Ist nicht zu fliegen wirklich Verzicht?

Aus DER RABE RALF August/September 2019, S. 4

Das im Leben Wesentliche findet man auch in Fahrrad- oder Eisenbahnentfernung – andernfalls hilft auch kein Flugzeug

Am Flughafen Tegel. (Foto: Kevin Hackert/Flickr, CC BY-NC 2.0)

Auf Antrag der „Klimapilger“ – der Rabe Ralf berichtete im vergangenen Oktober über ihre Aktionen – hat der evangelische Kirchentag im Juni eine Resolution angenommen, in der er unter anderem die Landeskirchen und Gemeinden auffordert, „klar zu benennen, dass Klimaschutz und Nachhaltigkeit nicht nur politische und technische Herausforderungen sind, sondern Fragen, die sich jeder auch persönlich stellen muss – ohne Verzicht unsererseits wird es nicht gehen“.

Mit dem Halbsatz zum „Verzicht“ haben die Klimapilger völlig recht und völlig unrecht zugleich.

Recht haben sie, weil viel zu wenige offen sagen, dass die Heilsversprechen von Politik und Technik nicht reichen. Parteien wollen keine Wähler verprellen, Verbände keine Spender. Deshalb muss auch bei Kampagnen immer ein Feindbild (Konzern, Regierung) her, bei dem sich die Adressaten selbst als die Guten fühlen können, egal wie ihr eigener CO₂-Fußabdruck aussieht. Dass die Kirche – selbst im Kampf gegen Mitgliederschwund – hier ausschert, ist ihr hoch anzurechnen.

Sich für alle Menschen zu opfern ist im christlichen Glauben natürlich positiv besetzt. Aber hat es wirklich Sinn, ressourcensparendes persönliches Verhalten als „Verzicht“ zu bezeichnen? Bekanntlich ist jede Entscheidung ein „Massenmord“ an Möglichkeiten. Man kann es auch massenhaften Verzicht nennen.

Wer ins Urlaubsflugzeug steigt, verzichtet auf das Straßenfest nebenan. Wer das Schnitzel bestellt, verzichtet auf die Pizza. Wer sich Pornofilme reinzieht, verzichtet auf gute Bücher – und natürlich auch umgekehrt. Interessanterweise führt mehr Wohlstand zu mehr Entscheidungsmöglichkeiten und damit zu mehr Verzicht auf alles, was man mit dem jeweiligen Tag ansonsten hätte anfangen können. Vermutlich ist das einer der wichtigsten Gründe dafür, dass die Reichsten nicht die Glücklichsten sind.

Solange der Tag für alle Menschen 24 Stunden hat, ist auch die Entscheidung für weniger Konsum immer eine Entscheidung für etwas anderes. Nur dies als „Verzicht“ zu bezeichnen könnte gut und gerne auch aus der PR-Abteilung eines Handelskonzerns stammen.

Wenige fliegen viel, viele fliegen wenig, die meisten gar nicht – weltweit gesehen. (Foto: Jim Ross/​NASA/​Wikimedia Commons)

Fliegen wie zappen

Reden wir mal übers Fliegen, denn seit diesem Jahr sind Europas zehn größte CO₂-Emittenten nicht mehr nur Kohlekraftwerke. Jetzt ist die erste Airline darunter.

Im Jahr 1990 war ich 15 Jahre alt, als die große Reisefreiheit über das kleine DDR-Völkchen hereinbrach. Aber ich entschied mich, nicht zu fliegen. Das hatte – die Jüngeren werden es kaum glauben – schon damals mit der CO₂-Bilanz zu tun.

Ich habe nichts gegen Flugzeuge, wenn sie Päpste und Außenminister befördern oder Buschbrände löschen. Fast alles andere aber, was damit gemacht wird, halte ich für Unfug. Anders als heute gab es damals für meine Entscheidung kein Publikum und keinen Applaus – eigentlich wusste nur meine Familie davon.

Dahinter aber steckte eben mehr als Klimaschutz, nämlich auch die Überzeugung, dass man vor sich selbst nicht wegfliegen kann und man das im Leben Wesentliche entweder in Fahrrad- oder Eisenbahnentfernung findet – oder halt zu dämlich dazu ist, und dann hilft auch kein Flugzeug. Dass man Offenheit für andere Kulturen nicht am anderen Ende der Welt zelebrieren muss, weil auch Europa voller verschiedener Anschauungen, Sprachen und Gebräuche ist. Und dass man, wenn man sich für weite Reisen entscheidet, sich wirklich darauf einlassen und viel Zeit nehmen muss.

Tatsächlich kommen mir Pauschal- und Partytouristen so vor, als würden sie innerlich weiter vor dem Bildschirm sitzen und sich nur versehentlich mit einem echten Flugzeug durch die Welt zappen. Im Alter von 15 oder 16 Jahren radikale Thesen aufzustellen ist ja erstmal nichts Besonderes. Aber ich stelle 29 Jahre später fest, dass ich tatsächlich nichts vermisst habe, was irgendwie mit Flugreisen zu tun hat.

War das jetzt Verzicht? Nicht für nötig zu halten, was alle anderen glauben tun zu müssen, hatte wohl auch spirituelle Züge. Ein Kirchentag hätte nachhaltiges Verhalten auch als Befreiung von Zwängen wie Gruppendruck und Werbeterror diskutieren können. Ich war in Dortmund nicht dabei, aber ich hoffe, der Kirchentag tat es an anderer Stelle.

Trete ich bei uns draußen auf dem Land vor die Tür, ist der Himmel voller Kondensstreifen: Fast im Minutentakt gibt es Flugzeuge von und nach Berlin oder in andere Richtungen. Ich mache mir dann Sorgen, ob ich wegen „denen da oben“ bald die Schafhaltung aufgeben muss, weil zu wenig Regen für Heu und Weide fällt.

Also hört bitte auf mit dem Quatsch! Aber verzichtet nicht widerwillig darauf, sondern holt nach, was ihr alles dadurch verpasst habt.

René Schuster

Der Autor ist Vorsitzender der Grünen Liga und engagiert sich in der Umweltgruppe Cottbus. Seit 1999 vertritt er die Grüne Liga im Braunkohlenausschuss des Landes Brandenburg.


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