Freitags für die Zukunft

Aus DER RABE RALF Februar/März 2019, S. 6

10.000 Schüler und Studenten bei der bisher größten Klimastreik-Aktion

Die streikenden Schüler fordern echten Klimaschutz – jetzt jeden Freitag. (Foto: Svea Busse)

Es ist der letzte Freitag im Januar. Im Invalidenpark vor dem Bundeswirtschaftsministerium haben sich Tausende junge Leute aus Berlin und ganz Deutschland versammelt, während die Kohlekommission bei ihrer Abschlusssitzung zusammensitzt. Plötzlich kommt Unruhe in die Menge. „Der Vizekanzler kommt!“ ruft jemand im Überschwang.

Tatsächlich erscheint aber – begleitet von einer Polizei-Eskorte – nicht Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz von der SPD, sondern CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Altmaier will offenbar etwas sagen – doch die Demonstranten lassen ihn nicht zu Wort kommen. „Der soll zurück in sein Ministerium und arbeiten“, ruft einer. „Wir sind hier, weil Sie ihre Arbeit nicht richtig machen“, ruft ein anderer. „Abschalten, abschalten“, skandieren die Jugendlichen.

„Unsere Zukunft steht auf dem Spiel“

Zuvor hatte eine Delegation der Klimastreik-Bewegung „Fridays for Future“ mit Altmaier sprechen können und ihm ihre Kernforderungen vorgetragen. Im Anschluss daran überreichten die fünf Schüler und Studierenden der Kohlekommission einen offenen Brief, den mehr als 50 Ortsgruppen der neuen Bewegung unterzeichnet hatten.

Den Brief hatten die Schüler und Studierenden am Tag zuvor veröffentlicht. Eine Folge war die Einladung, beim letzten Treffen der Kommission ihr Anliegen vorzutragen. „Es ist ein Problem, dass die Stimme der jungen Generation in der Kohlekommission nicht vertreten ist“, beschwert sich die Studentin Carla Reemtsma aus Münster.

„Wir hatten das Gefühl, dass uns der Minister ernst nimmt“, erzählt der 18-jährige Jakob Blasel aus Kiel nach dem Gespräch mit Altmaier und der Kohlekommission. „Was er und auch die Kohlekommission aber nicht ernst genug nehmen, sind der Klimawandel und unsere Zukunft.“ „Klimapolitik ist Zukunftspolitik, und was auf dem Spiel steht, ist unsere Zukunft“, fügt Clara Reemtsma hinzu.

Per Whatsapp hatten sich die Schüler auf ihre Kernforderungen geeinigt. Um ihre Zukunft zu sichern, verlangen sie die sofortige Abschaltung der fünf ältesten Kohlekraftwerke sowie 14 weiterer Blöcke bis zum Jahr 2020. Bis 2030 soll nach Vorstellung der jungen Leute der Kohleausstieg vollständig abgeschlossen sein. Für Umschulung und Weiterbildung der Beschäftigten soll das Geld direkt an die Menschen und Regionen gezahlt werden und nicht an die Kohlekonzerne.

Ganze Schulklassen sind gekommen

Die neue Jugendbewegung ist geprägt von den Protesten um den Hambacher Forst im Rheinischen Braunkohlerevier im vergangenen Jahr. Viele Schüler tragen auf der Demo die grüne „Hambi bleibt“-Flagge über den Schultern. Auch die Rettung des Waldes taucht in den fünf Kernforderungen auf.

Während der Auftaktkundgebung um die Mittagszeit vor dem Ministerium kommen ständig neue Busladungen voller junger Leute an, aus jeder ankommenden Straßenbahn strömen Menschen. Aus ganz Deutschland hatten sich die Schüler Busse und gemeinsame Zugfahren organisiert. Kleinere Kinder werden von Erwachsenen zur Demonstration begleitet, andere sind gleich in Klassenstärke erschienen. Die Veranstalter schätzen die Teilnehmerzahl auf 10.000.

„Wir haben normalerweise am Freitagnachmittag Unterricht und soziales Lernen. Wir machen jetzt hier einfach ‚soziales Lernen‘ und nächste Woche dafür dann etwas mehr Englisch“, erklärt eine Berliner Lehrerin, die mit ihrer ganzen Klasse gekommen ist. Von der Schulleitung sei der „Ausflug“ gestattet worden. Im Unterricht hätten sich die Schüler mit dem Thema Kohle auseinandergesetzt und als Vorbereitung auf die Demo in ihrer Freizeit Plakate gemalt.

„Die Fabriken stoßen zu viel CO₂ aus und erwärmen damit die Umwelt“, erklärt die zehnjährige Kaya aus der Klasse. „Wir wollen nicht, dass es dann keinen Winter mehr gibt und die Eiskappen schmelzen“, ergänzt ihre Freundin Vanessa. Eine Lösung für die Umweltprobleme haben die beiden auch parat: Man könne Energie auch anders erzeugen, zum Beispiel mit Windrädern.

Svea Busse

Weitere Informationen:  www.fridaysforfuture.de (Mitmachen – Regionalgruppen – Berlin)


„Der Wandel kommt, ob es euch gefällt oder nicht“

Diese Rede der Schülerin Greta Thunberg beim letzten Klimagipfel in Katowice inspirierte Kinder und Jugendliche in aller Welt, freitags für den Klimaschutz zu streiken, statt in die Schule zu gehen.

„Mein Name ist Greta Thunberg. Ich bin 15 Jahre alt und komme aus Schweden. Ich spreche für die Organisation ‚Climate Justice Now‘.

Viele Leute sagen, dass Schweden nur ein kleines Land ist und es keine Rolle spielt, was wir tun. Aber ich habe gelernt, dass man nie zu klein ist, um etwas zu bewegen. Und wenn ein paar Kinder weltweit Schlagzeilen machen können, nur indem sie nicht zur Schule gehen, dann kann man sich vorstellen, was wir alle zusammen erreichen könnten, wenn wir nur wollten.

Aber dafür müssen wir Klartext reden, egal wie unbequem das auch ist. Ihr sprecht nur deshalb von ewigem grünem Wirtschaftswachstum, weil ihr Angst habt, unbeliebt zu sein. Ihr redet immer nur davon, mit denselben schlechten Ideen weiterzumachen, die uns in dieses Chaos gebracht haben. Dabei wäre das einzig Vernünftige, die Notbremse zu ziehen. Aber ihr seid nicht erwachsen genug, um das auszusprechen. Auch noch diese Last bürdet ihr uns Kindern auf.

Mir ist es egal, ob ich beliebt bin. Mir geht es um Klimagerechtigkeit und einen lebenswerten Planeten. Unsere Zivilisation wird dafür geopfert, dass eine sehr kleine Gruppe von Menschen weiter enorme Mengen von Geld anhäufen kann. Unsere Biosphäre wird geopfert, damit reiche Menschen in Ländern wie meinem in Luxus leben können. Es sind die Leiden der vielen, die für den Luxus der wenigen bezahlen.

Im Jahr 2078 werde ich meinen 75. Geburtstag feiern. Falls ich Kinder haben sollte, werden sie vielleicht diesen Tag mit mir verbringen. Vielleicht werden sie mich nach euch fragen. Vielleicht werden sie fragen, warum ihr nichts getan habt, als noch Zeit zum Handeln war. Ihr sagt, ihr liebt eure Kinder über alles, und doch stehlt ihr ihnen die Zukunft vor ihren Augen.

Solange ihr euch nicht auf das konzentriert, was notwendig ist, sondern nur auf das, was politisch möglich ist, gibt es keine Hoffnung. Wir können eine Krise nicht lösen, ohne sie als Krise zu behandeln. Wir müssen die fossilen Brennstoffe im Boden lassen und wir müssen den Blick auf Gerechtigkeit lenken. Und wenn es unmöglich ist, Lösungen innerhalb des bestehenden Systems zu finden, dann sollten wir das System selbst verändern.

Wir sind nicht gekommen, um die führenden Politiker der Welt anzubetteln, dass sie sich kümmern sollen. Ihr habt uns in der Vergangenheit ignoriert und ihr werdet uns wieder ignorieren. Euch gehen die Ausreden aus, und uns läuft die Zeit davon. Wir sind hergekommen, um euch zu sagen, dass der Wandel kommen wird, ob es euch gefällt oder nicht. Die wirkliche Macht gehört den Menschen. Vielen Dank.“

Die Rede gibt es hier als Video.


Copyright © 2009 - 2019 GRÜNE LIGA Berlin e.V. Landesverband Berlin - Netzwerk Ökologischer Bewegungen - Alle Rechte vorbehalten.