Die Kraft des Eises

Aus DER RABE RALF Dezember 2018/Januar 2019, Seite 3

Das Naturschutzgebiet Murellenschlucht-Schanzenwald in Berlin-Westend

Blick durchs Unterholz in die Murellenschlucht. (Foto: Eric Mannigel/Grüne Liga Berlin e.V.)

Ein wenig versteckt zwischen Waldbühne und der Spandauer Vorortbahn liegt das für Berliner Verhältnisse kaum besuchte Naturschutzgebiet Murellenschlucht-Schanzenwald. Nicht nur die Stadtrandlage, auch die begrenzten Zugangsmöglichkeiten machen das Areal zu einem Stück „vergessener“ Stadtgeschichte.

Befasst man sich intensiver mit diesem nördlichen Stück „Rest-Grunewald“, kommt man bald zu dem Schluss, dass es sich um einen städte- oder landschaftsbaulichen Unfall handelt – wie bei einer Fläche, die allseitig von Bahngleisen begrenzt wird. Im vorliegenden Fall kommen noch ein – eiszeitlich bedingt – sehr abwechslungsreiches Relief, die monströse Olympia-Architektur und die zeitweilige militärische Nutzung des Umfeldes hinzu. Der Rest ist nicht sehr schön, aber interessant. Machen wir doch ein Naturschutzgebiet (NSG) daraus, mögen sich die für solche Fälle Zuständigen gedacht haben, ein paar Viecher werden sicher dankbar sein.

Eingezwängt von Bahndamm und Waldbühne

Schon der seltsam anmutende „Zuschnitt“ des NSG macht diesen Übrig-geblieben-Charakter der schützenswerten Fläche deutlich. Seine Verbindung zum Grunewald wurde spätestens mit dem Bau der Chaussee von Charlottenburg nach Pichelsberg, der späteren Heerstraße, 1874 gekappt. 1907 kam der Damm der Spandauer Vorortbahn, der heutigen S-Bahn, hinzu, die die Siedlungsgebiete Eichkamp, Heerstraße und Pichelsberg westlich der 1877 fertiggestellten Ringbahn erschließen sollte. Dieser Damm bildet heute die Westgrenze des Areals. Nach Süden und Westen markiert das Olympia-Gelände von 1936 einschließlich der Waldbühne die Grenze. Die Freilichtbühne ragt sogar mitten in die Murellenschlucht hinein, die hier eine Art Talkessel bildet. Nach Norden schließt sich ein Übungsgelände der Berliner Polizei an – Relikt einer militärischen Nutzung zu Zeiten des Kalten Krieges. Alles in allem muss man staunen, dass am Ende noch 28,5 Hektar für das seit 1993 bestehende NSG übrig geblieben sind. Zuvor war das Gebiet bereits als Naturdenkmal eingestuft.

Zwischen Toteisrinne und Talsander

In der Murellenschlucht werden Spuren eiszeitlicher Prozesse sichtbar. Die landschaftsprägende Kraft des Eises lässt sich in Berlin an kaum einem Ort besser erleben. Das heutige Trockental stellt eine ehemalige Toteisrinne dar, die sich auf engem Raum bis zu 30 Meter tief in die Hügellandschaft einschneidet. Nach Westen reichte die Abflussrinne ursprünglich bis zum Stößensee. In der anderen Richtung biegt sie nach Norden ab und setzt sich im NSG Fließwiese Ruhleben fort, einem Schutzgebiet des europäischen Natura-2000-Netzes.

Die bis zu 100 Meter breite Murellenschlucht trennt die Murellenberge vom Pichelsberg, der heute fast vollständig überbaut ist. Nach dem Krieg sind auch Teile der Schlucht selbst mit Trümmerschutt verfüllt und zwei – heute überbaute – Großparkplätze angelegt worden. Steile Hänge mit Südexposition bieten einer an trockenwarme Verhältnisse angepassten Flora und Fauna selten gewordene Lebensräume. Hier kommen knapp 100 Bienen- und Wespenarten vor – die meisten davon sind gefährdet.

Für die Bezeichnung der Schlucht standen wahrscheinlich Murellen oder früher Morellen Pate – laut Brandenburgischem Namenbuch eine Sauerkirschenart.

Auch der nördlich angrenzende Schanzenwald konnte sich trotz – oder wegen – der jahrzehntelangen militärischen Nutzung nahezu ungestört entwickeln. Das führte zu einem strukturreichen, mehrschichtigen Bestandsaufbau. Kiefer, Stiel-Eiche und Birke prägen die Baumschicht, im Unterwuchs wachsen Spitz-Ahorn und Traubenkirsche. Auf den Wällen der alten Schießstände (Schanzen) finden sich auch mächtige Robinien. Lichter Eichenwald, wie er heute noch am Murellenberg zu finden ist, war einst typisch für den gesamten Grunewald.

Von den genannten Baumarten sind hier mehr als 300 Arten ausschließlich oder sehr stark abhängig. Der lichte Bewuchs und Beweidung förderten ebenso Licht und Wärme liebende Kräuter wie unterschiedliche Habichtskraut-Arten und die Zypressen-Wolfsmilch. Bei den Gräsern sind Schafschwingel und Straußgras verbreitet. Große Lichtungsbereiche sind zudem Lebens- und Nahrungsraum zahlreicher Laufkäfer-, Vogel- und Schmetterlingsarten.

Anders als die Murellenschlucht gehört der Schanzenwald bereits zum Talsandbereich der Spreeniederung.

Denkzeichen im Wald

Auf dem Murellenberg fallen Verkehrsspiegel auf, wie sie sonst nur an Gefahrenstellen im öffentlichen Straßenland stehen. Es handelt sich um das Mahnmal für die Opfer der NS-Militärjustiz, eine Installation der Künstlerin Patricia Pisani aus Argentinien. Während der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Schanzenwaldes eine Erschießungsstätte der Wehrmacht. Allein in den letzten acht Kriegsmonaten wurden hier mindestens 232 Menschen wegen Fahnenflucht oder „Wehrkraftzersetzung“ hingerichtet.

Die zum Teil mit eingravierten Texten versehenen Spiegel, Denkzeichen genannt, informieren über die Urteilspraxis der NS-Militärgerichte und über den Umgang mit Deserteuren im Nachkriegsdeutschland. Sie sind entlang des Weges der Mordkommandos von der Glockenturmstraße bis zum Ort der Erschießungen auf dem Polizeigelände aufgestellt. Je näher man dem Erschießungsort kommt, umso dichter aufeinander folgen die Spiegel. Dort und auf dem Murellenberg steht dann jeweils eine ganze Gruppe von ihnen. Hier reflektieren sie nicht nur den Wald und den Betrachter, sondern sich auch gegenseitig in immer wieder neuen Perspektiven.

Zum Verlaufen ungeeignet

Die militärischen Anlagen im NSG wurden im Rahmen von großzügigen Ausgleichsmaßnahmen zwar zurückgebaut und das Gelände ist heute durch eine Vielzahl von Wegen erschlossen, für Besucher ist es dennoch nicht ganz einfach, den richtigen oder kürzesten Zugang zu finden.

Lageplan: NSG und Berliner Olympiagelände. (Karte: Thomas Römer/OpenStreetMap data, CC BY-SA 3.0)

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Gebiet am besten über den S-Bahnhof Pichelsberg (S3, S9) zu erreichen. Über den Ausgang Richtung Glockenturmstraße erreicht man nach wenigen Minuten den Abzweig zwischen Eishalle und dem Zaun der Waldbühne und stößt direkt auf den Denkzeichenweg. Wer diesem über eine Treppe folgt, gelangt direkt in die Murellenschlucht. Eine andere Möglichkeit ist, vor dem Treppenweg links abzubiegen, man erreicht dann in weitem Rechts-Bogen den Schanzenwald. So oder so, zum Verlaufen ist das Gelände nicht groß genug. Die vorhandene Ausschilderung im NSG reicht vollkommen.

Auch ein Abstecher auf den Glockenturm am Olympiastadion ist empfehlenswert. Denn von dort oben kann man nicht nur das gesamte Areal der Murellenschlucht und des Schanzenwaldes überblicken, man hat auch – bei schönem Wetter – einen wunderbaren Fernblick über Berlin.

Frank Behrendt, Eric Mannigel, Jörg Parsiegla


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