatet sein oder Nahrung finden, allen voran Insekten wie Käfer, Wespen, Hummeln und Bienen. Streuobstbestände sind prägender Bestandteil europäischer Kulturlandschaften und existieren großflächig in Nordspanien, Frankreich, Luxemburg, Deutschland, der Schweiz, Österreich und Slowenien.


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