Ein Sturm zieht auf

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2019, Seite 12

Der gewaltfreie Kampf der „Extinction Rebellion“ – jetzt auch mit Handbuch

Extinction Rebellion: Buchvorstellung und Straßenblockade in einem. (Foto: Wibke Kordtomeikel)

„Wann, wenn nicht wir“, das ist das Motto der „Extinction Rebellion“, zu Deutsch etwa Rebellion gegen das Aussterben. Die zivile Widerstandsbewegung, die sich 2018 als Graswurzelbewegung aus Vorläufern in Großbritannien etablierte, ist heute mit etwa 330 Ortsgruppen in über 50 Ländern auf allen Kontinenten vertreten. Mit dem Motto als Titel hat Extinction Rebellion jetzt sein Handbuch auf Deutsch herausgegeben, eine Übersetzung des Originals „This is not a drill“ (Das ist keine Übung).

Das Handbuch gliedert sich in drei Teile. Im ersten, „Die Wahrheit sagen“, wird der Klimawandel anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen noch einmal transparent gemacht. Der zweite Teil, „Jetzt handeln“, beschäftigt sich mit dem Modell und der Methodik des zivilen Widerstands. Der letzte Teil „How to“ soll den Leserinnen und Lesern eine praktische Anleitung geben, wie Aktionen zu organisieren sind, und damit einen greifbaren Zugang zu Extinction Rebellion eröffnen.

Lieber aufstehen als aussterben

Rebellisch treten die Aktiven der Bewegung auch hierzulande auf. Bei einer Versammlung von Extinction Rebellion in Berlin-Friedrichshain durchbricht die sanfte, aber kraftvolle Stimme der Rebellin und Mitautorin Sina Kaufmann die Stille. Sie liest aus dem Handbuch und erlangt so die ungeteilte Aufmerksamkeit der Zuhörer. Das Gelesene handelt von einer Rebellin, die bei einer Ankett-Aktion in London von der Polizei festgenommen wird. Doch in dem Erfahrungsbericht ist nicht von distanzierten Beamten mit kaltem Blick die Rede, sondern von Menschen, die zwar die Befehle ausführen, aber unausgesprochen auf der Seite der Rebellen stehen. „Gott schütze Sie. Und viel Glück“, sagt ein Polizist, als die Rebellen die Polizeistation wieder verlassen dürfen. Mit diesen Worten endet auch die Lesung. Das Ziel ist deutlich geworden: Durch Gewaltfreiheit, das Übernehmen von Verantwortung und das bewusste Rebellieren gegen die Regierung soll die lang ersehnte und dringliche Wende in der Klimapolitik einen Anfang finden.

Als die Rebellion gegen das Aussterben im vergangenen Jahr in einer englischen Kleinstadt mit fünfzehn Leuten ihren Anfang nahm, hat wohl niemand gedacht, dass damit eine Welle ausgelöst werden könnte, die bald ganz Großbritannien erfassen würde. Nach der offiziellen Erklärung der Rebellion am 31. Oktober 2018 schlossen sich immer mehr Menschen der Bewegung an, um der unzureichenden Klimapolitik der Regierung mit zivilem Widerstand entgegenzutreten. Im April dieses Jahres besetzten Tausende Rebellen vier wichtige Verkehrsknotenpunkte der Londoner Innenstadt – gleich für zwei Wochen. Und nicht nur Großbritannien wurde von der Widerstandswelle erfasst. In den Niederlanden und in Österreich, in den USA und in Chile – überall engagierten sich Anhänger bei Straßensperren oder Brückenblockaden und nahmen in Kauf, sich für die Rettung der eigenen und aller anderen Arten festnehmen zu lassen.

Zelten im Berliner Regierungsviertel

Auch in Deutschland kommt der Ungehorsam an. In Berlin und vielen anderen Städten gab es zahlreiche größere und kleinere Aktionen – zum Beispiel als „Die-in“, bei dem eine Gruppe von Menschen plötzlich wie tot umfällt. Durch kreatives, aktives Handeln soll der Alltag der Menschen unterbrochen und der Fokus auf das zusammenbrechende Klima gelegt werden. Ein regelrechter Sturm soll aufziehen, der die Botschaft der Rebellen durch die Stadt trägt.

Vom 5. bis 13. Oktober findet ein Extinction-Rebellion-Camp im Berliner Regierungsviertel statt. Es werden 50.000 Menschen erwartet, die dort in Zelten unterkommen und sich an verschiedensten Aktionen beteiligen wollen. Dazu gibt es Podiumsdiskussionen, Yoga und Tipps zum Engagement.

Doch was fordert Extinction Rebellion? Angesichts des kollabierenden Ökosystems Erde wollen die Anhänger der Bewegung endlich eine wirksame Klima- und Umweltpolitik sehen. Bei früheren Bewegungen, die auf der Straße für eine bessere Zukunft gekämpft haben, blieben durchgreifende Erfolge aus. Doch genau dort will die Rebellion für einen Umschwung sorgen – friedlich und unter Einsatz des eigenen Körpers. Dabei fällt auf, dass die Polizei nicht als Gegner betrachtet wird. Jeder wird als Betroffener der globalen Bedrohung angesehen. Die Bewegung möchte der Politik bewusst, verantwortungsvoll und vor allem gewaltfrei gegenübertreten.

Bürgerversammlungen als Ausweg

Die wichtigsten Ziele sind Klimaneutralität bis 2025 und der Stopp des Artensterbens. Wie das erreicht werden kann, sollen Bürgerversammlungen aushandeln. Die Wirksamkeit solcher Versammlungen ausgeloster Bürger (siehe Seite 3) wurde in Ländern wie Irland, Frankreich und Großbritannien schon eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die Bürgerversammlungen sollen aber Parlamente und Politiker nicht ersetzen, vielmehr soll gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden, damit Bürger und Politik am Ende gemeinsam Lösungen finden.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob die Bewegung damit den Regierungen die Fähigkeit abspricht, die Umweltkrise zu bewältigen. Wie Timo Pfaff von der Extinction-Rebellion-Gruppe Weimar erläutert, sind selbst Parteien wie Grüne oder Linke an die Strukturen und Abhängigkeiten des Politikbetriebs gebunden, die nur begrenzte Veränderungen zulassen. Keine der Parteien, die in den letzten dreißig Jahren regiert haben, konnte aus der Sicht der Rebellen die notwendigen Korrekturen einleiten. Daraus schließen sie, dass der Fehler im System liegen muss und jetzt nur noch Bürgerversammlungen etwas bewirken können. Extinction Rebellion sieht sich hier als Arm, der dabei hilft, auf demokratischem Wege das sichtbar zu machen, was viele wollen.

Die Schwester von „Fridays for Future“?

Die von Greta Thunberg angeführten Fridays-for-Future-Demonstrationen sind in den letzten Monaten für immer mehr Menschen ein Begriff geworden. Die Schulstreiks haben auch in der Politik für Bewegung gesorgt. Anders als die meisten Aktionen von Extinction Rebellion sind die Schülerproteste angemeldet. Trotz der unterschiedlichen Strategien betont Sina Kaufmann, dass die Verknüpfung zu anderen Bewegungen wichtig ist. Ihr zufolge ist Extinction Rebellion Teil einer großen Gesamtbewegung, die viel klüger und stärker ist als die Rebellion allein. Die Stoßrichtung dieser Bewegung, die durch große Konsequenz und Friedlichkeit angetrieben wird, ist überall dieselbe. Statt Abgrenzung und Ausschluss steht das Miteinander im Vordergrund.

Das Handbuch liest sich flüssig und ist gut verständlich. Besonders die eindrückliche und liebevolle Gestaltung des letzten Teils macht deutlich, wie sehr den „Rebellen“ der Schutz unseres Planeten am Herzen liegt.

Rebecca Lange

Sina Kaufmann, Annemarie Botzki , Michael Timmermann (Hrsg.):
Wann, wenn nicht wir
Ein Extinction-Rebellion-Handbuch
Übersetzung: Ulrike Bischoff
S. Fischer, Berlin 2019
256 Seiten, 12 Euro
ISBN 978-3-10-397003-6

 


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