„Ein Lastenrad selber bauen“

Aus DER RABE RALF Februar/März 2018, Seite 12

Wenn die Jugend auf Fahrräder umsattelt, kann einiges passieren, sagt Talu Tüntas

Die „Taschengeldfirma“ in Neukölln hat als Jugendprojekt ein E-Cargobike gebaut. Vereinsvorstand Talu Tüntas spricht im Interview über den Bau des Lastenfahrrads und die Vision von mehr Fahrrädern in der Stadt.

Der Rabe Ralf: Was ist eine Taschengeldfirma?

Talu Tüntas: Wir sind der gemeinnützige Verein Taschengeldfirma e.V. und haben uns 2010 gegründet. Derzeit sind wir 30 Mitglieder, insgesamt sind wir ein Netzwerk aus etwa 60 Leuten. Wir machen vor allem Jugendbildungsarbeit in Projekten, um die Berufsbildung anzukurbeln. Wir wollen die Jugendlichen von der Straße holen und motivieren, sich weiterzubilden, weiterzuqualifizieren. Und letztendlich gute Jobs zu erlernen oder ein Studium zu machen. Dabei konzentrieren wir uns auf den Bereich erneuerbare Energien und postfossile Mobilität, also Fahrradmobilität. Das machen wir sehr handwerklich.

Wie kamt ihr auf die Idee, ein E-Cargobike zu bauen?

Wir haben seit fünf Jahren eine Projektfahrradwerkstatt auf dem Tempelhofer Feld, die inzwischen auch schon ziemlich bekannt ist. Das ist die einzige Fahrradwerkstatt, die sich mit eigenem Strom unabhängig gemacht hat. Wir haben ein Windrad gebaut und seit letztem Jahr sind wir energieautark. Wir schrauben alte Fahrräder auseinander, montieren neue. Fahrräder zerschneiden, zersägen, wieder zusammenschweißen: Da lag es nahe, auch ein Lastenfahrrad komplett selber bauen.

Lastenräder selber bauen: Talu Tüntas (vorn) mit seinen Jugendlichen. Foto: Leonhard Lenz

Woher kam der Bauplan?

Die technische Mitarbeiterin in dem Projekt hat die Jugendlichen ins Thema Konstruktionszeichnungen eingeführt. Niederschwellig, also Zeichnungen und Skizzen ohne Maßstab, ohne Anspruch auf Genauigkeit. Dann haben sie überlegt: Wie können wir das in einen realistischen Entwurf übersetzen? Dann hat die Kollegin in zwei Workshops zusammen mit den Jugendlichen den Entwurf gemacht. Die Bauweise haben aber nicht wir erfunden, sondern das Berliner Lastenrad-Netzwerk.

Und wie wurde das Rad gebaut?

Wir haben zunächst geübt, mit den Werkzeugen zu arbeiten. Wir haben alte Fahrräder zersägt, um Metall als Material kennenzulernen. Schließlich haben wir einen alten Mountainbike-Rahmen auseinandergesägt. Wir haben neue Rohre zurechtgeschnitten und -gebogen. Dann haben wir alles zum Schweißen vorbereitet. Die Vorbereitung ist die größte Arbeit, das Montieren und alles andere geht dann verhältnismäßig schnell.

Was waren die größten Schwierigkeiten?

Wir haben vorn ein 20-Zoll-Rad und hinten ein 26-Zoll-Rad. Die Konstruktion so hinzukriegen, dass die Ladefläche gerade ist, war nicht einfach. Da muss man bei der Rahmenspreizung bestimmte Winkel ganz genau einhalten. Dafür gibt es ein spezielles Werkzeug, das hatten wir aber nicht. Deswegen mussten wir ganz viel rumprobieren und uns auch Hilfe beim Lastenrad-Netzwerk holen. Das sind Profis, die das alles schon oft gemacht haben.

Wie viel kann das Rad transportieren und wie lange hält der Akku?

Das Fahrrad kann 100 Kilogramm zusätzlich zum Gewicht des Fahrers oder der Fahrerin transportieren. Dafür können wir bürgen. Wir werden auch mehr ausprobieren, um festzustellen, was dann passiert. Bei durchschnittlicher Nutzung hält der Akku drei Stunden, weil er leider nicht beim Fahren geladen werden kann.

Was war das größte Ding, das ihr transportiert habt?

Ein Polstersessel aus den 1980ern, der hier auf der Straße entsorgt wurde. Wir tun auch was dafür, dass der Kiez schön bleibt oder schön wird, damit man sich hier wohlfühlen kann. Wir haben als Eigeninitiative und als Belastungstest den Sessel zur BSR gefahren. Das ging problemlos. Der Sessel war zwar nicht besonders schwer, aber sehr sperrig.

Was passiert jetzt mit dem Rad?

Das Fahrrad gehört jetzt der Einrichtung und soll ausdrücklich von allen Nachbarinnen und Nachbarn genutzt werden. Wir nehmen auch kein festes Entgelt dafür. Als gemeinnütziger Verein freuen wir uns natürlich über Spenden. Aber wenn Leute sich auch die Spende nicht leisten können, soll es daran nicht scheitern. Das Rad lässt sich dann auch komplett unentgeltlich nutzen. Man kann uns eine Mail schicken oder anrufen und fragen, ob es gerade zu Verfügung steht.

Wollt ihr noch mehr Lastenräder bauen?

Auf jeden Fall. Das soll sogar einen noch größeren Stellenwert einnehmen als bisher. Aber wahrscheinlich ohne Motor. Motor und Akku kosten zusammen über tausend Euro, das konnten wir nur aus der Förderung von „Jugend stärken im Quartier“ bezahlen.

Gerade sind wir dabei, ein Foodbike zu bauen, das ist ein kleiner fahrbarer Marktstand, auf dem Speisen oder Getränke angeboten werden. Das soll wie eine Schülerfirma funktionieren. Schüler und Schülerinnen können mit dem Foodbike erste Erfahrungen im Einzelhandel sammeln, indem sie auf Märkten oder anderen Veranstaltungen regelmäßig vegane oder vegetarische Speisen oder Tee aus aller Welt anbieten.

Wir wollen zeigen, wie facettenreich man sich mit Fahrrädern beschäftigen kann. Man kann normale Räder bauen oder reparieren – oder eben Lastenräder. Man kann Räder für bestimmte Zwecke bauen, wie Foodbikes oder Markträder. Jetzt planen wir ein Schwerlastenrad, mit dem sich bis zu 400 Kilo transportieren lassen. Es gibt so viel, was wir mit unseren Jugendlichen ausprobieren können.

Wir zeigen, dass man in dem Bereich auch arbeiten kann, wenn man sich entsprechend qualifiziert. Das ist ein erklärtes Ziel von uns: viele Jugendliche in dem Bereich unterzubringen. Auch um für die Entlastung der Innenstadt zu sorgen.

Wenn die Jugend zum großen Teil auf Fahrräder umsattelt, sie auch für Transporte nutzt, sind weniger Autos unterwegs. Dann gibt es auch mehr Freiflächen. Was macht man dann mit diesen Freiflächen? Über solche Fragen denken wir hier mit den Jugendlichen nach. Was ist eigentlich, wenn in 20 oder 30 Jahren jedes dritte Privatfahrzeug nicht mehr da ist, weil die Leute darauf verzichten? Braucht man dann noch diese breiten Straßen? Sollte man dann noch eine Reihe Wohnhäuser reinsetzen oder was kann man mit den Freiräumen machen? Das sind Zukunftsvisionen, die wir auch schon versuchen zu beantworten oder zumindest zu thematisieren.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Mehr Respekt im Straßenverkehr für alle Verkehrsteilnehmerinnen und Teilnehmer. Gerade hier in Neukölln erlebt man oft, dass Leute in Luxusautos so tun, als hätten sie die Straße für sich gepachtet und niemand anders hätte ein Recht, dort unterwegs zu sein. Ich wünsche mir, dass die Ignoranz ein wenig abnimmt. Dass die, die in geschützten Fahrzeugen sitzen, auch dafür sorgen, dass Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer geschützt werden. Ich wünsche mir, dass mehr Rücksicht genommen wird.

Vielen Dank!

Interview: Leonhard Lenz

Die Fahrradwerkstatt auf dem Tempelhofer Feld öffnet ab April wieder jeden Sonntag als Selbsthilfewerkstatt. Freitags gibt es das Jugendbildungsangebot.
Weitere Informationen:
www.taschengeldfirma.net

Lastenrad-Probefahrt

Das erstaunlich wendige Rad rollt sehr gut, sodass wenige, vom Motor unterstützte Tritte in die Pedale reichen, um eine ordentliche Geschwindigkeit zu erreichen. Die verstellbaren Modi helfen, um an Kreuzungen nicht durch zu viel Motorunterstützung Probleme zu bekommen. Man kann sogar mit 6 km/h fahren, ohne zu treten, was wegen der extrem leichtgängigen Lenkung etwas wackelig ist. Das Rad soll noch verbessert werden, sodass der Tacho die Geschwindigkeit zuverlässig statt wie bei der Testfahrt überhaupt nicht anzeigt.


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