Buchrezensionen

Aus DER RABE RALF August/September 2020, Seiten 22-27

Unglaubliche Vielfalt

Sonntagsausflug ins Grüne, Direktverkauf ab Hof: Offene Höfe in Brandenburg

Ein schier unglaubliches Buch präsentiert 300 Hofläden von insgesamt knapp über 500 derartigen Hofverkaufsstellen im ganzen Land Brandenburg. Darunter sind viele „Biobetriebe“, aber lange nicht alle, ein paar bezeichnen sich etwa als „Naturbauern“, scheuen jedoch die teure Umstellung respektive Zertifizierung, und wieder andere arbeiten schlicht „konventionell“.

Das bildet die Realität ab, denn Brandenburg hat zwar über 950 Biobauernhöfe, aber das sind nur 13 Prozent der insgesamt knapp 9000 landwirtschaftlichen Betriebe. Immerhin: Was vor 30 Jahren niemand für möglich hielt, ist heute Realität: In fast jedem brandenburgischen Dorf gibt es einen alteingesessenen Landwirt, ein engagiertes Aussteigerpaar, eine Ökoinitiative oder eine Agrar-GmbH, die sich die Mühe machen, sich die Sonntage um die Ohren schlagen und direkt verkaufen oder sogar ein Café betreiben.

Frischer Fisch, vor Ort geräuchert

Viele von ihnen haben ihre Landwirtschaft mit einem Handwerk kombiniert und verkaufen nun ihre handwerklichen Käse- oder Wursterzeugnisse direkt an ihre Freunde und Bekannten in der Region, an Gourmetrestaurants und Touristen. Neben Landwirten im engeren Sinne gibt es darunter auch Imker, die ihren Honig verkaufen, Fischer, die den frischen Fang aus „ihrem“ See gleich vor Ort räuchern und den Vorbeiwandernden servieren und viele andere.

Ein Ehepaar arbeitet eigentlich mit Holz, hält aber nebenbei aber auch mancherlei Tiere. Andere haben eine Mosterei und die dazugehörigen Obstbäume, unter denen auch Schweine weiden. In manchen Dörfern wie im „Ökodorf“ Brodowin häufen sich die Bio-Betriebe und machen deutlich, dass ein erfolgreicher großer Biobetrieb nicht nur magische Anziehungskräfte hat, sondern auch in einer ganzen Gegend das Ruder in Richtung Zuwanderung und vermehrter Arbeit herumreißen kann. In der Uckermark zeigt Landwirt Hemme in Schmargendorf, wie man mit eigener Molkerei und Milch von Weidekühen auch heute noch als Milchbetrieb überleben und dabei zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten bieten kann.

Kreative Musterbetriebe

Erstaunlich sind die Vielfalt und der Ideenreichtum der zahlreichen Nachwendegründungen, die hier allerdings in der Mehrheit sind. Damit sind nicht nur die zahlreichen Ziegen- und Schafmilch-Käsereien gemeint, die Straußen- und Alpaka-Farmen oder die Whisky-Brennereien. Nein, es gibt auch kleinere Betriebe, die von ihrem „zweiten“ Standbein in Form von zwei, drei Ferienwohnungen nebst Eselwanderungen leben, und andere, die außer Gästezimmern Reitunterricht anbieten. In Schlieben bei Herzberg wird sogar wieder Wein angebaut, anderswo werden Bio-Rosen gezogen. Und gleich vor den Toren Berlins gibt es bei Bernau einen Pilzhof, der seit über 20 Jahren Shiitake und andere Pilze anbaut und sie im dazugehörigen Lokal auch in der Pfanne serviert.

Es gibt Betriebe, die eine Ölmühle betreiben sowie ein gemütliches Land-Café und in ihrem „Hofladen“ vor allem die Erzeugnisse aus der Region verkaufen. In der Nähe von Cottbus bietet eine Lama-Halterin therapeutische Wanderungen mit ihren Tieren an, nebst Erzeugnissen aus der Lamawolle. In der Straupitzer Holland-Windmühle wird das Spreewälder Leinöl gemahlen. Der zugehörige Verein betreibt die restaurierte Mühle als lebendiges Museum. Auch Getreide kann die Mühle mahlen oder als Sägewerk fungieren. Im Hofladen des Biohofs Auguste in Kolkwitz bei Cottbus pflegen und verkaufen Menschen mit Behinderung Bio-Gemüse sowie Suppenhühner und Gänse.

Dieser unglaubliche Katalog der kreativen Musterbetriebe zeigt, was alles möglich ist, wenn Landwirte, Gärtnerinnen, Fischer oder Imkerinnen mit Lust und Spucke sozusagen dranbleiben und im Verein mit ihrer Abnehmerschaft handwerklich und naturnah produzieren und wo möglich zumindest teilweise direkt verkaufen.

Alte und neue Bauern

Ein sehr sympathisches Buch, das zu mehr Sonntagsausflügen aufs Land anregt und zeigt, wie belebend die „Aussteiger“ für so manche Dörfer sein können. Es zeigt auch, dass es Bauern gab und gibt, die den Widrigkeiten der Zeiten zum Trotz „durchgehalten“ haben und denen ein erfolgreicher Neuanfang nach der Wende gelang. Und dass junge Bio-Bauern mit Ideen wie „Ranch-Safaris“ oder Wanderungen mit Schafen wie etwa die Bio Ranch Zempow bei jungen Leuten etwas ansprechen können.

Das Buch ist nach Regionen gegliedert und zeigt vor jeder Großregion mittels eines Pünktchensystems auf vier Regionalkarten, wo die beschriebenen Höfe und Verkaufsstätten in etwa liegen. Diese Karten sind eine große Hilfe, aber anderseits recht grob und nicht immer vollständig, manche Punkte sind verrutscht, andere fehlen. Bis man da mit den elektronischen Helferlein oder der guten alten Landkarte seine Sonntagswanderung oder Wochenend-Radtour zusammengebastelt hat, sind durchaus noch ein paar Minuten zu investieren.

Elisabeth Meyer-Renschhausen

Robert Zagolla:
Hofläden in Brandenburg
Die besten Ideen und Adressen für kulinarische Landausflüge
BeBra Verlag, Berlin 2020
175 Seiten, viele Fotos, 16 Euro
ISBN 978-3-86124-714-2


Umwelt-Revolution

Mehr Mitbestimmung am Arbeitsplatz soll den Umbau der Industriegesellschaft ermöglichen

Der in Salzburg lehrende Wirtschaftsgeograf Christian Zeller entwirft in seinem neuen Buch ein umfassendes ökosozialistisches Programm. Zu einem solchen Ansatz gibt es für ihn angesichts der tiefgreifenden Krise, in der die Menschheit durch den Klimawandel stecke, keine Alternative. Zeller hat die Programmatik dabei ziemlich detailliert ausformuliert und seine Kritik und seine Alternativen für die Bereiche Produktion/​Industrie, Landwirtschaft, Verkehr und Wohnen konkretisiert.

In seiner Analyse und Kritik betont Zeller, dass die Ursache der aktuellen sozial-ökologischen Krise – und damit auch ihre Lösung – mit Fragen von Macht und Eigentum eng verbunden sei. Die aus dem Profitprinzip herrührende private Verfügungsgewalt über die Struktur der Gesellschaft müsse zurückgedrängt werden. Damit benennt er Tatsachen, die viele in der Umweltbewegung nicht so gerne ansprechen. Der Autor verbleibt zwar im marxistischen Kanon, verbindet dies aber mit Ansätzen einer Kritik der stofflichen Seite der Produktion und der Entfremdung in der Arbeit.

Demokratie statt Bürokratie

Statt für einen „Green New Deal“ (siehe S. 3) plädiert Zeller für einen Um- und Rückbau und für mehr Care und Sorgearbeit – und immer wieder auch für mehr Demokratie. Grundlegend ist für ihn die Kooperation der Umwelt- und Klimabewegungen mit Arbeiterinnen und Arbeitern, denn mehr Mitbestimmung am Arbeitsplatz würde, so seine These, den Umbau der Industriegesellschaft erleichtern, sei womöglich sogar eine Bedingung dafür.

Fragen von Staat und Finanzmarkt widmet Zeller längere Passagen. Weitere Themen sind Planung und Koordination sowie eine fundamentale Kritik von Bürokratie, die in den Staaten des realen Sozialismus ebenso anzutreffen gewesen sei wie in den Gewerkschaften und sozialdemokratischen Parteien. Höchste Zeit für einen radikalen ökosozialistischen Aufbruch also.

Illusion von der großen, einigen Bewegung?

Als inhaltlicher Leitfaden und als Utopie ist das Buch sehr lesenswert. Auch den Räte-Gedanken und Fragen von Mitbestimmung stark zu betonen, ist überaus sympathisch. Trotzdem stellt sich beim Lesen die Frage, wie das alles erreicht werden soll. Wie bestimmte Lebensweisen (Autofahren, Fleischkonsum) sich durchsetzen und wer (etwa als Arbeiter oder Arbeiterin) davon auf welche Weise profitiert, wird kaum reflektiert.

Haben nicht viele Menschen gerade im globalen Norden immer noch einen vergleichsweise großen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum, der allein aus ihrem Geburtsort resultiert? Würde mehr „Mitbestimmung“ daran etwas ändern? Wie soll der Druck auf den Staat aufgebaut werden, um Gesetze zu verändern oder um gar gesellschaftlich grundsätzlich umzusteuern? Was ist die Motivation für Widerstand und Protest? Ist der linke Traum von der großen, einigen Bewegung, in der sich Arbeiterinnen, Bauern, Ökoaktive, Indigene und andere zusammenschließen – wie er bei Zeller immer wieder durchscheint – heute nicht Illusion angesichts der inhaltlichen und habituellen Differenzen?

Bernd Hüttner

Christian Zeller:
Revolution für das Klima
Warum wir eine ökosozialistische Alternative brauchen
Oekom Verlag, München 2020
242 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-96238-188-2


Umweltretter weltweit

Thomas Kruchem berichtet über den Kampf gegen die Folgen des Klimawandels

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Vor allem die ärmsten und wirtschaftlich unterlegenen Länder trifft der Klimawandel am schlimmsten, zudem sind sie ihm oft schutzlos ausgesetzt. Doch in vielen Teilen der Welt versuchen Menschen und Organisationen dagegen anzukommen und die Situation zu verbessern. „Wie Menschen weltweit das Klima retten“, hat der Journalist Thomas Kruchem sein Buch genannt, in dem er genau davon berichtet.

Solarenergie statt Holzkohle

Wie ein Gedankenspaziergang ist das Buch in Sinnabschnitte unterteilt. Damit werden vier Hauptfelder angesprochen, in denen Verbesserungen dazu beitragen können, den Klimawandel aufzuhalten und wichtige Ressourcen zu sparen: Strom, Trinkwasser, Wälder und Städte.

Im westafrikanischen Mali hat beispielsweise das Unternehmen Africa GreenTec „Solartainer“ – mobile Solaranlagen – in Dörfern aufgestellt. Die Dorfbewohner können den dort produzierten Solarstrom günstig erwerben. In den meisten Ländern Afrikas haben große Teile der Bevölkerung keinen Strom. Zum Kochen und Heizen werden oft Holz und Holzkohle verwendet, das erhöht den Druck auf die Wälder und führt zu Luftverschmutzung und Lungenkrankheiten. Solarenergie kann eine Alternative sein und auch Arbeitsplätze mithilfe elektrischer Geräte schaffen.

Mangelnde Bildungsmöglichkeiten, ein durch Diktaturen geprägtes politisches Leben und ungerechte Wirtschaftsbeziehungen, teils von anderen Ländern aufgezwungen, gehören zu den Gründen, warum Menschen in vielen Regionen lange Zeit der Natur und dem Klima geschadet haben, ohne die Zusammenhänge richtig zu verstehen. Jetzt geht es um Umsteuern und Wiedergutmachen.

Vorbildlicher Waldschutz in Schottland

Schottland ist als einziges westliches Land eine Ausnahme in diesem Buch. Aber auch dort gab es bis vor einigen Jahrzehnten große Probleme mit einem Mangel an Wald oder falsch angelegten Wäldern, die viele der Moore zerstörten. Heute gibt es in Schottland ein weltweit vorbildliches Wiederaufforstungsprogramm. Jedes Jahr sollen mindestens 10.000 Hektar neu gepflanzt werden. Ein gutes Beispiel, um darauf aufmerksam zu machen, dass auch europäische Länder mehr gegen den Klimawandel tun können und müssen.

Das Buch ist spannend, wenn auch häufig etwas subjektiv geschrieben. Es stört aber nicht, wenn die Meinung des Autors deutlich wird, und vieles davon regt zum Nachdenken an. Oft waren die beschriebenen Probleme für mich neu. Zu lesen und auf den zahlreichen Fotos zu sehen, wie Organisationen und betroffene Menschen versuchen, etwas gegen die Umweltzerstörung in ihren Ländern zu tun, gibt Hoffnung und macht gleichzeitig traurig. Das Buch ist allen zu empfehlen, die sich einmal mit den Problemen in Ländern befassen möchten, über die sonst nur wenig berichtet wird.

Paula Rinderle

Thomas Kruchem:
Wie Menschen weltweit das Klima retten
Licht-Bringer, Wald-Macher, Wasser-Kämpfer
Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2020
172 Seiten, 14,90 Euro
ISBN 978-3-95558-277-7


Schon möglich

Texte zur Stadt- und Regionalplanung nach dem Ende des Wachstums

„Raumplanung“ als Objekt für Studien ist ein weit gefasster Begriff. Konkret beschäftigt sich Raumplanung mit der Gestaltung bebauter öffentlicher Räume. Wenn zum Beispiel in Berlin neue Fahrradwege entstehen, sind daran Raumplaner beteiligt. Sie beantworten Fragen danach, wie der bestehende Raum und die bestehende Infrastruktur genutzt werden, welche Konflikte es zwischen einzelnen Nutzungsgruppen gibt und was verbessert oder verändert werden kann.

In einem weiteren Sinne befasst sich Raumplanung mit allen institutionellen Beziehungen, die sich auf Räume auswirken. Also ganz allgemein mit Handlungsmöglichkeiten in der bebauten Umwelt, mit Management- und Planungsprozessen.

Lokale Potenziale

Das Heft „Möglichkeitsräume“ der Zeitschrift Politische Ökologie richtet sich wohl vor allem an angehende Raumplanerinnen und Regionalplaner. Die 18 kurzen Texte versammeln Konzepte und Informationen zur Raumplanung unter dem Banner von Postwachstum, auch Degrowth genannt.

In der Raumplanung – wie in anderen, vor allem technischen Studiengängen auch – seien wachstumskritische Konzepte noch nicht in dem Maße verbreitet, wie es an der Zeit sei. Gerade in der räumlichen Entwicklung und Planung aber liege das Potenzial für mehr Sharing-Ökonomie, individuelle Mobilität mit dem Fahrrad statt dem Auto, Bürgerbeteiligung bei Planungs- und Entscheidungsprozessen, lokale Entwicklung statt Einkaufszentren auf der grünen Wiese.

Einige kritische Fragen

Die Texte stammen zumeist von Geografen, Stadt- und Regional- oder Raumplanerinnen. In seiner übersichtsartigen Allgemeinheit liest sich das Ganze ein bisschen wie ein Tagungsband. Der erste Teil unter der Überschrift „Planungsinstrumente“ gibt eine Einstimmung ins Thema mit Texten, die bei der Rezensentin den Eindruck hinterlassen, sie seien entstanden, weil die Produktion von Texten zum Tätigkeitsbereich „Lehren und Forschen“ gehört. Im zweiten Teil „Inkubationsräume“ werden dann, wenn auch sehr allgemein, auch einige kritische Fragen gestellt.

Der dritte Teil „Experimentierfelder“ informiert über die Möglichkeiten der praktischen Umsetzung neuer Raumkonzepte und stellt zwei Studien vor. Es folgt ein Informationsteil mit Links zum Weiterlesen oder um selbst aktiv zu werden. Der letzte Teil „Spektrum Nachhaltigkeit“ enthält Texte, die über den engeren Bereich der Raumplanung hinausgehen, hin zu Fragen der sozialen Mobilisierung, des Mentalitätswandels und der Überwindung von Pfadabhängigkeiten.

Keine Angst vor Auseinandersetzung!

Bleibt zu hoffen, dass einige der jungen Raumplanerinnen und Stadtplaner nach der Lektüre dieser oder ähnlicher Publikationen für sich den Schluss ziehen, dass es Zeit ist, mit dem Wandel auch praktisch zu beginnen, und keine Angst haben vor Auseinandersetzungen mit den Kräften, die keine Veränderungen wollen. Studien sind gut und Begleitforschung kann Prozesse durch Handlungsempfehlungen vereinfachen. Aber letztlich braucht es Menschen, vor allem in den Verwaltungen, die die Ideen auch in die Tat umsetzen.

Dana Jestel

Akademie für Raumentwicklung (Hrsg.):
Möglichkeitsräume
Raumplanung im Zeichen des Postwachstums
Oekom Verlag, München 2020
138 Seiten, 17,95 Euro
ISBN 978-3-96238-197-4


Die Wiederverzauberung der Welt

Die Grundsatzkritik der feministischen Theoretikerin Silvia Federici am Marxismus

„Die Welt wieder verzaubern“: Der Titel des Buches verweist auf Max Weber, der vor mehr als 100 Jahren die „Entzauberung der Welt“ diagnostizierte. Während der Soziologe Weber damit den Bedeutungsverlust der Religion meinte, interpretiert Silvia Federici den Begriff politisch: Unter Wiederverzauberung versteht die Autorin die Entwicklung der Fähigkeit, „eine andere Logik als die der kapitalistischen Entwicklung zu erkennen“. Der Weg dorthin führt für sie über eine feministische Marx-Kritik sowie das Wiedererstarken der „Commons“, des selbstorganisierten gemeinsamen bedürfnisorientierten Wirtschaftens.

Das Buch beginnt mit einer Neubestimmung des marxistischen Konzepts der ursprünglichen Akkumulation aus der Perspektive von unten – von Versklavten, Unterdrückten, indigenen Völkern und Frauen. Die heutigen „Einhegungen“, so die Autorin, seien vor allem Einhegungen der Reproduktion. Die Enteignung von Land und Subsistenzmitteln – sei es infolge der Schuldenkrise in Afrika oder durch den Umbau der Wirtschaft in China – bedeute auch die Zerstörung von Wissen und Identität.

Gleichzeitig entstünden aber auch neue Commons, überall auf der Welt inmitten von Konflikten und Protesten. In diesen Protesten werde die Zeit der politischen Organisierung nicht mehr von jener der Reproduktion getrennt, sondern es komme zu einer Vergemeinschaftung der Reproduktion, die auf Selbstorganisation und kollektiven Entscheidungsprozessen beruhe.

Der Wandel geht nicht von den Fabriken aus

Das aufschlussreichste Kapitel des Buches ist vielleicht jenes, in dem die Autorin den Marxismus aus einer feministischen Perspektive kritisiert. Der Idee von Karl Marx, dass es die am weitesten entwickelten Produktivkräfte seien, die die gesellschaftliche Transformation über den Kapitalismus hinaus anführen, erteilt sie dabei eine grundlegende Absage. Vielmehr sind es aus ihrer Sicht die am wenigsten in die kapitalistische Produktion Eingebundenen – Subsistenzbäuerinnen, Tagelöhner, kurz, die am meisten Ausgebeuteten –, die das Potenzial haben, diesen Schritt zu vollziehen. Denn deren alltägliche reproduktive Arbeit sei eine Commons-Praxis. Dort – und nicht in der Fabrik – werde der Grundstein für Kooperation gelegt, dort könnten sich die menschlichen Fähigkeiten entfalten. Eine Politik der Commons müsse darauf abzielen „das Leben so zu reproduzieren, dass die gegenseitigen Bindungen gestärkt und der Kapitalakkumulation Grenzen gesetzt werden“.

Ebenso widerspricht sie Marx bezüglich der Rolle der technischen Entwicklung der Produktionsmittel: Die Technik befreie uns nicht, im Gegenteil. Die wirklich wichtigen Erfindungen stammten aus vorindustrieller Zeit – und würden nun durch industrielle Formen der Produktion zerstört, genau wie die natürliche Umwelt.

Leidenschaftlich vertritt Federici die Position derer, die in der kapitalistischen Logik unsichtbar bleiben und genau deswegen bereits jetzt an Alternativen bauen. Durch diese Wiederverzauberung der Welt werden auch die Beziehungen zur Natur, zu anderen Menschen und zu uns selbst neu gestaltet.

Brigitte Kratzwald

Zuerst erschienen in: Contraste – Zeitung für Selbstorganisation

Silvia Federici:
Die Welt wieder verzaubern
Feminismus, Marxismus und Commons
Mandelbaum Verlag, Wien 2020
300 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-85476-693-3


Kämpferisch-solidarische Nachbarschaften

Erfahrungen selbstorganisierter Initiativen in Berlin und anderen europäischen Städten

Ausgangspunkt der vorliegenden Textsammlung sind Gespräche der Herausgeber mit solidarischen Nachbarschaftsinitiativen und von diesen selbst verfasste Beiträge aus den Jahren 2015 bis 2019. Der Schwerpunkt liegt auf der gegenseitigen Unterstützung von Mieterinnen und Mietern für ihr Recht auf Wohnen. Jedoch ist dieser zentrale Lebensbereich nicht vom Einkommen zu trennen, und so geht es ebenso um Arbeitskämpfe und soziale Sicherung.

Die meisten Beiträge stammen von Gruppen aus Deutschland, in denen es oft auch um die Unterstützung bei Auseinandersetzungen mit dem Jobcenter geht. Beispiele aus Berlin sind die Erwerbsloseninitiative Basta!, die Stadtteilinitiativen Hände weg vom Wedding, Bizim Kiez und Solidarische Aktion Neukölln und die bezirksübergreifende Kiezkommune. Auch aus Bremen, Hamburg und Frankfurt am Main sowie aus Dresden und Leipzig tragen solidarische Nachbarschaftsnetzwerke Erfahrungen bei. Darüber hinaus gibt es Blicke über die Grenzen.

Beispiele von Barcelona bis Poznan

Tasos Sagris beschreibt das Engagement im besetzten Theater Embros in Athen, die Auswirkungen von Gentrifizierung, Gegenwehr und Solidarität. Aus Barcelona berichtet Carlos Macías als Sprecher der Plattform der Hypothekenbetroffenen (PAH) in Katalonien, wie es gelungen ist, ein soziales Wohnraumgesetz durchzusetzen. Der damalige Wohnungssenator Josep Maria Montaner von der 2015 neu gewählten Basispartei Barcelona en Comú gibt Einblicke in die problematische Wohnungssituation der Stadt und lobt den sozialen Wohnungsbau in Berlin.

Aktivistinnen eines Stadtteil-Komitees in Mailand, die aus der Hausbesetzungsbewegung kommen, erläutern ihre nachbarschaftlichen Organisierungserfahrungen und wie vor allem Frauen dadurch selbstbewusster werden. Monika Kupczyk berichtet vom ersten Sozialen Frauenkongress im polnischen Poznan im März 2018 und dem Folgekongress, der bereits ein halbes Jahr später stattfand. Die Teilnehmerinnen tauschten sich über ihre Kämpfe gegen Benachteiligungen beim Wohnen und am Arbeitsplatz, gegen Diskriminierung von Roma und für freien Zugang zu Abtreibungen aus.

Auf selbstorganisierte Räume kommt es an

So, wie die Texte vorliegen, geben sie interessante Einblicke in unterschiedliche Arbeitsweisen und Erfahrungen basisdemokratisch organisierter Gruppen. Sie zeigen beispielsweise, wie wichtig selbstorganisierte Räume sind und dass der Wunsch nach Vielfalt in der Zusammensetzung einer Initiative und die Realität nicht immer übereinstimmen, und bewegen sich zwischen gemeinschaftlicher Selbsthilfe und Unterstützung von Marginalisierten.

Diese Erfahrungen könnten – gegebenenfalls ein wenig aktualisiert – noch tiefer analysiert werden, um zum Beispiel herauszuarbeiten, was kritische Punkte sind, die nachhaltiges Engagement erschweren, und welche „Zutaten“ auf der anderen Seite unterstützend wirken können, wenn es um den Aufbau dauerhaft tragfähiger solidarischer Strukturen geht. Aber auch so leistet das Buch einen anschaulichen Beitrag zum Nachdenken über politische Strategien und verdeutlicht die Vielfalt und die Notwendigkeit konkreter solidarischer Alltagskämpfe.

Elisabeth Voß

Peter Nowak, Matthias Coers:
Umkämpftes Wohnen
Neue Solidarität in den Städten
Edition Assemblage, Münster 2020
144 Seiten, 10 Euro
ISBN 978-3-96042-017-0


Kritik immer öfter unerwünscht

Der Atlas der Zivilgesellschaft informiert zur globalen Lage der Menschenrechte

Der „Atlas der Zivilgesellschaft 2020“ von Brot für die Welt zeigt, wo auf der Erde die Menschenrechte – wie das Recht auf freie Rede und Meinungsäußerung sowie die Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit – geachtet werden und wo nicht. Dazu haben die Autorinnen und Autoren mit Unterstützung der internationalen Organisation Civicus den sogenannten „Civic Space“ in allen Ländern der Erde ermittelt. Civic Space ist die Bezeichnung für den Handlungsspielraum, den die Zivilgesellschaft in einem Land hat.

Eingeschränkte Freiheiten

Nur drei Prozent der Weltbevölkerung leben in Ländern, in denen der Civic Space vollständig offen ist. Das heißt, nur 259 Millionen Menschen haben uneingeschränkte zivilgesellschaftliche Freiheiten. Sie leben in 43 Staaten, wie Deutschland, Schweden oder Uruguay. Das Gegenteil dazu bilden 24 Staaten, in denen die zivilgesellschaftlichen Freiheiten rechtlich wie praktisch komplett fehlen. Dazu gehören China, Eritrea und Kuba. Menschen, die sich gegen die Regierung stellen, werden dort streng bestraft. Aber auch schon in den 129 anderen Staaten, wie Österreich, Italien, Brasilien, Russland, Mexiko oder Türkei, kommt es zu unterschiedlich starken Verletzungen der zivilgesellschaftlichen Freiheiten, und das in den letzten Jahren zunehmend.

Ein Beispiel ist Brasilien, wo der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro und seine Anhänger gegen Umweltschützer, Indigene und LGBTQ-Aktivisten vorgehen. Bolsonaro droht seinen Gegnern mit Gefängnis und „Säuberungen“. Trotzdem gewann er mit 55 Prozent die Wahlen. Durchschnittlich alle neunzehn Stunden wird in Brasilien ein homosexueller, trans- oder intersexueller Mensch ermordet, häufig von Anhängern Bolsonaros.

Gegen kulturelle Vielfalt

Auch in vielen anderen Ländern werden Frauen, Umweltschützer, Journalistinnen, Menschenrechtsverteidiger oder LGBTQ-Aktivistinnen in ihren Freiheiten beschränkt. Gerade im Internet sind Hass und Gewaltandrohungen weit verbreitet.

Eine starke Gegenbewegung versucht zum Beispiel, das traditionelle Familienbild und „die natürliche Ordnung zu schützen“ und macht gegen Verhütung, Schwangerschaftsabbrüche, Gender Studies, gleichgeschlechtliche Ehen und überhaupt gegen ein selbstbestimmtes Leben mobil, auch mit politischen Großveranstaltungen wie dem „Weltfamilienkongress“. Dabei treffen die Anhänger zwar auf Widerspruch, doch sie sind weltweit gut vernetzt und erreichen mit ihren kulturellen Begründungen viel Zustimmung.

Fakten zum Nachdenken

Der Zivilatlas bringt vielseitige Beispiele. Teilweise ist es erschreckend, wie groß die Einschränkungen sogar in den als demokratisch eingestuften Ländern noch sind. Gerade für Frauen zeigt sich am Lohnunterschied oder am Bild in der Gesellschaft, welch weiten Weg selbst Länder wie Deutschland noch vor sich haben.

Die verschiedenen Themen werden im Atlas interessant und informativ abgehandelt. An manchen Stellen wünscht man sich einen differenzierten Blick, besser fundierte Fakten und eine neutralere Darstellung. Trotzdem ist die Lektüre zu empfehlen, allein schon weil dabei deutlich wird, wie ernst die Lage ist. Definitiv ein Thema, über das zu selten gesprochen wird.

Paula Rinderle

Brot für die Welt (Hrsg.):
Atlas der Zivilgesellschaft
Oekom Verlag, München 2020
84 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-96238-171-4

Kostenlos ansehen oder herunterladen:
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