Insektensterben: Alles Lüge?

Aus DER RABE RALF Oktober/November 2017, Seite 1/4

Agrochemie-Konzerne säen Zweifel am Insektensterben

Insektenkundler und Naturinteressierte beobachten seit einigen Jahren einen erheblichen Rückgang zahlreicher Insektenarten sowie insektenfressender Wirbeltiere. Nachdem Naturschutzverbände wie der BUND schon lange gewarnt hatten, bestätigt nun auch das Bundesumweltministerium das große Insektensterben in Deutschland. Das Insektensterben ist von großer Tragweite für die Ökosysteme, die Biodiversität und die Landwirtschaft. Es ist auch mitverantwortlich für das Vogelsterben.

Ursachen für Insektensterben, Schmetterlingssterben und das damit verbundene Vogelsterben gibt es viele. Wiesen wurden umgebrochen, und aus bunten Blumenwiesen wurde monotones, artenarmes, gedüngtes Einheitsgrün, das immer häufiger im Jahr gemäht wird. Wo früher eine artenreiche Acker-, Wiesen- und Streuobstlandschaft war, steht heute fast überall giftgeduschter Mais. Viele der in der Landwirtschaft eingesetzten Spritzmittel und Gifte sind ein Grund für den massiven Rückgang der Artenvielfalt auf Ackerböden und in deren Umgebung. Die saubere Windschutzscheibe, von der Autofahrer seit einiger Zeit berichten, ist kein wissenschaftlicher Beweis, wohl aber ein wichtiges zusätzliches Indiz für das Insektensterben.

Als wichtige Ursache für das große Sterben vermuten Experten den Einsatz von systemischen Insektiziden, sogenannten Neonicotinoiden. Im Einzelnen geht es um die Stoffe Clothianidin, Imidacloprid, Thiamethoxam, Thiacloprid und Acetamiprid. Diese Stoffe beeinflussen das Nervensystem der Insekten und nehmen somit Einfluss auf ihren Orientierungssinn und ihr Verhalten.

Mit Neonicotinoiden, Glyphosat und anderen Giften machen Konzerne wie Bayer, Monsanto und Syngenta satte Gewinne. Diese Gewinne sind nun durch die Debatte um das Insektensterben massiv gefährdet. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis die PR-Abteilungen der Agrochemie-Multis zur Gegenoffensive blasen würden.


Bienenvolk kurz nach dem Schwärmen: Bald nur noch selten zu sehen? (Foto: Emmanuel Hammel)

Mit „Krisenkommunikation“ gegen Fakten

Wer aber denkt, Bayer, Monsanto und Syngenta würden im eigenen Namen Pressearbeit machen, der verkennt die neuen Methoden der sogenannten Krisenkommunikation. „Die Kernfrage ist nicht, wie Protest zu vermeiden ist, sondern wie wir Protest managen können“, sagt dazu Dr. Sebastian Schwark von der PR-Agentur Hill & Knowlton.

Die professionelle, industriegelenkte Leugnung von Umweltgefahren hat eine lange, erfolgreiche Tradition, nicht nur in Deutschland. Erinnert sei an die jahrzehntelang heruntergespielten Gefahren von Asbest, Zigaretten und Holzschutzmitteln. Auch Atomkraftwerke, Dieselabgase und der menschengemachte Klimawandel zählen zu dieser Kategorie. Das jetzt langsam beginnende „Protestmanagement“ zum Thema Insektensterben erinnert an den Beginn der Kampagne der Klimawandel-Leugner und auch an deren Strategien.

Der dreimal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnete ehemalige FDP-Kandidat für die Europawahl Hasso Mansfeld machte im vergangenen Sommer den Aufschlag für die Gegenkampagne mit einem Artikel im Medienfachportal „Meedia“. Schon im Titel hat der Medienprofi Mansfeld gezielt eine Verschwörungstheorie platziert: „Angeblicher Insektenschwund: Wie die Medien in die grün-rote Wahlkampffalle tappten“.

Das erinnert tatsächlich an die Methoden des „Leugner-Handwerks“:

  • Rufe Zweifel am Zusammenhang von Ursache und Wirkung und an entsprechenden Studien hervor.
  • Stelle die Motive und die Integrität von Wissenschaftlern und Kritikern infrage.
  • Mansfeld zweifelt die Übertragbarkeit einer wichtigen Studie zum Insektensterben aus Nordrhein-Westfalen auf den Rest der Bundesrepublik an und schreibt vom „angeblichen Insektenschwund“. Dass der massive bundesweite Rückgang der Insekten von immer mehr unabhängigen Insektenforschern bestätigt wird, verschweigt er.

    Die von Hasso Mansfeld verbreiteten Mythen und Fake-News eroberten während des Bundestagswahlkampfs 2017 schnell das Internet. Sein Text findet sich auf vielen neoliberalen Seiten, bei CDU- und FDP-Funktionären und besonders auf vielen Internetseiten der AfD. Auch der baden-württembergische Agrochemie-Lobbyist und CDU-Landwirtschaftsminister Peter Hauk verbreitete den Text über die sozialen Medien.

    Beeindruckend ist auch zu sehen, wie die gut organisierten Insektensterben-Leugner es geschafft haben, die Mansfeld‘schen Thesen in den Wikipedia-Beitrag zum Insektensterben einzuschleusen. Wikipedia-Manipulation gehört heute zu den klassischen Aufgaben von PR-Firmen.

    Bauernverband als Erfüllungsgehilfe

    In Krisensituationen schicken die Agrochemie-Multis gern den Bauernverband nach vorn – was häufig dazu führt, dass die Landwirte dann anstelle der Industrie den Ärger bekommen. Der Deutsche Bauernverband sieht in einer Erklärung vom 17. Juli das „Insektensterben in einer Wolke der Unwissenheit“ und argumentiert: „Der Lebensraum von Insekten und anderen Tieren geht überall dort verloren, wo Felder, Wiesen, Weiden und Wälder unter Asphalt und Beton verschwinden, derzeit immer noch 66 Hektar täglich.“
    Der Bauernverband verwendet hier ähnliche Strategien wie die frühen Tabaklobbyisten oder Klimawandelskeptiker. Es geht darum, Zweifel an den Grundaussagen zu erzeugen („Insektensterben in einer Wolke der Unwissenheit“). Vom Problem der industrialisierten Landwirtschaft und der Neonicotinoide wird die Debatte auf Nebenschauplätze wie den Flächenverbrauch gelenkt.

    Der Flächenverbrauch ist tatsächlich ein großes Umwelt- und Naturschutzproblem. An den Ursachen des Insektensterbens hat er aber nur einen kleinen Anteil. Die vom Bauernverband gelobten Blühstreifen und artenreichen Feldränder sind schön und nutzen tatsächlich der Pflanzenwelt. Sie sind allerdings wegen der Gifte auf den direkt daneben liegenden Äckern sehr insektenarm. Schmetterlingsexperten sagen, dass die Fernwirkung der Agrargifte selbst in Naturschutzgebiete hineinwirkt und dort Insekten gefährdet.

    Offene Debatte nötig

    Krisenkommunikation und „Greenwashing“ der Konzerne stehen beim Insektensterben noch ganz am Anfang. Nach den schrecklich gut gemachten Leugnungskampagnen der Gefahren von Asbest, Zigaretten, Atomkraftwerken und des Klimawandels müssen wir mit intensiver PR-Arbeit rechnen. Beim Bienensterben ist es der Industrie mit viel PR-Aufwand und Geld gelungen, einen wichtigen Randaspekt des Problems, die Varroamilbe, zum Hauptproblem zu erklären.

    Die Agrochemie-Lobby wird versuchen, selbst Studien zum Insektensterben zu finanzieren und mit ihr genehmen Ergebnissen Kritiker anzugreifen. Und wie bei Tabak und Co. werden sich auch Wissenschaftler, Spezialisten und „Bürgerinitiativen“ finden, die im Sinne der Industrie argumentieren. Nicht nur bei Asbest und Tabak haben solche Strategien jahrelang die nötigen Verbote verhindert, sodass die „Krisenkommunikatoren“ und ihre PR-Agenturen heute für tausende von Opfern mitverantwortlich sind. Es ist erschreckend, dass dies weder für die Medien noch für die Umweltbewegung bisher ein Thema war.

    Gerade die Umweltbewegung hat zum großen Themenbereich des Insektensterbens noch viele offene Fragen. Wir brauchen aber eine wissenschaftlich-kontroverse Debatte, die nicht von ökonomischen Interessen und Verzögerungstaktik geleitet wird. Wohin ökonomisch gelenkte Debatten und eine von wirtschaftlichen Interessen dominierte Politik führen, sehen wir gerade beim Dieselskandal.

    Axel Mayer


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