Anarchie statt Krieg

Aus DER RABE RALF Juni/Juli 2022, Seite 21

Warum der ukrainische Philosoph Mychajlo Drahomanow jetzt gelesen werden sollte

Mychajlo Drahomanow (1841-1895). 
(unbekannter Fotograf/​Wikimedia Commons)

Während der russische Angriffskrieg in der Ukraine täglich Menschenleben fordert, beklagt ein großer Teil der Linken in Deutschland vor allem die Zerstörung des eigenen Weltbildes. Dass Putin sich nur noch halbherzig die Mühe macht, seinem Imperialismus einen restroten Anstrich zu geben, und keinerlei Rücksicht auf friedensbewegte Befindlichkeiten nimmt, will man dem Diktator nicht verzeihen. Einige sich zur Blindheit überredende Altkader und Schreibtischstrategen wollen sogar an die Mär vom antifaschistischen Befreiungsschlag gegen das ukrainische Nazi-Regime glauben und beten ihr „Aber die Nato“-Mantra herunter.

Dem geistig regen Teil der Linken bietet der Krieg immerhin die Möglichkeit zu einem Perspektivwechsel: Plötzlich tritt die Ukraine aus dem Schatten Russlands hervor. Dem ehemals verblendeten Auge zeigt sich ein kulturell und politisch faszinierendes Land, das durch die Spuren einer reichen Geschichte von Freiheitskämpfen gezeichnet ist. Spuren, die auch zu dem hierzulande völlig unbekannten Mychajlo Drahomanow führen. Dieser hat bereits vor 150 Jahren vor einem imperialen Russland gewarnt.

Aus dem Kosakengeschlecht

Mychajlo Petrowytsch Drahomanow wurde 1841 in der zentralukrainischen Stadt Hadjatsch geboren. Seine Vorfahren gehörten zu den sagenumwobenen Kosaken, jenen berittenen Kriegern, die man im Westen vor allem als Chorsänger und fröhliche Tänzer kennt. Ursprünglich waren sie ein bunter Haufen ehemaliger Leibeigener, die im 17. Jahrhundert, inmitten von Großreichen, einen beinahe basisdemokratischen Verband, das „Hetmanat“, gründeten. Ihr Grenzland verteidigten sie erfolgreich gegen asiatische Reiternomaden, denen sie kulturell nicht unähnlich waren. Erst im Laufe der Jahrzehnte verfielen auch die Kosaken dem Fluch der Macht und bekamen eine eigene Aristokratie. Ihr Hetman Bohdan Chmelnyzkyj führte sie schließlich 1654 in die russische Untertänigkeit.

Um ihr Erbe wird bis heute gestritten. Derzeit kämpfen einige Kosakenverbände auf Putins Seite. Gleichzeitig heißt es in der letzten Strophe der ukrainischen Nationalhymne: „Seele und Leib werden wir für unsere Freiheit opfern, / und wir werden zeigen, Brüder, dass wir zum Kosakengeschlecht gehören.“ Zu diesem Geschlecht gehörte Mychajlo Drahomanow. Einem dumpfen Nationalismus verfiel er allerdings nie.

Professor im Widerstand

Der in behüteten Verhältnissen aufgewachsene Drahomanow studierte Alte Geschichte und wurde 1870 Dozent an der Universität in Kiew. Er hätte ein sorgenfreies Akademikerleben führen können, wenn er sich nicht als aktives Mitglied der Geheimgesellschaft „Hromada“ („Gemeinde“) für ukrainische Belange eingesetzt hätte. Da er sich in verschiedenen Artikeln kritisch zur Politik des russischen Zarenreiches äußerte, erregte er schnell die Aufmerksamkeit der Zentralmacht. 1875 musste er die Universität verlassen.

Drahomanow fand in Genf Zuflucht. Hier ließ er von 1878 bis 1882 die erste moderne politische Zeitung auf Ukrainisch erscheinen, die ebenfalls den Namen „Hromada“ trug. Gleichzeitig stellte er mit einigen Freunden Überlegungen zu einem spezifisch ukrainischen Sozialismus an, der sich eher an Proudhon und Bakunin als an Marx orientierte. Es bestand Kontakt zu russischen, polnischen, serbischen, rumänischen, bulgarischen und jüdischen Aktivisten. Wenig später zerstritt sich die Gruppe.  

Drahomanow folgte einem Ruf der Universität Sofia und verstarb bereits 1895 in Bulgarien. Sein Gesamtwerk umfasst Schriften zur Politik, Ethnologie, Geschichte und Literatur. Zu seinen berühmtesten Schülern gehörte Iwan Franko, nach Taras Schewtschenko der zweite ukrainische Nationaldichter. Die Lyrikerin Lessja Ukrajinka war seine Nichte.

Alle Menschen werden Brüder

Die Geschichte der Ukraine weist zahlreiche Besonderheiten auf, die sich in Drahomanows Sozialismuskonzept widerspiegeln. Das Land war die meiste Zeit von Großreichen besetzt und die Bevölkerung immer multiethnisch geprägt. Die eigentlichen Träger der ukrainischen Kultur waren Bauern. Eine bürgerliche Elite und eine organisierte Arbeiterschaft gab es erst vergleichsweise spät. Nicht zuletzt deshalb propagierte Drahomanow einen freiheitlichen Agrarsozialismus, wie ihn im 20. Jahrhundert auch der Russe Alexander Tschajanow vertrat (Rabe Ralf Dezember 2021, S. 15). Auch um den ethnischen Verschiedenheiten seines Vielvölkerlandes gerecht zu werden, dachte der ukrainische Denker an das Ideal eines föderal aufgebauten Bündnissystems. Er zögerte dabei nicht, das Angstwort „Anarchie“ zu gebrauchen, das freilich nicht Regellosigkeit, sondern Herrschaftsfreiheit bedeutet: „Das Ziel der Menschheit weist weit über die heutigen Staaten hinaus. Es liegt in einer Welt, in der sowohl größere als auch kleinere soziale Körperschaften aus freien Menschen bestehen, die sich freiwillig zur gemeinsamen Arbeit und gegenseitigen Hilfe zusammenschließen. Dieses Ziel heißt Anarchie.“

Als Gegner des zaristischen Despotismus orientierte sich Drahomanow zwar am westlichen Europa, verlor dabei aber nie die kulturelle Eigenständigkeit seiner Heimat aus dem Blick. Gleichzeitig warnte er vor nationalistischen Verfehlungen. Nicht nur das Machtgebaren des „großen Bruders“ im Osten, auch die Entwicklung Deutschlands zur preußisch dominierten Zentralmacht bereitete ihm Sorgen. Geradezu prophetisch klingen hier seine Worte: „Das Beispiel Deutschland zeigt, dass die Schaffung einer nationalen Homogenität in einem Staat keine Freiheiten garantiert. Für sich allein genommen kann der nationale Gedanke zur Verletzung der Menschenrechte und zu großer Ungerechtigkeit führen.“

Drahomanow wusste, dass auch sein Land nicht vor der nationalistischen Versuchung gefeit war. Er wusste, dass nationalistischer Taumel oft in Gewaltexzessen endet, die sich gegen reale und eingebildete Feinde im Äußeren und Inneren richten. Der konkrete Mensch ist zwar immer in ein bestimmtes kulturelles Beziehungssystem eingebettet, bleibt als Gattungswesen aber allen seinen Brüdern und Schwestern verbunden. „Kurz gesagt“, so Drahomanow, „ich lehne nicht Nationalitäten ab, sondern Nationalismus. Insbesondere den Nationalismus, der sich dem Kosmopolitismus widersetzt. Ich habe stets wiederholt: Weltoffenheit in den Ideen und Zielen, Nationalität im Fundament und in der Form. Seit dreißig Jahren erhebe ich meine Stimme gegen beide: russischen Pseudokosmopolitismus, der die ukrainische Nationalität leugnet, und ukrainischen Nationalismus, der durch die Ablehnung von Kosmopolitismus den einzig sicheren Indikator für Fortschritt und nationale Wiedergeburt begräbt und dem Chauvinismus und der Reaktion Tür und Tor öffnet.“ Diese Gedanken dürften heute genauso aktuell sein wie Drahomanows Überlegungen zum Tyrannenmord. Aus denen wollen wir hier aber lieber nicht zitieren.

Drahomanow lesen

Leider sind derzeit keine Texte Drahomanows auf Deutsch zugänglich. Wer einen Gesamtüberblick zur freiheitlichen Geschichte der Ukraine sucht, greife zu Roman Danyluks hervorragendem Überblicksband „Freiheit und Gerechtigkeit. Die Geschichte der Ukraine aus libertärer Sicht“ (Edition AV, 11 Euro). Drahomanow taucht hier allerdings nur als Randfigur auf. Anders verhält es sich mit der bereits 1952 erschienenen englischsprachigen Publikation „Mykhaylo Drahomanov. A Symposium and Selected Writings“. Dieses Buch kann kostenlos im Internet gelesen oder heruntergeladen werden und enthält Texte von und über Drahomanow. Wer eine im ukrainischen Befreiungskrieg aktive Bewegung unterstützen will, die im Geiste des Philosophen handelt, sei auf die Seite von „Operation Solidarity“ verwiesen.

Johann Thun 

Weitere Informationen:
www.theanarchistlibrary.org (Suche: Drahomanov – A Symposium …)
www.operation-solidarity.org

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