Der Atomausstieg hat Lücken

Aus DER RABE RALF Dezember 2021/Januar 2022, Seite 12

Wenn Ende 2022 das letzte AKW in Deutschland abgeschaltet wird, dürfen zwei Atomanlagen unbefristet weiterarbeiten

„Kein Atommüllexport nach Russland“ – Protest bei der Bundesumweltministerin. (Foto: Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen)

Derzeit sind in Deutschland noch sechs Atomkraftwerke in Betrieb, die rund elf Prozent des hierzulande benötigten Stroms erzeugen. Weil Deutschland nach der Fukushima-Katastrophe 2011 entschieden hat, die Nutzung der Atomkraft zu beenden, werden Ende des Jahres drei der Atommeiler endgültig stillgelegt und zum 31. Dezember 2022 die letzten drei.

Wer jedoch glaubt, dass Deutschland damit endgültig die Atomtechnologie hinter sich lässt, irrt gewaltig. Denn die Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen und die Urananreicherungsanlage in Gronau nahe der niederländischen Grenze haben weiterhin eine unbefristete Betriebsgenehmigung. Darüber hinaus forscht das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), das ehemalige Kernforschungszentrum Karlsruhe, auch in Zukunft an der vierten Generation von Kernkraftwerken, sogenannten Thorium-Flüssigsalzreaktoren – mit öffentlichen Fördermitteln und damit Steuergeldern. Und in Garching bei München läuft der Reaktor FRM II der TU weiter mit hoch angereichertem, waffenfähigem Uran.

Nachdem die Bundesregierungen der CDU/CSU mit FDP und SPD seit 2010 alles dafür getan haben, den Ausbau der erneuerbaren Energien auszubremsen und die Atomkraft möglicherweise doch länger nutzen zu können, liegt es an der Zivilgesellschaft, für einen allumfassenden Atomausstieg zu sorgen. 

Brennelementefabrik in Lingen

Das gilt auch für die Brennelemente-Fabrik in Lingen. Es ist ein politischer Skandal, dass dort noch immer jährlich 800 Tonnen Uran zu Brennelementen verarbeitet werden dürfen. Die Atomfabrik beliefert Risiko-Reaktoren wie die im belgischen Doel und Tihange oder die störanfälligen AKW im französischen Cattenom und im schweizerischen Leibstadt nur jeweils wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt.

Dabei hatte im Oktober 2020 das Verwaltungsgericht Frankfurt am Main einem Anwohner aus dem deutsch-belgischen Grenzgebiet Recht gegeben, der gegen die Genehmigung des Bundes geklagt hatte, weiter Uranoxid-Brennelemente nach Belgien zu exportieren. Wenige Wochen später entschied der Hessische Verwaltungsgerichtshof jedoch in zweiter Instanz für den Betreiber der Brennelementefabrik, die französische Framatome, eine Tochter des Atomkonzerns EDF. So dürfen die Exporte vorerst weiterlaufen, obwohl in der Hauptsache noch gar nicht verhandelt wurde. Ein Termin dafür ist noch nicht in Sicht. 

Urananreicherungsanlage in Gronau

Nur rund 50 Kilometer weiter südlich steht in Gronau die zweite Atomanlage mit unbefristeter Betriebsgenehmigung. Das Unternehmen Urenco stellt dort angereichertes Uran als Brennstoff für Atommeiler her. Denn Natur-Uran besteht zu 99,3 Gewichtsprozenten aus nicht spaltbarem Uran-238 und nur zu 0,7 Gewichtsprozenten spaltbarem Uran-235. Um Uran als Brennstoff verwenden zu können, muss es auf drei bis fünf Prozent „angereichert“ werden. Es gibt dafür weltweit 13 Anlagen, eine davon in Gronau. Von Gronau aus kann etwa jedes zehnte Atomkraftwerk weltweit mit Uran für die Brennelemente versorgt werden.

Bei der Anreicherung bleibt Uranhexafluorid übrig, sogenanntes abgereichertes Uran. Weil Uran kein stabiles Element ist und bereits in natürlichem Zustand zerfällt, ist es ein problematischer Eigenstrahler. Bei jedem Zerfall wird Alpha-, Beta- und Gammastrahlung freigesetzt, was ein großes gesundheitliches Risiko darstellt.

„Jedes Jahr kommen bei Urenco ungefähr 5000 Tonnen abgereichertes Uran zusammen“, kritisiert Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen. „Das ist Atommüll, der sicher endgelagert werden müsste.“ Urenco und die Bundesregierung bezeichnen den Abfall dagegen als Wertstoff, weshalb das Unternehmen dafür eine Ausfuhrgenehmigung bekommen hat.

Die Gründe liegen auf der Hand: „Urenco, die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen als zuständige Aufsichtsbehörde und die Bundesregierung haben ein maximales Interesse daran, dass Uranhexafluorid nicht als Atommüll eingestuft wird“, so Matthias Eickhoff. Urenco müsste Entsorgungskosten bezahlen, die Landesregierung hätte ein neues Atommüll-Zwischenlager am Standort Gronau, und die Bundesregierung hätte mit Uranmüll eine dritte Sorte Atommüll, für das ein neues Endlager gesucht werden müsste. „Das wollte bislang keiner – die neue Bundesregierung muss das nun ändern.“

Zuletzt hatte Urenco im Oktober 2019 den Export von abgereichertem Uran nach Russland wieder aufgenommen, den es vor über zehn Jahren nach massiven öffentlichen Protesten eingestellt hatte. Bis Oktober 2020 wurden so rund 18.000 Tonnen Uranhexafluorid über die Ostsee nach St. Petersburg und von dort nach Sibirien verfrachtet. Dabei liegen dort nach Angaben der Kritiker bereits bis zu 1,2 Millionen Tonnen Uranhexafluorid in wenig sicheren Behältern unter freiem Himmel.

„Russland ist nicht Deutschlands Atomklo“

Die Zivilgesellschaft in Russland wehrt sich seit Jahren gegen weitere Lieferungen. „Russland ist nicht das Atomklo von Deutschland“, beschwert sich der Journalist Fjodor Marjasow, der seit Jahren atomkritische Berichte über den Staatskonzern Rosatom veröffentlicht und deshalb von der russischen Staatsgewalt als „Extremist“  verfolgt wird (Rabe Ralf Oktober 2020, S. 20).

Gemeinsam mit russischen Umweltorganisationen hatte er Mitte 2020 einen offenen Brief an Präsident Wladimir Putin und Kanzlerin Angela Merkel initiiert, um den Export von Uranhexafluorid nach Russland zu stoppen. Dieser Export „gefährdet die derzeitige Bevölkerung Russlands akut sowie zukünftige Generationen langfristig“, heißt es in dem Brief.

47 Nichtregierungsorganisationen aus Russland, den Niederlanden und Deutschland haben den Brief unterzeichnet: „Wir appellieren an Sie, verehrte Frau Merkel, sich als deutsche Kanzlerin dafür einzusetzen, den Export von Atommüll von Deutschland nach Russland zu stoppen und die Verantwortung für die langfristig sichere Lagerung des in Gronau entstehenden Atommülls nicht auf andere Länder und Völker zu verlagern.“

Zuvor hatten die russische Umweltorganisation Ecodefense und Greenpeace Russland bereits 70.000 Protest-Unterschriften aus Russland im Bundesumweltministerium übergeben. 2021 erhielt Wladimir Sliwjak, der langjährige Ko-Vorsitzende von Ecodefense, den Alternativen Nobelpreis (siehe S. 13).

Bald gibt es eine neue Bundesregierung, aller Voraussicht nach mit grüner Beteiligung. In ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl haben die Grünen festgehalten: „Obwohl Atomkraft eine Hochrisikotechnologie ist, wird bei uns immer noch Uran angereichert, werden Brennstäbe hergestellt und exportiert. Unser Ziel ist es, die Atomfabriken in Gronau und Lingen schnellstmöglich zu schließen.“ Auch Umweltministerin Svenja Schulze von der SPD forderte im März 2021 die Stilllegung der beiden Atomanlagen. Beide Parteien werden sich nun daran messen lassen müssen, wie schnell sie dieses Vorhaben durchsetzen und die Atomindustrie in Deutschland tatsächlich beenden werden.

Horst Hamm 

Der Autor war von 1996 bis 2014 Redakteur und stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift „Natur“. 2019 produzierte er als leitender Redakteur den „Uran-Atlas“, im Februar 2021 erscheint die überarbeitete und erweiterte zweite Auflage. Weitere Informationen: www.nuclear-free.com (Uranatlas)

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